20 Jahre „Erklärung zum Weltethos“

200 Vertreter aller Weltreligionen unterzeichneten im September 1993 auf dem „Parlament der Weltreligionen“ die Weltethos-Erklärung.

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Zitat von Hans Küng

„Eine Weltepoche, die anders als jede frühere geprägt ist durch Weltpolitik, Welttechnologie, Weltwirtschaft und Weltzivilisation, bedarf eines Weltethos.“ Hans Küng, 1993

Weltethos bei den Vereinten Nationen

Auf höchster politischer Ebene fand die Weltethos-Thematik 2001 Eingang in der Agenda der Vereinten Nationen. Initiator war der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan.

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    Stimmen zum Weltethos

    Bundespräsident Köhler zu Weltethos und Weltpolitik

    Bundespräsident Köhler für ein Weltethos im Rahmen einer kooperativen Weltpolitik 
     
    In seiner Rede beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps am 15. Januar 2009 im Schloss Bellevue gab Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler eine grundsätzliche Antwort auf die gegenwärtige Wirtschaftskrise: eine neue kooperative Weltpolitik. Dabei sprach er sich sehr deutlich für ein gemeinsames Menschheitsethos aus: "Zur systematischen Aufarbeitung der Krise gehören meines Erachtens vier zentrale Bereiche:
      
    Erstens: Es geht darum, einen neuen Ordnungsrahmen für die internationalen Finanzmärkte zu schaffen. Er muss getragen sein von gemeinsamen Werten und dem Willen, keine aufsichtsfreien Räume zuzulassen. Ich halte es für richtig, einem reformierten Internationalen Währungsfonds die Wächterfunktion über die Stabilität des internationalen Finanzsystems anzuvertrauen.
      
    Zweitens: Eine zentrale, tiefer liegende Ursache für das Entstehen der Krise waren die globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichte. Wir brauchen ein politisches Verfahren, das dafür sorgt, dass diese Ungleichgewichte abgebaut werden und in dieser Form nicht wieder entstehen können. 
     
    Drittens: Die Bekämpfung der weltweiten Armut und des Klimawandels müssen als strategische Ziele, und damit als Querschnittsaufgabe, in allen Bereichen internationaler Zusammenarbeit verankert werden. Wir brauchen ein Gesamtkonzept für eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten, also wohlweislich auch für die Entwicklung in den Industrieländern. Ein unschätzbar wichtiges vertrauensbildendes Signal für Zusammenarbeit und gegen Protektionismus wäre der Abschluss der Doha-Runde für ein entwicklungsfreundliches multilaterales Handelssystem noch im 1. Halbjahr 2009. In jedem Fall darf die internationale Finanzkrise nicht zur Ausrede werden, in der Entwicklungszusammenarbeit nachzulassen. Und auch nicht zur Ausrede, die weltweite Umsteuerung auf erneuerbare Energien und Steigerung der Energie- und Rohstoffeffizienz zu verlangsamen.
      
    Viertens: Wir müssen uns als Weltgemeinschaft auf ein gemeinsames Ethos verständigen, also auf einen Grundkonsens ›bestehender verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen‹ (Hans Küng). Ein Grundprinzip dafür ist: Wir dürfen andere nur so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Im Übrigen denke ich, dass die Finanzkrise jenen Wirtschaftsführern Recht gibt, die sich davon leiten lassen, dass ethische Prinzipien und eine Orientierung an dauerhafter wirtschaftlicher Wertebildung mit Wettbewerb und Profitabilität durchaus vereinbar sind.
      
    Die Dimension der Krise verlangt neues Denken. Ich habe dazu ein neues Bretton Woods vorgeschlagen. Es könnte auch in China stattfinden.
     
    Die Chance der Krise ist die Schaffung einer neuen, kooperativen Weltordnung. Das ist der Auftrag, der sich aus der Verflechtung aller Staaten und Völker auf unserem Planeten ergibt. Auch die mächtigsten Nationen müssen erkennen, dass sie ihre Interessen nicht im Alleingang durchsetzen können. Nationale Interessen wie Sicherheit, Wohlstand und Stabilität lassen sich im 21. Jahrhundert nur durch eigene Anstrengungen und durch bessere Zusammenarbeit zwischen den Völkern verwirklichen." 

