Die Weltethos-Reden

Seit dem Jahr 2000 organisiert die Stiftung Weltethos gemeinsam mit der Universität Tübingen die Weltethos-Reden in Tübingen. In den Reden nehmen herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus unterschiedlichen Blickwinkeln zur Weltethos-Thematik Stellung.


Die Reden


12. Weltethos-Rede am 17. Februar 2017
Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg
Zusammenhalt in Zeiten des Umbruchs"

I. ZusammenhaltKretschmann

Zwei Schlagzeilen. Von zwei unterschiedlichen Zeitungen.

Die eine: „Angst!“ Dazu das Foto eines schwarzen, furchteinflößenden Lastwagens. Darunter ein niedergewalzter Tannenbaum. Das war die Titelseite der Bild-Zeitung, nach dem Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016.
Es war eine Überschrift, die spaltet, weil sie Angst verstärkt.

Die andere Schlagzeile, am selben Tag: Sie könnte unterschiedlicher nicht sein: „Fürchtet Euch nicht.“ Aus dem Lukasevangelium Kapitel 2 Vers 10. Darüber das Brandenburger Tor, angestrahlt in Schwarz Rot Gold. Davor ein erleuchteter Tan- nenbaum in seiner ganzen Pracht. Das war die Titelseite der Berliner Morgenpost. Eine Überschrift, die zusammenführt, weil sie Angst nimmt.

Worte haben Kraft. Bilder erst recht. Es macht einen Unterschied, wie wir sie gebrauchen. Es macht einen Unterschied wie wir uns verhalten.
Wir können Stimmung anheizen. Wir können sie beruhigen.
Wir können hassen. Wir können verzeihen.

Wir können spalten. Wir können zusammenhalten.
Das können wir selbst entscheiden. Jeder und jede einzelne von uns.

Nun muss ich daran denken, wie sich manche nach dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt verhalten haben. Die sich nicht zu schade waren, sofort der Kanzlerin eine Mitschuld dafür zu geben. Auch das spaltet. Einige haben umgehend die gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik in Frage gestellt. Noch bevor der Hintergrund der Tat klar war.

Natürlich muss es erlaubt sein, Dinge in Frage zu stellen. Es ist mir wichtig, das festzuhalten. Viele von uns neigen leider dazu, sich gegenseitig mundtot zu machen, wenn ihnen die Meinung des anderen nicht passt. Ich komme später darauf zurück.

Die Frage ist nur: Müssen solche Schlussfolgerungen so früh fallen? Und wie kommt es überhaupt zu solchen Schnellschüssen? Liegt die Ursache vielleicht in unserer Unfähigkeit zu trauern? Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sagte dazu: „Es verbietet sich, Leid zu instrumentalisieren“. Ich füge hinzu: Gebietet es nicht auch die Vernunft, einen solchen Anschein gar nicht erst zu erwecken? Weil solche Reaktionen in diesen Stunden eben nicht zusammenführen, sondern weil sie spalten!

Und die Bürgerinnen und Bürger? Die blieben besonnen. Trauerten. Zeigten Mitgefühl. Und verfielen nicht in Angst. Die Panikmacher lagen völlig falsch. Es war gut zu sehen. Ich hoffe, wir alle lernen daraus.

Schauen wir uns Norwegen an. Als es vom größten Terroranschlag seiner Geschichte heimgesucht wurde. Als der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik 77 Menschen auf der Insel Utoya und im Regierungsviertel in Oslo tötete. Es war Ministerpräsident Stoltenberg, der berührende Worte fand: „Norwegen wird diesen Angriff beantworten mit mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Solidarität, aber niemals Naivität.“ Stoltenberg war Vorbild. Aber er gab auch die Haltung seines ganzen Volkes wider.

Oder schauen wir nach Südafrika. Unglaublich, was dort passierte. Das weiße Apartheidregime war gestürzt. Die Schwarzen kamen an die Macht. Ein Funke hätte genügt. Aber da war ja Nelson Mandela. Die Rache blieb aus. Die vielleicht sogar verständliche Rache blieb aus. Stattdessen klärte eine Wahrheits- und Versöhnungskommission die politischen Verbrechen der Apartheitszeit auf, unter Desmond Tutu, der ja auch schon hier zu Gast war.

Diese Ereignisse sind schwer mit dem Anschlag in Berlin zu vergleichen. In Norwegen, zum Beispiel, war der Attentäter ein Norweger. Wie hätte sich das Land verhalten, wenn es ein Flüchtling gewesen wäre?

Aber es bleibt dabei: Es macht einen Unterschied, wie wir uns verhalten. Wie sich Politiker verhalten. Wie sich die Medien verhalten. Wie wir alle uns verhalten. Wir können spalten. Oder wir können zusammenführen. Dazu gehört Kraft. Nicht dem ersten Impuls nachzugeben. Den vermeintlich einfachen Lösungen: Rache. Mauern bauen. Todesstrafe.

Wobei das Wort „einfach“ zu Unrecht in Verruf ist. Einfach sind nämlich auch Weis- heiten, die uns ein angemessenes Verhalten nahelegen. Einfach heißt: Jeder versteht es. Jeder kann es nachvollziehen. Eine uralte Weisheit lautet: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Altes Testament, Hosea, Kapitel 8, Vers 7. Man könnte auch sagen: Wer Vorurteile sät, wird Hass ernten. Wer Hass sät, wird Gewalt ernten. Wer Gewalt sät, wird Zerstörung ernten.

Ich kann uns nur raten, uns an den Grundwerten und dem Menschenbild unserer Verfassung zu orientieren. Und darüber hinaus an den Kernwerten, wie sie das Parlament der Weltreligionen beschrieben hat: Menschlichkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und – ja, auch darauf haben sich alle Weltreligionen geeinigt: die gleichberechtigte Partnerschaft von Mann und Frau.

Dort heißt es auch: „Wir betrachten die Menschheit als unsere Familie“. Anders gesagt: es geht um Zusammenhalt. Zusammenhalt ist ein Kernbedürfnis menschlichen Lebens. Zusammenhalt von Familie. Zusammenhalt von Freunden. Zusammenhalt in Vereinen. Zusammenhalt in der Kirche. Zusammenhalt selbst in Parteien. Zusammenhalt der Gesellschaft.

Wir alle suchen Zusammenhalt. Von jeher. Um uns zu schützen, wie Höhlenmenschen. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist. Weil er sich bestätigt und anerkannt sehen will. Zusammenhalt tut gut. Oder um etwas zu erreichen, was der einzelne nicht erreichen kann. Beim Mannschaftssport schafft es kein Einzelner allein. In der Politik schon gar nicht. Fragt sich nur, - und das fragen sich ja viele, nicht nur Populisten -: Wie viel Verschiedenheit verträgt der Zusammenhalt?

Dabei müssen wir bedenken: Die menschliche Verschiedenheit ist nicht nur etwas Äußerliches. Nein, sie macht das Menschsein überhaupt erst aus. Kein Mensch, der geboren wird, gleicht irgendeinem, der vor oder nach ihm auf der Welt ist. Jeder Mensch ist ein schöpferischer Neuanfang. Deshalb gibt es die Menschheit nur im Plural.

Deshalb handelt die Politik nach Hannah Arendt auch – ich zitiere – „von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.“ Die Pluralität des Menschen ist also die Grundlage der Politik. Der Verschiedenen, die sich gerade aufgrund ihrer radikalen Verschiedenheit die gleiche Würde und gleiche Rechte zubilligen. Das ist der Kern der Demokratie.

Anders als es uns die Rechtspopulisten weismachen möchten. Ihr Bezugspunkt ist die willkürlich definierte Gruppe, die sie für „homogen“ halten und gegen „das Andere“ abschotten wollen. Da, wo eigentlich Gleichheit angesagt wäre, nämlich in den gleichen Rechten, die wir als Verschiedene haben, wollen sie Ungleichheit – etwa gegenüber Muslimen.

Zusammenhalt bedeutet also nicht den Zusammenhalt einer vermeintlich homogenen Gruppe unter Ausschluss aller anderen. Aussortiert nach Religion, Weltanschauung oder Rasse. Zusammenhalt hat vielmehr mit der Achtung, dem Respekt und der Würde aller Menschen auf dieser Welt zu tun. Zusammenhalt schließt das Unterschiedliche mit ein. Und idealerweise respektieren wir das Unterschiedliche nicht nur. Sondern sind dankbar dafür, weil es uns kreativer, reicher, lebendiger macht.

Zusammenhalt also in Vielfalt. Zusammenhalt trotz Vielfalt. Und Zusammenhalt ... wegen Vielfalt. Das macht gutes Leben aus. Genau dieser Zusammenhalt wird aber derzeit auf die Probe gestellt: und damit kommen wir zum zweiten Element meines Vortrags, dem Umbruch.
 

II. Umbruch

Umbruch war schon immer. Es gab religiöse Umbrüche wie das Christentum oder den Islam. Es gab politische Umbrüche wie die Französische Revolution oder die Wiedervereinigung. Oder wirtschaftliche Umbrüche wie die industriellen „Revolutionen“. Oder derzeit die digitale Revolution, die unser gesamtes Leben umpflügt.

Umbruch gibt es zu allen Zeiten. Das heißt nicht, dass wir ihn nicht auch fürchten müssen. Denn Umbruch erzeugt auch Verlierer. Wir müssen genau hinschauen. Wir müssen uns ihm stellen. Wir müssen ihn gestalten. Mit Tatkraft und mit Zuversicht. So wie es der neue Bundespräsident Walter Steinmeier auf den Punkt gebracht hat.

Was sind die Umbrüche unserer Zeit?

Da ist der geopolitische Umbruch. Die kurzzeitige Hoffnung auf den schnellen welt- weiten Durchbruch der Demokratie hat sich nicht erfüllt. Grenzen sind nicht mehr unangefochten. Russland hat die Krim erobert und befindet sich im Konflikt mit der Ukraine. Die Pax Amerikana schwindet. Um dagegen zu halten, müssen wir in Europa zusammenhalten.

Da ist der ökonomisch-soziale Umbruch. Die Angst vor den Folgen von Globalisie- rung und Digitalisierung. Ganz konkret: die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust und sozialen Abstieg. Alte Arbeitsplätze werden wegfallen, neue Arbeitsplätze werden entstehen. Damit der Strukturwandel gelingt, braucht es eine große Anstrengung, braucht es den Zusammenhalt aller gesellschaftlichen Gruppen, von Wirtschaft und Gewerkschaften, Politik und Bürgergesellschaft. Wir erleben z.B. einen gewaltigen Umbruch in der Automobilwirtschaft, dem wirtschaftlichen Rückgrat Baden-Württembergs: alternative Antriebsarten (z.B. Elektromotor), automatisiertes Fahren, Konnektivität und Carsharing. Es braucht einen strategischen Dialog für diese Transformation in der Automobilwirtschaft.

Da ist der Umbruch durch Flüchtlinge. Bürgerkriege und Kriege gab es schon immer. Wir im Westen haben uns nur zeitweilen nicht so sehr darum geschert. Es betraf uns nicht. Nun drängen die Flüchtlinge nach Europa. Dadurch betreffen uns die Kriege dieser Welt unmittelbar. Wie der in Syrien. Das überfordert viele von uns. Es hat aber auch einen positiven Aspekt. Wir gewöhnen uns daran, die Idee des Zusammenhalts globaler zu denken.

Da ist der Umbruch durch islamistischen Terror. Terror erfuhren wir schon einmal, durch die RAF. Es gab auch den Terror durch den rechtsextremen NSU. Nun sind wir alle betroffen, überall und jederzeit. Was hilft, um uns zu trösten? Ich meine: Die Kraft der Freiheit. Der „Zauber der Freiheit“ (Max Weber). Und Zusammenhalt.

Da ist der kulturelle Umbruch durch gesellschaftliche Modernisierung. Unser Grund- gesetz war weiter als die Gesellschaft, als es 1949 postulierte: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Erst seit 1977 dürfen Frauen ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner einen Job annehmen. Die Gleichstellung von Frau und Mann ist seitdem erheblich vorangekommen. Und für mich ist selbstverständlich, dass sie noch weiter vorankommen muss. Denn es ist einer Gesellschaft nicht würdig, dass Frauen teilweise immer noch weniger für gleiche Arbeit verdienen als Männer. Das gleiche gilt für die Toleranz von unterschiedlicher sexueller Orientierung, für neue Familienmodelle, für Offenheit gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen.

Dennoch müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen durch diesen gesellschaftlichen Wandel verunsichert sind. Aus der Verunsicherung darüber, dass das eigene Weltbild ins Wanken gerät, entsteht bei vielen die Sehnsucht nach einer „Leitkultur“, die Übersichtlichkeit verspricht. Mit der Folge, dass sie gegen diejenigen protestieren, die sie vermeintlich überfordern.

Das heißt nicht, dass ich unseren gesellschaftlichen Fortschritt in Frage stelle. Ich begrüße ihn. Es heißt nur, dass ich Menschen, die anders ticken als ich, in ihrem Empfinden ernst nehme. Dass ich versuche, ihnen deutlich zu machen, dass ich nicht in ihr Leben hineinregiere, sondern nur für andere das Leben erleichtern will. Dass es um gleiche Rechte für alle geht.

Aber auch: Dass man Unterschiede aushalten muss. Genau das meint Toleranz: dass wir die ertragen, die anders sind als wir. Auch das gehört zum Zusammenhalt.
 

III. Wie wirken sich diese Umbrüche aus?

Diese Umbrüche haben Folgen. Menschen sind verunsichert. Sie sind verständlicherweise verunsichert. Und wer will es ihnen verdenken, wenn sie Angst um ihre Zukunft haben? Oder zornig sind, weil sie sich zurückgelassen oder überfordert fühlen?

Anders ist es, wenn aus Angst und Zorn Hass und Gewalt werden. Wenn sich der Wunsch nach Vergeltung gegen ganze Volksgruppen richtet. Wenn Menschen mit bestimmten Merkmalen in Sippenhaft genommen werden. Das ist nicht hinnehmbar. Da müssen wir klare Kante zeigen.

Der Hass, der sich im Netz Bahn bricht, ist manchmal atemberaubend. Wie sollen wir eigentlich damit umgehen?

Erst einmal müssen wir hinschauen: Kommt hier etwas ans Tageslicht, was schon lange im Verborgenen gegoren hat? Äußern sich hier berechtigte Sorgen und Ängste, auf die man eingehen sollte? Oder werden Ängste bewusst geschürt? Ist Propa- ganda am Werk? Werden wir manipuliert? Spielt sich eine laute Minderheit als Mehrheit auf?

Genauso ist es mit dem Thema Wahrheit. Auch hier müssen wir genau hinschauen: Geht es nur um eine andere Bewertung von Fakten? Um eine Wahrheit, die uns nicht passt, die wir lange nicht wahrgenommen haben, vielleicht auch gar nicht wahrnehmen wollten? Begehren hier Menschen gegen Veränderungen, Benachteiligung und Ungerechtigkeiten auf, die sich nicht mehr von der Wahrheit der Mehrheitsgesellschaft besänftigen lassen, weil es nicht ihre Wahrheit ist? Oder versucht hier jemand, mit gezielten Lügen die Maßstäbe zu verschieben?

Victor Klemperer und George Orwell haben es klar beschrieben: Wie durch Lügen über Fakten der Übergang von der Demokratie zur Diktatur vorbereitet wird, und wie dann durch „Neusprech“ eine Diktatur stabilisiert wird.

Im Hinblick auf die gestellten Fragen denke ich, dass Beides richtig ist: Es kommt tatsächlich eine Wahrheit zum Vorschein, die wir lange nicht wahrgenommen haben. Und dies wird dann von Rechtspopulisten genutzt und propagandistisch verstärkt.

In letzter Konsequenz – das muss man leider so hart sagen – bedroht diese Entwicklung nicht nur den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, sondern unsere Demokratie. Was nun also tun, um den Zusammenhalt zu stärken und die offene Gesellschaft zu verteidigen, in diesen Zeiten des Umbruchs?
 

IV. Wie lässt sich der Zusammenhalt in Zeiten des Umbruchs stärken?

Erstens: Wahrhaftig sein

Damit spreche ich nicht in erster Linie die sogenannten Populisten an. Ich mag meine eigene Verantwortung nicht abgeben, indem ich nur auf andere mit dem Finger zeige.

Ich meine mich, ich meine uns, uns Demokraten. Diejenigen, denen es um den Zusammenhalt der Gesellschaft geht. Wir sollten in diesen Zeiten noch höhere Anforderungen an uns selbst stellen. Wir sollten der Unwahrhaftigkeit umso mehr Wahrhaftigkeit gegenüberstellen.

Wir sollten die Wahrheit in den Tatsachen suchen. Unsere Quellen offenlegen. Uns verständlich ausdrücken, so dass uns jeder versteht. Wir sollten erkennbar redlich sein. Wir sollten die Argumente der anderen ernst nehmen. Uns an ihren stärksten Argumenten messen. Und wenn uns das nicht gelingt, sollten wir erwägen, unsere Meinung zu ändern. Wir können nur dann Wahrhaftigkeit einfordern, wenn wir selbst wahrhaftig sind.

Ihnen ist sicher aufgefallen, dass ich nicht von Wahrheit spreche. Ich ziehe es vor, von Wahrhaftigkeit zu sprechen. Dem Streben nach Wahrheit. Wahrhaftigkeit beinhaltet auch den Zweifel. Und das Reflektieren darüber, dass der Andere Recht haben kann. Oder dass in einer Sache niemand objektiv Recht hat.

Kants Maximen des gemeinen Menschenverstands wären an sich schon eine Grundlegung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Würden wir sie alle anwenden und befolgen, ergebe sich der Zusammenhalt einer Gesellschaft schon als Akt kommunikativen Handelns. Seine Maximen lauten: 1. Selbst denken. 2. Anstelle jedes anderen denken. 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.

Also:
1. Sich mündig zeigen, sich selber Gedanken machen und nicht nachplappern, was andere vorplappern. Also vorurteilsfrei denken.
2. Mit Empathie sich in den Standpunkt des anderen versetzen, was Kant so schön „erweiterte Denkungsart“ nennt.
3. Schließlich, sich einer konsequenten Denkungsart befleißigen, also folgerichtig und schlüssig denken, die Dinge durchdenken, auch vom Ende her denken.

Denn mit der Wahrheit ist es so eine Sache. Lessing hat einmal gesagt, ich zitiere:

„...die Wahrheit, das impliziert, daß wir allen Grund haben, Gott zu danken, daß wir die Wahrheit nicht kennen... Dahinter steckt die Einsicht, daß der unerschöpfliche Reichtum des menschlichen Gesprächs unweigerlich zum Stillstand kommen müßte, wenn es eine Wahrheit gäbe, die allen Streit ein für allemal schlichtet“. (aus Hannah Arendt, „Wahrheit und Politik“ von 1963)

Ich finde, dieses Zitat wohltuend. Es hilft, vom manchmal hohen Ross herunter zu kommen. Dem hohen Ross derjenigen, die sich anmaßen, die Wahrheit für sich ge-pachtet zu haben. Wahrheit kann von oben herab kommen. Sie kann demütigen. Mir geht es darum, zu verbinden. Durch Wahrhaftigkeit.

Zweitens: Brücken bauen

Brückenbauen. Das hört sich an, als wolle ich von einer Seite des Flusses zur anderen gelangen. Oder von einer Burg über den Wassergraben. Und ein bisschen ist es auch so. Verkehren wir wirklich von der einen Seite des Flusses zur anderen? Wissen wir voneinander? Berücksichtigen wir einander? Was ist mit uns hier, in diesem Saal? Wollen wir überhaupt Brücken von einem Ort zum anderen?

Manchmal kommt es mir vor, als ob sich ein Teil der Gesellschaft mit dem anderen ebenso wenig versteht, wie diejenigen, die sich etwas über einen großen Fluss zurufen. Weil das Rauschen so laut ist – das ständige Einprasseln von Informationen, die kaum mehr verarbeitet werden können. Oder weil der Fluss so breit, die Distanz so groß ist, dass man sich nicht mehr verständigen kann. Oder aber weil das Gegenüber sich unverständlich ausdrückt. Durch elitäre Sprache.

Karl Popper hat gesagt – und wenn wir alle nur das mitnehmen würden, hätte sich diese Veranstaltung schon gelohnt: „Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er es seinen Mitmenschen, die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen“.

Und wir? Wir sprechen von Austeritätspolitik statt Sparpolitik. Von Selektoren statt Suchbegriffen. Oder von „Gender Mainstreaming“ statt des einfachen Wortes von Karls Jaspers: Mensch sein geht vor Geschlecht sein.

Durch eine Sprachbarriere grenzen wir viele Menschen aus. Ich zähle auch das Wort „postfaktisch“ dazu. Auch dies ein Wort, das viele Menschen in unserem Land nicht verstehen.

Überhebliche Selbstgewissheit – auch das ein Laster, das andere ausschließt. Und auch hier müssen sich die sogenannten Eliten an die eigene Nase fassen. Wenn sie von alternativlosen Lösungen sprechen, wenn sie Gegner ihrer Meinung als Gutmenschen oder als gewissenlos oder als ideologisch abqualifizieren.

Brückenbauen, damit meine ich auch, sich nicht über andere lustig zu machen und nicht in eine Ecke zu stellen. Wer den Zuzug von Ausländern begrenzen möchte, ist deshalb noch kein Nazi. Und wer weiterhin Flüchtlinge aufnehmen will, kein Volksverräter. Wer solches will, ist nicht zwangsläufig böse, ist nicht zwangsläufig dumm oder naiv. Sondern vielleicht einfach nur anderer Meinung.

Meinungsfreiheit hört nur da auf, wo sie zu Hass und Gewalt aufstachelt. Und wo die Abschaffung der Demokratie vorbereitet wird. Da hört alles Verständnis auf. Aber erst dann ziehe ich die Brücke hoch.

Drittens: Haltung zeigen

Was mich erschüttert hat, sind die Bilder von Bürgerinnen und Bürgern im sächsischen Clausnitz, die einen Bus mit Flüchtlingen bedrängen. Die schmähen und drohen; drinnen im Bus weinen Kinder.

Mich haben auch die Geschehnisse von der Silvesternacht 2015 in Köln erschüttert, als so viele junge Ausländer gegenüber Frauen übergriffig wurden. Ich hätte das so nicht für möglich gehalten. Wie so vieles andere auch nicht.

Klar ist: Beides geht gar nicht. Da gibt es kein Vertun. Und das ist auch keine kultu- relle Frage. Katholiken, Buddhisten und Muslime fühlen so, Veganer und Fleischesser, Polizisten und Diebe, Afrikaner und Europäer. Uns allen wohnt ein Gefühl von Anstand inne. Anstand, der sich aus Respekt vor der Würde jedes Menschen speist. Oder schlichter: weil der andere auch ein Mensch ist wie ich selber.

Dieser Anstand geht manchmal verloren. Oder er ist verschüttet. Aber er geht in den seltensten Fällen ganz verloren. Wir müssen uns deshalb fragen: Wie schnell schreiben wir Leute ab – statt ihnen eine Chance zu geben? Wie schnell verurteilen wir sie pauschal – statt zu versuchen, jedem einzelnen gerecht zu werden?

Ich finde, unsere Richtschnur sollte sein: Haltung bewahren. Und Haltung zeigen. Haltung bewahren, indem wir nicht überreagieren. Weder durch Worte. Noch durch Taten. Sondern indem wir verlässlich und voraussehbar unseren Werten folgen. Haltung zeigen, indem wir selber unseren Werten treu bleiben und sie verteidigen und klare Grenzen aufzeigen. Meinungsfreiheit. Gleichberechtigung von Frau und Mann. Verlässlich und voraussehbar.

Nur wenn wir uns unverbrüchlich an das halten, wovon wir überzeugt sind. Nur dann bieten wir auch Halt. Und nur dann fördern wir Zusammenhalt.

Viertens: Politische Konsequenzen

Welche politischen Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Die Politik braucht ein Gefühl dafür, wie viele Gekränkte es gibt. Gekränkt dadurch, dass ein tief in uns verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl verletzt wird. Es äußert sich nicht unbedingt dadurch, dass man weniger verdient als andere. Sondern dadurch, dass nicht alle nach den gleichen Regeln spielen.

Wenn Spitzenmanager ihr Unternehmen in Gefahr bringen oder an die Wand fahren, dann aber Millionen-Boni erhalten. Wenn Unternehmen, die bei uns viel Geld verdienen, keine Steuern zahlen. Oder wenn fast keiner, der für die Finanzkrise verantwortlich ist, zur Rechenschaft gezogen wird. Dann fragen sie sich, wo der Zusammenhalt bleibt. Nicht sie haben ihn aufgekündigt, sondern „die da“.

Auch wenn es uns in Deutschland absolut betrachtet so gut geht wie nie zuvor und wir „auf hohem Niveau jammern“, muss die Politik ein Gefühl dafür haben, dass es in jedem Gemeinwesen immer auch um das Relative geht. Dass viele sich krummlegen und trotzdem kaum Perspektiven sehen, im Gegensatz zu anderen. Dass sie sich vor der Zukunft fürchten und um die Zukunft ihrer Kinder bangen, im Gegensatz zu anderen.

Deshalb müssen wir dem Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft wieder neue Kraft verleihen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger sicher fühlen, denn ohne Sicherheit ist Zusammenhalt nicht möglich. Und wir müssen die Integration zum Erfolg führen und Neuankömmlinge zu Mitbürgern machen, ohne die Alteingesessenen zu verprellen.

Darüber hinaus müssen wir auch die soziale Lage in unseren Nachbarländern im Blick behalten. Da ist fast die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos. Das geht auch uns Deutsche an. Es bringt uns am Ende nichts, uns nur auf uns selbst zu konzentrieren und uns auf unserer eigenen guten wirtschaftlichen Lage auszuruhen. Denn die Lage in anderen europäischen Ländern schlägt auf uns zurück. Und deshalb sollten wir dagegen etwas tun. Sonst wird es auch kaum gelingen, unsere anderen Probleme zu lösen.

Zusammenhalt in Europa

Damit bin ich bei einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Der Zusammenhalt in Europa.

Die Europäische Union wird derzeit von außen und von innen von Nationalisten aus- einandergetrieben. Manchmal habe ich heute das Gefühl, die Weltkriege des letzten Jahrhunderts werden kaum mehr zur Kenntnis genommen. Zu welchem Elend der Nationalismus geführt hat – er hat den Ersten Weltkrieg verursacht, was anlässlich des 100jährigen Gedenkens nochmals deutlich wurde. Zu welchem Leid die Unfähigkeit zum Kompromiss und zum Ausgleich geführt hat.

Ja, es läuft in Europa nicht alles richtig. Ja, es wurden Fehler gemacht. Aber zwischen der Kritik im Einzelnen und der Kritik an der Europäischen Integration an sich besteht ein himmelweiter Unterschied. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass wir in einem Raum der Freiheit und des Friedens leben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Barack Obama hat uns daran vor kurzem noch einmal erinnert, ich zitiere: „Die europäische Integration und die Europäische Union bleiben eine der größten politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit. (...)

Aber gerade weil das so ist, müssen wir den Zusammenhalt in Europa stärken. Und das heißt, wir müssen die Mängel der EU angehen: Europa braucht mehr Gemeinsinn statt nationaler Egoismen. Europa braucht mehr Subsidiarität, sollte sich also auf die großen Aufgaben konzentrieren – und nicht z.B. unser Sparkassenwesen organisieren. Europa muss zur Lösung dieser Aufgaben dann aber auch von den Mitgliedsstaaten befähigt werden: Wir brauchen eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, eine gemeinsame Migrationspolitik. Diese großen Probleme ebenso wie der Kampf gegen Terrorismus oder den Klimawandel kann kein Nationalstaat allein erfolgreich angehen.

Globaler Zusammenhalt

Ein starkes Europa ist im Übrigen auch international sehr wichtig, mit Blick auf die wachsende Kraft der Autokratien, mit Blick auf Länder wie Russland oder die Türkei, aber auch mit Blick auf die besorgniserregenden Entwicklungen in den USA. Dafür brauchen wir aber nicht nur die Europäische Union, sondern auch diejenigen internationalen Organisationen und Regelwerke, die nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Ziel aufgebaut wurden, den Frieden zu wahren.

Miteinander reden, nicht übereinander. Beziehungen knüpfen, von denen alle profitieren. Kompromisse machen, mit denen allen leben können. Das ist die Essenz des Zusammenhalts auf globaler Ebene, das ist die Essenz internationaler Organisationen und Regelwerke.

Nicht jeder kennt sich mit der UNO (Die Vereinte Nationen) oder mit der WTO (Welthandelsorganisation) aus. Trotzdem wirkt sich ihre Arbeit unmittelbar auf uns aus. Sie machen die Welt friedlicher. Sie machen die Welt wohlhabender. Und sie stärken die sozialen Rechte. Sie stärken den Zusammenhalt.

Deshalb müssen wir gerade auch in schweren Zeiten an dem festhalten, was Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ formuliert: Völkerrecht statt das Recht des Stärkeren, und starke internationale Organisationen statt der Anarchie staatlicher Egoismen.

Und wir müssen der Idee eines neuen Protektionismus widerstehen und uns für den freien Handel stark machen. Nicht nur weil er den Wohlstand fördert. Sondern weil der freie Handel den Frieden fördert. So sagte schon Kant: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann." Deshalb gilt jetzt erst recht: den freien Handel stärken, ihn fair gestalten und die wirtschaftlichen Verflechtungen vertiefen!

Zusammenhalt der Religionen

Über den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und zwischen den Völkern zu spre- chen, ohne einen Blick auf die Rolle der Religionen zu werfen, ist nicht möglich. Religionen haben eine starke gesellschaftliche, weltverändernde Kraft. Das zeigt nicht zuletzt der Blick auf die Reformation, deren 500-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr begehen, und auf ihre Errungenschaften, die bis in unsere Gegenwart hineinwirken.

Aber es wäre naiv zu behaupten, die Präsenz des Religiösen würde an sich schon zum Zusammenhalt in unserer Gesellschaft beitragen. Religionen können in den Fundamentalismus und den Fanatismus abgleiten. Deshalb müssen wir als Staat und als ganze Gesellschaft mit Entschiedenheit gegen diejenigen vorgehen, die die Religion für ihre Zwecke missbrauchen und im Namen einer Religion Hass, Gewalt und Terror praktizieren.

Eine solche Entschiedenheit erwarte ich auch von den Religionsgemeinschaften selber und zwar von allen! Denn unsere Gesellschaft braucht zwar die Religionen; sie braucht aber nicht ihr verblendetes und entstelltes Zerrbild. Sie dürfen in ihrer Lehre und in ihren Reihen keinen Fanatismus und keine Gewalt dulden und müssen sich von solchen Strömungen reinigen.

Wenn die Religionen dies tun, dann schaffen sie einen kulturellen Mehrwert, der nur ihnen zu Eigen ist. Dann kann auch Zusammenhalt trotz religiöser Vielfalt gelingen. Denn die Religionen erinnern uns daran, dass es in unserem Leben noch etwas Größeres gibt. Das Religiöse überschreitet unsere Fixierung auf das Hier und Jetzt. Die Religionen halten uns damit – wie die Philosophin Jeanne Hersch sagt – den „Sinn für den Sinn“ wach.

In den Kirchen und Religionsgemeinschaften schließen sich Menschen zusammen, die an etwas glauben, die gemeinsame Werte und Ideale haben, die sich miteinander für ihre Überzeugungen einsetzen und diese leben. Sie fördern also Verbindlichkeit und Identifikation mit dem Ganzen. Mit ihren Gemeinschaften und Gemeinden, ihren Verbänden und Hilfswerken sind sie tragende Säulen unserer Zivilgesellschaft. Sie erhöhen die soziale Temperatur im Land. Gerade in der Flüchtlingsdebatte können wir dies immer wieder spüren.
 

V. Schluss

Alle diese Probleme müssen wir entschlossen angehen.

Dem sozialen Umbruch müssen wir entgegensetzen – Gerechtigkeit. Dem gesellschaftlichen Umbruch – Verständnis.
Dem Umbruch durch Populismus und Verrohung – Haltung
Dem Umbruch durch die Weltökonomie – Europa.
Dem Umbruch durch Machtausdehnung – Geschlossenheit. Dem Umbruch durch Flüchtlinge – Augenmaß.

Und für all das braucht man eines. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs: Zusammenhalt!

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11. Weltethos-Rede am 31. Oktober 2014
Paul Kirchhof, Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Ethos der Steuergerechtigkeit"

KirchhofMagnifizenz, Herr Präsident Stilz, verehrter Ehrenpräsident Küng, meine Damen und Herren!

Ich bedanke mich sehr für diese liebenswürdige Begrüßung, die mich ja fast beklommen macht. Und in der Tat, unser Thema, verbunden mit dem großen Auftrag, mit der großen Idee Weltethos – der Verpflichtung der Kulturen und Religionen, ihr Menschenbild, ihre Grundsatzwertungen, ihre Perspektiven des Ethos so zu verbinden, dass dort ein wesentlicher Beitrag zum Weltfrieden entsteht – scheint mit dem relativ schlichten Thema Steuerrecht nichts zu tun zu haben. Aber, beim Steuerrecht geht es um Geld. Und Geld steht für Reichtum und für Macht. Also just für die beiden Phänomene, derentwegen überwiegend Kriege geführt werden. Und deswegen glaube ich, ist es ganz wichtig, dass wir das Thema Ethos, Gerechtigkeit, auch beziehen auf das Steuerwesen, das uns alle angeht, das insbesondere die Menschen in wirtschaftlichem Erfolg berührt, das maßstabsgebend ist für die Verteilung des Geldes, das üblicherweise am Markt nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung verteilt wird – es kann gar nicht genug sein! – maßstabslos und damit tendenziell maßlos, und deswegen ein Pendant braucht, das, durch das Gesetz maßstabsgebunden, verhältnismäßig gleichmäßig ein Nebenverteilungssystem begründet, das das andere ein wenig kompensiert.

Wenn wir fragen, aus welchen Ursprüngen Recht entsteht, gibt uns unsere schöne deutsche Sprache das Bild von der Rechtsquelle. Die Quelle ist das, wo etwas im Berg schon vorhanden ist, wir sehen es nicht, es ist eine wertvolle Substanz, es versorgt den Menschen stetig mit etwas Wesentlichem, dem Wasser, dem Recht, das er für sein Leben braucht. Und dann ist wichtig, ob diese Quelle unverfasst ist, dann können wir das Wasser, das Recht, von anderen Substanzen nicht so deutlich unterscheiden, nicht so sauber halten, oder ob die Quelle verfasst ist, das Recht in der Reinheit dessen, was der Mensch in seiner Rationalität als Verfassung sich ausgedacht hat. Recht entsteht aus Gewohnheit, aus Vernunft, aus Erfahrung, aus Geschichtsbewusstsein und Geschichtsdeutung, aus Religion, aus Philosophie, als Antwort aus erlebtem Unrecht. All dieses ist präsent und eine wesentliche Wurzel, eine Quelle des Rechts, nicht sichtbar, nicht in der Rationalität des Sprachlichen nachweisbar, aber ohne diese Quelle gäbe es kein Wasser.

