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Weltethos

für interkulturelle und interreligiöse
​Forschung, Bildung und Begegnung

„Eine Weltepoche, die anders als jede frühere geprägt ist durch Weltpolitik, Welttechnologie, Weltwirtschaft und ​Weltzivilisation, bedarf eines Weltethos.“  - Hans Küng, 1993

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Corona, Recht und Ethik – Teil 2

13.11.2020
Recht ohne Ethik bzw. Ethik über dem Recht?

Die bisher dargestellte Parallelität zwischen Recht und Ethik gibt es aber nicht immer. Das Beispiel aus der Corona-Krise dafür ist das Hamstern

Rechtlich ist die Beurteilung eher einfach. Es gilt die Vertragsfreiheit: Wenn und soweit ein Verkäufer ohne Einschränkungen hundert Packungen Toilettenpapier zum Verkauf stellt, darf ich dieses Angebot rechtlich annehmen, habe damit einen Kaufvertrag und ein Recht auf Aushändigung der gekauften Ware. Bei moralischer Betrachtung zeige ich mich mit diesem rechtlich zulässigen Vorgehen indessen als rücksichtsloser Egoist beziehungsweise als rücksichtslose Egoistin.  Ich verstoße gegen das grundlegendste (welt)ethische Prinzip, die Goldene Regel. 

An dem Beispiel zeigen sich auch einige Eigenheiten der moralischen Regeln:

(1) Wir sind nicht selten versucht, sie zu brechen, vor allem, wenn Angst im Spiel ist; die meisten Menschen beachten sie am Ende aber doch. 

(2) Immer bieten sie einen Maßstab zur Beurteilung von Verhalten und geben damit Orientierung, wenn auch ohne äußeren Zwang. 

Weil uns allen oder den allermeisten Menschen das Prinzip der Gegenseitigkeit bewusst und in unserem Gewissen moralisch abgebildet ist, konnte Hamstern moralisch geächtet werden. Nicht Jede/r hat grenzenlos gehamstert und wenn, dann eher verschämt. Und umgekehrt: Solidarität und Rücksichtnahme wurden wieder als moralische Kategorien diskutiert und vielfach auch gelebt.

 

Zwischenstaatlichkeit und Vertrauen

Hamstern kann als Vorsorge für das Eigene oder aber als Ausdruck eines überzogenen, unvernünftigen Egoismus gesehen werden. Das gab und gibt es leider nicht nur im zwischenmenschlichen, sondern auch im zwischenstaatlichen Bereich. So hat Deutschland etwa zeitweise den Export medizinischer Schutzausrüstung blockiert, die polnische Regierung soll den Export von Desinfektionsmitteln trotz langjähriger Lieferverträge gestoppt haben und die USA haben wohl Medizinprodukte zu sich umgelenkt. 

Der Wettlauf des Egoismus zwischen den Staaten war schlimm, aber auch er war nicht grenzenlos. Und die meisten Unternehmen haben schnell begriffen, dass es zwar rechtlich zulässig wäre, global benötigte Ware nur an den Meistbietenden oder Mächtigsten zu liefern; sie haben aber eingesehen, dass sie sich mit moralisch anstößigem Verhalten gerade in der Krise in einer Weise schaden würden, die ein kurzfristiger finanzieller Vorteil nicht auszugleichen vermag. Langjährige Kundenbeziehungen wurden als Wert erkannt und haben meist gehalten.

Pacta sunt servanda. Dieses römisch-rechtliche Prinzip ist ein juristischer Ausdruck des zentralen Werts der Gegenseitigkeitsregel. Und damit verbindet sich ein Wort, ohne das nicht nur die Wirtschaft, sondern Zusammenleben überhaupt nicht gut funktionieren kann: Vertrauen.

Wir vertrauen täglich, ja unentwegt. Wir vertrauen auf Institutionen, auf Verfahren und auf Menschen. Ohne Vertrauen auf die Einhaltung der Verkehrsregeln wäre Autofahren der helle Wahnsinn. Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser, weit besser. Nur ein krankes, menschenfeindliches System kann das umgekehrt bewerten – und es wird scheitern.