    Altbundeskanzler Helmut Schmidt über Hans Küng

    Altbundeskanzler Helmut Schmidt schreibt in seiner Bilanz "Außer Dienst" über Hans Küng und das Projekt Weltethos:

    »Unter den zeitgenössischen Denkern, die überzeugt davon sind, dass es tatsächlich einen großen, den Weltreligionen gemeinsamen Bestand an ethischen Grundsätzen und Lehren gibt, ragt Hans Küng hervor, dem ich viele Male begegnet bin. Dieser katholische Priester hat, gemeinsam mit Gleichgesinnten aus anderen Weltreligionen, in zäher ökumenischer Arbeit den allen Religionen gemeinsamen moralischen Grundkanon herausgefiltert und aufgeschrieben. 
     
    Das Ziel, das Küng mit großem persönlichen Einsatz ins öffentliche Bewusstsein zu heben sucht, ist ein allen gemeinsamer Wertekanon, den er ›Weltethos‹ nennt. Es mag sein, dass dieses Wort sehr anspruchsvoll erscheint, aber das ganze Projekt ist zwangsläufig sehr anspruchsvoll. Es verdient jede Unterstützung. Denn wenn die Muslime erfahren, dass der Koran in großer Zahl die gleichen Gebote erhält wie der Tanach und die Prophetien der Juden oder das Neue Testament der Christen; wenn die Christen erfahren, dass die wichtigsten ihrer moralischen Lehren im Buddhismus oder im Hinduismus ähnlich gelehrt werden; wenn die Gläubigen aller Religionen begreifen, dass sie seit Jahrtausenden in ähnlicher Weise eine größere Zahl von grundlegenden Regeln und Verboten befolgen – dann kann dieses Wissen entscheidend zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Es läuft hinaus auf die in allen Weltreligionen gelehrte goldene Regel, die Immanuel Kant in seinem Kategorischen Imperativ lediglich neu formuliert und die der deutsche Volksmund in den Merkvers verdichtet hat: ›Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu‹. 
     
    Küngs ökumenisches Projekt hat mich von Anfang an begeistert. Sein verantwortungsbewusster Ansatz entspringt der gleichen Einsicht, von der seinerzeit Anwar as Sadat ausgegangen war. Weil Küng über die drei monotheistischen Religionen hinausgreift, darf er sehr wohl als ein universaler Denker gelten; zuletzt hat auch Papst Benedikt XVI. ihm seinen persönlichen Respekt erwiesen.«

    Landesbischöfin Käßmann: "Projekt Weltethos umsetzen"

    Projekt Weltethos umsetzen
    Landesbischöfin Margot Käßmann 
     
    Wenn sie sich als Frau der Kirche für den Frieden einsetze, werde ihr oft die Kirchengeschichte entgegen gehalten – von den Kreuzzügen über die Hexenverfolgungen bis zur Inquisition, sagte am Sonntag die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Margot Käßmann, zu Beginn ihrer Weimarer Rede im völlig ausverkauften DNT Weimar. Und sie fuhr fort: "Ich persönlich bin überzeugt, dass die Kirche in die Irre gegangen ist, wann immer sie Gewalt legitimiert hat. Jesus Christus war kein Revolutionär mit der Waffe in der Hand. Er hat Frieden gepredigt, nicht Krieg, Feindesliebe, nicht Hass."

    Käßmann eröffnete den neuen Jahrgang der vom DNT gemeinsam mit der Stadtkulturdirektion veranstalteten, von E.ON Thüringer Energie AG finanzierten und von der TLZ präsentierten Reden-Reihe. Im Jahr des 800. Geburtstages der Elisabeth von Thüringen und des 200. Todestages von Herzogin Anna Amalia wird der Reigen ganz bewusst von Rednerinnen bestritten – unter dem Motto "Starke Frauen".

    Kirchen gegen den Krieg

    Und gleich zum Auftakt war eine in jeder Hinsicht starke und mitreißende Frau zu erleben. Unter dem vom Weimarer Stadtkulturdirektor Felix Leibrock vorgeschlagenen Titel "Religion als Faktor der Konfliktentschärfung" forderte sie von der ökumenischen Bewegung eine klare Stellungnahme gegen Krieg. Christen in allen Kirchen weltweit müssten erklären, dass es keinen Weg zum Frieden durch Krieg gibt, "sondern der Frieden der Weg ist". "Die ökumenische Bewegung muss Armeen verurteilen, die Krieg führen und dabei Folter, Leiden und Vergewaltigung im Gepäck haben."