Und vor diesem Hintergrund, dass wir schon etwas haben, was rechtlich ist, aber noch nicht rechtlich in der Rationalität des Sprachlichen begreifbar ist, ist die Ethik eine Rechtfertigungsdisziplin: die misst die Verbindlichkeiten, nach denen wir leben, am Maßstab des Guten, des Schönen, des Richtigen; empfindet dabei eine Verantwortlichkeit, die über das Recht, vielleicht auch über den Menschen hinausweist. Die uns, wenn wir in einem Rechtsstaat leben, immer wieder heilsam beunruhigt und fragt: Nimmt die Entwicklung ihren richtigen Lauf? Habt Ihr die Erneuerungsimpulse so aufgenommen wie sie aufgenommen gehören? Zu diesem Thema, dem Fundament, der Quelle, der Rechtfertigung des Rechts, möchte ich Ihnen heute Abend fünf Überlegungen vortragen:

  • Die erste möchte deutlich machen, dass mein Thema, die Finanzierung, nicht eine Randerscheinung des Staates ist, sondern das Gesicht des Staates betrifft.
  • In einem zweiten Schritt möchte ich Ihnen fünf Grundprinzipien vorstellen, die für Ethos und dann auch, das ist das Schöne, unmittelbar für Gerechtigkeit stehen.
  • In einem dritten Gedanken frage ich, elementar, wie wir es in der Ethik tun müssen: Warum müssen wir überhaupt Steuern zahlen? Geht es nicht, ein verlockender Gedanke, auch ohne?
  • Im vierten: Wie gehen wir mit den geltenden Steuergesetzen um? Wie arrangiert sich der Einzelne? Wie kämpft er dagegen: Steuergestaltung, Steuerplanung, vielleicht sogar Steuerhinterziehung?
  • Und fünftens, einige Stichworte, damit es auch sehr konkret wird, zum aktuellen Steuerrecht.

 

I.    Die Art der Finanzierung bestimmt das Verhalten des Staates

Als die Römer 30 Jahre lang sich aus dem Tributum, einer Kriegsanleihe, finanziert haben, musste der Staat ständig auf Eroberungskriege gehen, erfolgreich sein in der Kriegsbeute, um daraus den Kredit zu bedienen. Die Art der Finanzierung zwang in den Krieg. Als im Mittelalter der Lehensherr von seinen Bürgern Hand- und Spanndienste, körperliche Arbeit erwartete, war die Herrschaft dieses Herrn über seine Lehensnehmer viel unmittelbarer, als wenn sie nur hätten Geld, Steuern bezahlen müssen. Die reine Geldzahlung ist vor der Perspektive der Freiheit schonender, als diese Form von Diensten unmittelbar persönlich leisten zu müssen.

Wenn die Steuer das Entgelt ist, so hieß es lange Jahre, für den Schutz, den der Fürst dem Menschen gewährt – er schützt seine Person, er schützt sein Eigentum –, ist der Steuergegenstand – die Kopfsteuer, die Vermögenssteuer – vorgegeben. In der Grundidee der Steuer ist angelegt, wie wir besteuern. Wenn dann das Bürgertum erwacht – der Mensch ist frei, er ist stolz, er fühlt sich seinem Gemeinwesen verantwortlich –, dann entsteht der starke Wille nach einer allgemeinen Steuer dessen, der, weil er finanzkräftig ist, es bezahlen kann.

Der Begriff Bürger kommt von „Burga”, die Burg. Das ist der Mensch, den die Burggenossen hineinlassen in die Burg, wer fähig und wer bereit ist, weil er den Burgfrieden nicht stört, weil er das wichtigste Gut der Burg, das Wasser, nicht verschmutzt. Er ist aktiv Zugehöriger, hat eine innere Bindung zu dieser Gemeinschaft, und deswegen darf er in die Burg. Der Kerngedanke unseres Bürgertums ist innere Zugehörigkeit, Bereitschaft sich zu engagieren für das, was das Gemeinwesen angeht. Vor diesem Hintergrund frage ich, mein zweiter Punkt:

 

II.   Nach welchen Prinzipien sollten wir das, was Steuergerechtigkeit ist, organisieren?

Steuer ist, erstens, der Preis der Freiheit. Wenn ein Gemeinwesen die Freiheit garantiert, Berufsfreiheit, Eigentümerfreiheit, hat das zur Folge, dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital in privater Hand bleiben. Der Staat ordnet keine Zwangsarbeit an, er nimmt dem Bürger sein Eigenes nicht enteignend weg. Das heißt strukturell:

Der Staat hat kein Staatsunternehmen, er herrscht nicht über Löhne und Preise, aus denen er sich finanziert, er hat keine eigene ökonomische Finanzquelle, also muss er sich finanzieren durch Teilhabe am Erfolg privaten Wirtschaftens, und das nennen wir Steuern. Und wenn wir dann weiterfragen, wie sollte dieses Steuerrecht freiheitsgerecht ausgestaltet werden? Dann haben wir im 19. Jh. gesagt: Jeder, der etwas hat – ein Gewerbebetrieb, ein Grundstück, ein Vermögen – muss bezahlen. Das war ein bisschen banal die Perspektive des Gerichtsvollziehers: er schaut, wo etwas zu holen ist. Aber man hat es gerechtfertigt, indem man sagt: Jeder dieser Vermögenswerte ist ertragsfähig. Und deswegen besteuere ich – Sollertragssteuer – diese möglichen Erträge. Und wer im Ertrag sehr erfolgreich war, musste nur durchschnittliche Beträge bezahlen, hatte einen Vorteil. Wer unterdurchschnittlich tüchtig war, musste mehr bezahlen, weil er den Durchschnitt bezahlen musste. Das ist eine interessante Variante.

Wir sind heute freiheitsbewusster. Wir sagen nicht: Jeder, der erwerben könnte, muss bezahlen, wir sagen, jeder, der erworben hat. Die Steuer greift nicht in die Freiheit des Bürgers ein – er kann unter der Brücke schlafen, als Diogenes in der Tonne leben, das ist sein gutes Recht, wir stören ihn nicht –, nur wenn er in diesem System wirtschaftlich erfolgreich war – Einkommen, Umsatz –, dann muss er Steuern bezahlen.

Wir müssen uns bewusst machen: Das ist eine sehr prinzipielle Vorstellung von Freiheit. Stellen Sie sich einmal vor: Wir haben einen Jurastudenten, der ist an der Universität Tübingen vorzüglich ausgebildet, macht zwei Examina, Promotion, alles mit staatlichen Mitteln. Und jetzt erwarten wir, jetzt stürzt er sich in diesen Rechtsstaat, krempelt die Ärmel auf, arbeitet und trägt zum Gelingen des Rechts bei. Nein, er entscheidet sich: Er macht zwei Jahre eine Weltreise. Dann zahlt er hier in Deutschland weder direkte noch indirekte Steuern, dann sagt der Staat: „Einverstanden, das ist Deine Freiheit.” Und erst wenn er zurückkommt, gut erholt, und dann arbeitet, und dann Einkommen erzielt und konsumiert, dann muss er selbstverständlich zu diesem System beitragen.

Zweites Prinzip: Die Steuer ist ein Instrument der Gleichheit. Freiheit wirft den Menschen auf sich selbst zurück. Das kann aber auch bedeuten, dass die Unterschiede – der eine arbeitet, der andere geht der Muße nach, der eine legt sein Einkommen Ertrag bringend an, der andere konsumiert es –, dass die Unterschiede der freiheitlichen Betätigung immer größer werden. Und wenn jeder seine Biographie folgerichtig fortsetzt, geht die Schere immer weiter auseinander und die Gesellschaft erträgt diese Verschiedenheit nur schwer. Und dann sagt die Steuer: Ich schaffe einen Ausgleich, indem ich bei demjenigen, der erfolgreich ist, einen Teil des Erfolges für die Allgemeinheit wegnehme. Nehmen wir an, wir haben einen, der ist Einkommensmillionär, der verdient in diesem Jahr 1.000.000 Euro und der andere verdient 20.000. Dann schaut der mit den 20.000 mit einem Blick der Bewunderung, aber auch der Verärgerung, auch des fehlenden Selbstbewusstseins, also mit Neid, auf den einen und denkt sich: Warum verdient der 1.000.000 und ich nur 20.000? Wenn er dann aber weiß, dass der mit der Million 250.000 in die Gemeinschaftskasse zahlt, denkt er, wie schön wäre es, wenn dieser im nächsten Jahr 2.000.000 verdienen würde, damit er 500.000 in die Gemeinschaftskasse zahlt. Und plötzlich hilft uns das Steuerrecht, am Erfolg des anderen Freude zu haben, und dann sind wir in der Tat eine freiheitliche Gesellschaft.

Drittes Prinzip: Steuer ist ein Instrument der Sicherheit.

Wenn wir den Menschen in Freiheit sich selbst überlassen, kann er auch in Freiheit verhungern. Wenn wir den Menschen Gleichheit vor dem Gesetz gewähren, kann derjenige ausgegrenzt sein, der die gesetzlichen Voraussetzungen – Arbeitsplatz, Bildung, Ehe, Selbstbewusstsein, staatsbürgerliche Fähigkeiten – nicht erfüllt; er erfüllt den Tatbestand des Gesetzes nicht und ist deswegen außerhalb. Und deswegen hat die moderne Demokratie in den Verfassungen nach der Französischen Revolution den Dreiklang: Freiheit, Gleichheit, Sicherheit – nicht Brüderlichkeit, das war Politik – in den Texten steht Sicherheit. Und zwar Sicherheit gegenüber dem äußeren Feind, militärisch. Sicherheit nach innen, gegen Räuber und Diebe und Mörder. Und Sicherheit für Not und Krankheit, das Soziale.

Und das will unser heutiger Staat: Jedermann sein Existenzminimum ökonomisch, rechtlich, kulturell garantieren. Er gewährt Sicherheit – braucht aber dafür Geld. Das Soziale – die Sicherheit, die Polizei, die Bundeswehr, das soziale Sicherungssystem, die Daseinsvorsorge und Daseinsfürsorge – ist nur möglich, wenn der Staat finanzkräftig ist. Und deswegen können wir unser demokratisches Ideal von Freiheit, Gleichheit, Sicherheit nur denken und vor allem realisieren, wenn wir die Gewährleistung der Finanzierung freiheitsgerecht, also durch Steuern haben.

Viertes Prinzip: Die Legitimation der Steuer.

Wen besteuere ich, in welcher Intensität, muss gerechtfertigt werden. Historisch war das vor allem das Prinzip der „Bede”: Der Fürst hat die Untertanen gebeten, Geld zu geben, und dann hat man sich im Grunde verständigt. Es war das Einvernehmen zwischen dem Steuergläubiger und den Steuerschuldnern, um hier eine Legitimation herzustellen. Doch als dann das Bürgertum und die Demokratie erwachen, wurde der Gedanke der Freiwilligkeit, wegen der Ungleichheit der Beteiligten – der Fürst hat dann die Freiwilligkeit schon erzwungen – nicht mehr überzeugend. Aber man glaubte am Beginn der Demokratie, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Denn wenn die Steuerpflichtigen selbst, repräsentiert durch ihre Abgeordneten, über ihre Steuerlast entscheiden, werden sie schon dafür sorgen, dass diese Steuerlast maßvoll und gleichmäßig ist. Niemand wird sich selbst schädigen.

Diesen demokratischen Optimismus haben wir verabschiedet. Da hat sich ohne Änderung des Verfassungstextes etwas Fundamentales geändert: Der Abgeordnete empfiehlt sich seinen Wählern nicht als Garant für redliche Steuern, sondern als Vordenker für neue Ausgabenprogramme, also für Steuererhöhungen, und zwar Ausgabenprogramme für die Klientel, die ihn am ehesten wählt. Aus dem demokratischen Prinzip der Steuermäßigung und des Steuergleichmaßes ist die Gefahr der Willkür und des Übermaßes geworden. Und hier ist ein zentraler Punkt, wo die Ethik uns in unserem Recht, auf das wir uns eingelassen haben, beunruhigen muss. Und fragen muss:

Habt Ihr Eure Ursprungsprinzipien noch bedacht? Das Prinzip der Allgemeinheit der Last? Das Prinzip der Vorherigkeit, dass ich entscheide, bevor ich weiß, wer betroffen ist? Vor allem aber das Prinzip – erlauben Sie es mir so schlicht zu sagen, wie wir denken müssen – der Ehrbarkeit, des Anstandes, der Selbstlosigkeit? Wir müssen in unserem Parlamentarismus, an dem uns gelegen ist, und über den wir glücklich sind, dass wir ihn haben – Macht auf Zeit, der Bürger entscheidet, ob der Mächtige mächtig bleibt –uns besinnen, dass dieser Ausdruck der Freiheit Voraussetzungen hat in denjenigen, die wir als Repräsentanten der Freiheit definieren. Wir können über das Parlament nicht den Schleier des Nichtwissens halten; das gibt es nicht, jeder hat seine Interessen und seine Anliegen. Aber wir können die ethischen Prinzipien erörtern, immer wieder einfordern, beharrlich zum Gegenstand der politischen Debatte machen, damit diese Maßstäblichkeit sich wieder ereignet.

Fünftes Prinzip: Wir brauchen eine Kultur des Maßes.

Da wird dann oft gesagt, das Steuerrecht ist nicht geeignet, um die Verhältnismäßigkeit und das Gleichmaß anzuwenden, es heißt ja immer, Mittel zum Zweck muss angemessen sein, weil der Zweck der Steuer, die Stärkung des Staatshaushaltes, das Füllen des staatlichen Haushaltes ist. Und jede Steuer, auch die Kopfsteuer – jeder, der Millionär und der Habenichts, zahlen monatlich 500 Euro Kopfsteuer – oder die 100prozentige konfiskatorische Einkommensteuer, oder eine Steuer, sagen wir nach der Haarfarbe, jede törichte Steuer bringt dem Staat Geld, erfüllt den Zweck. Deswegen sagen manche, das Steuerrecht läuft in den herkömmlichen Prinzipien, Kultur des Maßes, leer. Das ist verkehrt. Wir müssen nicht fragen, ob eine Steuer Geld bringt, sondern ob die staatliche Teilhabe am Einkommen maßvoll und gleichmäßig ist. Ob die staatliche Teilhabe an der Erbschaft maßvoll und gleichmäßig ist. Ob die staatliche Belastung des Konsums, Umsatz, angemessen ist und verhältnismäßig ist. Wenn wir so konkret fragen, ist diese Kultur des Maßes sehr eindrucksvoll handhabbar.

Michelangelo wurde einmal gefragt, wie es ihm gelungen sei, aus dem Marmorblock diese wunderbare Figur des Davids, die Sie alle in Florenz gesehen haben, herauszuhauen. Und er hat geantwortet: Ich habe nur das Zuviel an Marmor weggenommen. Das ist unser Prinzip der Besteuerung: Wir nehmen denen mit den großen Einkommen nicht das Zuviel, aber das, was angemessen der Rechtsgemeinschaft gehört, weg. Und dann erstrahlt er im Licht der sichtbaren Kunst, er verbirgt sich nicht mehr hinter dem Marmor von Geschäftsgeheimnis und Steuergeheimnis, es ist alles transparent, sondern er sagt: Ich habe ein Viertel meines Einkommens real, unausweichlich für die Gemeinschaft gegeben, und deswegen bin ich ein stolzer und erfolgreicher Bürger, und Ihr habt Teil an meinem Erfolg. Und deswegen wird er nicht als David, aber als redlicher Bürger anerkannt. Das ist das Grundprinzip und das muss nicht theoretisch sein.

 

Nach diesem Gedanken mein dritter Punkt:

 

III.  Besteuern wir den Markterfolg!

Jeder, nicht der etwas hat, sondern der heute, in diesem Jahr wirtschaftlich erfolgreich war, muss einen Teil seines Erfolges abgeben. Wenn jemand Einkommen erzielt, sagen wir, das sei seine Leistung, Ergebnis seiner Leistung. Das ist richtig. Das ist sein Eigentum und deswegen ist sein Einkommen als Eigentum vom öffentlichen Recht, obwohl eine Forderung, geschützt. Aber es ist nicht nur seine Leistung, sondern das individuelle Einkommen ist auch die Leistung der Rechtsgemeinschaft, die ihm eine Infrastruktur anbietet, dass er dieses Einkommen erzielen kann.

Es ist ein Vorteil, dass jemand in Deutschland seinen Gewerbebetrieb in ein Friedensgebiet stellen kann und nicht im Kriegsgebiet wirtschaften muss. Das kostet aber Geld: für die Polizei, für die Bundeswehr, für eine kostspielige internationale Friedenspolitik.

Es ist ein Vorteil, wenn er seinen Vertrag nach unserem schönen BGB, einem der großartigsten Freiheitsinstrumente, die wir haben, abschließen kann, und mit Hilfe unbefangener staatlicher Gerichte Streit schlichten und seine Forderung durchsetzen kann.

Es ist ein Vorteil, wenn er in seinem Betrieb Menschen einstellen kann, die in unseren Schulen und Hochschulen gut qualifiziert sind.

Es ist ein Vorteil, wenn er auf Kunden trifft, die mit Kredit, mit Wechsel, mit Internet umgehen können.

Dann sagt diese Rechtsgemeinschaft, repräsentiert durch den Staat, wenn du diesen Vorzug benutzt hast, zu deinem persönlichen Erfolg, dann musst du einen maßvollen Teil dieses Erfolges zur Finanzierung dieses Systems abgeben. Und das ist überzeugend, und das können wir vermitteln: ethisch, moralisch, rechtlich. Und wenn wir es so haben und so einfach formuliert im Gesetzestext, dass es jeder versteht, dann ist derjenige, der den Erfolg bei uns sucht, aber sich dieser Besteuerung verweigert, kein ehrbarer Kaufmann, kein anständiger Bürger.

Nicht anders ist es bei der Umsatzsteuer: Wenn Sie Geld haben, und Sie wollen dieses Geld in ein Gut, in eine Dienstleistung tauschen, die Sie brauchen, dann sind die Schaufenster voll von Waren und die Handelshäuser offen. Sie können kaufen, was Sie wollen. Sie können Ihr Traumauto kaufen, und der Händler stellt es Ihnen vor die Haustür – Sie müssen es nur bezahlen. Ich habe mich mal in den 1990er-Jahren als Verfassungsrichter mit dem Steuerrecht der Staatshandelshäuser auseinandersetzen müssen: DDR, und all die Staaten in Mittel- und Osteuropa, wo der Staat der einzige Unternehmer war. Da war das ganz anders. Wenn Sie dort ein Auto kaufen wollten, konnten Sie es nicht kaufen, obwohl sie Geld hatten, denn sie brauchten dreierlei: Geld, Beziehungen und Geduld. Dann kriegten Sie nach zehn Jahren einen Trabi. Und deswegen, wer bei uns dieses System des freien Kaufens nach Belieben hat, der zahlt nicht hundert, sondern hundert plus neunzehn Prozent Umsatzsteuer und noch Verbrauchssteuer, damit dieses System funktioniert. Das ist deutlich einsichtig. Wir müssen nur diese Grundprinzipien klarmachen. Wir müssen diese Grundprinzipien insbesondere, Herr Küng, wenn wir von Weltethos sprechen, so deutlich machen. Wir sind auf dem Weg das zu tun, aber noch ganz am Anfang, damit diese Prinzipien im weltweiten Wirtschaften Gemeingut werden, damit wir definieren können, welcher Staat für welches wirtschaftliche Geschehen besteuerungsberechtigt ist. Der Einkommensbezieher arbeitet nicht mehr nur in Deutschland, sondern handelt in der Welt. Der Konsument kauft nicht nur in Deutschland, sondern fragt in allen Ländern dieser Erde nach. Der Erbe erbt nicht nur in Deutschland, sondern er hat in verschiedenen Ländern eine Erbschaft, die er jetzt für sich beansprucht und genießen will. Da gibt es Überschneidungen, Doppelbesteuerungen, oder Besteuerungslücken. Und deswegen brauchen wir hier im Weltsystem eine gemeinsame Perspektive, auf die wir uns verständigen können.

 

Mein vierter Punkt:

 

IV. Wenn wir dieses Recht so hätten, wie geht der Einzelne damit um?

Da hat sich im 19. Jh. ein erstaunlicher Bruch ereignet. Bis etwa Mitte des 19. Jh. haben die Menschen mit Boykott und Protest für das bessere Steuergesetz gekämpft. Noch die Frankfurter-Paulskirchen-Verfassung – die Beratungen wurden ausgelöst durch Steuerstreit, und als sie gescheitert waren, gab es wieder einen Steuerboykott. Seitdem – der Bürger ist selbstbewusster geworden, er ist stolzer geworden, er hat sich an den geschriebenen Text des Steuergesetzes gewöhnt – kämpfen die Menschen nicht mehr für ein besseres Gesetz, sondern sie schicken sich an, das Gesetz zu deuten und so umzudeuten, dass sie einen persönlichen Steuervorteil haben. Der Bürger ist nicht mehr so eingegliedert in diese Gemeinschaft, sondern er hat sein Anliegen: Er will wenig Steuern zahlen.

Und hier liegt das Kernproblem des modernen Steuerrechts. Das Steuerrecht stellt seinen Schlagbaum auf an der Autobahn, wo der Wirtschaftsverkehr stattfindet, der Bürger sucht die Nebenwege, um diesen Schlagbaum und damit die Maut zu vermeiden. Und Sie wissen, da gibt es eine ganze Industrie, eine Beratungsindustrie, eine Steuervermeidungskunde. Wer diesen Weg geht, der kümmert sich nicht um das immer schlechter werdende Gesetz, sondern arrangiert sich mit dem Gesetz zu seinem eigenen Vorteil.

Hier stehen wir an einer Fundamentalfrage von Ethos und Recht. Die Frage: Iustitia commutativa oder distributiva – was können wir durch Vertrag regeln oder was können wir nur durch Gesetz regeln, ist wieder hochaktuell.

Der faszinierende Gedanke des Vertrags besagt: Wenn zwei Menschen sich arrangieren können, sich über den Tausch verständigen in einem fairen Verfahren – jeder ist Herr in seiner Erklärung, Waffengleichheit von beiden Vertragspartnern – dann stellen sie allein, weil sie ein Einvernehmen erzielt haben – der eine gibt das Auto, der andere das Geld –Gerechtigkeit her. Die Rechtsordnung akzeptiert diesen Vertrag als gerecht.

Das Gesetz handelt ganz anders: das nimmt dem Steuerpflichtigen gegen seinen Willen Geld, gleichmäßig und verhältnismäßig, und verwendet es für die Allgemeinheit. Und das ist gerecht. Zwei große Gerechtigkeitsprinzipien. Deswegen muss das Steuerrecht mit dem Zivilrecht das Gespräch führen, über die Frage: Was kann der Vertrag leisten?

Da ist ein Steuerpflichtiger, der kauft eine Eigentumswohnung. Aber er schließt mit dem Verkäufer einen Vertrag, er kauft einen Grundstücksteil und verpflichtet den Verkäufer zugleich, auf diesem Grundstück eine Wohnung zu bauen. Dann möchte er Grunderwerbssteuer bezahlen, nur für das Grundstück, nicht für die Wohnung, das ist wesentlich billiger. Deswegen machen sie zwei Verträge. Und da sagt die Rechtsordnung: Nein, nein, das ist ein Vertrag. Ihr habt eine Eigentumswohnung verkauft und danach bemessen wir die Grunderwerbssteuer. Oder eine Firma in Deutschland – Mittelsteuerland, nicht Hochsteuerland – hat eine Tochter im Ausland, eine Basisgesellschaft, und verteilt jetzt ihren Gewinn, den sie in Deutschland erwirtschaftet hat, unter den Bedingungen unserer Infrastruktur, durch Konzernumlagen und Verrechnungspreise auf die Tochter. Das ist kein Problem, weil sie ja hundert Prozent beteiligt ist, also die sind sich immer im Konsens einig. Die einzige Funktion dieses Vertrages ist, Steuern zu sparen.

Oder die Mutter hat wieder eine hundertprozentige Tochter, sagen wir in Holland, sie gibt ihr geistiges Eigentum an die Tochter: ihr Logo, ihre Patente, ihre Warenzeichen. Dadurch mindert sie im Inland den Gewinn, weil sie das bezahlen muss, wenn sie das nutzt. An die Tochter zahlt sie, sagen wir zehn Millionen, an die Tochter im Ausland. Dann müsste zwar die Tochter Lizenzgebühren, Steuer im Ausland, bezahlen, aber in Holland sind die Lizenzgebühren steuerfrei. Und dann schüttet sie den Gewinn nach Deutschland aus, und Deutschland unterstellt, dass ein ausgeschütteter Gewinn schon besteuert ist, der ist auch frei.

Sie haben einen Vertrag, der die Steuerfreiheit garantiert. Und da stellt sich nun die Frage: Kann das der zivilrechtliche Vertrag? Die Steuer wird durch Gesetz festgelegt, sie ist unverfügbar. Darüber können die Steuerpflichtigen nicht disponieren. Und dieser Vertrag hat nur eine Funktion: Er will über die Höhe der Steuer disponieren. Der Bundesgerichtshof ist dort auf einem guten Weg. Bei Scheidungsvereinbarungen, die nur eine Funktion haben, den einen der Beteiligten so arm zu machen, dass er Sozialhilfeempfänger wird, also der Sozialstaat zu der Verteilungsmasse etwas hinzugibt, anerkennt er diesen Vertrag nicht. Oder jüngst die Rechtsprechung zur Schwarzarbeit. Wenn der Schwarzarbeiter mit dem Besteller einen Vertrag macht ohne Rechnung, also um Steuern und Sozialbeiträge zu hinterziehen, dann anerkennt der BGH diesen Vertrag nicht, gibt sogar, wenn der Handwerker die Leistung erbracht hat, ihm keinen Bereicherungsanspruch. Weil dieser Vertrag, das was er leisten soll, die Steuerkürzung, nicht leisten kann.

Natürlich ist die freiheitliche Gestaltung des Wirtschaftslebens Voraussetzung der Besteuerung. Ob der Steuerpflichtige investiert, ob er eine Firma gründet, ob er eine Ehe gründet, das ist alles erheblich, das ist seine freie Entscheidung. Und wie er sich entschieden hat, ist die Vorgabe des Steuerrechts.

Nur darf er den Ehevertrag nicht darstellen als Arbeitsvertrag.

Er darf die Investition im Privaten nicht als betrieblichen Aufwand bemänteln.

Er darf den Inlandsgewinn nicht als Niedrigsteuerlands-Auslandsgewinn darstellen.

Er darf den Gewinn von heute nicht zeitlich in die Zukunft verschieben, um heute Liquidität zu haben.

Ich meine, wir werden uns in dieser ganz fundamentalen Frage: Wie gehen wir mit dem Steuergesetz um? neu orientieren müssen. Das beginnt bei der Gesetzgebung, die auch keine Sorge haben muss vor einer Generalklausel. Wenn sie es spezifischer und prägnanter regeln, desto einfacher ist das Ausweichen selbstverständlich. Und die Beratungsindustrie ist von einer bemerkenswerten, bewundernswerten Phantasie. Der Gesetzgeber mit seinen schwerfälligen Verfahren ist immer langsamer als die Beratungsindustrie. Wenn Sie dort im Punktuellen korrigieren, haben die schon etwas Neues ausgedacht. Und das ist die Frage, wo unsere fünf Grundprinzipien – vor allem die Freiheit und Gleichheit, die ich eingangs erwähnt habe – uns fundamental beunruhigen müssen, ob diese Entwicklung, die wir so alltäglich betreiben und wie selbstverständlich handhaben, die richtige ist.

 

V.   Zum Schluss ein kurzes Wort zur gegenwärtigen Steuer:

Die Prinzipien unserer Besteuerung – des Einkommens, des Umsatzes, der Erbschaft – sind gerecht. Keine Frage. Die Ausgestaltung in den einzelnen Gesetzen ist grob ungerecht. Wir können durch Lektüre des Gesetzes nicht mehr verstehen, was der Gesetzgeber von uns will. Wenn Sie sich heute Abend einmal ärgern wollen, nehmen Sie sich einen Text eines Einkommenssteuergesetzes vor, lesen Sie den und prüfen Sie, ob Sie wissen, was Sie zu bezahlen haben. Sie werden scheitern. Spätestens beim Paragraph 2, Absatz 3. Weiter kommen Sie nicht, dann geben Sie es auf.

Wir haben jetzt sogar das Phänomen, dass, wenn ein Gesetz in seiner Änderung verkündet worden ist, die Beteiligten sagen: Wir vollziehen es noch nicht, wir verstehen es sowieso nicht, wir warten erst auf die DATEV, eine Genossenschaft, die das Computerprogramm macht, und wenn die DATEV mit der Finanzverwaltung vereinbart hat, nach welchem Computerprogramm wir besteuern, dann vollziehen wir das Gesetz. In unserer Verfassung steht die staatliche Belastung des freien Bürgers unter Gesetzesvorbehalt, nicht unter Computervorbehalt.

Und dann wird, fast immer, eine Steueränderung am 31.12. im Bundesgesetzblatt verkündet: „Inkrafttreten: 1.1.”! Der Gesetzgeber unterstellt, wir läsen an Silvester Bundesgesetzblatt. Das ist ein Irrtum! Und meine Damen und Herren, es wird ein Irrtum bleiben! So lassen wir uns nicht verformen, nicht? Was man kurz nach Weihnachten erkennt, kann man auch schon im September erkennen.

Ich darf mal, Magnifizenz, an Ihrer Universität an Günter Dürig erinnern, der in der Festschrift zum 500jährigen Bestehen der Juristenfakultät „Summum ius summa iniuria” geschrieben hat: „Hören wir auf die Feinsinnigkeit unserer Rechtssprache: die spricht von Vor-Schrift, Voraus-Schrift …” Es muss lange zuvor geschrieben sein, bevor es vollzogen wird. Sie spricht vom „Vor-Behalt des Gesetzes bei Eingriffen …” – im Vor-Hinein muss der Gesetzgeber gesagt haben, was ich zu tun und zu lassen habe. Sie spricht vom „Vor-Rang des Gesetzes”: das meint natürlich die Hierarchie, das meint aber auch die Vor-Herigkeit des Grundgesetzes, aus dem dann dem Grundgesetz konforme Gesetze erfolgen. Es darf keine Rückwirkung geben – die Planbarkeit des Gesetzes, die Sicherheit im Recht ist die Bedingung des ganzen Systems.

Wir müssen dann das Steuerrecht so einfach machen. Ich sag nur mal ein Beispiel: Wenn wir im Einkommenssteuerrecht sieben Einkunftsarten haben (u.a. aus Forstwirtschaft, aus Gewerbebetrieb, aus freiberuflicher Tätigkeit, als Arbeitnehmer usw.), dann sind diese Unterscheidungen in der Rechtsfolge sehr erheblich. Also der Gewerbetreibende zahlt auf dieselben verdienten tausend Euro ganz andere Beträge als der Freiberufler und der Arbeitnehmer. Aber Euro ist gleich Euro. Die Leistungsfähigkeit gemessen in Euro ist gleich. Und deswegen könnten wir auf sieben Steuerarten verzichten, wir haben nur eine. Fundamentale Vereinfachung! Die Einsichtigkeit des Rechts ist besser, und die Gerechtigkeit, die Gleichheit. Wir haben eine fundamentale Unterscheidung zwischen Einkommenssteuer, Besteuerung der Person und der Personengesellschaft und Körperschaftssteuer, Besteuerung der Kapitalgesellschaften. Dazwischen sind Riesenunterschiede! Warum? Wenn die eine Gesellschaft einen Gewinn macht von tausend Euro und die andere auch, ist die Leistungsfähigkeit gleich. Sollten wir gleich besteuern. Und deswegen sagen wir in unserem Reformvorschlag in Heidelberg: Wir integrieren die Körperschaftssteuer in die Einkommenssteuer, indem wir jede Erwerbsgemeinschaft zu einem Rechtssubjekt verselbständigen: Die BGB-Gesellschaft, wo zwei Brüder ein Taxi fahren, der eine tags, der andere nachts, versteuern ihren Gewinn genauso wie die anonyme Kapitalgesellschaft – da muss man natürlich die Durchlässigkeit regeln, aber das ist kein Problem. Und dann haben wir nur noch ein Steuergesetz. Und das garantiert die Gleichheit. Es ist einfacher geworden, verständlicher geworden und gerechter geworden.

Dann nehmen wir alle Lenkungstatbestände. Der Gesetzgeber hat entdeckt: Man kann mit Steuern steuern: Der Mensch ist käuflich. Das sage ich nur schwer, aber die Erfahrung mit dem Steuerrecht ist so. Ich halte ihm einen Geldschein vor die Nase und verlocke ihn dahin, wohin er sonst in Freiheit nie gehen würde. Denken Sie an das Drama der Schrottimmobilie. Da hat man junge Menschen durch Steueranreiz veranlasst, Eigentumswohnungen zu kaufen, oft auf kontaminierten Grundstücken, Schrott. Man hat ihnen erzählt – in einem Fall, den der BGH entschieden hat: Da hat eine junge Friseuse für 290.000 Euro eine Immobilie gekauft und der Anlageberater hat ihr gesagt, sie bekäme 260.000 Euro vom Steuerstaat durch Steuerersparnis zurück. Das ist eine kühne These. Die Friseuse verdiente 1200 Euro im Monat, sie zahlte überhaupt keine Einkommenssteuer. Und wenn ich Null Steuern zahle, ist es mit der Steuerersparnis nicht mehr so weit her. Aber sie hat dem Berater geglaubt, sie hat gekauft. Die Wohnung ließ sich nicht vermieten, also auch nicht veräußern, sie stand vor der Realität ihrer Schulden – das Steuermodell klappt nur kreditfinanziert – und vor ihrem verbrannten Kapital. Sie war eine brave Frau. Sie hat, soweit sie das konnte, von ihrem Einkommen die Zinsen gezahlt. Aber die reichten nicht. Um den Zinseszins zu vermeiden, dann kommt die Unbarmherzigkeit des Zinseszinses: Sie zahlt und die Gesamtschuld wird höher. Ergebnis: Verzweiflungstat.

Meine Damen und Herren: Da können wir nicht mehr sagen: Augen auf oder Beutel auf, und jeder ist seines Glückes Schmied. Sondern da müssen wir fragen: Darf diese Rechtsgemeinschaft die jungen Menschen in ihrer ökonomischen Unerfahrenheit durch die Verlockung der Lenkungssteuer ins Unglück stürzen? Und die Frage ist die Antwort. Darüber müssen wir debattieren. Und nicht über die Frage, ob das Kilometergeld 20 oder 21 Cent beträgt.

Es gibt, Stand Freitag letzter Woche, 564 Lenkungsausnahme-Privilegien-Tatbestände. Nähmen wir die alle aus dem Einkommenssteuerrecht heraus, hätten wir erheblich höhere Einnahmen. Dann erhöhen wir die Grundfreibeträge, senken die Steuersätze, geben alle Mehreinnahmen aufkommensneutral an die Allgemeinheit der Steuerpflichtigen zurück, und dann kommen wir aus mit Steuersätzen von 15 % bis 25 %. Und der Staat ist finanziert. Und wir wissen wieder im Steuerrecht, was sich gehört. Und das ist das Entscheidende. In allen Lebensbereichen gibt es eine bestimmte gute Gewohnheit. Ein Grundverständnis des Ethischen. – Wir wissen, was sich gehört.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss. Ich habe eben, als ich hier saß, das schöne Symbol von dem Baum gesehen, bei dem die Wurzeln sichtbar sind . Ich glaube, in diesem Bild – wenn ich da mal eine Anlehnung machen darf, Sie haben es sicherlich viel schöner und besser interpretiert, aber es passt so gut auf das Steuerrecht –, da ist das angelegt, was unser Thema heute ausmacht: Die Wurzeln sind hier sichtbar, normalerweise unsichtbar, sind nirgendwo geschrieben: Es ist die Ethik, es ist die Religion, es ist die Aufklärung, es sind die sozialen Bewegungen des 19. Jhs., die diesen Verfassungsbaum des Rechts tragen und mit Kraft versorgen. Und dann wird der Stamm sichtbar. Unverrückbar. Der Stamm weithin in der Landschaft sichtbar: Freiheit, Gleichheit, Sicherheit, Legitimation, Kultur des Maßes. Und aus diesem Stamm erwachsen Gesetze, die bewegen sich in den Stürmen der Zeit, mal nach rechts und mal nach links, mal das Steuerrecht, das Arbeitsrecht, das Strafrecht. Das Gesamtbild des Baumes wird geprägt durch die Blätter. Und die Blätter haben die Besonderheit: sie fallen im Herbst ab. Gehen substantiell verloren. Aber wir hoffen, im Frühjahr ist die Substanz wieder da und gibt dem Baum dasselbe Bild. Und das ist das Geld. Wir haben es im Oktober ausgegeben, aber wir hoffen, es sei im Frühjahr wieder da. Bei allem, bis zu den Blättern, ist die Voraussetzung, dass die Wurzeln das Wasser spenden, die dem Baum sein Leben geben. Das Ethos gibt dem Recht sein Leben. Hegen und pflegen wir die Wurzeln! Schönen Dank. 

