7. Mai 2026
Hermann Häring (1937–2026) – Ein Nachruf von Karl-Josef Kuschel
Am 28. April 2026 starb Prof. Hermann Häring im Alter von 88 Jahren in Tübingen. Der Theologe, Kirchenkritiker und langjährige Weggefährte von Prof. Hans Küng hinterlässt eine Leerstelle, die schwer zu füllen sein wird. Ein Nachruf von Prof. Karl-Josef Kuschel, geschrieben aus 57 Jahren Freundschaft.
THEOLOGE, KRITIKER, KÄMPFER FÜR KIRCHENREFORM
Ich trauere um einen Freund, Kollegen und Weggefährten, mit dem ich 57 Jahre freundschaftlich verbunden war wie mit niemandem sonst außerhalb meiner Familie. Als ich zum Wintersemester 1969/70 nach Tübingen zum Theologie- und Germanistikstudium wechsle und ein erstes Seminar bei Hans Küng besuche, ist Hermann Häring der Wissenschaftliche Assistent an Küngs Seite. Was „der Professor“ an Unnahbarkeit hatte, macht Hermann Häring für uns Studierende durch seine einfühlsame Kommunikationsfähigkeit und Kommunikationsbereitschaft wett. Ich erlebe ihn früh als einen charismatischen Vermittler und Gesprächspartner. Für mich ist er es bis zum Ende geblieben. Eine freundschaftliche Beziehung entsteht, der ich dann auch den Posten einer Wissenschaftlichen Hilfskraft am Küngschen Institut für ökumenische Forschung verdanke. Eine erste Phase der Zusammenarbeit setzt ein, der dann viele andere folgen sollten. Und Hans Küng lässt uns teilhaben an seinen Schlüsselwerken der siebziger Jahre: „Christ sein“ (1974) und „Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit“ (1978). Auch für unsere eigene Theologie bis heute Schlüsselwerke.
Das Charisma des emphatischen Kommunikators verbindet sich bei Hermann Häring freilich immer zugleich mit hoher theologischer Kompetenz. Kenntnisreich in der Sache, scharfsinnig in seinen Argumenten, brillant in seinem Stil ist Hermann Häring immer aktuell informiert. Sein Doktorat hatte er bei Küng 1970 mit einer Arbeit im Bereich der innerkirchlichen Ökumene erworben, entsprechend dem damaligen Küngschen Arbeitsprogramm nach dem 2. Vatikanischen Konzil. „Kirche und Kerygma. Das Kirchenbild der Bultmann-Schule“ (1972) lautet Härings Titel, gemeint sind damals völlig neue Gespräche mit zeitgenössischen deutschen protestantischen Theologen, die geprägt sind durch den evangelischen Neutestamentler Rudolf Bultmann. Es folgt 1978 eine Habilitationsschrift im Fach Dogmatik mit einer Arbeit über „das Böse“ in Auseinandersetzung mit der Theologie des Augustinus. Voraussetzung dafür, dass Häring 1980 auf einen Lehrstuhl berufen werden kann. Als engster Schüler von Hans Küng aber, obendrein kein Priester, sondern verheiratet und Familienvater, kann er seinerzeit nicht damit rechnen, im Fach Dogmatik in eine deutsche katholisch-theologische Fakultät berufen zu werden. Eine ihn kränkende, demütigende Erfahrung als „Laie“ unter lauter „Klerikern“ bis zum Ende. Doch das schärft nur seinen Blick für die Machtverhältnisse im real existierenden deutschen Katholizismus, die er mehr denn je zu durchschauen und zu bekämpfen trachtet. Dann nimmt er den Ruf auf einen Lehrstuhl für Systematische Theologie an die Universität Nijmegen in Holland an, wo er freier atmen und seine eigene Theologie entwickeln kann. Auch das Erlernen der holländischen Sprache gehört dazu, für ihn ein Zuwachs an Internationalität und Weltläufigkeit.
