30. Juli 2026

Austellung Religionen–Werte–Frieden im Neuen Kunstmuseum Tübingen eröffnet

Eine Frau in gelbem Sommergelb mit gründer Handtasche steht vor einer gerahmten Tafel der Ausstellung Religionen-Werte-Frieden. Im Hintergrund sind schemenhaft andere Ausstellungs-Besucher*innen und die Einführung in die Ausstellung als Wandtapete zu erkennen.
Foto: Dennis Duddek

Was hält unsere Gesellschaft in Zeiten zunehmender Polarisierung zusammen? Diese Frage stand im Zentrum der Eröffnung der Wanderausstellung RELIGIONEN-WERTE-FRIEDEN am 26. Juli im Neuen Kunstmuseum Tübingen.
Vor rund 200 Gästen hielt der Benediktinerpater und Ostkirchenexperte Abt Dr. Nikodemus C. Schnabel OSB einen Vortrag zum Thema „Brücken über Abgründe: Religionen als Räume der Hoffnung“. Muhterem Aras (Vizepräsidentin des Landtags von Baden-Württemberg), Barbara Traub (Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs) und Rafael Rohrhuber (Jugendforum der Religionen Baden-Württemberg, Mitglied der Bahá’í-Gemeinde), sprachen darüber, welche Rolle gemeinsame Werte, Dialog und gegenseitiges Verständnis heute spielen. Es moderierte Esther Saoub, Vorstandsmitglied der Stiftung Weltethos.

Weltethos und Steve McCurry – zwei Ausstellungen, die sich gefunden haben

Bernhard Feil, Direktor des Neuen Kunstmuseums Tübingen (NKT), machte es möglich, dass Tübingen als erste Station die Wanderausstellung zeigt, der langjährigen Wirkungsstätte Hans Küngs. Er betonte in seinem Grußwort, Hans Küng könne die Eröffnung zwar nicht mehr miterleben, sein Vermächtnis sei jedoch in der Ausstellung spürbar. Besonders freue ihn, dass die Tafeln der Weltethos-Ausstellung in Relation zu Steve McCurry gesetzt werden: „Seine ICONS-Bilder, die Quintessenz seines großen Lebenswerks, zeigen im Grunde eine visualisierte Version des Weltethos. Einzigartige Fotokunst und grundlegende Werte eines friedlichen Zusammenlebens korrespondieren hier wie von selbst in einem harmonischen Zusammenspiel“, so Feil.

Ein Herr mit blauem Blazer und Brille steht hinter einem Rednerpult auf einer Bühne. Vor ihm sitzen Zuhörer*innen auf Stühlen. Im Hintergrund ist das Roll-Up der Stiftung Weltethos und eine Ausstellungs-Trennwand mit einer Fotografie von Steve McCurry zu sehen.
Foto: Dennis Duddek
Eine junge Frau steht an einem Rednerpult mit Mikrofon, sie blickt konzentriert in das Publikum. Im Hintergrund ist die Trennwand einer Fotografie-Ausstellung mit einer Fotografie im Querformat zu erkennen, auf dem ein Schiff und spielende Menschen abgebildet sind.
Foto: Dennis Duddek

Neuauflage als Gemeinschaftsprojekt

Lena Zoller, Geschäftsführerin der Stiftung Weltethos, blickte in ihrer Einführung auf die Entwicklung der Weltethos-Ausstellung zurück, die die Stiftung bereits seit dem Jahr 2000 an zahlreichen Orten im In- und Ausland gezeigt hat. Die neu überarbeitete Auflage ergänze die Ausstellung um Tafeln zur religiösen und weltanschaulichen Vielfalt in Deutschland sowie zum Projekt Weltethos. Die Wertetafeln rücken das verbindende Potenzial der Religionen in den Mittelpunkt.

„Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt. Die Grundtexte auf den Religionstafeln basieren auf Texten von Hans Küng. Gemeinsam mit Vertreter*innen der jeweiligen Religionsgemeinschaften haben wir sie weiterentwickelt. Das entspricht unserem Grundprinzip: Wir möchten nicht über religiöse Menschen sprechen, sondern sie selbst zu Wort kommen lassen“, betonte Zoller.