» Rede Kirchhof deutsch

10. Weltethos-Rede am 18. April 2012
Claus Dierksmeier, Direktor des Weltethos-Instituts Tübingen
Wie sollen wir wirtschaften? Weltethos im Zeichen der Globalität"

Dierksmeier-21010. Weltethos-Rede am 18. April 2012
Claus Dierskmeier, Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen
Im Anschluss an seine Rede führte Claus Dierksmeier einen Dialog mit Professor Küng.
 
„Wie sollen wir wirtschaften? Weltethos im Zeichen der Globalität"
 
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Rektor, sehr verehrte Damen und Herren, 
 
ich danke für die Ehre, zu Ihnen heute Abend sprechen zu dürfen und insbesondere Herrn Küng für die freundliche Vorstellung meiner Person. Ihre Worte, lieber Herr Küng, verpflichten mich – ebenso wie die Würde unserer Aufgaben am Weltethos-Institut, zu deren Relevanz und Zielrichtung ich heute Abend einige Überlegungen vortragen möchte. 
  
So wie ohne die geistige Führung von Professor Küng unser Institut undenkbar wäre, so auch ohne die materielle Förderung durch Herrn Schlecht. Daher gilt unser Dank ganz besonders Ihnen, lieber Herr Schlecht, als über alle Maßen großzügigem Spender und großherzigem Förderer. 
  
In diesem Bunde der Dritte ist die Universität Tübingen, ohne deren organisatorisch-institutionelle Unterstützung unser Projekt ebenfalls nicht realisierbar wäre. Nehmen daher auch bitte Sie, lieber Herr Engler, stellvertretend für die Universität insgesamt, meinen und unseren Dank entgegen. 
   
Im Kern geht es in den nächsten 45 Minuten um folgenden Gedanken: 
  
Die globalen Probleme der Menschheit erfordern zu ihrer Lösung einen globalen Konsens, wie wir miteinander und mit unserer Lebenswelt umgehen sollen; dabei hängt viel davon ab, wie wir mit unserer wirtschaftlichen Freiheit umgehen bzw. ob wir sie im Interesse aller Weltbürger gebrauchen. Dieses Thema werde ich anhand dreier Stichworte näher ausführen: Globalität, qualitative Freiheit und Wirtschaftsethik. Ich beginne mit Stichwort 1 …
  
Stichwort: Globalität
  
Mit atemberaubender Geschwindigkeit verändert der globale Verkehr von Gütern und Menschen das Antlitz der Erde. Neben Stammesfürsten und Staatsregierungen, Nischenkulturen und Nationalstaaten, Kommunen und Clans, Scheichtümern und Sippenverbänden betreten immer mehr und neuartige Akteure die Weltbühne: Medien und Milizen, Private und Piraten, Kolosse der Wirtschaft und Giganten der Wissenschaft, soziale Netzwerke wie zivilgesellschaftliche Bewegungen mischen im Handeln und Wandel der Welt mit. Statt ortsgebunden operierend, allerorten agierend, verflechten sich die Handlungsstränge dieser neuen Akteure zu einem zunehmend schwieriger durchschaubaren Gewebe. Die veränderliche Statik einstmals stabiler Mächte wird hineingerissen in eine unabänderliche Dynamik fluktuierender Kräfte. Konstruktionen weichen Konstellationen, biologische Systeme verschwinden, Gebräuche vergehen, politische Ordnungen zerfallen, Sprachen sterben aus, und etliche traditionelle Werte wie Ideale leiden an Schwindsucht. An ihrer statt, von exponentiell anwachsendem Informationsaustausch vorangepeitscht, nisten sich rasant neuartige Konventionen ein. Ausgefallene Lebensstile und Idole gelangen in kürzester Zeit aus den verstecktesten Winkeln des Planeten sowie des Cyberspace ins globale Bewusstsein. Wenig bleibt privat, fast nichts ist nur mehr lokal; die neuen Kommunikationsmedien ebnen physische Distanzen zusehends ein. 
  
Obschon es kulturübergreifenden Güter- und Informationsaustausch seit jeher gibt, unterscheidet sich unsere Zeit drastisch von vorigen Epochen. Wir leben in einer Welt, die sich nicht mehr nur schrittweise globalisiert, sondern bereits kosmopolitisch ist, insofern als wir private Aktivitäten, lokales Wirtschaften und nationale Politik mehr und mehr auf ihre weltweite Aufnahme hin entwerfen. Ungefragt werden unsere Interessen mit den Belangen anderer Menschen und Staaten verschweißt. Die inneren Angelegenheiten entfernter Länder avancieren zu Belangen der nationalen Sicherheit. Und die Krisen der Global Commons (die Überfischung der Meere, die Erwärmung des Klimas, der Verbrauch fossiler Energien, etc.) verwandeln, was bisher AusLand war zur Um-Welt bzw. die Außenpolitik von gestern zur Weltinnenpolitik von heute. So hat Geschichte uns alle zu Kosmopoliten gemacht. 
  
Die wahre Chiffre dieser interdependenten Wirklichkeit ist daher nicht Globalisierung, sondern Globalität. Ob anhand globaler Epidemien oder angesichts der Epilepsien des Weltmarktes – wir lernen gezwungenermaßen, dass unsere Aktionen so unabsehbare wie unbeabsichtigte Fernwirkungen zeitigen. Zwar können einzelne Prozesse der Globalisierung noch entschleunigt, aufgehalten, manche sogar rückgängig gemacht werden; nicht aber der generelle Trend. Die Weite und Tiefe der bereits manifestierten Globalisierung drängt uns jetzt schon ein Denken in Kategorien von Globalität auf: ein Rechnen in planetarischen Maßstäben, das Abwägen langkettiger Handlungsfolgen, ein Antizipieren weltweiter Entwicklungen. 
  
Wo aber die nachmalige Bedeutung unserer Aktivitäten unsere vormaligen Absichten überragt, gilt: Was wir dem Planeten jetzt als Hinterlassenschaft einschreiben, mag zwar erst später vollständig zu entziffern sein, die Verantwortung für unsere Botschaft an die kommenden Generationen obliegt indes der Gegenwart. Während in der Vergangenheit lediglich moralische Idealisten dazu aufriefen, nach streng universalisierbaren Maximen bzw. so zu handeln, als ob wir „der ganzen Welt“ Rechenschaft schuldeten, erkennen derweil auch selbstberühmende Realisten genau dies als Zeichen der Zeit: dass unser aufgeklärtes Selbstinteresse zusehends mit den Geboten eines moralischen Universalismus zusammenfällt und sich idealistische Ethik zunehmend als realistische Methodik erweist. Die Ausdehnung unserer Verantwortung ins Planetarische wie Futurische: sie drängt sich uns immer mehr als Imperativ der Nachhaltigkeit auf. Alle kürzer greifenden und kurzfristigeren Metriken erweisen sich ja permanent als zu kurzsichtige Methodiken. Ob wir zukünftige Globalisierungsschübe also verlangsamen oder aufhalten, – was bleibt, ist jener fundamentale Wechsel des Paradigmas: weg von lokal begrenzter ökonomischer wie politischer Buchführung und hin zur Perspektive der Globalität. 
  
Insbesondere in Krisenzeiten wird der globale Nexus augenfällig. Nicht mehr nur linksautonome Kritiker, auch Stimmen aus der politischen Mitte beklagen immer lauter, wie gesinnungslose Finanzpiraten im Ozean der Weltwirtschaft Raubbeuterei betreiben. Immer mehr Menschen erkennen: Mit nationalem Recht und lokaler Polizei lassen sich weder die Weltmeere noch die Hohe See des Investment Bankings befrieden. Ganz offenbar handelte es sich beim letzten ökonomischen Crash um keine zufällige, sondern systemische Krise. Daher erfolgte der Ruf nach systematischer Reform zu Recht. Ihre gemeinsamen Probleme lassen die Menschheit nach gemeinschaftlichen Lösungen suchen. Solche Lösungen verlangen indes oft nach globalen Institutionen, welche ihrerseits nur effizient arbeiten, wenn sie auf geteilten Zielvorstellungen aufruhen. Wo es hingegen an vereinigenden Werten mangelt, dort lahmt das vereinte Wirken. 
  
Viele kosmopolitische Unterfangen werden derzeit von dem Verdacht behindert, sie bedienten lediglich Klientelinteressen und westliche Werte. Nicht alles schließlich, was seit 1990 seitens des „Washington Consensus“ als Liberalisierung vermarktet wurde, wirkte wahrhaft befreiend. Den Entwickungsländern nötigte eine unheilige Allianz aus World Trade Organization, International Monetary Fund und Wall Street massive Deregulierungen wie Privatisierungen auf. Diese Maßnahmen führten jedoch bisweilen eher zur wirtschaftlichen Versklavung als Emanzipation der sogenannten dritten Welt. Weil die Minderbemittelten sich durch die Betuchten übervorteilt sahen, beäugten sie fortan alle Bemühungen um global governance mit Argwohn. Kurz: Wo die Globalisierung die reichen Zentren hoffierte, revoltiert nun die verarmte Peripherie gegen die Globalität. 
  
Mit einem Rückzug ins Regionale ist jedoch niemandem geholfen; auch und gerade kleine Ordnungen hängen von großen Kontexten ab. Sofern unreguliert, unterminiert das Globale auch das Regionale – und liefert jeglichen Ausdruck örtlicher Kulturen dem Pressdruck ökonomischer Kräfte aus. Sofern ungezügelt, ist es nur eine Frage der Zeit, wann die ungeheure finanzielle wie logistische Macht der Globalwirtschaft die letzten Reste örtlicher Eigenständigkeit vom Erdboden fegt. Was über Jahrhunderte in mühevoller Kulturarbeit erwuchs, verfiele so der von der Weltfinanz kreierten Furie des Verschwindens. Genau das haben uns ja die jüngsten Krisen ins Bewusstsein massiert. Die Flucht in die Vergangenheit, in Idyllen lokaler Selbstgenügsamkeit, ist verstellt. 
  
Wo immer Menschen aufeinander einwirken, drohen Konflikte, die eines Schlichters bedürfen. Nur bei Strafe endlosen Zwists kann jedermann Richter in eigener Sache sein. Nur bei größter Gefahr für Um- und Mitwelt können wir uns unkoordiniert entfalten. Nur um den Preis tiefsten allseitigen Misstrauens können wir uns jeglicher Bindungen entschlagen und alle übergreifenden Ordnungsparameter verweigern. Es gilt daher, faire sowie nachhaltige Strukturen für das wirtschaftliche Weben und politische Streben der Menschen aufzubauen. Doch müssen wir jene Strukturen eben auch – je nach Kontext und Kultur verschieden – intern ausbauen. Weil das Recht oftmals zu kurz greift und die Wirklichkeit vielfach zu grob anpackt, muss moralischer Drang den juristischen Zwang unterstützen, d.h. legitimieren, sowie ergänzen, d.h. differenzieren. Mit Gesetzen allein lässt sich die Sache nicht richten. Eine erzwunge Weltmonokultur, die mit uniformen Verfahren aller Diversität Gewalt antut, wäre kein Gewinn. Der ökonomischen Globalisierung hat folglich nicht nur eine politisch-rechtliche, sondern auch eine ethische zu folgen. Zug um Zug mit den Auswirkungen unseres Handelns muss sich auch unsere Verantwortung erweitern. Was alle angeht, muss auch von allen bzw. im Sinne aller angegangen werden. Unser Denken bedarf daher heute mehr denn je eines moralischen Kompasses für weltethische Fragen. 
  
Jedoch des einen Gott ist des anderen Götze; die Wahrheit von hüben gleicht drüben der Häresie. Je stäker also der kulturelle Austausch und je schneller der soziale Wandel, desto schärfer stellt sich das Problem: Regionale Bräuche, tradierte Religionen und die Konventionen der Vergangenheit werden nicht mehr allüberall fraglos gewürdigt; an ihre Stelle treten neue, andere Werte – bisweilen auch gar keine. Jeder Globalisierungsschub engt die Reichweite hergebrachter Ethiken ein. Und weil jeder gegen Normen andenkt und anrennt, deren Begründung er nicht akzeptiert, geht unserer Lebenswelt also mit jedem Zuwachs an Pluralität zunächst einmal ein Stückchen gemeinsamer Ordnung verloren. Damit nun aus der wachsenden Differenz einzelner Normen nicht eine zunehmende Indifferenz gegenüber allen Werten resultiert, müssen wir dringend klären, im Namen welcher ethischen Ziele fernerhin zu operieren ist. 
  
Gespeist aus den Traditionen aller Weltkulturen müssen wir Prinzipien finden, die nicht nur für hergebrachte, sondern auch für gänzlich neuartige Probleme Lösungskraft entfalten. Um unser globales Handeln sowohl zu motivieren wie zu legitimieren, bedarf es einer Ethik, die das Vergangene für die Gegenwart aufschließt, anstatt sich im Blick auf Bisheriges dem Zukünftigen zu versperren. Wir benötigen zudem eine Ethik, die angesichts der faktischen Divergenz der auf dem Erdenrund vertretenen Normen weder kapituliert, noch dieselbe schlicht nivelliert. Im Zeitalter der Nachmoderne ist diese Ethik, so werde ich argumentieren, im Ausgang von einer qualitativ am Gedanken des Weltethos ausgerichteten Idee der Freiheit zu suchen. 
  
Stichwort 2: Qualitative Freiheit
  
Im Reigen aller Werte kommt der Freiheit eine Sonderrolle zu. Zwar gibt es Kulturen, die sich ihrem expliziten Selbstverständnis nach nicht auf die Idee der Freiheit stützen. Doch als Selbstbestimmung nehmen Freiheit implizit alle in Anspruch; sogar und gerade dann, wenn sie Freizügigkeit in der eigenen Lebensführung ablehnen. Jegliche, nicht zuletzt die fundamentalistische Wertbindung wird widersinnig, falls erzwungen. Auch jene, die sich gänzlich illiberalen Lebensmodellen verschreiben, möchten dies autonom tun. Sie haben also keinen (guten) Grund, ebensolche Autonomie anderen zu versagen. Weil nun aber Freiheit individuell nicht konsistent abzustreiten ist, muss sie anderen konsequent zugestanden und allen kohärent ermöglicht werden. Denn das anzuerkennen, was man selbst in Anspruch nimmt, und gelten zu lassen, wogegen keine guten Gründe sprechen, gebietet schlichtweg die Vernunft. Darin – in dieser sich indirekt selbstbegründenden Struktur – ist die Idee der Freiheit einzigartig und empfiehlt sich zum Aufarbeiten kulturübergreifender Wertfragen. 
  
Die Freiheit der anderen ist also nicht nur die Grenze der unsrigen, sondern auch ihr Ziel. Freiheit ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben. Sie ruft zur Befreiung. Sowohl nach innen: zur Emanzipation unserer selbst, wie nach außen: zur Freisetzung aller anderen. Weil weder Markt noch Natur sicherstellen, dass alle über die Vorbedingungen autonomen Lebens verfügen, müssen das Fordern individueller Freiheit und das Fördern ihrer generellen Voraussetzungen Hand in Hand gehen. Da Freiheit uns zusteht, insofern sie allen zukommt, ist zu folgern: Solange auch nur ein einziger Mensch sich in Unfreiheit befindet, bleibt die Freiheit aller anderen unvollkommen. Freiheit ist also per se keine lokale oder nationale, sondern eine globale, keine irgendwen ausgrenzende, sondern eine alle einbeziehende Idee. Auch deshalb eignet sie sich für das Projekt Weltethos. 
  
Dennoch steht es schlecht um das globale Image der Freiheit. Etliche, die man auf das Rad der ökonomischen Liberalisierung spannte, lasten die dabei erlittenen Verrenkungen dem Freiheitsgedanken selbst (und nicht nur seiner libertären Verzerrung) an. Zudem haben Ausfälle gegen das internationale Rechtsgefüge (seitens der USA zynischer - oder dummerweise im Namen von „liberty“ durchgeführt) der Freiheitsidee massiv geschadet. Weithin schreibt man nun der offenen Gesellschaft inhärente Strukturfehler zu, begreift die Marktwirtschaft erneut als instabil und die Demokratie wiederum als labil. Weil unter dem Banner des Universalismus unehrenhaft gekämpft wurde, verbrennen heute viele die Fahnen des Kosmopolitismus. Weil die Ideen des Menschenrechts und der Freiheit einseitig verfochten wurden, werden sie nun von vielen Seiten angefochten. 
  
Dabei hatte zeitweilig die Idee der Freiheit doch so gut im Rennen gelegen! Ihr schnittiger Siegeswagen, vom Sprit entregelter Wirtschaften auf Hochtouren gejagt, schien geradezu schwerelos über kulturelle Bürden, hierarchische Barrieren, ökologische Probleme und religiöse Empfindsamkeiten hinwegzugleiten. Doch just auf der imaginativen Zielgeraden zur staatsfreien Globalgesellschaft verlor der Bolide die Bodenhaftung, geriet auf dem von der Spekulativfinanz reichlich ausgestreuten Sand des Eigennutzes ins Schlittern und sauste vor die harte Wand der Wirklichkeit. Nun, da der Karren zu Schrott gefahren ist, will es natürlich keiner gewesen sein. Plötzlich erinnert man sich landauf und landab der Einsicht des klassischen Liberalismus, dass das eigennützige Rasen Einzelner von einer Grundsicherung für alle abgebremst und von sittlichen Regeln für jedermann eingerahmt werden muss. 
  
Diese Einsicht ist vortrefflich – vor allem als Schuldeingeständnis derer, die dies vorsätzlich „vergaßen“ –, reicht aber nicht hin, um das Gefährt der Freiheit wieder flottzumachen. Der Crash war ja kein Zufall, sondern der Tatsache geschuldet, dass der Flitzer von Fahrern gesteuert wurde, die alle Seitenblicke auf die ökologischen, sozialen und ethischen Leitplanken der ökonomischen Fahrstrecke als überflüssig erachteten. Um den Wagen der Freiheit wieder ins Rollen zu bringen, muss daher vor allen Dingen diese Unfallursache – der quantitativ verengte Tunnelblick – behoben werden. Ansonsten sind zukünftige Unfälle bereits vorprogrammiert. 
  
Bei der Diagnose hilft die Linse der Globalität. Sie verdeutlicht: Eine Freiheit, die eifersüchtig darüber wacht, nirgends und niemals beschränkt zu werden, die sich nicht emanzipativ anderen mitteilt, sondern geizig das Ihre einzäunt und um das Wohl und Wehe der Mitmenschen nicht schert, eine solche Freiheit gehört der Vergangenheit an. Die Geschichte hat diese quantitative Freiheit überlebt; eine Freiheit also, die sich rein auf das Abzählen bzw. Vermehren von Optionen kapriziert; die nur nach der Maßgabe „je mehr, desto besser“ kalkuliert und in sozialer Mitbestimmung, moralischer Rücksichtnahme, ja, selbst in ökologischer Nachhaltigkeit nichts als ein Minus an Freiheitlichkeit erblickt. Globalität macht dieser alles verrechnenden, jeden verzweckenden und jegliches verbrauchenden Freiheitsidee zusehends den Garaus. 
  
Doch – warum auch sollte man Freiheit allein mengenmäßig bewerten? Warum das quantitative Maximieren dem qualitativen Optimieren unserer Wahlmöglichkeiten überordnen? Jedem leuchtet ein, dass eine kleine Anzahl guter Wahlmöglichkeiten einer Vielzahl scheußlicher Optionen vorzuziehen ist – und dass es nicht nur auf die Masse, sondern auch auf die Klasse unserer Möglichkeiten ankommt. Denken wir uns – um ein Beispiel des indischen Nobelpreisträgers Amartya Sen aufzugreifen – zwei Welten: Die eine offeriert eine bestimmte Zahl von Freiheiten samt der unschönen Option, an Malaria zu erkranken, während die andere, weil der Erreger ausgemerzt wurde, die gleiche Anzahl von Optionen bietet, indes samt der Freiheit, ohne Angst vor dieser Krankheit leben zu können. Quantitativ betrachtet, im Blick auf die bloße Anzahl vorgefundener Optionen gleichen sich die Szenarien. Qualitativ jedoch besteht ein himmelweiter Unterschied. Und nur indem wir uns auf diese Differenz besinnen, können wir sinnvolle von sinnloser Freiheit abgrenzen. 
  
Qualitativ gedachte Freiheit flirtet also erst gar nicht mit der Vorstellung unbegrenzter Freiräume. Sie weiß: Wer Freiheit will, begrenzt Freizügigkeit; gute Regeln belasten nicht, sie befreien. Fremdbestimmung kann Freiheit vernichten, nicht aber selbstauferlegte Grenzen. Selbstbeschränkung negiert nicht unsere Freiheit; sie realisiert sie. Zuerst kommt also nicht die Frage, wie viel, sondern welche Freiheiten? Das wahre Motto der Freiheit ist folglich nicht „je mehr, desto besser“, sondern, qualitativ gedacht, „je besser, desto mehr“. Je essentieller eine bestimmte Freiheit, umso stärker sollten wir sie – in Konkurrenz zu ihren Alternativen – fördern. Statt einer „Welt der unbegrenzten Möglichkeiten“, in der einige alles erwerben können, erstrebt qualitative Freiheit eine „Welt der begrenzten Unmöglichkeiten“, in der alle etliches zu erreichen vermögen. 
  
Während quantitative Freiheit einen Einheitsliberalismus vorsieht und der Welt die Maximierung privater Optionen vorschreibt, rät die Idee der qualitativen Freiheit zu Diversität. Sie ermuntert uns, unterschiedliche Formen des Miteinanders auszuprobieren, um die spannungsreichen Zielsetzungen der Individuen und Kulturen zu vermitteln (um Freiheit zu erhalten), zu koordinieren (um Freiheit zu gestalten) und persönliche Freiheit zur Befreiung anderer einzubringen (um Freiheit zu entfalten). Anstatt alle Fragen durch ein verrechnendes Abwiegen abstrakter Optionen zu entscheiden, empfiehlt qualitative Freiheit das kritische Abwägen konkreter Alternativen. Einfacher formuliert: Die Bürger sollen selbst die Freiheit definieren, die sie etablieren – und so von passiv Betroffenen zu aktiv Beteiligten werden. 
  
Die Konzeption qualitativer Freiheit vertraut mithin der Urteilskraft der Menschen. Letztere schwebt natürlich nicht wertfrei im luftleeren Raum, sondern ist immer schon geerdet – durch die das Leben seit jeher leitenden moralischen Grundnormen. Wer von uns wurde nicht als Kind gemahnt: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Diese Goldene Regel der Gegenseitigkeit, die wechselseitige Verantwortung, Solidarität, Fairness, Toleranz und Achtung einfordert, ist – wie die Publikationen von Hans Küng und Stephan Schlensog eindrücklich belegen – allen Weltreligionen gemein: dem Islam ebenso wie dem Christentum und Judentum, dem Hinduismus ebenso wie dem Buddhismus und Jainismus, dem Zoroastrismus ebenso wie dem Konfuzianismus und Taoismus. Aber wir finden sie auch in den weltlichen Rechtstexten verschiedenster Kulturen (in Ägypten und Rom etwa) sowie in säkular fundierten Philosophien, z.B. im weithin bekannten „kategorischen Imperativ“ Immanuel Kants: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Beziehungsweise: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ 
  
Das in diesen religiös wie philosophisch abgeleiteten Sätzen artikulierte Prinzip, Menschen menschlich zu behandeln, Subjekte also nicht zu Objekten herabzuwürdigen, ist der Menschheit über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg als evident erschienen. In diesem Gläubigen wie Nichtgläubigen gemeinsamen Brennpunkt sammeln sich die Strahlen des menschlichen Ethos. Das Weltethos muss also nicht eigens künstlich illuminiert werden; die Grundnorm, gegenüber der sich unsere Freiheit stets und überall zu verantworten hat, leuchtet von selbst. Im Weltethos spiegelt sich der Glanz aller kulturellen Traditionen der Menschheit: In der sinnenfälligen Vielheit ihrer kulturellen Formen reflektieren und verstärken diese vielmehr die geistige Einheit ihrer sittlichen Normen. 
  
Je stärker das humanitär Vereinigende, umso mehr kulturelle Besonderung können wir zulassen. Mehr noch: Durch das Weltethos können Personen unterschiedlichster Herkünfte geteilte Vorstellungen entwickeln und auf dieser Basis zielführend miteinander kooperieren. So balanciert die Ziehkraft des Weltethos die Fliehkraft der Freiheit aus. Das Weltethos verbindet; das Weltethos eint. 
  
Und darauf ist der Mensch als durch und durch relationales Lebewesen, das stets auf andere und anderes verwiesen ist, dringend angewiesen. Ohne soziale Mitwelt und gegen die natürliche Umwelt kann niemand frei sein. Ein auf einem unbewohnten Planeten ausgesetzter Mensch wird sich kaum als sonderlich frei erfahren, obschon er physisch ungehindert und sozialmoralisch unbeschränkt der Erfüllung seiner Vorlieben nachgehen kann. So radikal erfüllt entpuppt sich der Traum von quantitativ schrankenloser Freiheit als Alptraum. Individualität wird ja durch Kollektivität keinesfalls stets ruiniert, sondern vielmehr komplettiert. Nicht allein in exklusiver Privatheit, sondern gerade auch in der Inklusivität von Bindungen gedeiht Freiheit. Anstatt also die Gesellschaft streng zweckrational aus Kalkülen der Nutzenmaximierung abzuleiten, müssen wir beständig Acht haben: auf unseren Hang zu kulturellem Austausch, unverzweckter Kommunikation, spiritueller Kontemplation sowie sittlicher Vereinigung. Ohne symbolische Formen und ihre sittlichen Normen verkümmert der Mensch, und seine Freiheit verkommt. 
  
Wir sollten daher unsere Gesellschaft – aber auch die Weltgesellschaft – nicht als toten Nexus von wechselseitigen Versicherungsverträgen verstehen, sondern als allseitigen Emanzipationspakt; als ein Bündnis für das Leben, das weder die Sezession der Reichen, noch die Exklusion der Armen billigt, sondern für eine Welt streitet, in der jeder dazu beiträgt, dass alle zu einer würdevollen Existenz finden. 
  
Dabei ist natürlich zwischen Selbsthilfe und Fremdhilfe, zwischen Subsidiarität und Solidarität die gesunde Mitte zu finden. Wer allein auf Solidarität setzt, dem ufert sie schnell in den Paternalismus totaler Daseinsfürsorge aus. Umgekehrt macht bloße Subsidiarität die Lebenschancen der Armen vom Wohlwollen der Gebenden abhängig. Weder staatlicher Paternalismus, noch gönnerhafter Privatismus entspricht jedoch der Würde des Menschen. Der wahre Leitstern verantwortlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik ist daher subsidiäre Solidarität: eine zur Selbsthilfe befreiende Fremdhilfe. 
  
Aufgabe der Individuen ist es, sich aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu emanzipieren; Aufgabe der Gemeinschaft aber, sie aus unverschuldeten Abhängigkeiten zu befreien. So und nur so lässt sich das gleiche Recht aller Personen honorieren, sich durch eigenes Wirken und Werken ungleich zu machen. Daher ist nicht nur die soziale Einbettung und Abfederung des Marktes zu fordern, sondern – unter dieser (leider oft nur ungenügend erfüllten) Voraussetzung – auch dessen ungehindertes Walten. Qualitative Freiheit respektiert mithin die freie Verkehrswirtschaft als Ausdruck individueller Wertungen und Anstrengungen, sofern der Markt so geordnet ist, dass in ihm die Stimmen aller und nicht nur die Interessen einiger weniger zum Ausdruck kommen. Qualitative Freiheit ist also weder marktversessen, noch marktvergessen. 
  
In der Zusammenschau: Weil sie kein Produkt der Natur, sondern der Kultur ist, d.h. weil Freiheit allein in Gesellschaften heranwächst, nicht auf Bäumen, darum liegt sie nie fertig vor, sondern muss stets aufs Neue und durch sich selbst fortgebildet werden. Sowohl angesichts der räumlichen Globalität unserer Lebensverhältnisse, als auch im zeitübergreifenden Angesicht der Generationen, die nach uns kommen, sollten wir unsere Freiheit qualitativ an den Prinzipien des Weltethos ausrichten – sowohl in Rücksicht auf unsere Um- und Mitwelt wie auch in Vorsorge für unsere Nachwelt. Freiheit kann ihre eigenen Voraussetzungen dauerhaft nur erhalten, indem sie ökonomisch behutsam, kulturell rücksichtsvoll und ökologisch nachhaltig verfährt. 
  
Stichwort 3: Wirtschaftsethik
  
Markt, Macht und Moral; das sind die Schlüsselworte der Wirtschaftsethik. Wo sich Märkte und Mächte globalisieren, muss auch die Moral sich entgrenzen. Die Wirtschaftskrise von 2008/09 hat gezeigt, dass uns dies bisher noch nicht genügend gelang. Viele uns gestern noch angepriesene Rezepte hat die Krise als vorgestrig entwertet: weniger Staat, laisser faire, deregulieren, monetarisieren, incentivisieren – auch in der ökonomischen Zunft ziehen solche (von der Chicago School of Economics propagierten) Parolen immer weniger. Immer mehr erkennt man demgegenüber den Beitrag dieser (am quantitativen Freiheitsgedanken orientierten) Konzepte zu einem globalen race to the bottom – : 
  
Einige Firmen wandern an unterregulierte Standorte ab, wo sie aufgrund ethisch oder ökologisch anspruchsloser Vorgaben mit geringeren Kosten operieren; Wettbewerbsdruck veranlasst Konkurrenten nachzuziehen; daraufhin treten Länder in einen Negativwettbewerb um die niedrigsten Standards ein, um Kapital, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen zu erhalten. Eine Abwärtsspriale setzt ein, die im hypothetischen worst case scenario erst endet, wenn alle Gewinne privatisiert, sämtliche Kosten aber sozialisiert sind. So droht der Schneeball eindimensionalen Profitstrebens auf der schiefen Ebene einer unbalancierten Weltökonomie sich zu einer Lawine gemeingefährlichen Wirtschaftens auszuwachsen. 
  
Ähnlich führte in der Finanzindustrie der Verbund rechtlicher Deregulierung bzw. politischer Drangsalierung mit moralischer Derangierung zu sozialen Desastern. Insofern die Spekulanten nicht nur immense wirtschaftliche Werte, sondern auch das Vertrauenskapital einer Ökonomik verschleuderten, die immer und ewig auf Maximierung drängt, sägten sie an dem ideologischen Ast, auf dem sie allesamt sitzen. Zur Kenntlichkeit entstellt wurde so das Sinnen und Trachten etlicher Investoren, die gar nicht auf Wertschöpfung zielten, wohl aber Unheilstiftung tolerierten. Im Spiegel seiner katastrophalen Folgen wurde das quantitative Freiheitsverständnis seines Medusenhaupts gewahr und versteinerte: Wer mag heutzutage schon noch behaupten, am Wesen rein quantitativer Freiheit solle die Welt genesen? 
  
Während die Logik der Quantität uns auf naturwissenschaftlich-mathematische Erkenntnismittel festlegt, eröffnet der qualitative Zugang den Reichtum geistes- und kulturwissenschaftlicher Verfahren. Die Freiheitsdiskurse werden so vielstimmiger, unsere Analysen idealistischer, und damit geraten sie – weil der Mensch nunmal ein auch von Ideen und Idealen inspiriertes Wesen ist – realistischer. Die Ergänzung quantitativer durch qualitative Betrachtungsweisen führt in der Wirtschaftstheorie etwa zur Verabschiedung des sogenannten homo oeconomicus. Dieses nutzenmaximierende Fabelwesen stürzte vor allem die durch es selbst ermöglichte Quantifizierung bzw. Mathematisierung vom Sockel. Zur Revision des Bildes vom stets maximierenden, voll informierten und ewig präferenzstabilen Einzelgänger kam es, weil die auf seiner Basis berechneten Prognosen schlicht und einfach mit der Realität nicht übereinstimmten. Neuerdings werden seitens der neuroeconomics und der Sozialpsychologie, seitens der behavioral economics und der empirischen Spieltheorie, seitens der institutional economics und der Experimentalphilosophie dem ökonomischen Akteur wieder menschlichere Züge verliehen. Er erhält mehr soziale Kontakte und verfügt nun auch über die Fähigkeit, seine Präferenzen kritisch – nicht zuletzt: moralisch – zu evaluieren sowie zu modifizieren. 
  
Damit nähert sich die zeitgenössische Ökonomik einem Bild vom Menschen an, das in den Philosophien Chinas wie Indiens, Nordeuropas wie Südamerikas seit Jahrhunderten gang und gäbe ist und z.B. in Afrika, in Swahili, prägnant wie folgt ausgedrückt wird: mtu si kitu (der Mensch ist kein Ding), mtu ni watu (der Mensch ist Mensch durch andere) und mtu ni utu (Menschsein heißt Menschlichsein). 
  
Stritten namhafte Ökonomen bis vor wenigen Jahren kurzerhand jegliche soziale Verantwortung von Firmen ab, weil ihnen unklar war, wie eine Kohorte rationaler Nutzenmaximierer in strikter Konkurrenz mit anderen ebensolchen Zombies ethisch handeln könne, so stimmen just dieselben Professoren (wie Michael Jensen) heute lauthals den Abgesang an auf jenes innerlich vermurkste Theorem samt seiner äußerlich verkorksten Verhaltensprognosen. Nun erklingt allüberall ein Hohelied auf Personal Integrity und Corporate Social Responsibility. Fraglich ist auf einmal nicht mehr, ob überhaupt Menschen moralische Tendenzen und Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung hätten, sondern nur noch welche, und wie diese am besten wahrgenommen werde. Seit Firmen statt als Netzwerke aus selbstsüchtigen Robotern als Vereinigungen moralfähiger Personen begriffen werden, analysiert man mit Vorliebe Unternehmenskulturen, die moralisch und gewinnträchtig zugleich operieren. 
  
Somit lässt sich auch der statistische Zusammenhang von Ethik und Erfolg aufhellen: Weil Moral alle Vorlieben und Schachzüge der Individuen beeinflusst, so auch die ökonomischen. Moral wird wertgeschätzt und preiswirksam – ganz wie andere Präferenzen auch. Folglich muss es uns nicht wunder nehmen, dass Moral erstens beim Senken von Konflikt- und Transaktionskosten hilft sowie zweitens beim Heben von Effizienz, Innovation, Loyalität und Reputation. Indem sie unsere Mitmenschen auf tiefere Weise aufschließt, erschließt sie drittens neue Strategien des Wirtschaftens – seien es andere Produkt- und Verfahrensideen oder neuartige Absatzmodelle und Kundenschichten. 
  