Und an theologischer Schärfe in Auseinandersetzung mit dem Römisch-Katholischen System. Häring wird zu einem der brillantesten Kritiker einer traditionell klerikalen katholischen Theologie unserer Zeit, verkörpert vor allem in der Person von Joseph Ratzinger in dessen zwiespältiger Rolle als Kardinal in München und Rom und dann als Papst. Häring wagt wie niemand sonst eine messerscharfe Analyse. Und sein Buch „Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger“ von 2001 ist genau das geworden, was der Untertitel verspricht: eine „fundierte Analyse und überfällige Kritik einer zu Stein gewordenen Theologie“. Desgleichen seine Streitschrift „Freiheit im Haus des Herrn. Vom Ende der klerikalen Weltkirche“ (2011). Zugleich profiliert Häring sich als Vordenker und theologischer Begleiter der Bewegung „Kirche von unten“. Nicht zuletzt auch dafür erhält er 2009 den Herbert-Haag-Preis für „Freiheit und Menschlichkeit innerhalb der Kirche“. Denn dieser Preis ehrt Menschen wie ihn, die für Freiheit in, nicht von der Kirche eingetreten sind und eintreten.
VERBUNDENHEIT MIT TÜBINGEN UND DEM WELTETHOS-PROJEKT
Mit Tübingen und der Theologie von Hans Küng bleibt er verbunden. Zwar erlebt er, seit 1980 in Holland, die Genese und Entwicklung von Küngs „Projekt Weltethos“ (1990), die Erklärung zum Weltethos des Parlamentes der Weltreligionen in Chicago 1993 und die Gründung der Stiftung Weltethos 1995 nicht persönlich mit. Aber Hermann Häring bleibt der Sache verbunden und unterstützt sie auf seine Weise, zumal er nach seiner Emeritierung 2005 nach Tübingen zurückkehrt und an der Arbeit der Stiftung als wissenschaftlicher Berater jetzt Anteil nehmen kann. Eindrucksvollstes Beispiel ist die bisher einzige fundierte Gesamtdarstellung der Theologie von Hans Küng, die 1998 unter dem Titel „Hans Küng. Grenzen durchbrechen“ erscheint. Im letzten Kapitel beschreibt Häring auch das Projekt Weltethos in aller Differenziertheit: „Weltethos und die Verantwortung für die Menschheit“. Und noch in jüngster Zeit ringt er um die Aktualisierung der Weltethos-Programmatik, als er 2022 in Luzern mit einem Vortrag die Reihe „Hans Küng – Weltethos Lectures“ eröffnet.
Wer ihn als theologischen Denker und Vordenker, als Christenmenschen in seiner Gläubigkeit und Spiritualität, als kritischen Kommentator der Zeit- und Kirchengeschichte, als Kämpfer für eine im Geist Jesu vollzogene Kirchenreform, als leidenschaftlichen Advokaten eines Gottesglaubens im Wissen um alle Religionskritik kennenlernen will, rufe seine Homepage auf. Hier hat er sich unabhängig gemacht von Zwängen durch Verlage und Buchmärkte, hier hat er sich in großer individueller Freiheit in einer Fülle von geschichtlichen und aktuellen Themen seinem Publikum präsentiert: von der „Amtskirche“ und der „Kirchenreform“ über „Ethos und Werte“ bis zu „Gott und die Religionen“. Souverän beherrscht er hier alle literarischen Formen: vom Essay bis zu den inhaltlich anspruchsvollen Abhandlungen, von den Vorträgen bis zu den Predigten, von den Kommentaren bis zu den Glossen. Alles getragen von einer Leidenschaft für das treffende theologische Wort, eine Leidenschaft, die ihn scharfsinnig, aber nie verbittert gemacht hat. Sein unbändiger Humor verschafft ihm Koexistenz mit einer Kirche, unter deren Widersprüchen er leidet, ohne sie wirklich ändern zu können. Seine ungebrochene Fähigkeit zu Lachen war immer auch Ausdruck heiter hingenommener Trauer über die Widersprüche des realen Lebens, die man nicht ändern kann, ohne dass man sich mit ihnen abfinden muss.
Aber am eindrucksvollsten ist er nun einmal in persönlichen Gesprächen gewesen. Wer das Glück hatte, ihm zu begegnen und ihm zuzuhören, von ihm in ein Gespräch verwickelt zu werden, von seinen vielen Erfahrungen mit dem real existierenden Katholizismus erzählt zu bekommen, wird verstehen, wenn ich sage: Ich trauere mit vielen anderen um diesen besonderen Freund, Kollegen und Mitstreiter. Sein analytischer Scharfsinn, seine kritische Stimme und sein Glaube als Christenmensch – sie werden fehlen.
Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel lehrte von 1995 bis 2013 Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Fakultät für Kath. Theologie der Universität Tübingen. Zugleich Kodirektor des Instituts für ökumenische Forschung. Von 1995 bis 2009 war er Vizepräsident der Stiftung Weltethos. Später wurde er Mitglied im Kuratorium der Stiftung.