Das Anliegen der Ausstellung sei dabei unverändert geblieben: Sie vermittelt Wissen über Religionen und Weltanschauungen, macht ihre Vielfalt und ihre gemeinsamen ethischen Werte sichtbar und lädt zu Dialog und Begegnung ein. Damit greife sie zugleich aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wie Polarisierung, Desinformation, die Klimakrise und religiös begründete Vorurteile auf.

Versöhnungskraft: Religion als schwingende Brücke

Unter dem Titel „Brücken über Abgründe: Religionen als Räume der Hoffnung“ warb Abt Dr. Nikodemus C. Schnabel OSB für einen differenzierten Blick auf Religion. Zu Beginn zeigte sich der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem beeindruckt von den Fotografien Steve McCurrys, die für ihn eindrucksvoll die Würde des Menschen sichtbar machen. Das Neue Kunstmuseum Tübingen bezeichnete er als einen Ort, dessen Architektur eine sakrale Atmosphäre ausstrahle.

Im Zentrum seines Vortrags stand die Überzeugung, dass alle abrahamitischen Religionen den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Man könne Religionen zwar missbrauchen, um Feindbilder zu schaffen, Gesellschaften zu spalten oder nationalistische Ideologien zu legitimieren. „Während heilige Texte mit ihrer unfassbaren Tiefe im lyrischen Modus sind, kommt der ‚Hooliganismus‘ der Religionen mit seinen bekömmlichen Antworten intellektuell recht anspruchslos daher und stellt eine Beleidigung für unser Mensch-Sein dar.“ Hier seien Religionen unglaublich „hilfreich“ in ihrer toxischen Eigenschaft, ein Feindbild aufzubauen. „Die größte Gefahr unserer Zeit ist das ‚Phänomen des National-Religiösen‘. Wenn Religion sich durch Politiker verführen lässt, dann ist nicht mehr der Mensch heilig, sondern ein Staat. Das sind die Bewegungen, die Abgründe reißen. In Kriegen wird der Mitmensch zum Feind, Kriege dehumanisieren,“ erklärte Abt Nikodemus.

Dem stellte Abt Nikodemus das eigentliche Potenzial von Religion entgegen. Glauben sei nur möglich im Modus des Sich-Annäherns, im Suchen, im Ringen. Glaube bedeute nicht, einfache Antworten zu liefern, sondern sich auf die Komplexität des Lebens einzulassen, mit Fragen, Zweifeln und der Bereitschaft, sich immer wieder neu auf den Weg zu machen.

Alle großen Religionen verbinde zudem die Einsicht, dass der Mensch nicht vollkommen ist und auf Barmherzigkeit angewiesen bleibt.

Religionen seien deshalb vor allem Räume der Hoffnung und der Versöhnung. Ihnen wohne eine Sehnsuchtskraft inne, sie seien Sehnsuchts- und Versöhnungsexperten zugleich. Sie könnten Menschen helfen, sich von Hass und ideologischer Vereinnahmung zu lösen und den Blick auf die Verletzlichen zu richten. „Der andere ist nicht egal“, fasste Abt Nikodemus diese Haltung zusammen. 

Zum Abschluss machte Abt Nikodemus deutlich, warum ihn sein Glaube trotz aller Krisen hoffnungsvoll stimmt: „Die Menschen, die mir am meisten Hoffnung geben, sind die tiefreligiösen Menschen. Deswegen bin ich gerne religiös.“

Eine Religion besitzt einerseits ein stabiles Fundament und eine große Stabilität. Sie ist eine Brücke, die nicht völlig starr ist, sie bleibt beweglich und kann schwingen.

Ein Benediktinermönch in schwarzem Habit steht an einem Rednerpult. Im Hintergrund sind Fotografien einer Ausstellung sowie das Roll-up der Stiftung Weltethos zu erkennen.
Foto: Dennis Duddek
Auf der Bühne des Neuen Kunstmuseum Tübingen steht die Moderatorin Esther Saoub an einem Stehtisch. Sie tauscht sich mit drei Gästen der Ausstellungseröffnung Religionen-Werte-Frieden aus. Im Hintergrund sind Fotografien von Steve McCurry und das Roll-up der Stiftung Weltethos zu erkennen. Im Vordergrund sitzen Gäste über mehrere Stuhlreihen verteilt.
Foto: Dennis Duddek

Was uns verbindet - Werte, Dialog und gegenseitiges Verständnis

Wer den Ausstellungstitel mit dem Weltgeschehen vergleicht, egal, ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, kann leicht ins Zweifeln kommen: Bringen Religionen Frieden? Oder eher Konflikte? Die Moderatorin Esther Saoub fragte drei Gäste bei der Eröffnung nach dem Verbindenden der unterschiedlichen Religionen: hier auszugsweise drei Antworten auf drei Fragen.