Yuval Noah Harari, der große Denker und Autor von Weltbestsellern wie Eine kurze Geschichte der Menschheit oder Homo Deus, hat schon 15. März 2020 im Time Magazin einen Aufsatz zur Corona-Krise veröffentlicht, in dem er auf das Problem des Vertrauensverlustes eingeht: 

“Today humanity faces an acute crisis not only due to the coronavirus, but also due to the lack of trust between humans. To defeat an epidemic, people need to trust scientific experts, citizens need to trust public authorities, and countries need to trust each other.”

An einer weiteren Stelle spricht er das Problem der internationalen Führung an. Er geht davon aus, dass wir ohne Vertrauen und internationale Solidarität nicht in der Lage sein werden, die Coronavirus-Epidemie zu stoppen und in Zukunft wahrscheinlich noch mehr solcher Epidemien erleben werden. In der Krise sieht Harari aber auch eine Chance:

“Without trust and global solidarity we will not be able to stop the coronavirus epidemic, and we are likely to see more such epidemics in future. But every crisis is also an opportunity. Hopefully the current epidemic will help humankind realize the acute danger posed by global disunity… To take one prominent example, the epidemic could be a golden opportunity for the E.U. to regain the popular support it has lost in recent years. “

Wir Bürger*innen haben die Pflicht, mit der Krise ethisch verantwortungsbewusst umzugehen. Wir sollten aus ihr lernen, welche Vorräte man für künftige Krisen anlegt – und damit meine ich keine Vorräte an Hygieneartikeln und Nudeln. Am Wichtigsten bleibt die Ressource Vertrauen; sie gedeiht nur auf werthaltigem Boden.
Corona-ethik-stilz

25 Jahre Einsatz für Dialog der Kulturen und Wertebewusstsein

30.10.2020

Corona, Recht und Ethik – Teil 1

28.10.2020
Unser Präsident Eberhard Stilz spricht über die Notwendigkeit einer fachlich fundierten Einschätzung der Lage und über juristische und ethische Abwägungen in der aktuellen Krise

Die Coronapandemie war und ist neben vielem anderen auch eine Herausforderung für den Gesetzgeber. Unzählige Vorschriften mussten und müssen erlassen oder verändert werden, unter großem Zeitdruck und auf nicht immer klarer tatsächlicher Grundlage. Oft lagen der Rechtssetzung schwierige ethische Fragen zugrunde. Doch das ist nichts Neues: Ethische Fragen haben meist auch eine rechtliche Komponente und Rechtsfragen fast immer eine ethische Dimension. Bei dem Thema Corona liegt das auf der Hand. Das zeigen beispielsweise die Ausführungen von Wolfgang Schäuble zum Grundrecht auf Leben im Gegensatz zum absoluten Wert der Menschenwürde. Er hat damit ein Thema angesprochen, um das es in der Ethik wie in der Jurisprudenz in aller Regel geht, nämlich um Abwägung.

Schäuble hat Recht: Nach unserer Verfassung gibt es außer der Menschenwürde kein schrankenlos und abwägungsresistent gesetztes Rechtsgut. Ähnlich ist es in der Ethik; kein Wert kann per se absolut gesetzt werden, wir bewegen uns ständig in ethischen Dilemmata und müssen zwischen unterschiedlichen Werten oder zwischen denselben Werten unterschiedlicher Subjekte abwägen.

Abwägen hat nichts mit Lavieren zu tun und ist alles andere als eine einfache Übung. Es setzt nicht nur voraus, dass die konfligierenden Rechtsgüter oder Werte genau bestimmt werden. Oft wird vielmehr nicht hinreichend beachtet, dass zuerst die reale Lage möglichst objektiv zu erfassen und die konkreten Risiken zu bestimmen und abzuwägen sind. Das ist der Kern dessen, was man heute Risikoethik nennt.

So hat die Corona Epidemie erneut die sog. Triage-Diskussion befeuert. Es handelt sich hierbei um ein praktisches Problem in Notaufnahmen von Krankenhäusern: Wem muss zuerst geholfen werden, wenn die Kapazität nicht für alle ausreicht? Angesichts der Bilder aus Italien haben sich in der Krise Philosoph*innen, Mediziner*innen und Politiker*innen damit befasst, was zu tun sei, wenn nicht genügend Beatmungsplätze für alle erkrankten Menschen zur Verfügung stünden.