Die jüngst viel beachteten Social Entrepreneurs machen vor, wie Markt und Moral harmonieren können. Die Voraussetzungen, um ihre Projekte rentabel zu skalieren, verschafft ihnen der globale Zugang zu Kunden, Waren, Informationsströmen. Nicht obschon, sondern weil sie zum Wohle ihrer Mitwelt tätig werden, sind Sozialunternehmer attraktiv für bestimmte globale Investoren und Konsumenten. Wie rentabel und krisenfest so ein humanitär ausgerichtetes Wirtschaften ist, spricht sich langsam, aber sicher herum. Theorie folgt Praxis. Themen, die in der Betriebswirtschaftslehre lange randständig waren (wie: ökologische Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und moralische Integrität) rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit. In zahlreichen Firmen wird derlei ja bereits umgesetzt. Statt mittels einer rein quantitativen single bottom line messen etliche Unternehmen bereits ihren Erfolg auch qualitativ z.B. im Sinne einer auf die Harmonisierung von people, planet und profit ausgerichteten triple bottom line. 
  
Zudem verändert der weltweite Datenverkehr das Wirtschaftsleben. Selbst in unterregulierten Gesellschaften unterwerfen sich mehr und mehr Unternehmen anspruchsvollen transnationalen Corporate Governance Standards, z.B. um für globale Investoren attraktiv(er) zu werden. Das Anschmiegen an Erwartungen der Weltöffentlichkeit führt bisweilen gar zu einem race to the top, wenn verschiedene Unternehmen oder Standorte in Konkurrenz treten, wer die nachhaltigsten Normen und transparentesten Verfahren anbiete. 
  
Vor allem, wenn Non-Governmental Organizations kompetent als Vermittler und Sachwalter auftreten, lässt sich vieles, was auf globaler Ebene mittels „harter“, d.h. rechtlicher Maßnahmen (noch) nicht durchsetzbar ist, schon durch „weiche“ Sanktionen erreichen, beispielsweise durch sektor-spezifische Programme (wie in der Diamanten- oder Mineralwirtschaft), durch industrieübergreifende Institutionen (wie z.B. Transparency International) sowie universale Plattformen (wie den UN Global Compact). Oft vermag das Zuckerbrot globaler Anerkennung weit besser als die Peitsche öffentlicher Schelte die Wirtschaft zu löblichem Tun anzutreiben. Kurzum: Globalität erfordert nicht nur ein Handeln in qualitativ verantworteter Freiheit; immer öfter befördert sie es auch. 
  
Auch in der Volkswirtschaftslehre ist man abgerückt vom Glauben, dass schierer Quantitätszuwachs allein selig macht; bzw. dass ein größeres Bruttoinlandsprodukt allemal mit Wohlfahrts- und Freiheitsgewinnen gleichzusetzen ist. Man erkennt vielmehr: cost-benefit-Analysen können Entscheidungen nur vorbereiten, nicht ersetzen. Viele höchst sozialrelevante Kriterien lassen sich ja nur schlecht quantifizieren. Zudem kann sich eine Volkswirtschaft ja ihre kulturellen und sozialen Werte durchaus etwas kosten lassen. Auch dies ist Ausdruck qualitativ abwägender Freiheit. Und darum wird auf nationaler wie internationaler Ebene zusehends mit qualitativen Wachstumsmodellen gearbeitet bzw. mit alternativen Messgrößen wie „overall freedom“, „realer Wohlfahrt“ oder schlicht “happiness“ experimentiert. 
  
Vorbei sind also die Tage, als man von einem notwendigen Konflikt zwischen Ethik und Erfolg ausging, d.h. zwischen entweder einer unkritischen Erfolgsethik oder einem den ökonomischen Sachgesetzen gegenüber äußerlichen Moralisieren. Statt gegenseitiger Anklagen ökonomistischer wie moralistischer Ideologien dominieren heute deren wechselseitige Anfragen. Statt einer Flucht in furchtbare Simplifizierungen findet ein Aufbruch zu fruchtbarer Komplexität statt; zu einem Denken, welches, am ökonomischen Rationalitätsbegriff einsetzend, die produktive Rolle von Ethik in Theorie wie Praxis der Ökonomie reflektiert. Die Arbeiten von Philip Mirowski, Stephen Marglin, Hilary Putnam, Amartya Sen, Vivian Walsh, Partha Dasgupta, Joseph Stiglitz, Nienhe Hsieh, James Galbraith, Senjay Reddy u.v.a.m. bringen die Moral zurück ins Zentrum der Ökonomie und die Ökonomik wieder in den Schoß der Sozialwissenschaften. 
  
Sie unterstreichen: Anstatt durch ökonomische Faktoren prädeterminiert, determiniert die Menschheit den Lauf der Wirtschaft. So wie der Mensch stets in Freiheit agiert, so auch in der Ökonomie; so wie er überall ausgehend von Freiheit argumentiert, so nun auch wieder in der Ökonomik; das ist der zentrale Gedanke jener neuen Wirtschaft mit Freiheit und Freiheit mit Verantwortung vermählenden Denkrichtung. So ebnet das theoretische Wahrnehmen der wirtschaftlichen Freiheit dem praktischen Wahrnehmen wirtschaftlicher Verantwortung den Weg. 
  
Mein Resümé: Globale Probleme lassen sich nur durch das vereinte Handeln zivilgesellschaftlicher, wirtschaftlicher und staatlicher Akteure bewältigen – über alle nationalen, kulturellen und religiösen Grenzen hinweg. Für solche Allianzen aber bedarf es eines weltweiten Konsenses über Werte und Ziele. Je mehr unsere Freiheit faktisch entbunden wird, desto mehr sind wir moralisch verbunden, uns weltethisch selber zu binden. Weil Freiheit sich nur bewahren lässt, in dem sie sich lebensweltlich bewährt, sollten wir in der Ausrichtung auf das sowohl diachron wie synchron anerkannte Weltethos nicht ein quantitatives Minus erblicken, sondern ein qualitatives Bonum. 
  
Den Grundstock derjenigen Überzeugungen aber, die dieses Weltethos so konkretisieren, dass es auf die drängenden Fragen der Weltökologie, der Weltökonomie und der Weltpolitik überzeugende Antworten liefert, hat man nirgends so gründlich untersucht wie hier in Tübingen. Seit Jahrzehnten hat Hans Küng in unermüdlicher Forschungsarbeit mit seinem Team den Fundus der Weltreligionen analysiert, um einen für alle Menschen verbindlichen Fokus für das Weltethos zu erarbeiten. Seine Werke zum Judentum, Christentum und Islam so wie die Studien von Stephan Schlensog zum Hinduismus, Buddhismus und Jainismus stellen Meilensteine der Forschungsgeschichte zur Globalisierungsethik dar. 
  
Auf diesen Leistungen wird das Weltethos-Institut aufbauen. Es will die Forschung weiterführen (z.B. bezogen auf die spirituellen Traditionen Chinas und Afrikas) und sie auf praktische Anwendungen hin weiter ausbauen. Aufruhend auf interdisziplinärer Forschungs- und Lehrtätigkeit hier in Tübingen soll das Projekt Weltethos künftige global governance-Bemühungen inspirieren. Gerade angesichts der unser Leben immer nachdrücklicher bestimmenden Weltwirtschaft möchten wir die elementaren Gebote eines Ethos der Mitmenschlichkeit theoretisch aufarbeiten, um sie in die Praxis einarbeiten zu können. „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“, schrieb der jüdische Soziologe Kurt Lewin einst. Und keine Theorie ist besser als die Wahrheit. Darum ende ich wie ich begann: mit Worten des Dankes an den, der in Jahrzehnten ungebeugter Wahrhaftigkeit ein leuchtendes Lebenswerk voll humanitärer Wahrheit geschaffen hat, in dessen Licht wir trittfest voranschreiten können. Veritas in veracitate (Wahrheit in Wahrhaftigkeit) anzustreben, darum geht es Hans Küng. Es ist auch die Maxime des Weltethos-Instituts.
  
Ich danke Ihnen allen für die Auszeichnung, die Sie mir heute Abend durch Ihre Aufmerksamkeit haben zuteil werden lassen. Ich empfinde sie als Verpflichtung. – Danke sehr


» Rede Dierksmeier deutsch
» Rede Dierksmeier englisch 
» Pressemeldung

» Rede auf DVD im Online-Shop der Stiftung erhältlich

 9. Weltethos-Rede am 16. Dezember 2010
Stephen K. Green, Ehemaliger Verwaltungsratsvorsitzender von HSBC Holding PLC
Globale Wirtschaft – Globale Ethik"

Green-rednerpult„Globale Wirtschaft – Globale Ethik"
 
Einleitung
 
Sehr geehrter Herr Rektor Engler, sehr geehrter Herr Professor Küng, sehr geehrte Damen und Herren – vielen Dank. Ich freue mich sehr, heute Abend hier zu sein. Als kürzlich über einen leitenden Investment-Banker aus den USA berichtet wurde, er habe behauptet, Gottes Werk" zu verrichten, wurde er mit Hohn und Spott überhäuft. Und das nicht ohne Grund. Wie der britische Historiker Niall Ferguson sagt: „Das Bankwesen hatte noch nie weniger den Anschein einer göttlichen Berufung."
 
Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass ein ethisches Vorgehen im Bankgeschäft nicht nur möglich, sondern auch absolut notwendig ist. Tatsächlich spricht meines Erachtens vieles dafür, dass visionäre Unternehmen, die sich von ihren Werten leiten lassen und nicht das schnelle Geld, sondern einen langfristigen Wohlstand anstreben, einen sehr positiven Einfluss auf die Gesellschaft ausüben können. 
 
Im Manifest zum globalen Wirtschaftsethos, das Herr Professor Küng im Oktober letzten Jahres bei den Vereinten Nationen vorstellte, wird dies sehr klar formuliert. So heißt es in der Präambel:
„Die Globalisierung des wirtschaftlichen Handelns wird nur dann zum allgemeinen und nachhaltigen Wohlstand und Vorteil aller Völker und ihrer Volkswirtschaften führen, wenn sie auf die beständige Kooperationsbereitschaft und wertorientierte Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten und Betroffenen bauen kann."
 
Wir müssen uns also Gedanken darüber machen, wie wir unser Geschäft betreiben. Dabei müssen wir bedenken, was ein werteorientierter Ansatz für unser kapitalistisches System, für die großen Herausforderungen unserer Zeit und für jeden von uns persönlich bedeutet. Und wir müssen uns fragen, ob sich das Konzept einer „globalen Ethik" sinnvoll definieren lässt. Dies sind die Fragen, denen ich mich heute Abend zuwenden will. Zunächst halte ich es aber für geboten, den größeren Kontext zu betrachten, in dem wir uns bewegen. 
 
Eine Welt im Wandel
 
Natürlich haben wir noch mit den Folgen der schlimmsten Finanzkrise seit den 30er Jahren zu kämpfen. Während sich Deutschland auf einem guten Weg befindet – Rainer Brüderle rechnet damit, dass die Wirtschaft nächstes Jahr wieder das Vorkrisenniveau erreicht – gibt es in anderen Teilen Europas noch große Schwierigkeiten. Die Eurozone leidet unter den Nachwehen der Krise, wobei die Lage in Irland nur das jüngste Beispiel ist. 
 
Diese Krise ist jedoch nur ein – allerdings sehr wichtiger – Aspekt einer größeren Problematik. Einige globale Verschiebungen machen dies zu einer Zeit schneller und gravierender Veränderungen. 
 
Erstens verschiebt sich der Schwerpunkt der Weltwirtschaft eindeutig von West nach Ost. Der Anteil Asiens an der globalen Wertschöpfung beträgt nur knapp über 30 Prozent, aber der Wachstumsbeitrag des Kontinents wird dieses Jahr sage und schreibe 60 Prozent erreichen. Dabei ist China in den letzten Wochen zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen, und alles deutet darauf hin, dass es Ende des Jahrzehnts die USA vom ersten Platz verdrängt haben wird. 

In den nächsten fünf Jahren wird sich die chinesische Mittelschicht voraussichtlich von 172 Millionen auf 314 Millionen fast verdoppeln und damit größer sein als die Gesamtbevölkerung der USA. Die Wirtschaftsexperten bei meinem früheren Arbeitgeber HSBC sind sich einig, dass die Schwellenländer mit China an der Spitze in absehbarer Zukunft weltweit die höchsten Wachstumsraten erzielen werden. 
 
Wir müssen erkennen, dass wir das unilaterale System hinter uns lassen und zu dem zurückkehren, was eher der historischen Normalität entspricht, nämlich zu einem multilateralen Machtgleichgewicht. Das deutlichste Anzeichen dafür ist die wachsende Bedeutung der G20. In der Tat halte ich die Entstehung dieses neuen Forums als Zentralgremium zur Diskussion von Wirtschaftsfragen, die die Welt bewegen, für äußerst wichtig. So werden die Geschichtsschreiber dies in vielleicht 50 oder 100 Jahren als den Moment beschreiben, in dem sich die internationale Gemeinschaft der Realität gestellt und von der Vorstellung verabschiedet hat, dass ein paar reiche Länder zusammenkommen und die Probleme der Welt lösen könnten. 
 
Zweitens tritt die Globalisierung dadurch in eine neue Phase ein. Die Verbreitung des Wohlstands über den ganzen Erdball und die Überbrückung der räumlichen Entfernungen durch den technischen Fortschritt bringt die Menschen immer stärker miteinander in Kontakt. 
 
Betrachten Sie nur einmal die Stadt London, in der ich lebe und arbeite. Vernetzt, dynamisch und weltoffen gedeiht sie durch ihre Aufgeschlossenheit für andere Kulturen. Heute werden dort mehr als 300 Sprachen gesprochen. Es gibt 250 ausländische Banken und damit mehr als an jedem anderen Finanzplatz. London ist das führende Zentrum für islamische Finanzgeschäfte in der westlichen Welt. Und 75 Prozent der Unternehmen auf der Fortune-500-Liste haben dort eine Niederlassung. 
 
Globale und regionale Drehscheiben wie diese verändern das Gesicht der Weltwirtschaft, und indem sie immer mehr Menschen anziehen, verändern sie auch unsere Lebensweise. 
 
Damit bin ich beim dritten globalen Trend angekommen – der Verstädterung. 
 
Vor zwei Jahren wurde hier ein historischer Wendepunkt erreicht, da erstmals über die Hälfte der Menschheit in Städten lebte. Und natürlich ist die Verstädterung längst kein rein westliches Phänomen mehr. Inzwischen wohnt über ein Drittel der Weltbevölkerung in den Städten der Schwellenländer. Dort wird praktisch das gesamte künftige Bevölkerungswachstum stattfinden, ebenso wie ein Großteil des künftigen Wirtschaftswachstums. 
 
Halten Sie sich nur einmal vor Augen, dass es in China nicht nur über 40 Millionenstädte, sondern darüber hinaus aus noch 700 weitere schnell wachsende Großstädte gibt, von denen jede über eine halbe Million Einwohner hat. Diese Städte, deren Namen heute noch kaum bekannt sind, werden morgen die Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft sein. 
 
Diese Veränderungen sind seit vielen Jahren im Gang und schreiten immer schneller voran. Allerdings kann man wohl zu Recht behaupten, dass der Westen kaum darauf reagiert hat. Wir sind mit Scheuklappen herumgelaufen, aber nun hat uns die Finanzkrise die Augen geöffnet. Sie hat die Ungleichgewichte und untragbaren Praktiken aufgedeckt, die sich in den letzten Jahren entwickelt hatten. Wir alle sind aufgerufen, uns Gedanken über den aktuellen Zustand der Welt zu machen. Dabei sollten wir uns nicht nur fragen, wie wir es so weit kommen lassen konnten, sondern eine grundsätzlichere Analyse vornehmen, um einige unserer grundlegendsten Überzeugungen auf den Prüfstand und die zentralen Dogmen unseres Wirtschaftssystems in Frage zu stellen. Wir sollten auch bedenken, was wir über das Wesen des Kapitalismus an sich gelernt haben. 

Das sich verändernde Wesen des Kapitalismus

Es ist wohl kein Zufall, dass mit dem Ende des Kalten Krieges eine Überhitzung des Kapitalismus einsetzte. Wenn sich so lange zwei gegnerische Mächte gegenüberstehen, kann es kaum verwundern, dass die eine durch den Kollaps der anderen außer Rand und Band gerät. 
 
Der Erfolg des Kapitalismus führte zu Überheblichkeit, die Überheblichkeit zu Selbstzufriedenheit und diese wiederum zu einem fast fundamentalistischen Glauben an den Markt. Das Ziel einer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung wich der Verlockung des schnellen Geldes. 
 
Dabei hat sich etwas sehr Bedeutsames ereignet, nämlich ein Wandel in der Weltanschauung der Wirtschaft und in mancher Hinsicht auch in der Weltanschauung der Gesellschaft. Dies ist die direkte Ursache der Probleme, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen. 
 
Trotz ihrer enormen Ausmaße und ihrer großen Reichweite hat diese Krise dem Kapitalismus jedoch keinen tödlichen Schlag versetzt. So mängelbehaftet das System auch sein mag, hat es doch überlebt. Worauf ist das zurückzuführen? 
 
Nun, zunächst einmal darauf, dass sich die Maßnahmen gegen die Krise bisher als wirksam erwiesen haben. Die Staaten der Welt haben schnell, entschlossen und vor allem gemeinsam gehandelt. 
 
Bei ihrem Gipfel in London im April 2009 gaben die G20 eine Erklärung ab, die an Deutlichkeit nichts vermissen ließ: „Wir glauben, dass die einzige sichere Grundlage für eine nachhaltige Globalisierung und wachsenden Wohlstand für alle Menschen nur durch eine offene Weltwirtschaft, die sich auf marktwirtschaftliche Grundsätze, wirksame Regulierungsmechanismen und starke internationale Institutionen stützt, dargestellt werden kann."
 
Dies ist eine bemerkenswerte Erklärung. Sie wurde nicht zuletzt von den Präsidenten der USA, der Russischen Föderation und der Volksrepublik China sowie den übrigen 17 Staatschefs unterzeichnet. 
 
Dies veranschaulicht den zweiten und wesentlicheren Grund dafür, dass die Krise nicht das Ende des Kapitalismus bedeuten wird: Es gibt ganz einfach keine vernünftige Alternative. 
 
So lautet ein berühmtes Zitat von Sir Winston Churchill: »Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, abgesehen von allen anderen, die von Zeit zu Zeit erprobt wurden.« Ich glaube, dass wir uns zur Verteidigung des Kapitalismus der Argumentation Churchills bedienen müssen. Er ist vielleicht das schlechteste System der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, abgesehen von allen, die bisher sonst noch erprobt wurden. Wie schlecht die Alternativen sind, hat uns natürlich das 20. Jahrhundert eindrucksvoll vor Augen geführt. 
 
Der Weg zu einem besseren Kapitalismus
 
Dies ist jedoch kein Grund, sich zurückzulehnen oder sich mit dem Status Quo abzufinden. Der Kapitalismus hat sich eindeutig als unzulänglich erwiesen und bedarf einer Anpassung. Wenn er das einzige effektive System ist, das wir haben, dann müssen wir ihn zweifellos besser umsetzen und zugunsten einer Veränderung der Welt ethischer gestalten. 
 
Vor allem muss der Kapitalismus allen dienen – nicht nur den Reichen und nicht nur dem Westen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit ist zweifellos erschüttert. Die Menschen haben zu Recht den Eindruck, dass die Wirtschaft den Realitätsbezug verloren hat – dass die »unsichtbare Hand« eigentlich nur dazu gut war, sie auszuplündern. Heute erwarten fast 70 Prozent der Menschen in aller Welt, dass die Unternehmen und die Finanzinstitute einfach wieder zur Tagesordnung übergehen werden, sobald die Rezession und ihre Folgen überstanden sind. Das ist kein erfreuliches Stimmungsbild. Es ist jedoch die logische Reaktion auf ein System, das seine Prinzipien und seine Zielsetzung eingebüßt hat. 
 
Allerdings gibt es auch Hoffnungszeichen. Die Überzeugung der Chicagoer Schule, der einzige Geschäftszweck bestehe darin, Gewinne für die Aktionäre zu erwirtschaften, hat sich nicht nur aus moralischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht als unzulänglich erwiesen. Milton Friedman, der diesen Ansatz vertrat, sagte einmal: »Einer der großen Fehler besteht darin, Politik und Programme an ihren Absichten statt an ihren Ergebnissen zu messen«. Wir sollten ihn beim Wort nehmen, denn die Krise hat gezeigt, dass ein radikaler Marktliberalismus letztlich weder der Gesellschaft, noch dem Unternehmen, noch seinen Aktionären dient, da er nicht werterhaltend wirkt. 
 
Hans Küng hat gesagt, dass er sich noch vor ein paar Jahren, wenn er über die ethischen Aspekte der Wirtschaft sprach, oftmals fühlte wie »die Stimme eines Rufenden in der Wüste.« Das hat sich hoffentlich geändert. Um noch eine Metapher aufzugreifen, die von einem anderen großen Mann, nämlich von Robert F. Kennedy, stammt: »Jedes Mal, wenn sich jemand für ein Ideal einsetzt …. löst er eine kleine Welle der Hoffnung aus, und wenn diese von einer Million verschiedenen Kraft- und Mutquellen ausgehenden Wellen zusammentreffen, bilden sie einen Strom, der die stärksten Mauern der Unterdrückung und Abwehr einreißen kann.« 
 
Dabei wächst inzwischen zweifellos die Einsicht, dass sich der Kapitalismus verändern muss – dass Gewinn und Verantwortung nicht zueinander im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig bedingen. Die Wirtschaft hat eine größere Aufgabe und eine größere Verpflichtung. Und dies verlangt die Entwicklung eines angemessen regulierten und verantwortlichen Systems – eines ethischen Kapitalismus. 

Wir müssen also ein Gleichgewicht herstellen. Unser Ziel muss darin bestehen, den Wildwuchs des Systems zu bändigen, dabei aber die Dynamik der Marktkräfte zu erhalten, die das Wirtschaftswachstum und die Entwicklung ankurbeln. Ein ethisches System würde beweisen, dass Regulierung und Wirtschaftswachstum Hand in Hand gehen können und dass bessere Regeln und Vorschriften ohne eine neue Werteorientierung zwecklos sind. 
 
Vor allem darf ein ethisches System aber nicht die großen Probleme unserer Zeit ignorieren, sondern muss im Gegenteil auf ihre Lösung hinwirken. Dabei geht es um Probleme wie Armut und Klimawandel – Probleme, die nicht nur die Zukunft der Weltwirtschaft, sondern auch den Fortschritt der Menschheit gefährden, wenn nichts gegen sie unternommen wird. 

Armut und Entwicklung

An erster Stelle steht dabei natürlich das Dilemma von Armut und Entwicklung. Dabei glaube ich, dass wir dagegen keine bessere Waffe haben als den Kapitalismus. 

Adam Smith hat erklärt: »Keine Gesellschaft kann gedeihen und glücklich sein, wenn der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist.« Ich bin der Ansicht, dass dieser Gedanke nicht nur auf eine Gesellschaft oder Nation, sondern tatsächlich auf die ganze Menschheit Anwendung finden sollte. 
 
Im September fand in New York die Konferenz der Vereinten Nationen zur Überprüfung der Millenniums-Entwicklungsziele statt, nachdem sich die führenden Staatsmänner der Welt zehn Jahre zuvor verpflichtet hatten, bis 2015 das Leben der Armen in aller Welt zu verändern. Inzwischen sind es bis dahin nur noch fünf Jahre. 
 
Es wurden große Fortschritte erzielt. So konnte die Zahl der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, von geschätzten 1,8 Milliarden im Jahr 1990 auf 1,4 Milliarden im Jahr 2005 gesenkt werden. Von dem Hauptziel, die weltweite Armut zu halbieren, sind wir jedoch offensichtlich noch weit entfernt. 
 
Angesichts der veränderten Lage müssen wir die Aussichten für den künftigen Fortschritt neu bewerten. So schätzt die Weltbank, dass durch den globalen Abschwung wahrscheinlich rund 60 Millionen Menschen mehr in extremer Armut verharren werden, als dies ansonsten zu erwarten gewesen wäre. 
 
Immerhin haben die G20 unmissverständlich klargestellt, dass die Bewältigung des Armuts- und Verteilungsproblems eine notwendige Voraussetzung langfristiger Stabilität ist – und dass sie Offenheit und Marktwirtschaft als Grundprinzipien der Weltwirtschaft betrachten. 
 
Tatsächlich wissen wir, dass nichts den wirtschaftlichen Fortschritt so sehr beflügelt wie Marktliberalisierungen. In den 90er Jahren wurde von Jeffrey Sachs und Andrew Warner eine berühmte Studie durchgeführt, aus der hervorging, dass Entwicklungsländer mit offenen Volkswirtschaften ihre Wertschöpfung etwa alle 16 Jahre verdoppeln. Dagegen lässt sich der Fortschritt in geschlossenen Volkswirtschaften ihren Ergebnissen zufolge eher in Jahrhunderten messen. 
 
Ich glaube, dass dieses Prinzip immer noch gilt. Im Falle Chinas wurde die Wirtschaft durch radikale Reformen geöffnet, was zu phänomenalen Wachstumsraten geführt hat, die mittlerweile schon über sehr lange Zeit aufrechterhalten werden können. Zwischen 1981 und 2005 hat China rund 600 Millionen Menschen aus nachweislicher Armut befreit. Sicherlich hat keine andere Kraft jemals auf so breiter Front so wirkungsvoll das Leben der Menschen zum Guten gewandt.
 
Die Herausforderung besteht nun darin, diesen Erfolg anderswo zu wiederholen. Afrika, das so lange als »hoffnungsloser Kontinent« abgetan wurde, gibt jetzt Anlass zur Hoffnung. Es ist stabiler als jemals zuvor. Laut der Boston Consulting Group zeichnet sich die afrikanische Wirtschaft durch eine sehr viel größere Dynamik und mehr Unternehmergeist aus, als die meisten Leute denken. Die Beratungsfirma hat 40 so genannte »African Challengers« bestimmt. Das sind wachstumsstarke, international ausgerichtete Unternehmen, deren Tätigkeitsspektrum von der Finanzwirtschaft über den Bergbau und die Telekommunikation bis zur Luftfahrt reicht und die voraussichtlich in den nächsten 10 bis 20 Jahren die Speerspitze des wirtschaftlichen Aufschwungs auf dem Kontinent bilden werden. 
 
Afrika ist dabei, sich der globalen Wirtschaftsentwicklung anzuschließen, denn die Investitionen fließen dorthin nicht nur aus dem Westen, sondern auch aus China, Indien und Brasilien. Dabei kommt der Finanzdienstleistungsbranche eindeutig eine wichtige Funktion zu. Tatsächlich gibt es in der Geschichte kein einziges Beispiel für ein Land, dem es gelungen wäre, ohne ein starkes und florierendes Finanzdienstleistungsgewerbe im Herzen seiner Wirtschaft dauerhaft ein Wachstum oder eine positive Entwicklung zu erzielen. 

Der Weg zu einem klimafreundlichen Wachstum

Ein weiteres Gebiet, auf dem ein ethischer Kapitalismus meiner Ansicht nach einen wichtigen Beitrag leisten kann und muss, ist die Entwicklung eines ökologisch nachhaltigen Wachstumsmodells. 
 
Angefangen bei Malthus bis hin zur Endlichkeit der Ölreserven hat die Angst vor einer Plünderung des Planeten eine lange Geschichte. Aber der Klimawandel ist etwas anderes. Hier ist die Beweislage eindeutig, und die Bedrohungen sind enorm – von Überschwemmungen über Hungersnöte und Völkerwanderungen bis hin zum Krieg. 
 
Mir ist durchaus bewusst, dass dies für manche Ohren seltsam klingen mag. Das gilt besonders für die Leute, die Finanzkrisen und Klimawandel für zwei Symptome derselben menschengemachten kapitalistischen Misere halten. Obwohl wir in den letzten drei Jahren daran erinnert wurden, dass die Märkte zerstörerische Exzesse auslösen können, glaube ich fest an ihre Fähigkeit, das menschliche und finanzielle Kapital für die Lösung einiger unserer größten Probleme einzusetzen. Ein Jahr nach dem Klimagipfel in Kopenhagen gibt es kaum Anzeichen für einen Fortschritt. Wenn diese Erfahrung uns eines lehrt, dann, dass die Regierungen dieses Problem nicht alleine in den Griff bekommen, sondern der Hilfe der Finanzmärkte und der Unternehmen bedürfen. Ich glaube, dass sie auf beiden Seiten der Gleichung – also sowohl bei der Eindämmung des Klimawandels als auch bei der Anpassung daran – eine Rolle zu spielen haben. 

Im Wirtschaftskreislauf wird die Umwelt immer noch zu gering geschätzt. So gibt es nach wie vor das, was man in der Sprache der Wirtschaftslehrbücher die »Tragik der Allmende« nennen könnte, da für natürliche Ressourcen und insbesondere für die CO2-Emissionen keine angemessenen Preise bezahlt werden. Wir müssen den CO2-Ausstoss unbedingt der Marktdisziplin unterwerfen, um zu gewährleisten, dass seine wahren Kosten zum Tragen kommen. 
 
Dass dies bisher nicht gelungen ist, wurde als »das größte Versagen des Marktes« bezeichnet, »das die Welt je gesehen hat.« Gleichzeitig bietet sich den Märkten damit jetzt aber auch die größte Chance, ihren Nutzen unter Beweis zu stellen. 
 
Die Märkte sind außerdem ein wichtiges Mittel zur Finanzierung des technischen Fortschritts und der sauberen Energie, die wir zur Bekämpfung des Klimawandels benötigen. Sie werden Geld für eine Reihe von Jungunternehmen, technischen Innovationen und groß angelegten Infrastrukturprojekten bereitstellen, die alle finanzielle Unterstützung benötigen. Schon jetzt beträgt der jährliche Umsatz des klimabezogenen Wirtschaftssektors – also der Produkte und Dienstleistungen, die dazu beitragen, dem Klimawandel zu begegnen – rund 500 Milliarden Dollar. Dies ist übrigens mehr, als in der gesamten globalen Luftfahrtbranche verdient wird. 
 
Dieses rasante Wachstum wird sich zweifellos im nächsten Jahrzehnt fortsetzen. Dabei gehen einige Schätzungen sogar davon aus, dass in nur zehn Jahren ein Volumen von zwei Billionen Dollar erreicht wird. Unabhängig davon, ob diese Zahlen stimmen oder nicht, kann kein Zweifel daran bestehen, dass dafür eine Menge Kapital nötig sein wird, das beschafft und effizient eingesetzt werden muss – eine Aufgabe die von der öffentlichen Hand oder der Zivilgesellschaft unmöglich bewältigt werden kann, ohne sich in erster Linie der globalen Marktmechanismen zu bedienen. 
 
Ein ethischer Kapitalismus kann diese Herausforderung meistern, und das Wohl der Welt hängt davon ab, ob dies auch tatsächlich gelingt. Dabei gibt es einige ermutigende Hinweise darauf, dass das Anlegerverhalten zunehmend von einer Art »Klimabewusstsein« durchdrungen ist. Daraus können sich im Laufe der Zeit enorme Impulse zur Senkung des CO2-Ausstoßes entwickeln. 
 
Die globale Ethik und das Individuum 

Aus all dem geht hervor, dass ein tiefgreifenderer Bewusstseinswandel nötig ist. Um uns den globalen Problemen zu stellen, Krisen in Zukunft zu vermeiden und einen nachhaltigen Wohlstand zu gewährleisten, an dem alle teilhaben, müssen wir das kapitalistische System neu erfinden. Und diese Neuerfindung des Systems kann nur von einzelnen Menschen vorangetrieben werden. 
 
In Das Kapital zitiert Karl Marx einen Bericht über die erbärmlichen Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter in den 1860er Jahren: 
„Um 2, 3, 4 Uhr des Morgens werden Kinder von neun bis zehn Jahren ihren schmutzigen Betten entrissen und gezwungen, für die nackte Subsistenz bis 10, 11,12 Uhr nachts zu arbeiten, während ihre Glieder wegschwinden, ihre Gestalt zusammenschrumpft, ihre Gesichtszüge abstumpfen und ihr menschliches Wesen ganz und gar in einem steinähnlichen Torpor erstarrt."
 
Glücklicherweise funktioniert das System heute völlig anders. Die Macht ist stärker verteilt, und die Menschen haben aufgehört, reine „Sklaven eines grausam schindenden Despotismus" zu sein. Stattdessen können sie einen enormen Einfluss ausüben, und zwar zum Guten wie zum Schlechten. 
 
So ist etwa klar, dass die Hauptdefizite im Vorfeld der Krise die Verhaltens- und Kulturmuster und nicht die organisatorischen Strukturen betrafen. Allzu oft hatten die Menschen das Gebot der Redlichkeit und eines ehrlichen und vertrauenswürdigen Geschäftsgebarens aus den Augen verloren. Bei einigen Finanzinstituten herrschte vor der Krise die Einstellung „wenn der Markt es zulässt, wenn es einen Vertrag gibt, dann erübrigen sich alle weiteren Fragen."

Ganz gleich wie viele neue Gesetze, Regelungen oder Bilanzierungsvorschriften wir bekommen, sie werden niemals ausreichen, wenn sich nichts an der Kultur ändert – wenn es kein Wertesystem gibt, das jedem Einzelnen als Entscheidungsgrundlage dient. 
 
Mir war immer deutlich, dass die meisten meiner früheren Mitarbeiter mit ihrer Arbeit und durch das Unternehmen einen gesellschaftlichen Beitrag leisten wollten. Die Führungskräfte tragen die Verantwortung dafür, diesem Wunsch Raum zu geben. Eine zentrale Aufgabe jedes Unternehmens sollte darin bestehen, allen Mitarbeitern zu vermitteln, wie sie einen Beitrag leisten und etwas bewegen können, und ihnen dazu auch die Gelegenheit und die nötige Unterstützung zu bieten. Dann ist ein Unternehmen nicht mehr nur eine Ansammlung von Beschäftigten, sondern ein Zusammenschluss engagierter Bürger. 
 
So ist etwa HSBC seit langem bestrebt, eine firmeneigene Wertekultur zu pflegen und draußen in der Welt eine positive Rolle zu spielen. Charles Addis, eine der herausragenden Führungspersönlichkeiten der frühen Firmengeschichte von HSBC, schrieb zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einem Brief: „Letztlich ist die Basis aller ökonomischen Konzepte ethischer Natur." Damit hatte er Recht. Vieles hat sich seitdem verändert, nicht aber diese Maxime.

 

Die Harvard University hat mittlerweile einen Ethikeid eingeführt, den die Studenten der Betriebswirtschaft ablegen müssen. Darin heißt es unter anderem: »Ich werde einen Kurs verfolgen, der langfristig den Wertbeitrag steigert, den mein Unternehmen für die Gesellschaft leisten kann.« 

Darauf gab es eine ganze Reihe von Reaktionen einschließlich einiger ziemlich gehässiger Kommentare. Aber ich halte das im Grunde für eine schöne Idee. Hier werden die Führungskräfte der Zukunft aufgefordert, die weitreichenderen Konsequenzen ihres Handelns zu bedenken. Sie werden aufgefordert, zu versprechen, dass all ihre Entscheidungen von Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Nachhaltigkeit geprägt sein werden. 
 
Der springende Punkt ist, dass wir uns alle, ob in der Wirtschaft oder im Bildungswesen, die Zeit dafür nehmen sollten. Wir sollten uns Gedanken darüber machen, was wir verehren, was wir bewundern, was wir schätzen und was wir für richtig halten. Wir sollten uns fragen, was wir unter Fortschritt verstehen. Ist er materiell oder moralisch? Besteht er in der Anhäufung von Reichtümern oder in unserer Lebensqualität? Wird er an der Stärke einer Nation oder dem Wohlstand aller Nationen gemessen? 
 