    Nach Gesprächen mit Menschen muslimischen, jüdischen und hinduistischen Glaubens sei sie überzeugt, dass jede Religion einen Kern in sich trägt, der zum Frieden ruft. "Wer an einen Gott glaubt, der die Welt trägt, kann doch nicht legitimieren, dass andere getötet, dass Schöpfung Gottes damit zerstört wird." Aber es müsse die Frage erörtert werden, ob Religion demokratiefähig sei.
     
    Ein internationaler Strafgerichtshof sei fällig, betonte die Landesbischöfin. Und wir müssten akzeptieren, dass auch Terrorismus nicht durch Krieg bekämpft werden kann. Als konkrete Schritte zur Überwindung von Gewalt nannte sie u. a. den Abbruch der Geldströme, die Rüstung und Terror finanzieren, die Unterbindung des Drogenhandels, aus dessen Gewinnen Waffen gekauft würden, ein international verbindliches Abkommen gegen den Waffenhandel – auch des deutschen Waffen-Exports –, und die politische Lösung von Dauerkonflikten wie in Israel und Palästina.
    Statt wie die USA Hunderte Milliarden Dollar im Militärhaushalt bereit zu stellen, müssten viel mehr Gelder in Friedensarbeit fließen. Sie erinnerte an Publikationen des katholischen Theologen Hans Küng, in denen er das "Projekt Weltethos" vorstellte. Dieser Begriff solle nicht bindend christlich verstanden werden, sondern in einem neuen interreligiösen und interkulturellen Sinn. Gläubige aller Religionen und Nichtgläubige in allen Kulturen sollten hier ihr Gemeinsames finden. Es gehe um ethische Basisstandards, die von allen bejaht werden können. 

    Konflikte entschärfen

    Käßmann forderte dazu auf, das Projekt Weltethos umzusetzen: "Im Dialog miteinander, in der Begegnung zwischen Religionen, kann Vertrauen wachsen. Und im gemeinsamen Willen, zur Entschärfung beizutragen, kann das Projekt Weltethos große Dienste leisten", sagte die Rednerin. Besonders wichtig sei es, dass Religionen sich nicht gegenseitig verteufelten. Und dass wir aufmerksam sind auf Fundamentalisten in den eigenen Reihen und jede Form von Gewalt als Gotteslästerung brandmarken.
     
    Thüringische Landeszeitung, 5. 3. 2007 

    >> Download Rede

    A. Rinn-Maurer: "Warum ein Weltethos in christlicher Sprache?"

    "Zeit zum Aufwachen. Warum wir ein Weltethos in christlicher Sprache brauchen"
     
    Angela Rinn-Maurer
      
    Gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Angela Rinn–Maurer hat der katholische Theologe Hans Küng das von ihm entwickelte Weltethos nun christlich verortet. Die Mainzer Pfarrerin vertritt dabei die Ansicht, dass das Weltethos sehr wohl christlich begründet werden könne, ohne Abstriche machen zu müssen.
       
    Das Christentum ist müde geworden – zumindest in Deutschland. Wie anders ist zu erklären, dass anlässlich der Verhaftung eines vom Islam zum Christentum Konvertierten so wenige Reaktionen festzustellen waren. Zwar gab es einen dringlichen Appell des Papstes, aber friedliche Demonstrationen von Christen, die für die Freilassung ihres Glaubensbruders auf die Straße gegangen wären, habe ich in der Bundesrepublik nicht feststellen können. Wahrscheinlich waren die Synoden und Kirchenleitungen gerade mit Reformdebatten und Evaluationen zu beschäftigt und nach innen verschlissen, als dass sie die Kraft gehabt hätten, sich für einen verfolgten Christen wie Abdul Rachman einzusetzen.  
    Kann es sein, dass die Befürchtung, sich eventuell politically incorrect zu äußern, eine gewisse Lähmung hervorgerufen hat? Überlassen die Christen es deshalb der Politik, für die Menschenrechte ihrer Glaubensgenossen einzutreten? Islamische Gläubige haben diese Zurückhaltung nicht, im umgekehrten Fall dürfte es einen Sturm der Entrüstung gegeben haben – und das mit Recht.
       