Der Deutsche Ethikrat unterscheidet zwei Arten der Triage:

· Ex-ante-Konkurrenz: Wenn die Zahl der freien Beatmungsplätze kleiner ist als die Zahl der Patienten, die ihrer akut bedürfen.

· Ex-post-Konkurrenz: Wenn alle verfügbaren Beatmungsplätze belegt sind, aber weitere akut beatmungspflichtige Patienten anstehen.

Auch im ersten Fall kommen einige Patienten nicht in den Vorteil eines Beatmungsplatzes. Es stellt sich hier jedoch nicht, wie bei der Ex-post-Konkurrenz, die Frage, ob durch den Abbruch einer Behandlung ein Patient beziehungsweise eine Patientin zugunsten eines/einer anderen, wartenden Patienten/Patientin aktiv „getötet“ werden darf – denn das wäre unzulässig.

Interessant und wohl praxisnäher ist die Lösung für den Fall der ex-ante-Konkurrenz. Hier muss die Auswahl derer, die in den Genuss der sofortigen Behandlung kommen, entweder nach der Reihenfolge ihrer Einlieferung oder nach rein medizinischen Kriterien erfolgen. Vor allem geht es hier um die Betrachtung, bei wem die Behandlung die größten Wirkchancen hat. Unzulässig wäre es, nach einem angenommenen „Wert“ des jeweiligen Lebens zu entscheiden.

Boris Palmer vertrat im Frühstücksfernsehen am 28. April 2020 eine gegenteilige Meinung:

"Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Das sei, so kann man Palmer verstehen, nicht vertretbar, weil die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns das Leben armer Kinder in aller Welt bedrohen würden. Hoffentlich musste man ihn nicht so verstehen, dass er den Lockdown beenden wollte, um arme Kinder zu retten, auch wenn dadurch ein paar Alte früher sterben würden.

Das wäre Polemik ohne ethisches Gewicht, die Gegenüberstellung hinkt auf beiden Seiten. Der Corona-Virus bedroht nicht nur ältere Menschen kurz vor dem Exitus. Vor allem aber würden so ganz unterschiedliche Gefahrenlagen einander gegenübergestellt: einerseits die konkrete Gesundheitsgefahr durch einen aktuellen Virus, andererseits Spekulationen über wirtschaftlichen Niedergang und dessen theoretische gesundheitliche Langzeitfolgen.

Ganz abgesehen davon ging und geht es bei den Schutzmaßnahmen gerade auch darum, die Krise beherrschbar zu halten und baldmöglichst wieder zu normalen Verhältnissen zurückkehren zu können, und dies auch aus handfesten wirtschaftlichen Gründen.

Nein, man muss es sich bei jeder juristischen und ethischen Abwägung schon ein wenig schwerer machen. Zuerst geht es um die richtige Erfassung der realen Lage, wofür Jurist*innen wie Politiker*innen in aller Regel Fachleute brauchen. Das hat nichts mit Delegation von Verantwortung zu tun, sondern es gehört gerade zur Wahrnehmung von Verantwortung, sich zuerst eine fachlich fundierte Einschätzung der Realität zu verschaffen.

Das ist beim Umgang mit einer Pandemie offensichtlich notwendig, denn es geht nicht um eine schlichte Handlungsalternative, sondern um einen komplexen, mehrstufigen Entscheidungsvorgang:

  1. In der ersten Stufe musste und muss unter größtem Zeitdruck und mit umfassender öffentlicher Begleitmusik ein völlig neuartiges Gesundheitsrisiko virologisch und epidemiologisch bewertet werden.
  2. Zu den Fragen, die auf einer zweiten Ebene zu klären sind, gehört: Was kann unser Gesundheitssystem verkraften? Was wird unsere Gesellschaft hinnehmen? Welche wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen sind zu erwarten?
  3. Im dritten Schritt ist zu entscheiden, welche Risiken wir einzugehen bereit sind, für uns und für andere.