Keine der Sphären, in denen wir uns bewegen – unsere Familie, unsere Freundschaften, unser Arbeitsleben, unsere Forschungstätigkeit – sind neutraler Boden. Und all diese Fragen müssen beantwortet werden, wenn wir in einer modernen, kapitalistischen Wirtschaftsordnung rechtschaffen und zielbewusst überleben wollen.
 
Schlussfolgerungen

Es ist zweifellos ein menschlicher Instinkt, sich gegen Veränderungen und eine unsichere Zukunft zu wehren. Wie können wir also die Bewältigung all dieser Herausforderungen in Angriff nehmen? 
 
Als Gast in Tübingen möchte ich zum Abschluss auf das Werk eines anderen, viel berühmteren Besuchers dieser Stadt verweisen. Gemeint ist Johann Wolfgang von Goethe, der 1797 hier weilte. 
 
Eine der großen Gefahren des Strebens nach Sicherheit in der modernen Welt ist die Versuchung, sich wie Goethes Faust für die sofortige und ungetrübte Befriedigung zu entscheiden und dafür alle Folgen billigend in Kauf zu nehmen. Und das, obwohl wir wissen, dass sich der Handel am Ende als Illusion erweisen wird, weil er uns weder Erfüllung bringt, noch unsere Zweifel bannt. 
 
Goethes Faust ist der Archetypus des Menschen, der Selbstbestätigung durch Taten und Besitz sucht. In seiner Welt ist man nichts, wenn man es zu nichts bringt. Und das bedeutet für ihn, mehr zu tun und mehr zu haben. Aber wie gesagt ist dabei klar, dass dieser Weg nicht zur Erfüllung führt. 
 
Erst am Ende seines Lebens erfährt Faust endlich Genugtuung, und zwar nicht durch eine übermenschliche Leistung oder einen unerhörten Luxus, sondern durch ein einfaches Vorhaben zum Wohle seiner Mitmenschen – einen Dammbau, durch den er Land für künftigen Wohlstand gewinnen will. Im Angesicht des Todes ruft er aus: 

„Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen: 
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn."

Dies ist also der Weg, den wir einschlagen sollten. Um ein erfülltes Leben führen und auf eine bessere Zukunft hinarbeiten zu können, müssen wir fähig sein, die Unwägbarkeiten der modernen Welt anzunehmen und zu akzeptieren und unseren Platz in dieser Welt zu finden. Und genau auf diese Weise werden wir ein Gespür für gemeinsame Werte und damit für eine globale Ethik entwickeln. 
 
Dabei haben nicht alle Werte universelle Gültigkeit. Jeder von uns betrachtet die Welt durch ein Prisma, das durch unsere Werte, unsere Erfahrungen und unseren Glauben bestimmt ist. Diese individuellen Einflüsse prägen unser Verständnis von der Welt und von unserem Platz darin. 
 
Natürlich hat jeder ein anderes Prisma und damit eine andere Perspektive. Trotz aller Unterschiede teilen wir aber im Grunde dieselben menschlichen Gefühle, die uns verbinden. Und insbesondere herrscht eine Übereinkunft über die gemeinsamen Werte und Grundsätze, die wir benötigen, um auf einem globalen Marktplatz unsere wirtschaftlichen Aktivitäten zu entfalten. 
 
Von dieser simplen Wahrheit sollten wir uns leiten lassen – von der Erkenntnis, dass das Konzept einer globalen Ethik nicht mehr und nicht weniger ist als der Weg, den jeder Einzelne von uns wählt, so schwer dies auch zu begreifen sein mag. Die Herausforderung besteht darin, das größere Bild zu erkennen – zu verstehen, wie unsere Handlungen mit den Handlungen unserer Mitmenschen zusammenwirken und so etwas Größeres schaffen, das über uns selbst hinausweist und letztlich die Weltwirtschaft und den »allgemeinen und nachhaltigen Wohlstand«zustande bringt, der in dem anfangs zitierten Manifest beschrieben wird und den wir uns alle wünschen. 
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 


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8. Weltethos-Rede am 15. Juni 2009
Desmond Tutu, Alterzbischof und Friedensnobelpreisträger
Weltethos und Menschenwürde: Eine afrikanische Perspektive"

Tutu-210Im Anschluss an seine Rede führte Desmond Tutu einen Dialog mit Professor Küng.
 
„Weltethos und Menschenwürde: Eine afrikanische Perspektive"
 
Verehrter Herr Rektor, verehrter Herr Minister, Exzellenzen, verehrte Frau Generalkonsulin von Südafrika und verehrter, junger Herr Bürgermeister , der ja heute einen Anzug trägt, verehrte Ehrengäste, meine Damen und Herren,
  
es ist mir eine sehr große Freude und eine Ehre, heute hier bei Ihnen zu sein und zu Ihnen zu sprechen. Manchmal, wenn man bei solchen Gelegenheiten dabei ist, dann ist man ja sehr wohl bekannt beim Publikum, man muss sich nicht erst vorstellen. Aber ich weiß nicht, ob das immer der Fall ist. Vor einigen Jahren habe ich eine Dame getroffen in San Francisco, und diese nette Dame kam auf mich zu, war sehr herzlich und hat mich freundlich begrüßt: „Hallo, Herr Erzbischof Mandela!" Das war dann sozusagen die große Familienpackung: Zwei für den Preis von einem.
 
Ich bitte Sie um etwas Geduld, wenn ich die Vorstellung hiermit etwas verlängere, denn ich möchte am Ende Herrn Hans Küng noch einmal die Ehre erweisen. Seit dem 11. September 2001 haben wir immer wieder Hass- und Hetzreden gehört, dass der Islam eine Religion ist, die den Terrorismus ermutigt. Eine Religion der Gewalt. Ich denke, dass die Öffentlichkeit da zu leichtgläubig war und dies einfach akzeptiert hat. Denn seit dem Kalten Krieg hatte man die Orientierung verloren. In der Zeit des Kalten Krieges war es ganz einfach, sich zu positionieren und selber zu definieren. Entweder war man gegen den Kommunismus oder man war gegen den Westen. 

Als nun diese Referenzpunkte mit dem Fall der Berliner Mauer und der Perestroika verloren gingen, waren viele Menschen desorientiert, weil sie ihre Identität immer nur in Bezug auf einen Feind definiert hatten. Und in dieser Zeit des Wandels sehnten sich die Menschen nach einfachen Antworten auf sehr komplexe Fragen. Man wollte keine nuancierten Antworten und Reaktionen, man wollte keine Einfärbungen akzeptieren. Man wollte die Themen nur schwarz-weiß definieren. Und man war fast schon allergisch gegenüber denjenigen, die die Dinge differenzierter darstellten und die sagten: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch sehr viele Grautöne. Doch das wurde einfach abgelehnt, ganz gleich ob es sich um Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen, Kultur, Sprache oder Religion handelte. 
  
Und so ist es auch nicht erstaunlich, dass es in dieser Zeit zu den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien und zum Genozid in Ruanda kam. Obwohl das natürlich nicht der einzige Grund für diese Ereignisse war. Zur Zeit des Kalten Krieges wussten wir noch, wer unsere Feinde waren. Und dann kam der 11. September 2001. Es wurde fast schon als Befreiung empfunden, dass man jetzt wieder ein Feindbild hatte. Ein Feindbild, das man lange gesucht hatte. Ein Feindbild, das absolut notwendig war, um die eigene Identität zu definieren. Saddam Hussein hat sozusagen die Lücke, die die Sowjets hinterlassen haben, gefüllt. Und so wird einem auch klar, warum Präsident Bush und sein Gefolge sich nicht von dem tollkühnen Entschluss abbringen ließen, die Invasion im Irak durchzuführen. Dadurch kam es zu anhaltenden Verleumdungen des Islam als gewaltbereiter Religion. 
  
Aber wir als Christen sollten wirklich die letzten sein, die mit dem Finger auf eine andere Religion zeigen und und sagen, dass diese Religion Gewalt fördert. Unsere Geschichte zeigt, dass auch unsere Religion dazu fähig war. Wir sollten vielmehr beschämt den Kopf senken wegen der Ereignisse in der Vergangenheit, in der gerade die Christen gewalttätig waren. Denken wir nur einmal an die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen oder in jüngerer Zeit den Holocaust der Nazizeit. Oder an die Christen, die die Apartheid in Südafrika unterstützt haben. Oder die sich in Nordirland gegenseitig bis aufs Blut bekämpft haben, und in Ruanda und in Bosnien furchtbare Gräueltaten verübt haben. Nein, wir sollten uns nicht moralisch erheben über Angehörige anderer Religionen. 
Wir sollten die Sache wirklich etwas differenzierter sehen. Es ist nicht die Religion, die Hass oder Frieden fördert. Wir haben gesehen, was die Religion hervorbringen kann: Das Christentum hat die Nazis, aber auch einen Dietrich Bonhoeffer hervorgebracht. Es gab uns den Ku Klux Klan in den USA, aber auch einen Martin Luther King. Der Buddhismus hat der Welt eine schreckliche Militärdiktatur in Burma beschert, aber es gibt da ja auch noch den Dalai Lama: eine wunderbare herausragende Persönlichkeit.
Zu ihm muss ich Ihnen etwas erzählen: Auch nach 50 Jahren des Exils aus seinem geliebten Tibet besitzt der Dalai Lama immer noch eine erstaunliche Verschmitzheit. Manchmal, wenn wir uns unterhalten, macht er seine Späßchen, und ich sage: »Psst, Vorsicht, die Kameras sind auf uns gerichtet, benimm' dich bitte wie ein heiliger Mann, Dalai Lama!« 
 
Aber die Religion ist im Grunde genommen moralisch und ethisch neutral. Wenn ich sage, „Sie sind ein religiöser Mensch", dann ist das weder Lob noch Tadel. Religion ist so etwas wie ein Messer, das auf dem Tisch liegt. Ich kann das Messer nehmen und kann damit ein Brot schmieren, dann ist es gut. Aber ich kann das Messer auch in die Hand nehmen und es jemandem in den Bauch rammen, dann ist es schlecht. Bevor er sein Amt als Generalsekretär der Vereinten Nationen niederlegte, hat Kofi Annan – er hat ja auch schon hier gesprochen bei der Weltethos-Rede – eine Gruppe ernannt, mit dem Titel „Allianz der Zivilisationen". Ich denke, das ist ein sehr hoch gegriffener Titel, aber er war als Gegenstück zum so genannten „Kampf der Kulturen" gedacht. Es war eine Gruppe, die sehr unterschiedlich zusammengesetzt war: Vertreter der verschiedenen Religionen, unter anderem Scheich Khatami. 
 
Kofi Annan hat damit auf die Initiative des spanischen und türkischen Premierministers reagiert. Und erstaunlicherweise – es war ja wirklich eine sehr bunt zusammengesetzte Gruppe, da waren Scheichs, Rabbiner und viele Vertreter anderer Religionen und Kulturen – erstaunlicherweise hat diese Gruppe einen einstimmigen Bericht vorgelegt. Kofi Annan hat ihn dann in Istanbul zur Kenntnis genommen und hat gesagt: „Es ist ganz klar: Nicht die Religionen sind das Problem, sondern die Gläubigen sind das Problem." Es gibt Muslime, die sind gute Menschen, und es gibt Muslime, die sind schlechte Menschen. Es gibt Christen, die sind gute Menschen, und es gibt Christen, die sind schlechte Menschen. Und das kann man im Grunde über die Gläubigen jeder Weltreligion sagen. 
Also, liebe Freunde, dies wollte ich zur Einleitung sagen. Und ich verneige mich hier vor Hans Küng, der sehr viel Zeit investiert hat, die Idee zu verbreiten, dass alle Religionen ihre Anhänger dazu ermutigen, ein gutes Leben zu führen. Er hat die Erklärung zum Weltethos mitentworfen, die 1993 vom Parlament der Weltreligionen angenommen wurde. Sie ist ein wichtiges Instrument, um vor allem die Leichtgläubigen und die Demagogen davon zu überzeugen, dass kein guter Glaube zur Gewalt anstiftet. Denn alle großen Religionen wollen, dass ihre Anhänger wahrhaftige, fürsorgliche, mitfühlende, friedvolle Menschen sind. Gerade auch Politiker müssen von dieser wichtigen Wahrheit überzeugt werden. 
Unsere Welt ist bedroht und wir müssen uns überzeugen lassen, dass wir unser eigenes Schicksal tatsächlich in den Händen halten. Und die Religion, der wir angehören, ist tatsächlich meist nur ein Zufall der Geburt, der Geschichte, der Geographie und weniger eine bewusste Wahl. Wenn Sie in Pakistan geboren würden, wäre es sehr wahrscheinlich, dass Sie ein Muslim werden. Genauso, wenn Sie in Österreich zur Welt kommen oder in Italien, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie ein römisch-katholischer Christ werden. Deswegen ist es vielleicht auch ganz klug, etwas vorsichtig mit diesen Themen umzugehen, wo doch der Zufall dabei eine so wichtige Rolle spielt. Wir sollten uns wesentlich versöhnlicher gegenüber den anderen Menschen verhalten. Denn sonst können wir sehr leicht in das Lager derer gezählt werden, die wir eigentlich verurteilen! Und die ja eben nur anders sind aufgrund des Zufalls der Geburt oder der Geographie.  
Ich denke, diese Einsicht und die wachsende Toleranz, die ja mittlerweile in allen Weltreligionen zu finden ist, verdanken wir vor allem der Arbeit von Professor Hans Küng und seiner Stiftung Weltethos. Und deswegen möchte ich Ihnen ein Lob aussprechen und hier noch einmal meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ich danke Gott, dass es Sie gibt. Ich denke, das verdient einen Applaus.
  
Kommen wir nun zu Afrika: Auch diejenigen, die meinem Kontinent gegenüber halbwegs positiv eingestellt sind, fragen sich manchmal, ob Afrika als eindeutiger Beweis dafür dienen sollte, dass es sozusagen einen verlorenen Kontinent gibt, einen der zum Scheitern verurteilt ist? Ein Kontinent, der nur Dinge hervorbringt, die die so genannten Afro-Skeptiker immer wieder bestätigen: Es gibt so viele Bürgerkriege, denken Sie an den Sudan, Somalia, Uganda, den Kongo, und auch die vor kurzem beendeten Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone, wo furchtbare Gräueltaten geschehen sind. Es scheint mir einfach nicht das gleiche Afrika zu sein, das damals Abraham und Jakob als Zuflucht gedient hat, als damals im Heiligen Land eine Hungersnot herrschte. Das ist nicht das gleiche Afrika, das die heilige Familie aufgenommen hatte, weil sie vor der Verfolgung von Herodes fliehen mussten, und das ist auch nicht das gleiche Afrika, das einen Simon von Cyrene hervorgebracht hat, der Jesus half, am ersten Karfreitag das Kreuz zu tragen. Es scheint mir auch nicht das gleiche Afrika zu sein, das einen Athanasius hervorgebracht hat und einen Origenes oder Augustinus, um nur einige wenige zu erwähnen, die der frühchristlichen Kirche so viel gegeben haben. 
  
Dieses Afrika, das in Aufruhr ist, wo es zu viele absolutistische Herrscher gibt, die keine Verantwortung gegenüber ihrem Volk zeigen. Ein Kontinent voller Krankheiten, voller Korruption. Denken Sie an HIV und AIDS, diese schreckliche Pandemie, die ja in Afrika südlich der Sahara besonders stark verbreitet ist. Ja, auch in meinem wunderschönen Heimatland Südafrika ist es eine weit verbreitete Erkrankung, an der jeden Tag 1.000 Menschen sterben. Wir waren zurecht erschüttert durch die Tatsache, dass neulich über 200 Menschen verstorben sind, als die AirFrance-Maschine in den Atlantik gestürzt ist. Können Sie sich vorstellen, dass vier solcher Flugzeuge jeden Tag abstürzen? So viele Opfer fordert HIV und AIDS bei uns jeden Tag. So kann man sich eher vorstellen, was diese Zahlen bedeuten und wie HIV und AIDS unser Land zerstört. Es scheint so zu sein, dass selbst diejenigen, die Afrika lieben, wirklich genau hinschauen müssen, um die positiven Dinge zu sehen. Es sieht fast so aus, als ob die Afrikaner die Stiefkinder Gottes sind. Aber ist das eine faire Einschätzung der Dinge? Man darf natürlich vor diesen schrecklichen Dingen die Augen nicht verschließen: In viel zu vielen afrikanischen Ländern sind die Dinge nicht so, wie sie sein sollten. Aber vielleicht ist das Positive an der Situation, dass es auch Menschen gibt, die sich erheben gegen diese schlechten und unverantwortlichen Herrscher. Aber die Tatsache bleibt, dass es dort einfach viel zu viele schlechten Menschen gibt. 
  
Wenn ich die reichen Ölländer besuche, wie Qatar, Dubai, dann sehe ich, was man mit den ganzen Einnahmen aus den Ölreserven machen kann: Man setzt sie dort zum Nutzen der zugegeben zahlenmässig kleinen Bevölkerung ein. Kostenlose Ausbildung bis zum Studium; wunderschöne Häuser werden bereitgestellt, auch für die Beduinen; es gibt eine ausgezeichnete ärztliche Versorgung, alles kostenlos für die Bürger. Und dann frage ich mich natürlich: Ja, warum ist man denn in Afrika, wo es ja auch Ölvorkommen gibt, zum Beispiel in Nigeria, warum ist man denn da nicht in der Lage, dem Beispiel der arabischen Länder zu folgen? Läuft da irgendetwas falsch, stimmt was nicht mit den Afrikanern? Ist es vielleicht etwas, was in unseren Genen liegt?  
Liebe Freunde, die Antwort ist ein schallendes „Nein". Es gibt ja einige afrikanische Länder, denen geht es recht gut: Botswana, Mosambik, Namibia, Ghana und eben Südafrika. Und wir tun gut daran, uns zu erinnern, dass die meisten afrikanischen Ländern erst vor kurzem das Joch der kolonialen Unterdrückung abgeworfen haben. In vielen Ländern gab es überhaupt keine Vorbereitung auf die Eigenständigkeit. Es gab keine mündigen Wähler, die dafür hätten sorgen können, dass die Herrscher zur Rechenschaft gezogen werden. Und die Menschen wurden nicht zur Eigenständigkeit erzogen. In vielen Fällen ist es eigentlich trotzdem ganz gut gelungen. Die Afrikanische Union hat zum Beispiel eine Menschenrechtscharta, in der die allgemein anerkannten Menschenrechte verbrieft sind. Es gibt klare Regeln für eine verantwortungsvolle Regierungsform (good governance). Die Staaten überprüfen sich gegenseitig, um sicherzustellen, dass gewisse Mindestkriterien erfüllt werden. Südafrika hat eine sehr liberale Verfassung, die wirklich dafür sorgt, dass keiner wegen seiner Herkunft, seiner Religion, seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung, einer etwaigen Behinderung oder wegen seines Alters benachteiligt wird. Nein, die Afrikaner sind auf keinen Fall die Stiefkinder Gottes. Oft kann man sie vielleicht vergleichen mit den Kindern Israels, die vierzig Jahre durch die Wüste wanderten, nachdem sie durch das das Rote Meer gezogen waren. Viele sind noch auf dem diesseitigen Ufer des Jordans und wollen noch aufbrechen in das Gelobte Land. 
  
Ja, vielleicht ist das ein etwas düsteres Bild, aber vielleicht auch nicht. Warum sollten wir glauben, dass es überhaupt etwas gibt, wonach es sich zu streben lohnt? Warum sollten wir dafür sorgen, dass die Welt sich verändert, dass wir in einer anderen Welt leben? In vielen Ländern Afrikas ist die Weltsicht der Dinge etwas, das man mit Ubuntu bezeichnet. Ubuntu, das ist im Grunde der Kern des Seins, der Kern der Persönlichkeit. Wir sagen: Du musst dich bemühen, alles zu sein, was du sein kannst, damit ich alles sein kann, was ich sein kann. Meine Menschlichkeit hängt mit deiner Menschlichkeit zusammen. Der einzelne losgelöste Mensch ist im Grunde genommen ein Widerspruch in sich. Wir sagen: Eine Person wird zur Person durch andere Personen, durch die Mitmenschen. Ich habe Gaben, die du nicht hast und du hast Gaben, die ich nicht habe. Und dann sagt Gott: „Voilà, genau darum geht's. Dadurch erkennt ihr, dass ihr euch gegenseitig braucht." Wir sind dazu geschaffen, dass wir in einem sehr fragilen Netzwerk von gegenseitiger Abhängigkeit leben. Derjenige, der vollkommen eigenständig ist und autark ist, ist eigentlich kein Mensch, kein echter Mensch.
  
Ubuntu bedeutet auch Mitleid, Großzügigkeit, Gastfreundschaft. Wenn wir jemanden mit offenen Armen empfangen, wenn jemand großzügig ist, dann ist das größte Lob, das man ihm in unserer Weltgegend geben kann: Lu ubuntu, una levutu". Das bedeutet: Dieser Mensch hat Ubuntu, er ist ein Mensch. Er strebt nach gesellschaftlicher Harmonie. Rache, Zorn, Hass – all dies sind Dinge, welche die gesellschaftliche Harmonie unterlaufen. Ubuntu ermutigt alle, zu vergeben, sich zu versöhnen. Es heißt: Einander zu vergeben, ist gut für die Gesundheit, denn der Blutdruck geht runter. Es ist die beste Art und Weise, sein Eigeninteresse zu vertreten. Es verschreibt nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, sondern die wiederherstellende Gerechtigkeit. Der Zweck liegt darin, eine Brücke zu bauen, anstatt irgendwelche Rachegelüste zu schüren. Und es überrascht daher nicht, dass Nelson Mandela, als er nach 27 Jahren aus dem Gefängnis kam, und eigentlich voller Bitterkeit und Zorn sein sollte, die Welt durch die enorme Großzügigkeit im Geiste, die er an den Tag legte, erstaunte. Er kam aus dem Gefängnis und forderte sein Volk auf, nicht Rache zu üben, sondern zu vergeben und sich zu versöhnen. Nelson Mandela aus Afrika ist zu einer Ikone der Versöhnung und der Vergebung in der Welt geworden. 
 
Ubuntu sagt uns, dass wir so miteinander verwoben sind, dass, wenn man einen anderen nicht menschlich behandelt, man selber nicht mehr menschlich ist. Das sahen wir auch bei unserer Versöhnungs- und Wahrheitskommission. Da sagte jemand aus: Wir haben jemand in den Kopf geschossen und seinen Körper verbrannt – es dauert acht oder neun Stunden, bis ein menschlicher Körper verbrannt ist – und während der Körper brannte, haben wir daneben ein Grillfeuer gemacht und Bier getrunken." Da fragt man sich doch: Was mag wohl mit der Menschlichkeit von jemandem passiert sein, der in der Lage ist, so etwas zu tun? Zu töten, einen Leichnam zu verbrennen, und daneben Fleisch zu grillen? Ubuntu war nichts, das es nur in Südafrika gab. Nach Mau-Mau in Kenia dachte man, wenn Uhuru (Freiheit) zu uns kommt, würde Jomo Kenyatta sein Volk in eine Racheorgie führen. Das ist aber nicht passiert. Als die Freiheit in Simbabwe kam, gab es keine Rache, keine Vergeltung. Ian Smith blieb im Parlament auch nach der Befreiung". Das war bevor sich Herr Mugabe so verändert hatte. Und das Gleiche konnten wir in Namibia sehen. Nein, sich zu rächen heißt, dass man gegen seine eigenen Interessen handelt. 
  
Bei Ubuntu geht es um den Wert der Individuen, um ihre Würde. Bei Ubuntu geht es um die Tatsache, dass wir alle zu einer Familie gehören. Wir alle sind Teil der menschlichen Familie, der Familie Gottes. Ich werde ja auch älter und jeden Tag merke ich, dass mir Dinge ein bisschen schwerer fallen, und ich denke, ich habe etwas entdeckt, von dem ich glaube, dass es das Radikalste ist, was Jesus jemals gesagt hat. Und ich bin sicher, es wird Sie überraschen. Sie erinnern sich vielleicht: Am ersten Morgen der Auferstehung trifft unser Herr Maria Magdalena und er sagt etwas ganz Merkwürdiges zu ihr. Maria Magdalena, eine Frau. Sie erinnern sich vielleicht, dass Paulus sagte: Um als Apostel zu gelten, muss man den auferstandenen Herren gesehen haben. Demnach war der erste Apostel anscheinend eine Frau. Also, das jetzt mal in Klammern. 
 
Und unser Herr hat etwas sehr Merkwürdiges zu ihr gesagt. Er hat gesagt: Geh hin und sage es meinen Brüdern. Das ist das erste Mal, dass er von »Brüdern« spricht. Vorher hat er sie immer nur Freunde genannt. Und jetzt sagt er: meine Brüder". Zu jenen, von denen einer ihn verraten hat, einer ihn sogar dreimal verleugnet hat, und alle haben sie ihn verlassen. Diese Menschen nennt er meine Brüder". Sag meinen Brüdern, dass ich zu meinem Vater und zu ihrem Vater gehe." Das war ein sehr bedeutender Moment. Und Jesus wollte mit diesen Worten etwas sagen. Er meinte, dass Sie, ich, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Brüder und Schwestern in dieser Familie, in der es keine Außenseiter gibt, nur Insider. Sie erinnern sich vielleicht daran, dass Jesus gesagt hat: Wenn ich auffahre in den Himmel, da hat er nicht gesagt, da nehme ich ein paar von euch mit, er hat gesagt: Ich nehme euch alle mit. Alle, alle, alle. Die Reichen, die Armen, die Weißen, die Schwarzen, die Gelben, die Roten, Palästinenser, Israelis. Alle, alle, alle. Homosexuelle, Heterosexuelle, alle – können Sie sich das vorstellen? George Bush, Osama bin Laden. Alle, alle, einfach alle! Das ist doch fantastisch! Wie kann man Würde besitzen, wenn man arm ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man krank ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man unwissend ist? Oder dazu gemacht wird. Wie kann man das? Es geht um alle, alle, einfach alle. Im Ethos der Familie fragt man nicht: Sag mal, wie viel trägst du denn zum Familieneinkommen bei? Du kriegst dann anteilsmäßig nur so viel zurück, wie du auch beiträgst. Man sagt doch nicht zu einem Baby: Und, was trägst du zur Familie bei? Das Baby trägt ja noch nichts zum Einkommen bei, soweit wir das beurteilen können. Aber das Baby wird überschüttet mit Liebe. Nein, in einer guten Familie sagen wir: Jeder soll das tun, wozu er in der Lage ist. Und dann bekommt jeder das, was er braucht. 
  
Eines jedenfalls kann ich Ihnen sagen: Wir werden niemals einen Krieg gegen den Terror gewinnen, so lange es Menschen gibt, die unter Bedingungen leben müssen, die sie verzweifeln lassen. Wir sind eine Familie! Wie können wir so unglaublich viel Geld in so vielen Ländern für Tod und Zerstörung ausgeben? Wir produzieren Bomben, die Menschen töten werden, und dabei wissen wir doch, dass nur ein kleiner Teil dieses Geldes dafür sorgen könnte, dass Kinder auf der ganzen Welt sauberes Trinkwasser, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, gute Bildung bekommen könnten. Wie können wir das zulassen? Wie? Und Gott sagt: Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt mehr Mitgefühl zeigt, dass wir in einer Welt leben, in der jeder Mensch mehr bedeutet als materielle Dinge? Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt eine Welt wird, in der jeder Mensch seine unveräußerlichen Rechte genießen kann? Und Gott sagt: Bitte, bitte hilf mir! Bitte hilf mir! Hilf mir, diese Welt in eine Welt des Mitgefühls zu verwandeln, in eine Welt der Großzügigkeit, eine Welt, in der sich jeder um den anderen kümmert, eine Welt voller Lachen und Freude, eine Welt, in der die Armut Vergangenheit ist, eine Welt, in der es keinen Krieg mehr gibt. 
 
Hilf mir. Hilf mir. Hilf mir.
Vielen Dank.
 
 


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7. Weltethos-Rede am 8. Mai 2007
Helmut Schmidt, Altbundeskanzler
Zum Ethos des Politikers"

SchmidtIm Anschluss an seine Rede führte Helmut Schmidt einen Dialog mit Professor Küng. 
  
Das Ethos des Politikers"

Zunächst möchte ich mich bei Ihnen, lieber Hans Küng, bedanken. Ich bin der Einladung gern gefolgt, denn ich habe seit Beginn der 1990er Jahre das »Projekt Weltethos« mit großer Sympathie verfolgt. Das Wort Weltethos" mag zwar manchem als zu anspruchsvoll erscheinen, aber die zu lösende Aufgabe ist tatsächlich und zwangsläufig sehr anspruchsvoll. Vielleicht darf ich hier einflechten, dass eine Reihe von früheren Staats- und Regierungschefs aus allen fünf Erdteilen sich als InterAction Council seit 1987 ein durchaus vergleichbares Ziel gesetzt haben; unsere Arbeit hat allerdings bisher nur relativ geringen Erfolg erreicht. Dagegen ragt die Leistung Hans Küngs und seiner Freunde weit heraus.

Ich selbst verdanke meine ersten Anstöße, über die den großen Religionen gemeinsamen moralischen Gebote nachzudenken, einem gläubigen Muslim. Es liegt mehr als ein Vierteljahrhundert zurück, dass der damalige ägyptische Staatspräsident Anwar as Sadat mir die gemeinsamen Wurzeln der drei abrahamischen Religionen erklärt hat, ebenso die vielerlei Übereinstimmungen und insbesondere die übereinstimmenden moralischen Gebote. Er wusste von dem gemeinsamen Friedensgebot, zum Beispiel in den Psalmen des jüdischen alten Testaments, zum Beispiel in der christlichen Bergpredigt oder in der vierten Sure des muslimischen Koran. Wenn doch nur auch die Völker Kenntnis von dieser Übereinstimmung hätten, wenn wenigstens doch die politischen Führer der Völker sich dieser ethischen Übereinstimmung ihrer Religionen bewusst würden, dann würde ein dauerhafter Friede möglich sein. Dies war seine tiefe Überzeugung. Einige Jahre später zog er als Staatspräsident die politische Konsequenz aus seiner Überzeugung und besuchte die Hauptstadt und das Parlament des Staates Israel, der vorher in vier Kriegen sein Feind gewesen war, um Frieden anzubieten und zu schließen.

In meinem hohen Alter hat man den Tod der eigenen Eltern und Geschwister und vieler Freunde erlebt; aber die Ermordung Sadats durch religiöse Eiferer hat mich tiefer erschüttert als andere Verluste. Mein Freund Sadat wurde umgebracht, weil er dem Friedensgebot gehorsam war.

Ich will auf das Friedensgebot sogleich zurückkommen, vorweg aber eine Einschränkung: Ein einziger Vortrag, zumal im Umfang auf weniger als eine Stunde begrenzt, kann das Thema vom Ethos des Politikers nicht entfernt ausschöpfen. Deshalb muss ich mich heute auf einige Bemerkungen konzentrieren, nämlich zum Verhältnis von Politik und Religion, dann zur Rolle der Vernunft und des Gewissens in der Politik, sodann zur Notwendigkeit des Kompromisses und zum deshalb unvermeidlichen Verlust an Stringenz und Konsequenz.
 

I.
Nun aber zurück zum Friedensgebot. Die Maxime des Friedens ist ein unentbehrlicher Teil der Ethik oder der Moral, die von einem Politiker verlangt werden muss. Sie gilt gleicherweise für die Politik im Innern eines Staates und seiner Gesellschaft wie ebenso nach außen. Daneben stehen sodann weitere Gebote und Maximen. Dazu gehört selbstverständlich die in allen Weltreligionen gelehrte und verlangte Goldene Regel", die Immanuel Kant in seinem Kategorischen Imperativ lediglich neu formuliert und die der deutsche Volksmund in den Merkvers verdichtet hat: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu". Die Goldene Regel gilt für jedermann. Ich glaube nicht, dass für Politiker andere moralische Grundregeln gelten als für jedermann.

Unterhalb des Kernbestandes der allgemeingültigen Moral gibt es allerdings vielerlei spezielle Ausprägungen für spezifische Berufe oder Situationen. Denken Sie zum Beispiel an den ehrwürdigen hippokratischen Eid der Ärzte, an die berufliche Ethik des Richters; oder denken Sie an die besonderen ethischen Regeln, die vom Kaufmann, die vom Geldverleiher oder Bankier, die vom Arbeitgeber oder die vom Soldaten im Kriege verlangt werden müssen.

Da ich weder Philosoph bin noch Theologe, so werde ich nicht den Versuch machen, Ihnen ein Kompendium oder einen Kodex der spezifisch politischen Ethik vorzutragen und dergestalt mit Plato und Aristoteles oder mit Konfuzius in Wettbewerb zu treten. Seit über zweieinhalb Jahrtausenden haben große Autoren vielerlei Elemente oder Bestandteile der politischen Ethik zusammengetragen, zum Teil mit durchaus kontroversen Ergebnissen. Das reicht in Europas Neuzeit von Machiavelli oder Carl Schmitt bis hin zu Hugo de Groot oder Max Weber oder Karl Popper. Ich dagegen muss mich darauf beschränken, Ihnen einige der Einsichten vorzutragen, die ich selbst im Laufe meines Lebens als Politiker und als politischer Publizist gewonnen habe – zum größeren Teil im eigenen Vaterlande und zum anderen Teil im Umgang mit unseren nahen und auch mit unseren weiter entfernten Nachbarn.

Schon an dieser Stelle will ich auf die Erfahrung hinweisen, dass von Gott oder vom Christentum zwar in der deutschen Innenpolitik keineswegs selten die Rede gewesen ist, nicht aber im Gespräch oder in der Verhandlung mit anderen Staaten und ihren Politikern. Als es jüngst in Frankreich und in Holland zu Volksabstimmungen über den Entwurf einer Verfassung für die Europäische Union kam, war dort für manche Menschen die Abwesenheit einer Anrufung Gottes im Verfassungstext ein entscheidendes Motiv für ihre Ablehnung. Die Politiker hatten mit Mehrheit auf die Anrufung Gottes im Verfassungstext verzichtet. Im deutschen Grundgesetz kommt Gott zwar in der Präambel vor: Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott ..."; und später noch ein zweites Mal im Wortlaut des Amtseides im Artikel 56, wo es am Schluss heißt: So wahr mir Gott helfe". Aber unmittelbar anschließend sagt das Grundgesetz: Der Eid kann auch ohne religiöse Beteuerung geleistet werden". In beiden Textstellen bleibt dem Bürger überlassen, ob er den Gott der Katholiken oder der Protestanten meint, oder den Gott der Juden oder der Muslime.

Es war auch beim Grundgesetz eine Mehrheit von Politikern, die 1948/49 diesen Text formuliert hat. In einer rechtsstaatlich-demokratischen Ordnung spielen die Politiker und ihre Vernunft die verfassungspolitisch entscheidende Rolle, nicht aber ein spezifisches religiöses Bekenntnis oder dessen Schriftgelehrte.

Kürzlich haben wir miterlebt, wie der Heilige Stuhl nach Jahrhunderten endlich das machtpolitische Verdikt gegen Galileis Vernunft aufhob. Heute erleben wir alltäglich, wie im Mittleren Osten religiöse und politische Kräfte in blutiger Weise um die Macht über die Seelen der Menschen ringen – und wie dabei abermals die Ratio, die allen Menschen gegebene Vernunft, oftmals das Nachsehen hat. Als im Jahre 2001 einige religiöse Eiferer im Bewusstsein, ihrem Gott zu dienen, in New York dreitausend Menschen und zugleich sich selbst zu Tode brachten, da lag das Todesurteil gegen Sokrates – wegen Gottlosigkeit! – immerhin schon zweieinhalbtausend Jahre zurück. Offenbar ist der perennierende Konflikt zwischen Religion und Politik und Vernunft ein bleibender Teil der conditio humana.
 