    Das Christentum ist müde geworden. Dem entspricht eine wohlfeile intellektuelle Arroganz, mit der Menschen belächelt werden, die sich für die vom Tübinger Theologen Hans Küng initiierte Bewegung des Weltethos einsetzen. Da ist flott von Naivität die Rede, von einer Initiative im Wolkenkuckucksheim, von religiösem Einheitsbrei. Schnell wird auch der Vorwurf laut, dass sich das Christentum ja noch nicht einmal interkonfessionell einigen könne und der Einsatz für ein Weltethos ein fünfter Schritt vor dem ersten sei.
     
    Das sehen prominente Vertreter der Politik offensichtlich anders. In der Waldhäuser Straße in Tübingen fanden sich schon Kofi Annan, Tony Blair und Horst Köhler ein, um mit Hans Küng über das Weltethos zu diskutieren. Auch Papst Benedikt XVI. war das Anliegen des Weltethos wichtig genug, um es in seinem Gespräch mit Hans Küng zu erörtern und die neueste Veröffentlichung dazu – das gemeinsam mit mir verfasste Buch "Weltethos – christlich verstanden" (Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2005) – zu lesen. Erfreulicherweise machten auch die Beiträge der evangelischen Theologin Eindruck auf das Oberhaupt der katholischen Kirche, wie Hans Küng in einem Leserbrief an diese Zeitschrift mitteilte. Die Ansichten derselben evangelischen Pfarrerin zum Thema Frauen–Ordination und Abendmahl würden auf den Papst dagegen wohl kaum Eindruck machen.  
    So schmerzlich ich eine Trennung der Konfessionen gerade in der Frage des Herrenmahls empfinde – strittige theologische Fragen spielen für das Anliegen des Weltethos keine Rolle. Dem Projekt Weltethos geht es gerade nicht darum, eine Einigung der Religionen zu erzielen. Sein Anliegen ist, dass sich die Religionen auf einen Grundbestand von Werten einigen, der in allen großen Religionen zu finden ist.
      
    Mit der Erklärung zum Weltethos, das auf dem Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago ratifiziert wurde und durch die UN–Resolution vom November 2001, die die Weltethos–Thematik auch auf höchster politischer Ebene einführte, sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander der Religionen gelungen, was unabdingbare Voraussetzung für den Frieden auf dieser Welt ist. Über 6000 Vertreter verschiedener Religionen einigten sich unter Federführung von Hans Küng 1993 in Chicago auf zwei Grundregeln (Goldene Regel und Humanitätsregel) und auf vier Weisungen, die diese Regeln entfalten: Sie fordern Ehrfurcht vor dem Leben, Solidarität und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Toleranz und Wahrhaftigkeit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die weltweite Umsetzung dieser Grundregeln und Weisungen steht noch aus. Scheitern jedoch alle, die sich für den Weltfrieden einsetzen, durch gewaltsame, vorgeblich religiös motivierte Terroranschläge? Erweist sich das Weltethos–Projekt dadurch als gut gemeinter, letztlich aber hilfloser Versuch? Auch die Anschläge in New York, Madrid und London haben die Forderungen des Weltethos nicht ad absurdum geführt, sondern im Gegenteil ihre Dringlichkeit unterstrichen.  
    Der Friede ist nicht deshalb abzulehnen, weil es Menschen gibt, die sich ihm entgegenstellen. Aber wie werden Menschen zum Frieden fähig? Der Weg zum Frieden ist der Weg in die Köpfe und Herzen der Menschen, mit Gewalt lässt sich der nicht erzwingen. Deshalb ist der Dialog über das Weltethos, die Profilierung seiner Forderungen so wichtig. Auch, damit Gewalttätern und Terroristen deutliche Grenzen gesetzt werden. Aber Grenzen, die nicht in einer Machtdemonstration, sondern in den Menschen erwachsen. Ein friedliches Zusammenleben der Kulturen erfordert eben mehr als eine gleichgültige Toleranz, das haben zum Beispiel die Niederlande bitter gelernt. 
     
    Zwölf Jahre nach Chicago setzte Hans Küng das Projekt Weltethos fort, indem er – in Zusammenarbeit mit mir – das Weltethos christlich interpretierte. Dabei zeigte sich, dass das Weltethos sehr wohl christlich begründet werden kann, ohne theologische Abstriche machen zu müssen. Es wäre wünschenswert, wenn sich dieses neue Projekt mit Vertretern anderer Religionen fortführen ließe. 
     