Frage an Barbara Traub: Auf der Suche nach dem Miteinander der Religionen möchte ich nicht ausblenden, dass das Gegenteil (also Diskriminierung von Religionen, oft ausgedrückt als Islamfeindlichkeit oder Antisemitismus) derzeit in Deutschland zunimmt.

Wie können religiös oder ethisch orientierte Menschen hier dagegenhalten?

Antisemitismus richtet sich nicht nur gegen die Religion des Judentums, sondern gegen den Menschen. Bezogen auf die Aussagen des Abts würde ich sagen: Wir brauchen auch Kollektive – die Gemeinschaft für den gegenseitigen Schutz. Es muss immer ein Zusammenspiel zwischen Kollektiv und Individuum geben. Jede Religion hat die Aufgabe, ihre eigenen Bücher kritisch zu hinterfragen. Insofern ist Bildung sehr wichtig. Die Begegnung ist wichtig. Das ist auch für uns hier in Baden-Württemberg eine Herausforderung. Es gibt immer noch Menschen, die noch nie Kontakt mit einer Jüdin, einem Juden hatten. Antisemitismus ist über tausende Jahre alt, der immer wieder hochkommt. Unsere Gesellschaft hat da eine sehr große Aufgabe.

Die goldene Regel als Verantwortung

Frage an Rafael Rohrhuber: Die Ausstellung findet eine Goldene Regel als gemeinsamen Nenner von 15 porträtierten Religionen. Bei den Bahá’í lautet sie: „Wünschet anderen nichts, was ihr nicht für euch selbst wünschet.“

Wie lässt sich eine solche Regel in Ihrer Arbeit im Jugendforum umsetzen?

Begegnungsorte sind in meiner alltäglichen Arbeit sehr wichtig: Als Jugendforum organisieren wir Veranstaltungen, Feste oder nehmen am Runden Tisch der Religionen Baden-Württemberg oder am Bundeskongress der Religionen teil. Da ist das Jugendforum eine tolle Möglichkeit, sich über Themen wie soziale Medien auszutauschen. Kern der Goldenen Regel ist echtes Zuhören, dass das Gegenüber mich erreicht. Darin steckt für mich auch Verantwortung: der Impuls, aktiv zu werden, sich für den anderen einzusetzen.

Ein junger Mann mit Brille hält ein Mikrofon in der Hand. Er steht hinter einem Stehtisch auf einer Bühne.
Foto: Dennis Duddek
Die Vizepräsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, Muhterem Aras, steht an einem Stehtisch und spricht in ein Mikrofon. Links neben ihr steht die Moderatorin Esther Saoub, rechts Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg.
Foto: Dennis Duddek

Demokratien brauchen Religionen

Frage an Muhterem Aras: Was ich mir aus der Ausstellung gemerkt habe ist folgendes: Ziemlich genau ein Drittel der Menschen in Deutschland bezeichnet sich als atheistisch oder nicht-gläubig. Nur in China ist dieser Bevölkerungsanteil noch höher.
Welche Rolle spielt die Religion (noch?) in unserer Gesellschaft?

Auch wenn die Zahl sehr hoch ist, finde ich ganz nach Hartmut Rosa, dass Demokratien Religionen brauchen. Wenn man wirklich die Werte lebt, dann geht das auf Artikel 1 des Grundgesetzes zurück, auf den Solidargedanken und die Humanität. Das Fundament der schwingenden Brücke ist sehr, sehr wichtig. Es geht letztendlich darum, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen. Politik und Religion, beide sind in der Verantwortung: Wenn wir beide gemeinsam den Begriff der Sehnsuchtskraft noch mehr in die Breite heraustragen, dass der Mensch noch mehr im Fokus steht, dann würden wir mehr Menschen gewinnen.

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Alice Kroll
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