II.
Vielleicht darf ich hier eine persönliche Erfahrung einflechten. Ich bin im Laufe der Nazi-Zeit erwachsen geworden, zu Anfang des Jahres 1933 war ich gerade erst vierzehn geworden. Während meiner acht Wehrpflichtjahre hatte ich meine Hoffnung für die Zeit nach der erwarteten Katastrophe auf die christlichen Kirchen gesetzt. Aber nach 1945 habe ich miterlebt, dass die Kirchen weder eine Neubegründung der Moral leisten konnten, noch eine Neubegründung von Demokratie und Rechtsstaat. Meine eigene Kirche würgte immer noch am Römerbrief des Paulus: Seid untertan der Obrigkeit".

Stattdessen ist der Neuanfang in entscheidendem Maße zunächst von einigen erfahrenen Politikern der Weimarer Zeit gekommen, von Adenauer, Schumacher und Heuss und anderen. Es waren dann zu Beginn der Bundesrepublik aber weniger die alten Weimaraner, sondern vielmehr der erstaunliche ökonomische Erfolg Ludwig Erhards und die amerikanische Marshall-Hilfe, welche die Deutschen auf Freiheit und Demokratie und für den Rechtsstaat eingestimmt haben. Diese Wahrheit bedeutet keine Schande. Denn schon seit Karl Marx weiß man, dass das ökonomische Sein das politische Bewusstsein bestimmt. Zwar enthält diese Feststellung nur eine Teil-Wahrheit. Richtig bleibt aber: Jede Demokratie ist gefährdet, wenn die Regierenden Wirtschaft und Arbeit nicht in akzeptabler Ordnung halten können.

Im Ergebnis bin ich moralisch, aber auch politisch und ökonomisch von den Wirkungsmöglichkeiten der Kirchen enttäuscht geblieben. Während des Vierteljahrhunderts nach meiner Kanzlerschaft habe ich vieles dazugelernt und vieles gelesen. Dabei habe ich ein Weniges über andere Religionen und ein Weniges über mir bis dahin nicht geläufige Philosophien hinzugelernt. Diese Bereicherung hat meine religiöse Toleranz verstärkt; sie hat zugleich meine Distanz zum Christentum vergrößert. Gleichwohl nenne ich mich einen Christen und bleibe in der Kirche, weil sie Gegengewichte setzt gegen moralischen Verfall und weil sie vielen Menschen Halt bietet. 
 

III.
Was mich bis heute bei der Berufung auf den christlichen Gott immer wieder stört – sowohl bei manchen Kirchenleuten als auch bei manchen Politikern – , das ist die Tendenz zur Ausschließlichkeit, die wir im Christentum antreffen – und ebenso auch in anderen religiösen Bekenntnissen: Du hast unrecht, ich aber bin erleuchtet, meine Überzeugungen und meine Ziele sind gottgefällig. Mir ist seit langem klar geworden: Unsere unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen müssen uns nicht hindern, zum Besten aller zusammenzuarbeiten; denn tatsächlich liegen unsere moralischen Werte nahe beieinander. Friede unter uns ist möglich, allerdings müssen wir den Frieden immer wieder aufs Neue herstellen und »stiften«, wie Kant gesagt hat.

Dem Ziel des Friedens dient es nicht, wenn die Gläubigen und die Priester einer Religion versuchen, die Gläubigen einer anderen Religion zu bekehren und zu missionieren. Deshalb stehe ich dem Grundanliegen der Mission des Glaubens mit tiefer Skepsis gegenüber. Dabei spielt besonders mein Geschichtswissen eine Rolle – ich meine den Umstand, dass sowohl das Christentum als auch der Islam über Jahrhunderte durch das Schwert, durch Eroberung und Unterwerfung ausgebreitet worden sind, nicht aber durch Zeugnis, Überzeugung und Einsicht. Die Politiker des Mittelalters, also die Herzöge und Könige, die Kalifen und die Päpste haben sich den religiösen Missionsgedanken angeeignet und ihn zum Instrument der Ausdehnung ihrer Macht umfunktioniert – und Tausende und Hunderttausende von Gläubigen haben sich willig umfunktionieren lassen.

So sind zum Beispiel die Kreuzzüge im Namen Christi, mit der Bibel in der linken, aber mit dem Schwert in der rechten Hand in meiner Sicht tatsächlich Eroberungskriege gewesen. Wenn in der Neuzeit die Spanier und Portugiesen, die Engländer, Holländer oder Franzosen und zum Schluss auch noch die Deutschen sich jeder mit Gewalt große Teile Amerikas, Afrikas und Asiens angeeignet haben, so ist auch die Kolonisierung dieser fremden Kontinente zwar im Bewusstsein der eigenen moralischen und religiösen Überlegenheit geschehen. Jedoch mit dem Christentum hatte die Errichtung der Kolonialreiche sehr wenig zu tun, vielmehr ging es um Macht und egozentrisches Interesse. Oder nehmen Sie die reconquista auf der iberischen Halbinsel: Es ging nicht allein um den Sieg des Christentums, sondern es ging im Kern um die Macht der katholischen Könige Ferdinand und Isabella. Wenn heute auf indischem Boden Hindus und Muslime einander bekämpfen oder wenn im Mittleren Osten sunnitische und schiitische Muslime einander bekämpfen, so geht es abermals im Kern um Macht und Herrschaft. Die Religionen und ihre Priester werden dafür benutzt, weil sie die Menschenmassen beeinflussen können – und sie lassen sich benutzen.

Heute beunruhigt es mich sehr, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Gefahr eines weltweit religiös motivierten oder auch religiös verbrämten clash of civilizations" durchaus real geworden ist. Das ist keine intellektuelle Spielerei, die Gefahr ist wirklich gegeben. An manchen Orten der heutigen Welt vermischen sich religiös verbrämte Herrschaftsmotive mit Empörung über Armut und mit Neid auf den Wohlstand anderer. Religiöse Sendungsmotive vermischen sich mit exzessiven Herrschaftsmotiven. Die abwägenden und mäßigenden Stimmen der Vernunft haben es dort schwer, Gehör zu finden. In ekstatisch aufgeregten Menschenmassen kann ein Appell an die Vernunft des einzelnen überhaupt nicht gehört werden. Ein Gleiches gilt dort, wo heutzutage mit nahezu religiöser Inbrunst die durchaus ehrwürdigen westlichen Ideologien und Lehren der Demokratie und der Menschenrechte mit militärischer Gewalt ganz anders gewachsenen Kulturen oktroyiert werden sollen.

IV.
Ich selbst habe aus all diesen Erfahrungen für mich eine klare Schlussfolgerung gezogen: Misstraue jedem Politiker, jedem Regierungs- oder Staatschef, der seine Religion zum Instrument seines Machtstrebens macht. Halte Abstand von solchen Politikern, die ihre auf das Jenseits orientierte Religion und ihre diesseitige Politik miteinander vermischen.

Diese Ermahnung gilt für die auswärtige Politik und für die innere Politik gleicherweise. Sie gilt für den Bürger ebenso wie für den Politiker. Vom Politiker müssen wir Respekt und Toleranz gegenüber den Gläubigen anderer Religionen verlangen. Wer als politischer Führer dazu nicht fähig ist, den muss man als Gefahr für den Frieden ansehen – für den Frieden im Innern unseres Staates wie für den Frieden nach außen.

Es ist eine Tragödie, dass auf allen Seiten die Rabbiner, die Priester, Pastoren und Bischöfe, die Mullahs und Ayatollahs uns Laien jede Kenntnis der anderen Religionen weitgehend vorenthalten haben. Sie haben uns im Gegenteil vielfältig gelehrt, über die anderen Religionen ablehnend und sogar abfällig zu denken. So bin ich zum Beispiel aufgewachsen und viele von Ihnen auch. Wer aber Frieden zwischen den Religionen will, der sollte religiöse Toleranz und Respekt predigen. Respekt gegenüber dem anderen setzt ein Minimum an Kenntnis des anderen voraus. Ich bin schon lange überzeugt, dass – über die drei abrahamischen Religionen hinaus – ebenso der Hinduismus, der Buddhismus oder der Schintoismus mit Recht gleichen Respekt und gleiche Toleranz verlangen.

Wegen dieser Überzeugung habe ich die Chicagoer Erklärung zum Weltethos" des Parlaments der Weltreligionen nicht nur als wünschenswert empfunden, sondern als dringend notwendig begrüßt. Auf dem Boden der gleichen Grundhaltung hat der InterAction Council der ehemaligen Staats- und Regierungschefs heute vor zehn Jahren dem Generalsekretär der Vereinten Nationen den Entwurf einer »Universal Declaration of Human Responsibilities« zugeleitet. Unser Text, mit der Hilfe von Vertretern aller großen Religionen geschrieben, enthält die fundamentalen Prinzipien der Humanität. Ich möchte an dieser Stelle besonders Hans Küng für seine Mitarbeit danken. Zugleich erinnere ich mich dankbar an die Beiträge des verstorbenen Wiener Kardinals Franz König.

V.
Ich habe allerdings auch verstanden, dass vor zweieinhalbtausend Jahren einige der grundlegenden Lehrer der Menschheit, Sokrates und Aristoteles oder Konfuzius und Menzius, keiner Religion bedurften, auch wenn sie ihr aus Gründen der Opportunität, mehr am Rande ihrer Arbeit, Lippendienst geleistet haben. Nach allem, was wir von ihnen wissen, hat Sokrates seine Philosophie und hat Konfuzius seine Ethik allein auf die Anstrengung der Vernunft gegründet – nicht auf Gott oder auf mehrere Götter; all ihre Lehre hatte keine Religion zur Grundlage. Gleichwohl sind beide bis auf den heutigen Tag zu Leuchttürmen für Abermillionen Menschen geworden. Ohne Sokrates kein Platon – vielleicht auch kein Immanuel Kant und kein Karl Popper. Ohne Konfuzius und ohne den Konfuzianismus sind die in der Weltgeschichte einmalig lange Lebensdauer und die Vitalität der chinesischen Kultur und des Reiches der Mitte schwer vorstellbar.

Mir kommt es hier auf eine wichtige Erfahrung an: Offenbar sind herausragende Erkenntnisse, wissenschaftliche Leistungen und so auch ethische und politische Lehren durchaus auch dann möglich, wenn der Urheber sich nicht an einen Gott, an einen Propheten, an eine heilige Schrift oder an eine bestimmte Religion gebunden weiß, sondern lediglich seiner Vernunft verpflichtet ist. Dies gilt ebenso für sozialökonomische und politische Leistungen. Allerdings hat es die europäisch-nordamerikanische Aufklärung mehrere Jahrhunderte der Anstrengung und des Kampfes gekostet, dieser Erfahrung in unserem Teil der Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei ist das Wort Durchbruch" gerechtfertigt bezüglich der Wissenschaft, der Technologie und der Wirtschaft.

Bezüglich der Politik dagegen gilt das Wort vom Durchbruch" der Aufklärung leider nur eingeschränkt. Denn ob zum Beispiel Wilhelm II. sich selbst als Monarch von Gottes Gnaden" interpretierte, ob ein amerikanischer Präsident sich auf Gott beruft oder ob heute Politiker sich mit ihrer Politik auf christliche Werte berufen: Sie empfinden sich religiös als Christen gebunden. Einige empfinden sich klar und deutlich als in christlicher religiöser Verantwortung stehend, andere empfinden diese Verantwortung nur relativ undeutlich – so wie heute wohl die meisten Deutschen auch. Denn inzwischen haben sich viele Deutsche vom Christentum gelöst, viele haben ihre Kirche verlassen; manche haben sich auch von Gott gelöst – und sind gleichwohl gute Menschen und gute Nachbarn.

VI.
Die allermeisten Deutschen teilen heute einige wichtige, sie bindende politische Grundüberzeugungen. Ich meine vornehmlich die Bindung an die unveräußerlichen Menschenrechte und an das Prinzip der Demokratie. Diese innere Bindung ist offenbar unabhängig vom eigenen Glauben oder Nicht-Glauben, auch unabhängig davon, dass beide Prinzipien in den christlichen Bekenntnissen nicht enthalten sind.

Nicht allein das Christentum, auch die anderen Weltreligionen und ihre heiligen Bücher haben ihren Gläubigen weit überwiegend Gebote und Pflichten auferlegt, während die Rechte der einzelnen Person in den heiligen Büchern kaum jemals vorkommen. Unser Grundgesetz dagegen spricht in seinen ersten zwanzig Artikeln fast ausschließlich von den verfassungsfesten Rechten des einzelnen Bürgers; während seine Verantwortlichkeit oder seine Pflichten nur an einer einzigen Stelle vorkommen, und die ist nachträglich eingefügt. Unser Grundrechtskatalog war eine gesunde Reaktion auf die extreme Beseitigung der Freiheit des einzelnen Menschen unter der Nazi-Herrschaft. Er ist nicht auf christlichen oder auf anderen religiösen Lehren aufgebaut, sondern allein auf dem einzigen in unserer Verfassung deutlich und klar ausgesprochenen Grundwert der unantastbaren Würde" des Menschen.

Wenn im gleichen Atemzug, im gleichen Artikel 1 Gesetzgebung, Exekutive und Justiz an die Grundrechte als unmittelbar geltendes Recht gebunden worden sind, so bedeutet das auch die Bindung aller Politiker, seien sie Gesetzgeber, Regierende oder Verwaltende; sei es im Bund, in den Ländern oder den Kommunen. Dabei haben Politiker große Spielräume; denn das Grundgesetz erlaubt gleichermaßen gute oder erfolgreiche Politik wie auch miserable oder erfolglose Politik. Schlechte Politik ist nicht grundgesetzwidrig, sie ist nur schlecht. Deshalb brauchen wir nicht allein den Verfassungsgehorsam der Gesetzgebenden und der Regierenden, nicht nur zweitens deren Kontrolle durch das Verfassungsgericht, sondern wir brauchen drittens und vor allem die Kontrolle der Politik durch die wählenden Bürger und durch ihre öffentliche Meinung.

Natürlich erliegen Politiker Irrtümern, natürlich machen sie Fehler. Sie sind ja all den gleichen menschlichen Schwächen unterworfen wie jeder andere Bürger und wie die öffentliche und veröffentlichte Meinung auch. Bisweilen sind Politiker zu spontaner Entscheidung genötigt; zumeist aber haben sie genug Zeit und ausreichende Möglichkeiten, Rat von mehreren Seiten einzuholen, die verfügbaren Alternativen und ihre vorhersehbaren Folgen abzuwägen, ehe sie eine Entscheidung fällen. Je mehr der Politiker sich von einer fixierten Theorie oder Ideologie leiten lässt, je mehr vom Machtinteresse seiner Partei, je weniger er im Einzelfall alle erkennbaren Faktoren und alle Entscheidungsfolgen abwägt, um so größer die Gefahr von Irrtümern, von Fehlern und Fehlschlägen. Bei einem spontan notwendigen Entschluss ist dieses Risiko besonders hoch. In jedem Fall trifft den Politiker die Verantwortung für die Folgen – und oft genug kann die Verantwortung durchaus bedrückend sein. In vielen Fällen finden Politiker weder Entscheidungshilfen im Grundgesetz, in ihrer Religion, in einer Philosophie oder Theorie; sondern sie sind allein angewiesen auf ihre eigene Vernunft und ihre eigene Urteilskraft, und auf ihr eigenes Gewissen.

Deshalb hat Max Weber in seinem immer noch lesenswerten Vortrag des Jahres 1919 über Politik als Beruf" etwas zu pauschal vom Augenmaß" des Politikers gesprochen. Er hat hinzugefügt, der Politiker müsse für die Folgen seines Handelns aufkommen". Tatsächlich, so denke ich, müssen nicht nur ganz allgemein die Folgen, sondern ausdrücklich auch die ungewollten Folgen, auch die in Kauf genommenen oder nicht vorhergesehenen Nebenwirkungen gerechtfertigt sein; die Ziele seines Handelns müssen moralisch gerechtfertigt sein. Sie müssen verantwortet werden können. Die Ziele seines Handelns müssen gerechtfertigt sein, seine Mittel müssen ethisch gerechtfertigt sein. Bei einer unvermeidlich notwendigen Spontan-Entscheidung muss dafür das Augenmaß" ausreichen. Wenn dagegen Zeit zur Abwägung verfügbar ist, dann sind sorgfältige Analyse und Durchdenken geboten. Diese Maxime gilt nicht allein für eine Entscheidung im dramatischen Extremfall, sondern ebenso für die ganz normale alltägliche Gesetzgebung etwa im Felde der Steuer- oder der Arbeitsmarktpolitik; sie gilt ebenso für die Entscheidung über ein neues Kraftwerk oder eine neue Autobahn. Diese Maxime gilt ohne jede Einschränkung.

Mit einem anderen Wort: Ohne die vorangehende Anstrengung seiner Vernunft kann der Politiker sein Handeln und dessen Folgen nicht im Gewissen verantworten. Eine gute Absicht allein oder eine lautere Gesinnung allein kann ihn von seiner Verantwortung nicht entlasten. Deshalb habe ich Max Webers Wort von der Notwendigkeit der Verantwortungsethik im Gegensatz zur Gesinnungsethik immer als gültig empfunden.

Dabei wissen wir aber, dass viele aus Motiven ihrer Gesinnung in die Politik gehen, nicht aus Vernunftgründen. Wir müssen ebenso einräumen, dass manche innenpolitische und ebenso manche außenpolitische Entscheidung aus der Gesinnung entspringt – und nicht aus rationaler Abwägung. Und wir täuschen uns hoffentlich nicht darüber, dass auch ein großer Anteil der wählenden Bürger und Bürgerinnen ihre politische Wahlentscheidung vornehmlich aus Motiven der Gesinnung trifft – und aus Regungen ihrer gegenwärtigen psychischen Stimmung.

Gleichwohl habe ich die Einsicht in die grundlegende Bedeutung der beiden Elemente politischer Entscheidung – Vernunft und Gewissen – seit langen Jahrzehnten in Wort und Schrift vertreten. 
 

VII.
Ich muss aber hinzufügen: So einfach und so unzweideutig, wie dieses Fazit sich anhört oder sich liest, so einfach ist es in der demokratischen Wirklichkeit nicht. Denn es ist in einer demokratisch verfassten Staatsordnung de facto die Ausnahme, wenn ein einzelner allein eine politische Entscheidung trifft. In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle entscheidet nicht ein einzelner, sondern vielmehr eine Mehrheit von Personen. Dies gilt ohne Ausnahme zum Beispiel für jegliche Gesetzgebung.

Damit im Parlament eine Gesetzgebungsmehrheit zustande kommt, müssen mehrere hundert Personen sich auf einen gemeinsamen Text einigen. Eine relativ unwichtige Materie kann zugleich kompliziert oder schwer zugänglich sein, zum Beispiel in der Steuergesetzgebung. In solchen Fällen verlässt man sich dann leicht auf die anerkannten Experten oder auf die anerkannten Führungspersonen der eigenen Fraktion. Es gibt aber viele Fälle, und es gibt wichtige Materien, in denen manche Abgeordnete in einem oder in mehreren Punkten zunächst andere, wohl begründete Meinungen haben. Um ihnen die Zustimmung zu ermöglichen, muss man ihnen entgegenkommen. 
Mit einem anderen Wort: Gesetzgebung und Entscheidung durch eine Parlamentsmehrheit setzt bei den vielen einzelnen die Fähigkeit und den Willen zum Kompromiss voraus! Ohne Kompromiss kann kein Konsensus einer Mehrheit zustande kommen. Wer den Kompromiss prinzipiell nicht kann oder nicht will, der ist zur demokratischen Gesetzgebung nicht zu gebrauchen. Allerdings ist mit dem Kompromiss oft ein Verlust an Stringenz und Konsequenz des politischen Handelns verknüpft. Solchen Verlust muss der demokratische Abgeordnete willig in Kauf nehmen. Das gehört ins Stammbuch der deutschen Idealisten geschrieben.
 

VIII.
Kompromisse sind desgleichen in der auswärtigen Politik immer wieder notwendig, um den Frieden zwischen den Staaten zu wahren. Ein nationaler sacro egoismo, wie ihn die Regierung der USA zurzeit pflegt, kann auf Dauer nicht friedlich funktionieren.

Allerdings hat das Ideal des Friedens – seit Alexander oder Caesar, seit Dschingis Khan, Pizarro oder Napoleon bis hin zu Hitler und Stalin – über Jahrtausende hinweg in der Praxis der auswärtigen Politik nur ganz selten eine entscheidende Rolle gespielt. Und heute noch heißt Alexander bei uns der Große". Ebenso wenig hat das Ideal des Friedens in der theoretischen Staatsethik oder in der philosophischen Durchdringung der Politik eine entscheidende Rolle gespielt. Im Gegenteil: Seit Jahrtausenden und noch in der Neuzeit von Machiavelli bis zu Clausewitz galt der Krieg als quasi selbstverständliches Element der Politik.

Erst im Zuge der europäischen Aufklärung haben einige wenige Autoren – so zum Beispiel der Niederländer Hugo de Groot oder der Deutsche Immanuel Kant – den Frieden zum erstrebenswerten politischen Ideal erhoben. Aber noch während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts ist Krieg für die europäischen Großstaaten eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln geblieben – und abermals im zwanzigsten Jahrhundert. Dann erst hat das entsetzliche Elend der beiden Weltkriege endlich dazu geführt, dass das in den Volksmassen längst vorhandene Bewusstsein vom Krieg als einem zu vermeidenden Kardinalübel der Menschheit sich auch führenden Politikern in West und Ost mitgeteilt hat. Der Versuch des Genfer Völkerbundes, später die Begründung der bis heute wirksamen Vereinten Nationen bezeugen das; ebenso die auf Gleichgewicht zielenden Rüstungsbegrenzungsverträge zwischen den USA und der Sowjetunion; ebenso die Begründung der europäischen Integration seit den 1950er Jahren.

Auch die Bonner Ostpolitik gegenüber Moskau, Warschau und Prag war ein denkwürdiges Beispiel für ein entscheidendes Element jeder Friedenspolitik: Wer als Staatsmann dem Frieden dienen will, der muss mit dem Staatsmann auf der Gegenseite reden – das heißt: er muss mit dem Feind von gestern oder mit dem möglichen Feind von morgen reden – und er muss ihm zuhören und ihm antworten! Reden, Zuhören und wenn möglich einen Kompromiss schließen! Ein anderes Beispiel war die Schlusserklärung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) 1975 in Helsinki, die ein friedensdienlicher Kompromiss gewesen ist: Die Sowjetunion erhielt die Unterschriften der westlichen Staatsmänner unter die Festschreibung der Staatsgrenzen im Osten Europas, und der Westen erhielt die Unterschriften der kommunistischen Staatschefs unter die Menschenrechte (in Gestalt des nachmalig berühmt gewordenen Korb III der KSZE). Ein Kompromiss: beide Seiten bekamen etwas Wichtiges und mussten zugleich etwas unterschreiben, was ihnen zuwider war. Der Zusammenbruch der Sowjetunion anderthalb Jahrzehnte später war dann nicht eine Folge militärischer Gewalt von außen – Gott sei Dank! –, sondern es war vielmehr eine im Innern sich vollziehende Implosion eines Systems, das seine Kräfte weit überdehnt hatte.

Ein umgekehrtes, negatives Beispiel geben die seit Jahrzehnten wiederkehrenden Kriege und Gewalttaten zwischen dem Staate Israel und seinen palästinensischen und arabischen Nachbarn. Wenn beide Seiten nicht miteinander reden, so bleiben zwangsläufig Kompromiss und Frieden eine illusionäre Hoffnung und nichts weiter.

Seit 1945 verbietet das Völkerrecht in Gestalt der Satzung der Vereinten Nationen jede gewaltsame Einmischung von außen in die Angelegenheiten eines Staates; allein der Sicherheitsrat darf eine Ausnahme von dieser Grundregel beschließen. Mir will es heute dringend nötig erscheinen, die Politiker an diese Grundregel zu erinnern. Denn zum Beispiel die militärische Intervention im Irak, noch dazu lügenhaft begründet, ist eindeutig ein Verstoß gegen das Prinzip der Nichteinmischung, ein eklatanter Verstoß gegen die Satzung der Vereinten Nationen. Politiker vieler Nationen sind an diesem Verstoß mitschuldig. Ebenso tragen Politiker vieler Nationen (darunter auch deutsche) Mitverantwortung für völkerrechtswidrige Interventionen aus humanitären" Gründen. So sind seit fast einem Jahrzehnt auf dem Balkan gewaltsame Interessenkonflikte auf westlicher Seite mit einem humanitären Mantel bekleidet worden (einschließlich der Bomben auf Belgrad).

IX.
Ich will aber die außenpolitische Abschweifung verlassen und zum innenpolitischen und zum parlamentarischen Kompromiss zurückkehren. Die Massenmedien, die in unserer offenen Gesellschaft weitgehend die öffentliche Meinung prägen, sprechen von politischen Kompromissen bisweilen als von »Kuhhandel« oder auch von faulen" Kompromissen, bisweilen entrüsten sie sich über angeblich unmoralische Fraktionsdisziplin. Zwar ist es einerseits gut und nützlich, wenn die Medien den Meinungsbildungsprozess immer wieder kritisch durchleuchten. Gleichwohl bleibt aber der Satz von der demokratischen Notwendigkeit des Kompromisses richtig. Denn eine gesetzgebende Körperschaft, in der jedes einzelne Mitglied unabdingbar auf seiner individuellen Meinung beharrte, würde den Staat ins Chaos fallen lassen. Ähnlich würde eine Regierung regierungsunfähig werden, wenn jedes einzelne Mitglied unabdingbar auf seinem individuellen Urteil beharrte. Das weiß auch jeder Minister einer Regierung oder jedes Mitglied einer Parlamentsfraktion. Jeder demokratische Politiker weiß, er muss Kompromisse eingehen. Ohne das Prinzip des Kompromisses ist das Prinzip der Demokratie nicht möglich. Das steht auch in keinem Lehrbuch, sollte aber da stehen.

Tatsächlich gibt es aber auch üble Kompromisse – zum Beispiel zu Lasten Dritter oder zu Lasten einer späteren Zukunft. Es gibt unzureichende Kompromisse, die das vorliegende Problem nicht lösen, sondern nur den Anschein hervorrufen, als ob sie es lösen. So steht also der notwendigen Tugend des Kompromisses die Versuchung zum bloßen Opportunismus gegenüber. Die Versuchung zum opportunistischen Kompromiss mit der öffentlichen Meinung oder mit Teilen der öffentlichen Meinung kehrt alltäglich wieder! Deshalb bleibt eben auch der kompromisswillige Politiker auf sein persönliches Gewissen angewiesen.

Es gibt Kompromisse, die ein Politiker nicht eingehen darf, weil sein Gewissen widerspricht. In solchem Falle bleibt ihm nur der offene Dissens, in manchen Fällen bleibt nur der Rücktritt oder der Verlust des Mandats. Eine Verletzung des eigenen Gewissens untergräbt Anstand und Moral – und das Vertrauen anderer in die Integrität der eigenen Person.

Es gibt aber auch den Gewissensirrtum. Die eigene Ratio kann sich irren, so kann auch das eigene Gewissen irren. In solchem Fall ist ein moralischer Vorwurf nicht gerechtfertigt, gleichwohl kann daraus ein schwerer Schaden entstehen. Wenn in solchem Falle der Politiker später seinen Irrtum erkennt, so kommt er vor die Frage, ob er den Irrtum und die Wahrheit eingestehen soll oder ob er drüber hinweg pfuschen darf. In solcher Lage verhalten sich die meisten Politiker, ähnlich wie die meisten hier im Saal, allzu menschlich: Uns allen fällt es ganz schwer, einen eigenen Gewissensirrtum und die Wahrheit über uns selbst öffentlich hörbar einzuräumen.
 

X.
Die Frage nach der Wahrheit kann mit der Leidenschaft kontrastieren, welche nach Max Weber eine der drei hervorragenden Eigenschaften des Politikers ist. Die Frage nach der Wahrheit kann auch kontrastieren mit der notwendigen Fähigkeit zur Rhetorik – ein Politiker, der nicht reden kann, ist kein Politiker – , die schon vor zweieinhalb Jahrtausenden im demokratisch verfassten Athen als eine der allerwichtigsten Künste angesehen war – und die in der heutigen Fernsehgesellschaft eher noch wichtiger geworden ist. Wer gewählt werden will, der muss den Wählern seine Absichten, sein Programm vortragen. Dabei ist er in der Gefahr, mehr zu versprechen, als er später erfüllen kann, zumal er dem Fernsehpublikum sympathisch erscheinen will. Jeder Wahlkämpfer ist der Versuchung zur Übertreibung ausgesetzt. Der Wettbewerb um Ansehen, vor allem um die Sympathie des Fernsehpublikums, hat diese Versuchung im Vergleich zur früheren zeitungslesenden Gesellschaft noch verstärkt.

Die moderne Massendemokratie ist, wie ähnlich Winston Churchill gesagt hat, für uns tatsächlich zwar die bei weitem beste Regierungsform – verglichen mit allen anderen, die wir früher erlebt haben –, aber sie ist keineswegs ideal. Sie ist zwangsläufig mit großen Versuchungen behaftet, mit Irrtümern und mit Defiziten. 
Entscheidend bleibt das Positivum, dass die Regierten ihre Regierung ohne Gewalt und Blutvergießen auswechseln können und dass deswegen die Regierenden und ihre sie tragende Parlamentsmehrheit sich vor den Regierten verantworten müssen.
 

XI.
Neben Leidenschaft und Augenmaß sei das Verantwortungsbewusstsein die dritte kennzeichnende Eigenschaft des Politikers, so hatte Max Weber gemeint. Bleibt die Frage: Verantwortung gegenüber wem? In dem Wort Verantwortung" steckt das Wort Antwort": wem muss er antworten? Für mich ist nicht das wählende Volk die letzte Instanz, vor der ein Politiker sich zu verantworten hat. Denn die Wähler treffen nur eine sehr pauschale Tendenz-Entscheidung; und oft entscheiden sie nach Gefühl und Wellenschlag. Gleichwohl muss ihre Mehrheitsentscheidung den Gehorsam der Politiker verlangen.

Für mich bleibt das eigene Gewissen die oberste Instanz. Dabei weiß ich: Über das Gewissen gibt es mancherlei theologische und philosophische Meinungen. Das Wort kam schon bei den Griechen und Römern vor. Später haben Paulus und andere Theologen damit das Bewusstsein des Menschen von Gott gemeint und von der von Gott gewollten Ordnung, zugleich das Bewusstsein von der Sündhaftigkeit jeder Verletzung dieser Ordnung. Manche Christen sprechen von der Stimme Gottes im Menschen". Bei meinem Freund Richard Schröder habe ich gelesen, dass unser Verständnis des Gewissens aus der Begegnung des biblischen Denkens mit der Welt des Hellenismus hervorgegangen ist. Immanuel Kant allerdings hat sein Leben lang über die Grundwerte seines Gewissens nachgedacht, ohne dass die Religion dabei eine Rolle spielte. Kant hat das Gewissen als das Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen" bezeichnet.

Ob man aber das Gewissen aus der Vernunft des Menschen herleitet oder ob von Gott – jedenfalls gibt es wenig Zweifel an der Tatsache des menschlichen Gewissens. Ob einer Christ oder Muslim oder Jude ist, ob er Agnostiker oder Freidenker ist, jeder Mensch hat ein Gewissen. Etwas leiser will ich hinzufügen: Wir alle haben schon einmal gegen unser Gewissen verstoßen; wir wissen, dass wir ein Gewissen haben, es hat sich schon mal gemeldet. Wir alle haben schon »mit einem schlechten Gewissen« weiterleben müssen. Natürlich ist diese allzu menschliche Schwäche ebenso dem Politiker eigen.
 

XII.
Ich habe versucht, Ihnen aus drei Jahrzehnten der Erfahrung eines Berufspolitikers einige wenige Einsichten darzulegen. Natürlich waren das nur sehr eingeschränkte Ausschnitte aus der vielfältigen Wirklichkeit. Am Schluss liegt mir eine doppelte Einsicht am Herzen: Nämlich erstens, dass unsere offene Gesellschaft und unsere Demokratie mit vielen Unvollkommenheiten und Defiziten behaftet sind und dass alle Politiker von allzu menschlichen Schwächen gekennzeichnet bleiben. Es wäre ein gefährlicher Irrtum, unsere real existierende Demokratie zum reinen Ideal zu erheben. Das ist sie nicht. Aber zweitens: Gleichwohl haben wir Deutschen – unserer katastrophalen Geschichte wegen – allen Grund, mit Zähigkeit an der Demokratie festzuhalten, sie immer wieder zu erneuern und immer wieder ihren Feinden tapfer entgegenzutreten. Nur wenn wir darin einig sind, nur dann behält unsere Nationalhymne von Einigkeit und Recht und Freiheit" ihre Berechtigung.

Schönen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


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6. Weltethos-Rede am 10. Mai 2006
Jacques Rogge, IOC-Präsident
Weltethos und Sport" 

RoggeIm Anschluss an seine Rede führte Jacques Rogge einen Dialog mit Professor Küng. 
  
Weltsport und Weltethos"

Sehr geehrte Damen und Herren,

an der Universität habe ich mich unter anderem sehr ausführlich mit dem Thema der medizinischen Ethik beschäftigt. Meine Professoren haben mir ausgeklügelte Theorien, darüber was ethisch und was unethisch ist, vorgestellt. Wir haben über den Unterschied zwischen Moral und Ethik gesprochen, über die Gefahren einer paternalistischen Ethik und über die Notwendigkeit die Autonomie des einzelnen Menschen zu respektieren. 
 
Ich werde jetzt natürlich nicht in all diese Theorien einsteigen, denn ich spreche hier vor einem Publikum, das sich, glaube ich, in diesem Bereich wesentlich besser auskennt als ich. Was ich für wesentlich wichtiger halte – vor allem im täglichen Leben – ist, dass man eine Art ethischen Reflex" entwickelt, d.h. dass man sich ethisch verhält und nicht über komplizierte Theorien nachdenkt. Ich denke, das ist auch das, was die meisten Menschen instinktiv tun. Auch wenn sie nie Immanuel Kant gelesen haben, den Vater der modernen Ethik, auch wenn sie sich nie mit dem Kategorischen Imperativ auseinandergesetzt haben. Ich denke, es ist wichtig daran zu erinnern, was Kant geschrieben hat: nämlich, dass die Menschheit immer als Ziel und niemals nur als Zweck gesehen werden sollte. Ich halte es auch im Sport für wichtig, dass der Sportler wirklich als Ziel gesehen wird, für das wir handeln, als Ziel und nicht als Mittel.

Sport – eine Erfolgsgeschichte

Die grundlegende Frage ist also: Denken und handeln wir in der Welt des Sports tatsächlich so? Schauen wir uns einmal den Zustand des heutigen Sports an. Dann sehen wir, dass der Sport heute eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist. Der Sport genießt sehr viel Aufmerksamkeit und viele Menschen nehmen teil an sportlichen Veranstaltungen. Es gibt 400 Millionen Wettkampfsportler auf der Welt. 450 Millionen Menschen betreiben Freizeitsport. Weltweit gibt es also 850 Millionen Sportler, die in 5 Millionen Sportvereinen organisiert sind. In Deutschland allein sind 27 Millionen Menschen Mitglied eines Sportvereins. In der EU gibt es 750 000 Sportvereine.
 