    Die Einwände gegen den Sinn dieses neuen Projektes sind ebenfalls wohlfeil: wie könnte ein Buch "Weltethos – muslimisch verstanden" radikale Islamisten überzeugen? Nun: Fanatiker jeder Couleur werden sich nie von Argumenten überzeugen lassen. Jedoch wäre zum Beispiel das Werk "Weltethos – muslimisch verstanden" eine große Hilfe für alle Muslime, die Gewalt verachten und sich dafür einsetzen, dass der Islam und die Menschenrechte miteinander vereinbar sind. Ein solches Buch könnte Argumente bieten, mit denen Muslime ihren Einsatz für die Menschenrechte, ihre Abneigung gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen und menschenverachtende Gewalt mithilfe der Weisungen des Weltethos und aus dem Geist ihrer Religion begründen könnten.  
    Für Christen will dies das Buch "Weltethos – christlich verstanden" leisten. Es bietet Argumentationshilfen und Hinweise auf biblische Texte, mit denen sich die Grundregeln und die Weisungen des Weltethos begründen lassen. Zudem möchten Fragen zu den einzelnen Punkten die persönliche Reflexion anregen. Es ist eine Sprachhilfe für alle Menschen, die wissen wollen, was das Christentum zum Thema zu sagen hat. Zugleich können sie entdecken, dass das Weltethos nichts Schwieriges, sondern im Grunde etwas ganz Einfaches ist, das ihnen hilft, ihr Leben weise zu gestalten. Das Weltethos ist also keine Elite–Moral, die nur eine kleine Gruppe engagierter Intellektueller oder Träumer beschäftigt. Es ist eine Aufgabe, die sich an die Verantwortungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und – ganz besonders – den Medien genauso richtet wie an Vertreter der Kultur, die nicht in einem Elfenbeinturm jenseits der politischen Realität existieren, sondern ebenfalls Verantwortung tragen. Sie betrifft unsere christlichen Kirchen und sie geht auch den Normalbürger und die Normalbürgerin an. Diese sind es ja, die in sich die Sehnsucht nach verbindlichen Grundpfeilern, nach Halt und Orientierung spüren und deren Sehnsucht von den Medien und von der Politik aufgegriffen wird. Das Stichwort "Werte" prägte das Jahr 2005, war zentrales Thema im Bundestagswahlkampf wie für den Stern. Es ist wichtig, dass Menschen kritisch überprüfen, ob ihr Bedürfnis nach Orientierung nur publizistisch oder wahlstrategisch ausgeschlachtet oder tatsächlich konstruktiv aufgegriffen wird.  
    Wie es aussehen kann, die Texte des Weltethos in christlicher Sprache zu buchstabieren, möchte ich exemplarisch am Beispiel der Humanitätsregel ausführen: Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden. Das heißt: Jeder Mensch – ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler und sozialer Herkunft – besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde (Weltethoserklärung II). Wie kann die Würde des Menschen nun christlich begründet werden? Auf diese Frage kann ich nur antworten, wenn ich definiere, was den Menschen zum Menschen macht.  
     
    Auch nach der Französischen Revolution wollten die Verfechter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Schwarzen keine Menschen sehen. Anders hätte die Sklavenhaltung in den Kolonien nicht fortgesetzt werden können – wirtschaftlicher Schaden wäre die Folge gewesen. Erst 1848 kam der französische Sklavenhandel zum vollständigen Erliegen. Und Frauen? In vielen Ländern der Welt sind sie Menschen zweiter Klasse, Eigentum ihrer Väter oder Ehemänner, über das verfügt werden darf. Was macht den Menschen zum Menschen?  
     
    Es ist äußerst problematisch, Kriterien für das Menschsein im Menschen selbst finden zu wollen. Mit solchen Kriterien ist es schlecht um die Menschenwürde bestellt. Denn die Würde des Menschen lässt sich nicht aus dem Menschsein heraus begründen. Menschen sind weder besonders schöne, starke oder auch nur schnelle Lebewesen. Wenn ich die Würde des Menschen aus seiner Vernunft begründe, weil die Vernunft den Mensch vom Tier unterscheidet, dann steht vielen Menschen diese Würde nicht oder nur in eingeschränktem Maße zu.  
     