In jedem Fall geht es um Risiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeit, damit im Grunde um einen Blick in die Zukunft auf noch dürftiger empirischer Grundlage. Zusätzlich kompliziert wird es, weil die meisten Fragen schon in sich unterschiedliche Aspekte tragen, die zu beurteilen und abzuwägen sind. So gehören etwa zum Lebens- und Gesundheitsschutz

der Schutz vor den gesundheitlichen Virusfolgen, 

der Schutz vor den gesundheitlichen Folgen der Virusschutzmaßnahmen,

der Schutz des wirtschaftlichen Überlebens,

und der Schutz des sozialen Zusammenlebens.

Wir haben gesehen, dass Gesundheitsschutz nicht per se alles rechtfertigen kann. Will man sich mit einer Pandemie auseinandersetzen, bedarf dies einer mehrstufigen umfassenden Risiko- und Folgenabschätzung und -abwägung.
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Lernhaus Ahorn wird neue Weltethos-Schule

27.10.2020
Digitale Auszeichnung der neuen Weltethos-Schule

Zum ersten Mal in der Geschichte der Weltethos-Schulen wurde das Lernhaus Ahorn ganz Corona-konform digital ausgezeichnet. Die Auszeichnungsfeier wird voraussichtlich im Sommer 2021 nachgeholt. Wir freuen uns sehr das Lernhaus Ahorn in unserem Netzwerk begrüßen zu dürfen!

Der Name Lernhaus Ahorn, den die Schule sich 2009 gegeben hat, ist Programm und wird durch das Motto „Jedes Kind ist anders. Wir auch“ unterstrichen. Es geht in der Schule darum, dass die Vielfalt und die Potenziale aller zur Entfaltung kommen sollen und können durch eine grundlegende Ressourcenorientierung und eine positive Fehlerkultur. 

Ein tragendes Element der Schul- und Lernkultur sind die sehr differenziert ausgearbeiteten Wochenpläne mit Lerninhalten. Hier werden die Kinder und Jugendlichen sehr wertschätzend und ermutigend angesprochen, über alles Wichtige informiert und zum selbstständigen Arbeiten angeleitet. Auch die Selbstreflexion wird dabei eingefordert und die Eltern werden zur Kommunikation eingeladen. Die Bezüge der Lerninhalte zum Weltethos werden im Wochenplan deutlich gemacht.

Wesentlich für die Schulkultur ist auch die „Schulverfassung“, deren Grundsätze unmittelbar mit den Weltethos-Werten übereinstimmen. Alle Eltern und v.a. auch alle Schüler*innen – neben den Lehrkräften natürlich – unterschreiben dieses Dokument jedes Jahr erneut. 

Kennzeichnend ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Schule ein grundständiges und durchgehendes Belohnungssystem hat, d.h., konstruktives und positives Verhalten wird systematisch gefördert und belohnt durch die Vergabe von Sternen. Am Ende eines Schuljahres werden entsprechende Erfolge dann öffentlich geehrt und ins persönliche Portfolio eingetragen.

Beeindruckend ist insgesamt das überdurchschnittlich große Engagement von Schulleitung und Lehr-kräften, was sich unter anderem in einer ausgeprägten Fortbildungsbereitschaft zeigt. Dabei gilt das Motto „Beziehung geht vor Erziehung“ und auf dem Hintergrund eben dieser Haltung sind auch all die vielen konkreten Elemente der Schulkultur ausgearbeitet worden, die nun die Lernkultur tragen.

Die Vielfalt der oben beschriebenen Merkmale von Schulqualität ist sehr beeindruckend und ihre ständige Weiterentwicklung ist systematisch im Blick. Daher hat die Stiftung Weltethos das Lernhaus Ahorn zum 1. Oktober 2020 zur Weltethos-Schule ausgezeichnet.

Weitere Informationen zum Lernhaus Ahorn: https://www.lernhaus-ahorn.de

Weitere Informationen zu den Weltethos-Schulen:
https://www.weltethos.org/weltethos-schulen/

Neue-weltethos-schule

Neuigkeiten von der Stiftung Weltethos

16.10.2020

    Die Welt ist in Unruhe – es ist genau jetzt an der Zeit, ein Zeichen zu setzen gegen Spaltung und für ein Miteinander in Vielfalt.

    Täglich erleben wir, wie Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Spaltung greift weltweit um sich. Aber die drängenden Herausforderungen wie etwa Klimaschutz, Corona-Pandemie oder Diskriminierung lassen sich nur gemeinsam lösen.

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