Neben dieser starken Partizipation können wir uns über sehr viele Fernsehzuschauer freuen. Bei den Olympischen Spielen beispielsweise beträgt die Zahl der Fernsehzuschauer täglich 3,8 Milliarden Menschen. Wenn man das hochrechnet auf die 16 Tage, die die Olympischen Spiele dauern, dann haben wir über 40 Milliarden Zuschauer, 20 Milliarden sind es bei den Olympischen Winterspielen. Bei den Olympischen Spielen werden 8 Millionen Eintrittskarten verkauft. Für die kommende FIFA-Weltmeisterschaft in Deutschland haben wir eine Voraussage von 40 Milliarden Fernsehzuschauern und 6 Millionen verkauften Eintrittskarten, obwohl manche sich beschweren, dass es schwierig sei, eine Karte zu bekommen. 

Diese hohen Teilnehmer- und Zuschauerzahlen erzeugen selbstverständlich sehr hohe Einnahmen. Die Wirtschaft hilft uns natürlich auch sehr: die Industrie, die Unternehmen helfen uns mit Sponsoring und die Medien mit dem Kauf von Übertragungsrechten. Ein Beispiel: 1,5 Milliarden US $ werden jedes Mal nach den Olympischen Spielen als Einnahmen verzeichnet. Aber ich versichere Ihnen, dieses Geld behält natürlich nicht das Internationale Olympische Komitee, sondern es wird zu 92 % weiterverteilt zur Unterstützung des Breitensports. Die hohen Teilnehmer- und Zuschauerzahlen und die dadurch hohen Einnahmen weisen dem Sport den Status einer gesellschaftlichen Bewegung zu. Die Regierungen haben das gemerkt und sie unterstützen den Sport: durch entsprechende Subventionen, durch den Aufbau der jeweiligen Infrastruktur, durch die Gesetzgebung, aber auch im Bereich der Bildung und Erziehung, z. B. durch die Ausbildung der entsprechenden Trainer und all derjenigen, die sich um die Sportler kümmern. Man könnte sagen, und dem kann ich mich anschließen, dass meine Definition einer Erfolgsgeschichte eher materialistisch geprägt ist: Ich habe über Menschen gesprochen, über Geld, über staatliche Unterstützung, und alles das ist wichtig, aber reicht es tatsächlich aus, um die Welt des Sports zu beschreiben? Ich sage: Nein, das reicht nicht aus. 

Ja, Sport hat materielle Erfolge gezeitigt. Aber wenn man Erfolg ganzheitlicher definieren will, braucht man noch eine zusätzliche Dimension. Wir brauchen diese zusätzliche Dimension der unfassbaren, immateriellen, humanistischen und ethischen Werte, um die soziale Bedeutung des Sports zu erkennen. Sport ist ein organisatorischer Erfolg, aber um ein Erfolg für die ganze Gesellschaft zu sein, müssen andere Werte miteinbezogen werden, die nicht materiell sind. Ohne diese Werte kann der Sport nicht die enorm wichtige erzieherische Funktion wahrnehmen, die wir uns von ihm wünschen. 
 
All diese Werte, für die wir stehen, sind in der Olympischen Charta festgelegt. Die Olympische Charta ist im Grunde unser Manifest. Sie ist das grundlegende Referenzdokument für die Olympische Bewegung. Und sie legt nicht nur einen allgemeinen Verhaltenskodex fest, sondern auch die ganz entscheidenden ethischen Verhaltensgrundlagen. Die Charta liefert uns so auch den Referenzrahmen für unser Verhalten in der Gesellschaft. Der Sport, die Olympischen Spiele, die Olympische Bewegung sind ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Und deswegen glauben wir, dass es ganz wichtig ist, dass wir uns auf unsere fundamentalen Prinzipien verlassen können. Als da wären: Toleranz, gegenseitiger Respekt, Universalität, Solidarität zwischen Reich und Arm und Unparteilichkeit. Das bedeutet, dass jede Form der Diskriminierung aufgrund von Rasse, Religion, politischer Meinung, Geschlecht oder aus anderen Gründen einfach nicht in die Olympische Bewegung gehören. Sie sind ihrem Grundgedanken diametral entgegengesetzt.
 
Bedrohungen für den Sport

Die humanistischen und ethischen Werte des Sports sind leider immer wieder bedroht durch vielerlei Veränderungen. Es gibt vor allem folgende Gefahren: Doping, Gewalt, Rassismus, Korruption, Gefahren für die Gesundheit der Sportler und die Kommerzialisierung. Sollten wir wirklich überrascht sein, dass es diese Gefahren in einer so hehren menschlichen Tätigkeit wie dem Sport gibt? Ich denke, das sollte uns nicht überraschen. Sport ist nicht besser als die Gesellschaft. Sport gibt nicht vor besser zu sein als die Gesellschaft. Sport ist eigentlich der Ausdruck der Gesellschaft als Ganzer: mit all ihren Schwächen, mit all ihren Fehlern, aber auch mit all ihren wunderbaren Leistungen und Werten.

Lassen Sie uns diese Bedrohungen einmal zusammen untersuchen: der Kampf gegen das Doping hat oberste Priorität im Sport, weil Doping die Gesundheit der Sportler angreift und weil Doping die Glaubwürdigkeit des gesamten Wettkampfes, der eben auf einer gewissen Rangfolge basiert, in Frage stellt. Ein dritter Faktor ist zudem wichtig: Doping gefährdet die Rekrutierung zum Sport. Wir laufen Gefahr, keinen weiteren Zulauf zum Sport zu bekommen, weil die Mütter denken: Sport ist gefährlich wegen des Dopings. Sie bringen ihre Kinder nicht mehr in die Sportvereine, und das ist dann das Ende, weil wir überhaupt keinen Nachwuchs mehr bekommen. 

Das IOC war in den 60er Jahren ein Pionier im Kampf gegen das Doping. Schon seit dieser Zeit vertreten wir eine Null-Toleranz-Politik. Und ich bin froh sagen zu können, dass wir durch die Intensivierung unserer Bemühungen und durch die Gründung der World-Anti-Doping-Agency große Fortschritte gemacht haben. Viele sagen: der Kampf gegen Doping wird ewig währen. Wie ich schon sagte: es gibt 850 Millionen Sportler hier auf dieser Erde, aber es gibt natürlich nicht 850 Millionen Heilige. 
  
Deswegen: Ich glaube nicht an Utopien, ich bin Realist, ich glaube also nicht, dass das Doping ganz aus dem Sport verbannt werden kann. Aber es ist unsere heilige Pflicht, Doping so weit wie möglich einzugrenzen. Schauen Sie sich Doping doch einmal an: es lässt sich vergleichen mit der Kriminalität in einer Gesellschaft. Es gibt keine Gesellschaft ohne Richter, ohne Gesetze, ohne Strafverfolgung und ohne Gerichtsbarkeit. Das brauchen wir auch im Sport und wir müssen es dann auch umsetzen.

Die zweite große Gefahr ist die Gewalt, der Vandalismus, die Hooligans. Wir haben das bei den Olympischen Spielen noch nicht erleben müssen und wir sind froh darüber, aber wir müssen natürlich stets wachsam sein. Wir sollten nie das Drama vergessen, das sich vor über zwanzig Jahren in meinem eigenen Land, in Belgien, in Brüssel abgespielt hat, als 39 italienische Fans von Juventus in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Fans von Liverpool umkamen. Das Phänomen der Hooligans ist ein sehr schwieriges Phänomen. Es ist im Grunde Ausdruck eines Teils der Gesellschaft, der unzufrieden ist: meist sind es arbeitslose junge Menschen, die oft auch in sehr extreme politische Kreise geraten sind. Sie sehen keine Zukunft, keine Hoffnung für sich in der Gesellschaft. Sie wollen durch ihre Gewalttätigkeit hauptsächlich ihrer Frustration, ihrer Wut Luft machen. Sie tun das im Stadion. Warum? Weil das Fernsehen anwesend ist und die Öffentlichkeit zuschaut. Sie würden das nie in einem leeren Stadion tun. Das ist die Tragik von Gewalt im Sport. Sport erzeugt die Gewalt nicht. Sport liefert nur den Rahmen, die Bühne für die Demonstration von Gewalt. Es gibt eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit der Führungspersönlichkeiten im Sport und im Staat, um diese Gewalt durch Prävention und Repression zu bekämpfen. Aber letztlich wird die endgültige Lösung sein, das Problem an der Wurzel zu packen. Das Problem ist eben ein gesellschaftliches. Wenn diese Menschen in Brot und Arbeit gesetzt werden, wieder Zukunftsperspektiven bekommen, dann wird das Problem der Hooligans und der Ausschreitungen an Sportstätten ein Ende haben.
  

Leider gibt es aber noch eine dritte Gefahr: den Rassismus. Auch das ist wieder kein spezielles Problem des Sports an sich, sondern ein Problem des Publikums in der Arena und der Gesellschaft außerhalb der Arena. In den europäischen Fußballteams haben wir immer mehr gute afrikanische Spieler und wir erleben immer mehr Rassismus in den Stadien. Zum Glück sind rassistische Ausschreitungen bei den Olympischen Spielen noch nicht vorgekommen, aber wir müssen auch hier wachsam sein. Ich möchte der FIFA gratulieren, weil sie eine ganz starke Position gegen Rassismus eingenommen hat und weil die Strafen für rassistische Gewalt drakonisch sind. Und auch viele Regierungen – zum Beispiel in Holland, Italien, Frankreich, Großbritannien, um nur einige zu nennen – haben hohe Strafen und Geldstrafen für rassistische Umtriebe verhängt. Das schätzen wir sehr, denn ich bin der Meinung, dass wir null Toleranz" gegenüber Rassismus zeigen müssen. Aber auch hier, genau wie im Fall der Gewalt und der Hooligans, ist die Lösung des Problems Sache der Gesellschaft. Das gesellschaftliche Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Denn auch hier gilt: der Rassismus im Stadion ist Ausdruck der schwierigen Situation, die in der Gesellschaft gegenüber den Minderheiten herrscht.

Korruption, ein weiteres Problem. Und ich muss zugeben, und Sie wissen das ja auch, dass das IOC selbst vor zehn Jahren große Probleme mit Korruption hatte. Aber wir haben, wie ich finde, entschlossen reagiert, indem wir die Ethik-Kommission gebildet haben. Die Kommission setzt sich aus angesehenen Persönlichkeiten zusammen, wie zum Beispiel dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen und weiteren Persönlichkeiten dieses Kalibers. Wir mussten insgesamt elf Mitglieder ausschließen. Das war zwar nicht angenehm, aber es ist unsere Pflicht – wir sind es den Athleten schuldig – , darauf zu achten, dass alles, was wir tun, auch ethisch und moralisch in Ordnung ist. 
 
Dann sind da noch die Wettskandale. Sie wissen ja, was hier passiert ist in Bezug auf die Korruption von den Schiedsrichtern. Dies gibt es nicht nur in Deutschland, auch in Belgien haben wir ein ähnliches Problem: es findet Korruption im Zusammenhang mit Wetten statt. Und da das Wetten immer populärer wird, vor allen Dingen online, wird auch das Problem immer grösser. Auch hier wird reagiert: die Wettbüros werden überwacht. Wir haben auch hier eine Null-Toleranz-Haltung eingenommen. Die beste Art Korruption zu bekämpfen ist sicherlich, eine sehr gute, absolut transparente Führung in den Sportgremien zu besitzen, mit strengen Regeln, die auf den Prinzipien der Ethik und der Moral beruhen.

Wir müssen die Gesundheit der Sportler schützen. Diese wird natürlich beeinträchtigt durch Doping, darüber haben wir ja schon gesprochen. Gesundheitsgefährdend ist aber auch das Übertrainieren, ein zu starkes Trainieren. Manchmal geschieht das aufgrund von überehrgeizigen Trainern. Manchmal – und das muss man zugeben - sind es aber auch die Sportler selbst, die so ehrgeizig sind, dass sie ihre persönlichen Grenzen überschreiten und zuviel trainieren. Hier liegt es dann in der Verantwortung der Trainer zu sagen: Stopp, das reicht!
  
Außerdem ist noch das Problem des übertriebenen Wetteiferns zu nennen. Manchmal ist der Druck auf die Sportler zu groß. Der Druck, der von ihren jeweiligen nationalen oder internationalen Verbänden, manchmal auch vom jeweiligen Nationalen Olympischen Komitee ausgeübt wird. Hier müssen wir reagieren. Die Unversehrtheit der Athleten muss geschützt werden. Das IOC arbeitet ganz eng zusammen mit den jeweiligen internationalen und nationalen Verbänden und den Nationalen Olympischen Komitees, um auch hier – in Zusammenarbeit mit Medizinern und Sportwissenschaftlern – klare Regeln und Grundlagen für ein vernünftiges Training zu definieren, so dass übertriebenes Training, das gesundheitsschädlich ist, vermieden wird.

Nun kommen wir zum Thema der Kommerzialisierung des Sports. Ist die Kombination von Sport und Geld gut oder schlecht? Nun, Geld ist eigentlich neutral. Es ist weder gut noch schlecht. Es ist die Art und Weise wie man das Geld einsetzt, die ausschlaggebend ist. Und lassen Sie mich ganz klar sagen: Ich bin dafür, dass wir einen wirklich gut gesteuerten und überwachten Geldfluss haben, der auf ethische Weise eingesetzt wird. Denn wir brauchen Geld im Sport. Um Kant noch einmal zu zitieren: Ich möchte damit sagen, dass man Geld immer als Mittel und nicht als Zweck sehen muss. 
  

Vor einigen Jahren sagten manche: Als es den reinen Amateurstatus gab, da war alles viel besser, da war das Geld nicht so wichtig. Das ist absolut heuchlerisch! Denn diese Regel des Amateurstatus – die erst beim Olympischen Kongress in Baden-Baden 1980 aufgegeben wurde – bewirkte, dass es sich nur die Reichen leisten konnten Sport zu treiben. Damals gab es keine Sponsoren, es gab keine Fernsehrechte und so waren die Spiele nur etwas für eine elitäre Schicht. Nur die reichen Industrieländer konnten an den Olympischen Spielen teilnehmen. Die Entwicklungsländer konnten es sich nicht leisten, auch nur einen einzigen Sportler zu den Olympischen Spielen zu schicken. 
 
Bei den Spielen 1960 in Rom und 1964 in Tokio konnten nur 60 Prozent der damals existierenden Länder teilnehmen. Heute ist das glücklicherweise nicht mehr so.
Heute kann ich sagen, dass Universalität herrscht, da wirklich alle Länder der Welt teilnehmen können. Mittlerweile sind wir bei 203 Teilnehmerländern. Wir können das alles bezahlen, das heißt: das Training, die Ausrüstung, die ganze Infrastruktur für die Athleten, die Reisen usw. Und so soll es auch sein. Ich glaube, dass gut gesteuertes und überwachtes Geld zu einer Demokratisierung im Sport geführt hat. Wie ich Ihnen schon sagte: 1,5 Milliarden US $ nehmen wir jedes Mal bei den Olympischen Spielen ein. Und ich sagte auch, dass 92 % davon wieder ausgeschüttet werden. Das Geld geht an den Breitensport: Infrastruktur wird aufgebaut, wir machen uns auf die Suche nach Talenten, wir schulen ihre Trainer, wir finanzieren Teilnahmen an Wettbewerben. Geld ist also sehr wichtig für die ethische Komponente des Sports, denn sonst wäre ein großer Teil der Dritten Welt nicht Teil der Sport-Welt.
  

Aber ich muss zugeben: Geld birgt auch Gefahren in sich. Aber so lange unsere Sponsoren, unsere Medien, das Fernsehen – ich sage Ihnen, das ist wirklich so im IOC – so lange unsere Sponsoren und Fernsehsender nicht selber die Regeln diktieren, zum Beispiel die Art und Weise wie die Olympischen Spiele durchgeführt werden, dann kann eigentlich gar nichts passieren. Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels verdeutlichen: Vor ein paar Jahren haben wir mit der EBU, der European Broadcasting Union in Genf, über die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele verhandelt. Es gab zwei Angebote: ein Angebot über 600 Millionen US $ von der EBU – Sie wissen ja, das ist der Dachverband aller öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Europa. Dann hatten wir noch ein anderes Angebot über 900 Millionen US $ auf dem Tisch liegen. Immerhin 300 Millionen mehr – das ist eine ganze Menge Geld. Allerdings wäre das nur fürs Bezahlfernsehen, für Pay-TV, gewesen, und die Allgemeinheit hätte keine Möglichkeit gehabt, die Olympischen Spiele zu verfolgen, ohne zu bezahlen. Da haben wir gesagt: Nein, lieber 300 Millionen Dollar weniger, denn die Spiele sollen in den öffentlich-rechtlichen Sendern bleiben, so dass wir freien und kostenlosen Zugang für alle garantieren können.

Ich möchte noch folgendes sagen, weil wir kritisiert werden, dass alles so kommerziell wird: Vergessen Sie nicht, dass bei den Olympischen Spielen – als einzigem großen Sportereignis – ein werbefreier Rahmen herrscht: Sie sehen also keine Werbetafeln im Stadion oder davor, Sie sehen keine Logos auf den Trikots und auf der Ausrüstung der Sportler. Ich möchte hier jetzt keine Selbstbeweihräucherung betreiben, aber auch die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees sind rein ehrenamtlich tätig, sie bekommen kein Gehalt. Wir glauben, dass wir den Geldfluss kontrollieren können, ohne selbst vom Geld gesteuert" zu werden.
  

Ungerechtigkeiten im Sport

Über die angesprochenen Bedrohungen des Sports hinaus gibt es zudem noch einige Ungerechtigkeiten im Sport. Die größte Ungerechtigkeit ist das Gefälle zwischen Nord und Süd, die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Es gibt hier einen starken Zusammenhang zwischen dem Bruttosozialprodukt eines Landes und der Anzahl der Medaillen: Je höher das Bruttosozialprodukt, desto mehr olympische Medaillen. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Und hier kommt nun, denke ich, auch wieder das Prinzip der Solidarität zum Tragen. Das heißt, dass das IOC auch hier Mittel vergibt, dieses Mal speziell an die nationalen Komitees, die wirklich finanzielle Unterstützung brauchen. Dadurch ist diese Nord-Süd-Kluft im Sport etwas schmäler geworden. Darauf sind wir sehr stolz.

Bei der zweiten Ungerechtigkeit handelt es sich um die Rolle der Frauen im Sport. Das IOC hat große Bemühungen unternommen, damit es mehr Teilnehmerinnen bei den Olympischen Spielen gibt. Bei den Spielen 1980 in Moskau waren nur 18 % der Teilnehmer Frauen und jetzt liegen wir bei 44 % weiblicher Beteiligung. Ich glaube im nächsten Jahrzehnt werden wir eine 50 : 50 Verteilung haben. Und dann müssen wir uns natürlich Gedanken machen über die Rolle der armen Männer, das ist klar. 
  

Wir müssen hier aber ganz ehrlich sein. Das ist nur eine Seite der Medaille. Denn wenn es um die tägliche Praxis im Sport geht, haben wir diesen großen Anstieg von 18 auf 44 % nicht. In der täglichen Praxis gibt es große Hürden, die es zu überwinden gilt. In manchen Ländern sind sie religiös bedingt, in manchen wirtschaftlich oder auch kulturell. In vielen Entwicklungsländern müssen die Mütter zu Hause bleiben und die Familie ernähren. Sie haben gar keine Möglichkeit in einen Sportverein zu gehen, wenn es denn überhaupt einen gibt. Wir setzen uns dafür ein, dass hier Mittel und Wege gefunden werden, diese Hürden zu überwinden. Und schließlich setzen wir uns dafür ein, dass mehr Frauen in führenden Positionen in den Sportgremien vertreten sind. Das ist auch wieder ein Spiegel der Gesellschaft. Ich glaube, die Unterrepräsentation der Frauen zeigt sich ja auch in der Politik und an den Universitäten. 
  

Drittens setzen wir uns im Kampf gegen die Ungerechtigkeit für die Universalität der Spiele ein. Wir wollen nicht, dass die Olympischen Spiele zum Spielplatz lediglich der absoluten Spitzensportler der Welt werden. Wenn ausschließlich Qualität über die Teilnahme entscheiden würde, wären beispielsweise bei den Hundertmeterläufen nur zehn Amerikaner, zehn Jamaikaner oder ein paar Sportler aus der Karibik vertreten. Es könnten gar keine anderen Länder teilnehmen! Deswegen: in allen Sportarten sollte es eine Mischung geben zwischen der Qualität, die wir brauchen und wollen, und der Teilnehmer-Vielfalt. Damit auch die Athleten, die nicht ganz so gut sind wie die Spitzensportler, mitmachen können. Das IOC macht das so, der internationale Leichtathletikverband auch, und ich finde das sehr wichtig. Wir wählen zu 85 % nach Qualität und Leistung aus, die restlichen 15 % sollen eine Teilnahme der Schwächeren ermöglichen und so die Universalität der Spiele sichern.
  

Soziale Verantwortung

Nun schauen wir uns noch einen anderen Aspekt an: die soziale Verantwortung, die man auch im Sport braucht. Denn Sport ist ja viel mehr als nur ein Wettbewerb. Sport ist wahrlich auch eine gesellschaftliche Bewegung und eine Bewegung, die wichtig ist für die Erziehung. Deswegen kümmern wir uns besonders um den Behindertensport. Wir haben ja die Paralympics, die Special Olympics für die geistig Behinderten und dann noch die speziellen Olympischen Spiele für die Hörbehinderten. Diesen Ereignissen haben wir ja nicht nur das Wort olympisch" zugestanden, wir unterstützen sie auch finanziell und wir verpflichten die jeweiligen Organisatoren der Spiele dazu, die Paralympics circa drei Wochen nach den Olympischen Hauptspielen auszurichten.
  

Der zweite Bereich, in dem wir uns im Zuge von sozialer Verantwortung engagieren, ist die humanitäre Hilfe. In der Tat: die meisten Sportler sind jung, sie sind bekannt, sie sind oft auch reich, sie sind gesund, aber wir alle haben eine soziale Verantwortung. Und wir haben eben auch eine Verantwortung denen zu helfen, die in Not sind, die nicht reich, nicht gesund und nicht bekannt sind, und die meistens von der Gesellschaft vergessen werden. Deswegen bin ich froh, dass sich die Sportbewegung nach dem Tsunami, der Weihnachten vor zwei Jahren große Schäden anrichtete, sehr großzügig gezeigt hat. Außerdem half man in Darfur, mit Geld, mit Nahrungsmittellieferungen, aber auch mit Sportausrüstung. Denn Sportausrüstung stellen, Trainer schicken und sportliche Ereignisse in den Flüchtlingslagern organisieren, ist wirklich etwas Fantastisches. Wir haben auch die Opfer des Erdbebens in Pakistan unterstützt und die Opfer des Hurricanes in der Karibik. Wir engagieren uns eigentlich laufend, denn solche Katastrophen geschehen ja andauernd, und wir führen die Hilfen in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und dem Roten Kreuz durch. 

Eine Sache, auf die ich sehr stolz bin, sind die Bemühungen, die wir in den Flüchtlingslagern unternehmen. Die Flüchtlingslager sind ja voller Menschen, die ohne jede Hoffnung sind, die keine Zukunft mehr haben, die keine Träume mehr haben. Und Sie glauben nicht, was Sport diesen Menschen geben kann! Die Tatsache, dass die Menschen sich plötzlich als Teil eines Teams sehen, dass hier so etwas Wunderbares wie Sport betrieben werden kann, das ist etwas, das mich immer wieder im tiefsten Inneren berührt, wenn ich vor Ort bin. 
  

In medizinischer Hinsicht bemühen wir uns auch, zum Beispiel im Bereich der AIDS- Prävention. AIDS ist nicht nur ein großes Problem in Afrika, sondern auch in Südostasien und wird auch in Osteuropa immer mehr zum Problem. Wir nutzen vor allem das Prestige, das Ansehen von Sportidolen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Damit sie den jungen Leuten sagen, dass man vorsichtig sein und die entsprechenden Maßnahmen ergreifen muss. Dieses Programm, das wir wiederum zusammen mit der UNO durchführen, ist auch sehr erfolgreich. 

Gerade wenn es um soziale Verantwortung geht: wir bemühen uns um die Wiedereingliederung der Sportler nach ihrer sportlichen Karriere. Normalerweise werden Talente im Alter von 13, 14 Jahren entdeckt. Wir geben ihnen die besten Trainer und wir sagen: Ihr müsst sehr hart arbeiten, um etwas zu erreichen. Wir schicken sie in Trainingslager und zu Wettkämpfen – auch ins Ausland. Das alles geschieht leider häufig auf Kosten der Schulausbildung. Wenn die Sportler dann 35, 40 Jahre alt sind und ihre sportliche Karriere beenden, kann man ihnen nicht nur die Hand schütteln und sagen: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine tolle Karriere hingelegt und jetzt machen Sie's gut. Nein, wir haben die Verantwortung ihnen zu helfen, sich wieder in das normale, gesellschaftliche Leben, ins Berufsleben einzugliedern. Das ist nicht einfach. Wir helfen zum Beispiel, indem wir ihnen eine Ausbildung anbieten und entsprechende Berufsmöglichkeiten für sie finden. Auch dieses Programm ist sehr erfolgreich in vielen Nationalen Olympischen Komitees. Solche Bemühungen gibt es mittlerweile weltweit.
  

Wir haben auch eine soziale Verantwortung für unsere Umwelt und einen nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt. Es wird ja immer sehr viel gebaut im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, aber das IOC hat hier strenge Regeln. Wir wollen nämlich, dass die Gebäude, die für die Spiele errichtet werden, dann auch langfristig, nachhaltig genutzt werden können. Es ist leicht ein Stadion mit 125 000 Plätzen zu bauen, während der Olympischen Spiele kann man es immer schnell füllen, aber was macht man hinterher? Deswegen versuchen wir die Größe dieser Bauten dem Bedarf der Stadt anzupassen, damit die Sportstätten auch hinterher genutzt werden können. Denken Sie an Sydney, Athen und Barcelona, da sind wir sehr stolz auf das Erbe, das wir hinterlassen haben und darauf, dass es jetzt von der Bevölkerung vor Ort genutzt werden kann.
  

Werte im Sport

Meine Damen und Herren, ich habe hier über die Bedrohungen für den Sport, über Ungerechtigkeiten im Sport und über soziale Verantwortung von Sportlern und gegenüber Sportlern gesprochen. Ich möchte zum Schluss noch etwas zu den Werten sagen. Werte sind per definitionem unfassbar. Werte sind schwer zu quantifizieren und zu beschreiben. Werte sind immateriell, ich würde sagen, sie sind fast etwas Spirituelles. Und deswegen ist es auch sehr schwierig Werte zu verteidigen. Es ist vergleichsweise einfach Spiele auszurichten oder Finanzmittel zu verwalten, man braucht nur etwas Management-Geschick. Werte zu verteidigen ist wesentlich schwieriger und erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit.

Einer dieser Werte ist zum Beispiel das Prinzip des Fairplay. Fairplay ist wesentlich mehr als nur die Einhaltung der Regeln. Es ist klar, die Regeln müssen eingehalten werden. Und es liegt auf der Hand: wenn sie gebrochen werden, kann man etwas dagegen tun. Fairplay ist schwer zu definieren. Für mich bedeutet Fairplay, dass man großzügig ist, dass man eine großzügige Geste zeigt, ohne dazu gezwungen zu werden. Das ist sehr wichtig im Sport. 
  

Wir müssen uns außerdem für eine starke Verbindung zwischen Kultur und Sport einsetzen. Das ist beispielsweise durch das schöne Olympische Museum in Lausanne verkörpert, das eine Idee meines Vorgängers Juan Antonio Samaranch war. Es gibt weltweit inzwischen ein ganzes Netzwerk solcher olympischen Museen. Wir haben in diesem Zusammenhang schon viele kulturelle Programme realisiert, auf die wir sehr stolz sind und über die wir uns sehr freuen. 
  

Wichtig ist auch der Kampf, den wir für Respekt und Toleranz führen. Wenn ich hier in Deutschland spreche, denke ich, kann ich kein besseres Beispiel anführen: Erinnern Sie sich an die wunderbaren Bilder in Leni Riefenstahls Film über die Olympiade von 1936 – die Hauptkonkurrenten waren ja Lutz Long und Jesse Owens – die haben sich damals verbrüdert in einer Zeit, in der das nicht selbstverständlich war. Und das ist das Schöne an den olympischen Dörfern, wo Sportler aus verschiedenen Kulturkreisen, Sportler unterschiedlicher ethnischer Herkunft, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Sprache in Harmonie, als Freunde zusammenleben. Und glauben Sie mir: Für die, die das Privileg hatten einmal in einem olympischen Dorf zu leben – ich hatte ja auch das Glück – das ist etwas, das man nie vergisst. Und es setzt sich fort nach den Spielen, da die Sportler miteinander in Kontakt bleiben.
 

Wir setzen uns auch entschieden für die Olympische Waffenruhe ein. Diese ist ja von den Griechen 773 v. Chr. erfunden worden. Alle vier Jahre, während der Olympischen Spiele, wurden die Waffen niedergelegt und die Sportler konnten ungehindert zum Austragungsort reisen, obwohl ihre Heimatstädte normalerweise im Krieg miteinander lagen. Das war von 773 v. Chr. bis 394 n. Chr., also länger als 1000 Jahre, das übliche Prozedere. Es ist dann vom Internationalen Olympischen Komitee wieder aufgenommen worden. Wir werden darin auch von der UN unterstützt. Wir sind natürlich keine Traumtänzer. Wir wissen, dass die Sportbewegung nie den Weltfrieden herbeiführen wird. Die Sportbewegung ist auch nicht in der Lage den Frieden zu erzwingen. Aber es ist unsere Pflicht, wenigstens für eine Aussetzung der Konflikte während der Olympischen Spiele einzutreten und den Frieden auch immer wieder einzufordern.
  

Meine Damen und Herren, ich blicke mit Optimismus in die Zukunft des Sports. Wir können eine materielle Erfolgsgeschichte vorweisen, wir sind gute Sportorganisatoren, wir erhalten sehr viel Aufmerksamkeit, wir verzeichnen hohe Teilnehmerzahlen und wir verteilen die Einnahmen sinnvoll – an diejenigen, die sie brauchen. Aber am Schwierigsten ist es, für unsere Werte zu kämpfen. Nur indem wir uns für unsere Werte einsetzen, werden wir unserer wichtigen Rolle in der Gesellschaft und bei der Erziehung junger Menschen gerecht. 
  

Ich glaube, dass Sport weiterhin eine wichtige Rolle in der Erziehung einnehmen wird. Denn Sport bedeutet ja nicht nur ein Stärken des Körpers, sondern auch des Geistes. Im Sport lernen Kinder soziale Kompetenz. Gesellschaftliche Werte werden weitergegeben. Sie lernen, dass man im Team viel mehr erreichen kann als allein. Durch den Sport werden Minderheiten in die Gesellschaft integriert. Junge Menschen lernen im Sport Respekt vor der Autorität: zunächst gegenüber dem Schiedsrichter, dann auch gegenüber der Gesellschaft. Sport ist gesundheitsfördernd. Sport formt die Persönlichkeit. Sport lehrt auch zu verlieren; das ist gerade für das spätere Leben sehr wichtig. Sport lehrt Respekt vor anderen. Schließlich bringt der Sport auch Träume, Hoffnung und Inspiration mit sich. Sport und die Olympischen Spiele gehören ja nicht dem IOC, der FIFA oder anderen Gremien, sondern der ganzen Menschheit. Es ist unsere Aufgabe als Führungspersönlichkeiten im Sport, dieses Feuer, diesen Traum und diese erzieherische Botschaft am Leben zu erhalten und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Abschrift und Redaktion der Simultanübersetzung: Anette Stuber-Rousselle, M.A. und Julia Willke, M.A., Stiftung Weltethos Tübingen)


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5. Weltethos-Rede am 20. Oktober 2005
Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin
Der Beitrag des Islam zu einem Weltethos"

EbadiIm Anschluss an ihre Rede führte Shirin Ebadi einen Dialog mit Professor Küng. 
  
Der Beitrag des Islam zu einem Weltethos"

Verehrte(r) Präsident(en),
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, daß ich heute unter Ihnen sein kann. Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist eine Ehre für mich. Ich danke allen Verantwortlichen der Stiftung Weltethos und der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und all denjenigen, die für das Zustandekommen dieser Zusammenkunft sehr viel Mühe und Anstrengung auf sich genommen haben.

Verehrte Freundinnen und Freunde!

Wir alle sind der Überzeugung, daß auf dieser Erdkugel, die für uns alle da ist, unterschiedliche Menschen leben, auch die Kulturen sind verschieden. Die Menschen leben auf unterschiedliche Art und Weise, auch die Kulturen unterscheiden sich voneinander. Die Menschen sprechen verschiedene Sprachen, auch die Religionen leiten die Menschen auf unterschiedliche Art und Weise. Die Menschen werden mit unterschiedlicher Hautfarbe geboren und verschiedene Traditionen geben ihrem Leben auch seine Farbe". Die Menschen kleiden sich unterschiedlich und verschiedene Leitmotive helfen ihnen, sich den jeweiligen Umweltbedingungen anzupassen. Die Menschen drücken ihre Ansichten und Überzeugungen auf unterschiedliche Art und Weise aus; ihre Musik, ihre Kunst und ihre Literatur haben unterschiedliche Stilrichtungen. Trotz all dieser Unterschiede haben die Menschen eine grundsätzliche Gemeinsamkeit. Sie sind alle Menschen; niemand mehr als ein Mensch und niemand weniger als ein Mensch.

Unterschiedliche Kulturen haben auch grundsätzliche Gemeinsamkeiten. Die Menschen haben überall auf der Welt, ob im Osten oder im Westen, jeder Hautfarbe und Rasse, jeder Religion und Überzeugung, gemeinsame und gleiche Bedürnisse.

Ein Beweis für diese Behauptung ist die erstaunliche Ähnlichkeit der Mythen unterschiedlicher Nationen. Diese sind in der Tat Grundlage für verschiedene Kulturen, welche sich später auf deren Basis formiert haben. Darüber hinaus haben die Wurzeln vieler Wörter nach Angaben der Philologen eine derartige Ähnlichkeit miteinander, als ob eine einzelne Person bzw. ein einzelnes Volk diese geschaffen hätte.

Wenn also in den Menschen solche gemeinsamen und gleichen Wurzeln für das Leben auf dieser Erdkugel existieren, warum sollen wir daran zweifeln, daß es auch universelle Regeln und Werte gibt, welche für die gesamte Menschheit Geltung haben?

Unterschiedliche Kulturen können sich unter Wahrung ihrer Besonderheiten auf die Suche nach Gemeinsamkeiten begeben, die gemeinsamen Bedürfnisse feststellen, dafür die gleichen Regeln aufstellen und diese auch einhalten, und zwar alle.

Der Respekt vor dem Leben, der Würde und dem Eigentum des Menschen ist in jeder Kultur und jeder Religion gutgeheißen worden. Terror, Gewalttätigkeit und Erniedrigung des Menschen sind hingegen in jeder Gesellschaft und Ordnung verwerflich.

Vor ca. 60 Jahren, das heißt, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sind Juristen und Gelehrte aus verschiedenen Nationen und Kulturen zusammengekommen und haben versucht, die gemeinsamen Bedürfnisse der Menschen festzustellen und sie aufzulisten. Auf dieser Grundlage ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verfaßt worden, die ihrerseits von einem Weltethos gestützt wird. Da das Ethos die Grundlage der Gesetze ist, kann kein Staat mehr unter Berufung auf die inneren Angelegenheiten und Gesetze die Menschenrechte verletzen.

Diejenigen, die unter Berufung auf die kulturellen Unterschiede und die Werterelativität sich weigern, die Menschenrechte einzuhalten, sind in Wirklichkeit rückständige Unterdrücker, die ihr diktatorisches Wesen unter der Maske der Kultur verdecken und im Namen der nationalen oder religiösen Kultur die Absicht hegen, ihre eigene Nation zu unterdrücken und zu terrorisieren.