    Auch aus der Qualität menschlichen Handelns lässt sich die Menschenwürde nicht ableiten. So grausam wie der Mensch zu seinesgleichen sein kann, ist kein Tier zu seinen Artgenossen, nicht einmal zu anderen Tieren. Fressen und Gefressenwerden ist das Gesetz der Natur und sichert das Überleben der Art – doch kein Tier quält und erniedrigt ein anderes. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, dass unser Bewusstsein nur eine kleine Insel im Ozean des Unbewussten ist. Bescheidenheit unserer eigenen Erkenntnisfähigkeit gegenüber ist daher angemessen – wir Menschen sind nicht einmal Herr im eigenen Hause. Es ist auch auf diesem Hintergrund ein Zeichen von Selbstüberschätzung, wenn sich der Mensch zum Maßstab aller Dinge macht.  
    Christen erschließt sich die Würde des Menschen aus seiner Beziehung zu Gott. Gott hat jeden Menschen als Gegenüber gewollt, hat jeden Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen.
     
    Wie ein dunkler Schatten Gott hat den Menschen als ein Wesen erschaffen, das ihm entspricht, zu dem er sprechen kann, das mit ihm redet und ihn hören kann. Das gilt für alle Menschen. Aus dieser Gottesbeziehung, die jedem Menschen gilt – auch dem Sünder, auch dem, der nicht an Gott glaubt –, begründet sich für Christen die Würde des Menschen.  
    Die Abkehr von Gott negiert nicht die Gottebenbildlichkeit, sondern pervertiert sie wie ein dunkler Schatten. Auch dies kann jedoch niemals die Gottebenbildlichkeit und damit die Würde des Menschen zerstören. Deshalb steht die Menschenwürde auch noch dem schlimmsten Verbrecher und dem grausamsten Folterknecht zu. Kein Mensch kann sich im Übrigen rühmen, frei von aller Perversion zu sein. Jeder von uns trägt auch die dunklen Schatten der verdrehten Ebenbildlichkeit in und mit sich. "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Weil diese Würde zwar unantastbar, aber nicht natürlich ist, wird sie per Gesetz geschützt. Die Verfasser des deutschen Grundgesetzes wussten sich dem Glauben an Gott verpflichtet. Ihre Begründung der Menschenwürde ist christlich. 
     
    Jede andere Religion kann ebenfalls aus der Gottesbeziehung die Würde des Menschen erschließen. Wenn dies für Atheisten nicht möglich ist, müssen sie erläutern, wie sie, trotz der genannten Schwierigkeiten aus dem Menschsein an sich, für alle Menschen eine Würde ableiten können. 
    Weil sich für Christen die Würde des Menschen aus ihrer Beziehung zu Gott erschließt, ist diese Würde – und damit auch die menschliche Person an sich – unverfügbar. Menschen sind nie ganz zu ergründen, wunderbar und unergründlich wie Gott selbst. Deshalb kann ein Mensch nie einem anderen gehören, er gehört sich ja nicht einmal selbst.  
     
    Der einzige Mensch, der wirklich Mensch war ohne die Schattenseiten der Gottebenbildlichkeit, der einzige Mensch, der sich Gott als liebevolles Gegenüber zuwenden konnte, war Jesus Christus selbst. Er war der einzig wahre Mensch ohne Perversion. Wie schwer Menschen sich tun, wenn sie mit dem wahren Menschsein konfrontiert werden, zeigt sein Schicksal: Seine würdelose Hinrichtung ist die konsequente Folge seiner unverzerrten Gottebenbildlichkeit.  
     
    Ist das Christentum zu müde geworden, um für diese Würde zu kämpfen? Dann ist es das Zeichen der Zeit, wieder aufzuwachen. Denn, so Hans Küng: "Trotz aller Unmenschlichkeiten auf dieser Welt kann es nicht Auftrag der Christen sein, eine Weltuntergangsstimmung zu verbreiten. Zusammen mit allen Menschen auf diesem Planeten haben Christen eine gemeinsame Verantwortung für seine Zukunft. Eine Verantwortung, die sie im Dialog und in Partnerschaft mit Menschen anderer Religionen und Kulturen ins Bewusstsein aufnehmen und in der überzeugenden Tat wahrnehmen müssen.  
     
    Denn: Es wird kein Überleben der Menschheit geben ohne ein gemeinsam geteiltes Menschheitsethos, ohne ein alle verbindendes und für alle verbindliches Weltethos! Und dieses gemeinsame und geteilte Weltethos ist die große Chance, nicht nur eine schlimmere Welt zu verhindern, sondern wahrhaft eine bessere zu gestalten."  

    Angela Rinn-Maurer. 

    In: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion
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