Die Welt wird nur dann zu Ruhe kommen und der Frieden wird nur dann dauerhaft sein, wenn die Menschenrechte umfassend und universell sind.

Es ist jedoch erforderlich, in Bezug auf das Weltethos auf einige Punkte hinzuweisen. Zunächst muß erwähnt werden, daß in der Rechtswissenschaft kein Gesetz ewig gültig ist. Das Gesetz ist für die Gesellschaft wie die Kleidung für den Menschen. Zweifellos ist die Kleidung, die ein Mensch mit zehn Jahren anhatte, nicht mehr passen, wenn er zwanzig Jahre alt ist und er kann die Kleidung nicht mehr tragen. Mit zwanzig muß er eine andere Kleidung tragen. Beim Gesetz und noch wichtiger bei der Ethik ist es genauso. Beispielsweise war im 16. Jahrhundert die Sklaverei eine übliche und weit verbreitete Angelegenheit. Das Schlagen eines Sklaven wurde nicht als eine gegen die Ethik verstoßende Vorgehensweise angesehen. Und das war selbstverständlich auch nicht gegen das Gesetz. Können wir heute, im 21. Jahrhundert, auch sagen, die Sklaverei sei statthaft und rechtmäßig? Mit Sicherheit nicht.

Ein anderes Beispiel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen den Frauen viele zivile und politische Rechte nicht zu, und viele Menschen haben dies für richtig befunden. Die Frauen haben dann durch ihre Anstrengungen und durch ihren feministischen Kampf einen Teil ihrer Rechte erringen können.

Demnach sind die Ethik und demzufolge das Gesetz nicht statisch. Sie sind dynamisch und entwicklungsfähig. Wenn also im Jahre 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als ideale Rechte für den Menschen deklariert wurde, kann man heute sagen, daß auf Grund der Probleme auf dem Sektor des Umweltschutzes und des zunehmenden Abstands zwischen den reichen und armen Ländern sowie auf Grund vieler anderer Probleme der Inhalt dieser Erklärung das Minimum an Rechten darstellt, die ein Mensch haben muß. Eine Überprüfung der Erklärung, in der Absicht sie zu erweitern, wird als notwendig empfunden.

Der zweite Punkt ist, daß die kulturelle und Werterelativität nicht zum Anlaß genommen werden darf, die Menschenrechte zu verletzen. Man kann nicht unter Berufung auf die Religion die Einhaltung der Menschenrechte ablehnen. Denn, wie ich bereits ausgeführt habe, gibt es keine Religion, die der Unterdrückung, dem Krieg, der Diskriminierung, der Ermordung unschuldiger Menschen, dem Raub nationalen Eigentums etc. zustimmt.

Leider nehmen die nicht demokratischen islamischen Staaten dies zum Anlaß und meinen, da die Menschen in ihren Ländern Muslime seien, müsse der Staat die Gesetze des islamischen Rechts durchsetzen und anwenden. Die Einhaltung der Menschenrechte sei nur so weit möglich, wie sie mit dem islamischen Recht vereinbar seien. In den Fällen, in denen ein Widerspruch vorhanden sei, wie beispielsweise bei den Frauenrechten und bei der Demokratie, könne und dürfe ein islamischer Staat die Menschenrechte nicht einhalten. Diese Staaten erkennen nur ihre eigene Interpretation und Auslegung des islamischen Rechts an. Die Auslegung anderer Muslime wird von ihnen nicht anerkannt und gänzlich abgelehnt. Jeder, der deren Interpretation und Auslegung der Religion nicht teilt, ist in ihren Augen ein Apostat und hat sein Leben verwirkt. Oder er wird mit einer starken Zensur belegt und es wird ihm nicht gestattet, seine Gedanken zu verbreiten.

Im Jahre 1980 wurde in Kairo die Islamische Erklärung der Menschenrechte auf der Außenministerkonferenz der islamischen Staaten in Kairo beschlossen. Wenn wir diese Erklärung als eine Wegweisung unter den Muslimen verstehen, die international gültigen Menschenrechte einzuhalten, gibt es kein Problem. Es wäre aber falsch, diese Erklärung als Gegenstück zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu sehen. Denn wenn die Muslime sich aus dem Geltungsbereich der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit der Begründung herausbegeben, weil sie Muslime seien, und nur auf der Grundlage ihrer Religion (und das nach der Auslegung der islamischen Staaten) ihre eigenen Regeln aufstellten, dann müßten sie dieses Recht selbstverständlich auch anderen Religionen zugestehen und einräumen. In einem solchen Fall würden wir uner Umständen genauso viele Menschenrechtserklärungen haben, wie es Religionen auf der Welt gibt, nämlich etwa 5000. Dies käme der Vernichtung der Menschenrechte gleich. Hierbei würden die islamischen Länder größere Nachteile erleiden, da sie auf der internationalen Ebene nicht stark sind.

Die Wahrheit ist, dass man durch eine richtige und dynamische Auslegung des Islam sowohl Muslim sein als auch die Menschenrechte respektieren und einhalten kann. Das als wichtig zu bezeichnende Problem ist jedoch folgendes. Die nicht demokratischen islamischen Staaten sind aus verschiedenen Gründen nicht gewillt, dass eine mit der Demokratie und den Menschenrechten vereinbare Auslegung des Islam vorgenommen und vorgestellt wird. Eine solche Auslegung würde die diktatorische Herrschaft in ihren Grundfesten erschüttern und ins Wanken bringen. Bislang hat sich nämlich kein Diktator auf der Welt freiwillig und ohne Druck der Menschenmassen bereit gefunden, seine eigenen Befugnisse einzuschränken.

Die nichtdemokratischen islamischen Staaten verstecken sich hinter dem Schild des Islam und rechtfertigen unter Missbrauch des Namens des Islam ihre Unterdrückung. Freilich ist der Missbrauch der Religion und generell der Missbrauch der Weltanschauung nicht nur auf Muslime beschränkt. Das Mittelalter war der Gipfel der Unterdrückung seitens der Kirche. Die Kirche beansprucht für sich auch die Anwendung und Umsetzung der christlichen Grundsätze und Gebote. Und wie könnte man die schrecklichen Internierungslager in Sibirien während der Herrschaft Stalins oder das Blutbad unter den Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vergessen. Man erhob dort ebenfalls den Anspruch, die sozialistischen Grundsätze anzuwenden und umzusetzen.

Man muss auf den Schild der Religion und allgemein auf den Schild der Ideologie, hinter dem sich die Staaten verstecken, das Licht des Wissens werfen, damit alle die Wahrheit erfahren; damit alle wissen, dass die Religion missbraucht wird. Die Gründung einer »Einheitsfront« von Muslimen, die aus verschiedenen Nationen stammen und unter Wahrung der heiligen Werte des Islam gegen totalitäre Staaten kämpfen, ist die frohe Botschaft für die Befreiung der Muslime. Diese »Einheitsfront« hat keinen Namen, keinen Führer, keine Zentrale und auch keine Niederlassungen. Ihr Platz ist im Bewusstsein und im Geiste jedes denkenden Muslims, der bei Wahrung der Religion seiner Vorfahren und Ahnen der Demokratie Respekt zollt, nicht nach einem unrechten Wort handeln will und Gewalt und Unterdrückung nicht duldet.

Ein weiterer Punkt, der beachtet werden muss, ist die Art und Weise der Anpassung des Weltethos an die nationale Ethik. Angenommen, es würde endlich etwas geschehen und sämtliche Gesetze und Bestimmungen würden auf der Grundlage der Menschenrechte verfasst werden. In vielen Gesellschaften könnte sich zeigen, dass die Menschen nicht imstande wären, sofort diese kulturelle Veränderung zu akzeptieren. Sie würden sich vielleicht sogar dagegen aufbäumen. In Afghanistan war es beispeilsweise so, dass während der Herrschaft der Taliban für die Frauen das Tragen von Burkas eine unbedingte Pflicht war. Zudem haben die Taliban den Mädchen nicht erlaubt, die Schule zu besuchen. Nach dem Ende der Talibanherrschaft und nachdem schon einige Jahre danach vergangen sind, erlauben viele afghanische Männer ihren Töchtern leider noch immer nicht, die Schule zu besuchen, und zwingen sie, Burkas zu tragen.

Man darf nicht vergessen, dass kulturelle Veränderungen und Veränderungen der Ethik der Zeit bedürfen. Wichtig ist die Notwendigkeit kultureller Veränderungen und das Streben nach dem Weltethos, das heißt nach den Grundsätzen der Menschenrechte. Ich führe hier ein Beispiel an. Ein Kind lernt in der Schule in den ersten Jahren die vier Grundrechenarten. Allmählich löst es einfache mathematische Aufgaben. In den letzten Jahren auf dem Gymnasium kann dann der Schüler schwere und komplizierte Aufgaben lösen. Alle Fächer, welche bei diesem Unterricht gelehrt werden, heißen Mathematik. Aber zwischen der Addition zweier Zahlen und der Lösung schwieriger mathematischer Gleichungen gibt es einen großen Unterschied.

Bei der kulturellen Entwicklung in einer Gesellschaft ist es genauso. Man kann die Gesetze Schwedens für Frauen nicht über Nacht in Saudi-Arabien anwenden oder auf demokratischen Grundsätzen basierende Gesetze über Nacht in allen afrikanischen Ländern. Wichtig ist die Entwicklung der Gesellschaft in Richtung einer höheren Kultur, und in diesem Zusammenhang spielen Gesetze eine wichtige Rolle. Eine der Aufgaben des Gesetzes ist nämlich seine leitende Rolle. Das Gesetz muss eine Stufe über der Kultur stehen, damit es sie entwickeln und heben kann. Was das Beispiel Afghanistan anbelangt, da müsste man die Menschen lehren, dass die Ausbildung für alle notwendig ist. Für Familien, deren Töchter die Schule besuchen, müsste man Vorteile wie beispielsweise die Vergabe von günstigen Krediten oder Bevorzugung bei staatlichen Anstellungen vorsehen. Nach einer gewissen Zeit müsste dann das Unterbinden des Schulbesuchs von Kindern und der Ausbildung von Frauen für eine gesetzwidrige Handlung erklärt werden. Für Väter, welche ihrer Tochter den Schulbesuch verbieten, müsste dann eine Strafe bestimmt werden. Das heißt, man muss langsam, Stufe für Stufe vorgehen.

Ein weiterer Punkt, auf den bei der Entwicklung und Hebung der Kultur hingewiesen werden muss, ist, dass dies nicht zu lange dauern darf. Das heißt, man muss so schnell wie möglich die internationalen Standards anstreben. Das allzu langsame Voranschreiten in Richtung internationale Standards darf nicht zu einem Mittel in der Hand nicht-demokratischer Staaten werden, um für sich auf diese Art und Weise mehr Zeit herauszuholen.

Zum Schluss möchte ich anführen, dass man sich nicht missbräuchlich auf die Demokratie und Menschenrechte berufen darf. Man darf nicht die Demokratie zum Vorwand nehmen und ein Land angreifen. Die Menschenrechte kann man den Menschen gewiss nicht durch Bomben bringen. Es darf auch nicht sein, dass man den Kampf gegen eine Diktatur zum Vorwand nimmt, um die Ressourcen einer Nation zu rauben. Demokratie und Menschenrechte können nur mit dem und durch den Willen der Menschen verwirklicht werden, nicht dagegen.

Die Zivilgesellschaft und freiheitsliebende Menschen müssen den Kampf gegen die Diktatur aufnehmen und ihr Schicksal in die Hand nehmen. Nur auf diese Art und Weise kommt eine Gesellschaft zur Ruhe und kann einen dauerhaften Frieden erreichen.

Ich wünsche dem deutschen Volk und allen Menschen auf der Welt einen dauerhaften Frieden.

Für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld danke ich Ihnen sehr und bin bereit, jetzt in den Dialog mit Professor Küng einzutreten.


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4. Weltethos-Rede am 1. Dezember 2004
Horst Köhler, Deutscher Bundespräsident
Was gehen uns andere an?" 

KoehlerIm Anschluss an seine Rede führte Horst Köhler einen Dialog mit Professor Küng. 
  
Was gehen uns andere an?"
  

I. 
Nur einen guten Monat nach dem Sturm auf die Bastille – am 26. August 1789 – verabschiedete die französische National-versammlung die Erklärung der Allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte. Diese Erklärung wurde zum Bezugspunkt für viele Freiheitsbewegungen seitdem und für das Verlangen nach Durchsetzung der Menschenrechte in aller Welt. Sie wurde ein Hoffnungssignal – weit über Frankreich und Europa hinaus. 
Bald aber stellte sich derselben Nationalversammlung die Frage, ob diese Rechte tatsächlich für alle Menschen gelten sollen, also auch für die schwarzen Sklaven und die sogenannten Mischlinge in den französischen Überseekolonien. Ein Ende der Sklaverei hätte wohl ein Ende der Pflanzungen bedeutet – und wirtschaftliche Interessen auch von Mitgliedern der Nationalversammlung betroffen. 
Mit verschämten Formulierungen erlaubte es die Versammlung dann, dass in den Kolonien letztendlich alles so bleiben konnte, wie es war. Sie handelte also praktisch gegen die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, die sie selber gerade erst formuliert hatte.
Moralische Inkonsequenzen und Doppelstandards machen uns noch heute zu schaffen. Auf der einen Seite gibt es die allgemeine moralische Überzeugung, dass alle Menschen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben, auf Freiheit und Selbstbestimmung haben. Auf der anderen Seite lassen wir uns oft von politischen und auch ökonomischen Interessen daran hindern, dieses Ideal zu verwirklichen oder ihm wenigstens näher zu kommen. 
Gerade wir in den westlichen Demokratien ziehen uns oft den Vorwurf der Heuchelei zu – und manchmal sicher zu Recht. Zwar tragen wir gern die Banner von Freiheit und Demokratie vor uns her, handeln aber tatsächlich oft nur im Sinne der eigenen Interessen-wahrung.
Ein ganz anderer Vorwurf wird oft in anderen Kulturkreisen vorgebracht. Man sagt dort manchmal, die Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte seien in dieser Form ihren Kulturen fremd. Es gibt in diesem Zusammenhang den Vorwurf des Kultur"- oder gar Menschenrechtsimperialismus". Da ist von westlichen Werten" die Rede, womit deren universale Gültigkeit bestritten werden soll. 
Für mich steht fest: Keine Kultur hat Grund zur Arroganz und zu Hochmut. Alle müssen Respekt haben vor jeweils anderen Kulturen, vor der Würde des anderen in seiner Verschiedenheit. Der Respekt vor einer anderen Kultur darf aber keine pseudo-kulturelle Bemäntelung von Unterdrückung, Diktatur und Armut hinnehmen.
Manche geben sogar den Rat, dass man sich überhaupt nicht mehr in die Angelegenheiten anderer einmischen solle. Alle Länder und Kulturen müssten auf ihre Weise mit den Herausforderungen von Armut und Ungerechtigkeit fertig werden. Jede noch so gutgemeinte Hilfe bringe meist noch größeres Chaos, noch größere Ungerechtigkeit, vertiefe die Gräben in der Welt. Kurz: Jeder müsse selber sehen, wo er bleibt.
Eine solche Haltung ist nach meiner Auffassung nicht nur moralisch fragwürdig, ich halte sie auch politisch für fatal. Wir können einander in unserer vernetzten Welt nicht aus dem Weg gehen, und wir können vor dem Schicksal der anderen nicht die Augen verschließen. 
Es gibt, wie ich finde, eine moralische Verpflichtung, sich vor allem um die zu kümmern, denen es schlechter geht. Das ist ein moralisches Gebot, das noch über das sogenannte aufgeklärte Eigeninteresse hinausgeht. Über den ethischen Impuls, der über das eigene Interesse hinausgeht, möchte ich sprechen.
Ich danke Ihnen, Herr Professor Küng, und der Stiftung Weltethos, dass ich dazu hier und heute die Gelegenheit habe. Sie, Herr Küng, haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr verdient gemacht um den Dialog zwischen den Religionen und den Kulturen. Wir erleben derzeit schmerzlich, wie wichtig dieser Dialog ist, um Frieden in der Welt zu sichern.
Ich glaube allerdings auch, dass wir uns – gerade im inter-kulturellen Dialog – zuallererst über unsere eigenen Grundlagen, über unsere eigenen Wurzeln klar werden müssen. Wenn wir einen Dialog führen, dann wollen wir ganz gewiss zuhören, aber wir müssen auch selber etwas zu sagen haben. Also müssen wir wissen, wer wir sind und woher wir kommen.

 
II. 
Was gehen uns die anderen an? Das ist eine zentrale ethische Frage. Mit den anderen" sind diejenigen gemeint, die nicht auf den ersten Blick zu uns gehören, die nicht Mitglieder unserer Familie, unseres Freundeskreises sind, mit denen uns wenig verbindet und die uns fremd sind. 
Wie kommen wir eigentlich dazu, uns um diese Fremden zu kümmern? Wie kommt es, dass wir einen ethischen Impuls zu helfen empfinden, auch bei Menschen, die wir gar nicht kennen, von deren Leben wir nichts wissen, außer dass sie in Not sind und Hilfe brauchen?
Das alles ist – historisch gesehen – nicht selbstverständlich. Selbst die hochentwickelten antiken Kulturen Griechenlands oder des Römischen Reiches kannten zwar ein Bedauern über ein böses Schicksal, aber keine Pflicht zur Fürsorge für Arme und Notleidende. 
Mit dem Eintritt des Christentums in die antike Welt bekam die moralische Pflicht zur Hilfe und Fürsorge für den anderen eine Dringlichkeit, die es vorher und anderswo so nicht gegeben hatte. Das Gebot der Nächstenliebe wurde direkt mit dem Verhältnis zu Gott verknüpft. Und der Nächste, das war potentiell jeder andere, gerade der Ärmste. Wie es im Neuen Testament heißt: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."
Tatsächlich haben die ersten Christen etwas in die Praxis umgesetzt, was auch einige antike Philosophen bereits gefordert hatten. Darum konnte das Christentum eine so gesellschaftsprägende Kraft werden. Die tägliche Praxis der ersten Christen, sich um die Armen und Kranken, die Witwen und Waisen zu kümmern, war die sichtbare Seite eines neuen Verhältnisses zum anderen, der einen angeht. Hier zeigte sich eine historisch neue Solidarität, die sich auch dem Fremden nicht verschloss. Diese gelebte Solidarität und der Geist, aus dem sie stammt, haben Europa tief geprägt, zivilisiert und mit zu dem gemacht, was es ist.
Natürlich hat es lange gedauert, bis ein solcher Zivilisierungs- und Humanisierungsprozess die Gesellschaften bis in die einzelnen Mentalitäten hinein wirklich durchdrungen hat. Natürlich hat es von Zeit zu Zeit auch schon so etwas wie einen Kampf der Kulturen" gegeben. Zum Beispiel als die christliche Botschaft der Nächstenliebe, die auch dem Fremden gilt, auf die germanische Kultur der Fehde und der Rache traf.
Das Beispiel zeigt: Nicht jeder Aspekt einer Kultur verdient Respekt. Wir finden es heute selbstverständlich, dass bei uns die Tradition der Sippenhaft und Blutrache verschwunden ist. Und wir können froh darüber sein. Genauso werden sich sicher auch die Mädchen und Frauen in Afrika freuen, wenn die kulturelle Tradition der Beschneidung keinen Respekt mehr findet, sondern endlich abgeschafft wird.
Der langsame Prozess der Zivilisierung ging nicht ohne fürchterliche Rückfälle in Gewalt und Grausamkeit ab, gerade auch im Namen des Christentums. Aber das Gebot der Nächstenliebe, die den Fremden einschließt und besonders den Ärmsten im Blick hat, das ist nicht mehr verschwunden: Es bleibt das Gewissen Europas. 
Wenn wir heute »unterlassene Hilfeleistung« als einen Straftatbestand kennen, dann ist auch das noch eine ferne Folge des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Diese praktische Nächstenliebe, die nicht danach fragt, wie nah mir der andere steht, gehört zum festen Wertebestand Europas, trotz aller Verbrechen, die gegen dieses Gebot verübt worden sind.
Es kommt nicht von ungefähr, und es hat unsere Mentalität tief geprägt, dass wir von Kindesbeinen an mit solchen Figuren vertraut sind wie Sankt Martin, der den Mantel mit dem Bettler teilt, oder dem Heiligen Nikolaus, der den Armen bringt, was sie brauchen. Dass uns der Fremde, der Arme, der Hungernde etwas angeht, das gehört zur Seele Europas, das ist europäische Tradition. 
Noch einmal: All das hat Europa – und Deutschland zumal – nicht davon abgehalten, immer wieder in grausame Barbarei und Unmenschlichkeit zurückzufallen, im Dreißigjährigen Krieg sogar aus konfessionellen Motiven. Es hat uns in Europa nicht davor bewahrt, andere Völker zu bekriegen und zu unterwerfen. Und in zwei Weltkriegen hat sich Europa beinahe selbst ausgelöscht. Gerade wir Deutschen tragen aufgrund unserer Geschichte Verantwortung dafür, dass sich so etwas nie wiederholt. 
Immer wieder aber hat Europa einzelne oder Gruppen hervorgebracht, die die Unterdrückung, die Gewaltherrschaft, den Krieg kritisiert und der Unmenschlichkeit Widerstand entgegengesetzt haben. Sie haben unser Gewissen immer wieder aufgerüttelt und uns an das kostbare Erbe erinnert, aus dem die Zivilität Europas gewachsen ist. Ob der aus Umbrien stammende Franz von Assisi, der Elsässer Albert Schweitzer, die Albanierin Mutter Theresa oder der Breslauer Dietrich Bonhoeffer: Immer wieder hat sich Europa selbst daran erinnert, wo seine guten Wurzeln liegen.
Wird dieser ethische Impuls lebendig bleiben? Werden wir das auch weiterhin einbringen können in den Dialog der Kulturen? Werden wir glaubwürdig bleiben in den Augen der Welt?
Ich habe manchmal den Eindruck, als sei Europa müde geworden, als sei es dabei, seine Identität zu verlieren, seine Wurzeln selber nicht mehr zu kennen. Zu diesen Wurzeln gehören ganz sicher die Aufklärung, die Menschenrechte, die verschiedenen Emanzipationsbewegungen. Aber eben auch das Christentum und die christliche Ethik.

 
III. 
Immer mehr Menschen kommen zu uns, die aus anderen Wurzeln leben und eine andere kulturelle Herkunft haben. Das Zusammenleben ist nicht leicht und kann zu Auseinandersetzungen führen. 
Aus den Erfahrungen, die wir mit kulturellen und konfessionellen Konflikten in unserer Geschichte gemacht haben, müssen wir darauf bestehen, dass unter uns zivilisatorische Standards unbedingt eingehalten werden, wie sie zum Beispiel unser Grundgesetz formu-liert. Ohne gemeinsame Basis ist kein Zusammenleben möglich. Keine Gruppe darf aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, keine aber darf sich auch selber ausschließen. 
Toleranz ist deshalb nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, auch nicht mit Ignoranz. Toleranz fordert meinen Respekt vor dem Anderssein des anderen, aber sie fordert auch den Respekt des anderen vor meiner Haltung und Lebensweise. Nur so wird sich Toleranz letzten Endes nicht als Schwäche, sondern als zivilisatorische Stärke erweisen. 
Unsere Erfahrung zeigt: Nur im zivilisierten Umgang miteinander können Geltungs- und Wahrheitsansprüche so gelebt werden, dass sie nicht auf Kosten anderer durchgesetzt werden. Das gehört zu den kostbaren, überlebenswichtigen Erfahrungen Europas.

 
IV. 
In fünf Tagen fahre ich zum ersten Mal als Bundespräsident nach Afrika. Was ich schon in meiner Antrittsrede gesagt habe, das sage ich hier noch einmal: Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas. Und ich betone noch einmal, dass es eine Frage der Selbstachtung Europas ist, gerade mit Blick auf unsere eigenen Fundamente und Werte, dass wir uns in Afrika ehrlich und großzügig engagieren.
Ich möchte mit meiner Reise vor allem auch hier in Deutschland das Bewusstsein dafür stärken, dass uns Afrika angeht. Wenn wir »Afrika« hören – denken wir dann nicht vor allem an den Kontinent der Katastrophen? An den Kontinent der Hungersnöte, der zusammen-brechenden oder nicht funktionierenden Staaten, der Bürgerkriege, der Kindersoldaten, an den Kontinent, der an der Entwicklungshilfe hängt wie am Tropf und doch nie gesund zu werden scheint?
Keine Frage: In Afrika gibt es große Probleme und tiefe Not. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ich habe – in allem Elend und aller Not – auch Lebensfreude, Mut und Stolz erfahren, gegen die manche Haltungen in Europa beschämend kleinmütig erscheinen. Ich habe so viele Projekte und Initiativen gesehen, in denen Afrikaner Kreativität beweisen, die ihresgleichen sucht.
Vor allem die vielen Initiativen, die von Frauen ausgehen, haben mich beeindruckt. Immer wieder gelingt etwas Hoffnungsvolles und Zukunftsweisendes – auch ohne oder mit wenig fremder Hilfe. Ich werde zum Beispiel eine Frauenkooperative in Äthiopien besuchen; dort haben von Lepra geheilte Frauen mit ganzen 3.000 Euro Startkapital ein Landwirtschaftsprojekt ins Leben gerufen, das Arbeit schafft und Menschen Hoffnung gibt.
Wir müssen endlich begreifen, dass wir in einer Welt leben! Nicht in einer ersten, zweiten oder dritten Welt. Das liegt auch in unserem eigenen Interesse: Denn wir in den sogenannten entwickelten Ländern werden weder unseren Wohlstand noch unsere Sicherheit noch unseren Frieden erhalten, wenn wir uns nicht als Partner der Armen begreifen. Afrika, dieser oft geradezu vergessene Kontinent, muss seinen gerechten Platz in dieser einen Welt finden – als Partner unter Partnern.

 
V. 
Wenn wir jemanden als Partner ernstnehmen, dann empfängt er nicht nur, sondern er hat auch selber etwas zu geben. Bei Afrika denke ich in diesem Zusammenhang nicht zuerst an Bodenschätze und auch nicht an landwirtschaftliche Produkte - ich denke an Afrika als die Wiege menschlicher Kultur und Geschichte, als den Kontinent, wo der Mensch lernte, aufrecht zu gehen! 
Ich denke an die wunderbare afrikanische Musik, deren Rhythmus letztlich der ganzen modernen Musik, dem Jazz und der Rockmusik vor allem, zugrunde liegt. Afrikanische Musiker wie Miriam Makeba oder Youssou N’Dour sind inzwischen Weltstars. Ich denke an den afrikanischen Tanz und seine vielfältigen Ausdrucksformen, an die Farben der Tänzerinnen und Tänzer.
Ich denke an die alte und neue afrikanische Kunst. Die traditionelle Kunst Afrikas ist von Künstlern wie Braque oder Picasso am Anfang des letzten Jahrhunderts entdeckt worden und hat die europäische Kunst in vieler Hinsicht beeinflusst.
Ich denke auch an die Weisheit und die menschliche Größe, die von Persönlichkeiten wie Bischof Tutu, wie Leopold Senghor, wie Wole Soyinka oder Nelson Mandela ausgehen. Für die Freilassung Mandelas ist ja auch hier in Tübingen mehr als einmal demonstriert worden.
Ich denke schließlich auch an die wunderbare afrikanische Landschaft, die Küstenregionen am Mittelmeer, die majestätische Sahara, den Schnee am Kilimandscharo, an die Savannen und an die Berge Südafrikas. Afrikas Kultur und Landschaft haben Europa immer wieder fasziniert, von Hemingway bis hin zu Tanja Blixen: I once had a farm in Africa ...".
Auch aus der Faszination kann das Bewusstsein der Verantwortung wachsen, die wir als Deutsche und Europäer haben. Afrika ist missbraucht und ausgebeutet worden. Seine Menschen wurden als Sklaven verkauft. Der Kolonialismus hat schlimme Spuren hinterlassen. Die Stellvertreterkriege im Ost-West-Konflikt haben Gesellschaften und Staaten zusätzlich verwüstet. Afrika leidet vielfach Not – die Unabhängigkeit allein hat diese Not nicht aufgehoben, ja oft noch vergrößert.

 
VI.
Oft stoße ich auf tiefen Pessimismus. Die Leute fragen direkt oder indirekt: Macht es überhaupt noch Sinn, sich für Afrika zu engagieren? Ich habe diese Frage für mich mit einem eindeutigen Ja" beantwortet, und ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam etwas erreichen können. 
Uns allen muss klar sein: Wenn Afrika eine Zukunft haben soll, braucht es Unterstützung. Auf internationaler Ebene hat sich tatsächlich auch einiges getan: Alle Staats- und Regierungschefs der Vereinten Nationen haben sich auf die Millennium Development Goals geeinigt; vor allem soll bis zum Jahr 2015 die extreme Armut halbiert werden, und alle Kinder auf der Welt sollen die Möglichkeit erhalten, eine ausreichende Schulbildung zu bekommen. Das sind gute und wichtige Ziele.
Und es gibt auch eine breite internationale Übereinstimmung, wie diese Ziele erreicht werden können: Die Eigenverantwortung der Entwicklungsländer ist gefordert, aber auch die breite, schnelle und stetige Hilfe der entwickelten Länder. Als ich mit Kofi Annan über meine bevorstehende Reise sprach, hat er mir bestätigt: Wir wissen, was zu tun ist. Erfolge bei der Bekämpfung der Armut sind sichtbar, vor allem in Asien. Aber auch in Afrika ist zum Beispiel die Lebenserwartung gestiegen, mehr Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser, mehr Kinder gehen zur Schule. 
Wahr ist aber auch: Bei der Überwindung der Armut, der zentralen und wichtigsten Aufgabe überhaupt, kommen viele afrikanische Länder einfach nicht richtig voran. Dabei ist Afrika reich an Rohstoffen und Bodenschätzen. Das Problem dabei ist: Zu wenig von diesem Reichtum kommt den Menschen zugute, zu wenig wird in die Entwicklung der Länder investiert. Zu oft und immer noch werden auch wegen Diamanten, Öl und anderen Rohstoffen blutige Bürgerkriege geführt, oft geschürt durch ausländische Geschäftemacher. So wird der Rohstoffreichtum Afrika oft zum Fluch. 
Dies muss sich ändern. Und es gibt Wege dahin: So haben sich mittlerweile 43 Staaten in der sogenannten Kimberley Initiative zusammengetan, um durch ein Zertifikationssystem illegalen Diamantenhandel zu unterbinden. 
Ein anderes Beispiel: Bei der Erdölförderung wandern Milliarden von Dollar auf ausländische Konten. Hier verspreche ich mir viel von der Initiative publish what you pay", die die Einkünfte aus der Erdölgewinnung transparent machen will. Die ursprünglich private Initiative wird von der Weltbank und anderen internationalen Partnern unterstützt. Ich hoffe, dass sich viele Länder dem anschließen.

 
VII.
In vielen afrikanischen Ländern ist der Staat zu schwach. Die französische Erklärung der Menschenrechte, an die ich ganz am Anfang erinnert habe, ist eine Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers: de l‘ homme et du citoyen. Darauf kommt es an. Bekommen oder einklagen kann ein Mensch seine Rechte nur, wo er auch tatsächlich Bürger ist. Von einem Unternehmen oder von einem warlord kann man sich seine Menschenrechte nicht garantieren lassen, nur von einem starken, funktionierenden Rechtsstaat.
Auch hier ist Afrika erwacht. In dem von Afrikanern selbst formulierten, gemeinsamen Entwicklungskonzept NEPAD – Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas - haben sie sich zu der zentralen Aufgabe bekannt, für good governance zu sorgen, also für verantwortliches staatliches Handeln. Und mehr als 20 afrikanische Staaten haben sich inzwischen dem so genannten African Peer Review Process" unterworfen. Sie sind bereit, ihre Politik gegenseitig kritisch zu überprüfen. Dies ist ein wichtiger Schritt, um eigene Probleme rechtzeitig zu erkennen und auch von afrikanischen Erfolgsgeschichten zu lernen. 
Tatsächlich sind in den meisten afrikanischen Staaten demokratische Prozesse in Gang gekommen. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt vor allem beim Aufbau handlungsfähiger staatlicher Institutionen helfen: Um Recht und Ordnung durchzusetzen, braucht es eine leistungsfähige Verwaltung, ausgebildete Sicherheitskräfte und unabhängige Gerichte. Nur einigermaßen funktionierende Staaten können Korruption, Kriminalität und AIDS, die drei größten Übel Afrikas, bekämpfen. 
Ich sehe Afrikas Perspektiven auch hoffnungsvoll, weil dort inzwischen eine neue Generation verantwortungsvoller Reformer herangewachsen ist. Im letzten Monat erst habe ich zum Beispiel Gyode Bryant, den Vorsitzenden der Übergangsregierung von Liberia, getroffen. In einem vom Bürgerkrieg verwüsteten Land kämpft er um die Wiederherstellung von Ordnung und um den Wiederaufbau des Staates. Er fordert seinerseits von den reichen Ländern politischen Mut und bittet darum, mit der Unterstützung für seine Bemühungen nicht zu warten, bis Liberia die Ordnungsstandards etwa der Schweiz nachweisen kann.
Dass politisches Engagement und Mut auf fruchtbaren Boden fallen können, zeigt etwa die Entwicklung in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt, das ich als erstes Ziel meiner Afrikareise besuchen werde.
Dort ist nach einem zehnjährigen Bürgerkrieg ein Friedensprozess in Gang gekommen, nachdem der militärische Einsatz Großbritanniens und der Vereinten Nationen dafür den Weg bereitet hatte. Zunächst wurden die Kämpfer dazu gebracht, ihre Waffen abzugeben. Jetzt geht es darum, dass möglichst alle Kinder wieder Schulunterricht bekommen oder einen handwerklichen Beruf erlernen können. Wir werden bei meinem Besuch ein Zentrum besuchen, wo ehemalige Kindersoldaten eine Ausbildung machen und so in ein einigermaßen normales Leben zurückfinden können. 
Mich interessiert auch, wie die in Sierra Leone eingerichtete Versöhnungs- und Wahrheitskommission arbeitet. Immer wieder treffen wir nämlich in Afrika auf eine Seite der dortigen Kultur und Humanität, mit der sich andere Kulturen eher schwer tun – auf die Kunst der Vergebung. 
Das Beispiel Sierra Leone zeigt: Man darf kein Land aufgeben oder abschreiben. Wir sollten es einfach mit Winston Churchills drei zentralen Ratschlägen halten: Never, never, never give up!

 
VIII.
Was mich auch ermutigt: In den Ländern Afrikas entstehen Zivilgesellschaften. Die Menschen finden sich nicht ab. Bauern tun sich zusammen, um Saatgut zu kaufen und einen Brunnen zu bauen. Bürgergruppen benennen Korruption und schauen der Regierung auf die Finger. Frauen ergreifen Initiativen zum Bau von Schulen und AIDS-Stationen, oder sie machen darauf aufmerksam, wie wichtig Kleinstkredite sind, um vor allem die Armut auf dem Land zu bekämpfen. 
Es ist gut, dass die großen internationalen Organisationen wie die Vereinten Nationen, Weltbank oder IWF die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen mittlerweile zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht haben: Keine Initiative, kein Programm ohne Beteiligung der Zivilgesellschaft. Möglichst viele Menschen daran zu beteiligen, was in ihrem Land geschieht - das wird Stabilität und Freiheit in den afrikanischen Gesellschaften voranbringen.

 
IX.
Das beste Engagement droht jedoch im Keim zu ersticken, wenn ein Land in Unruhen und kriegerische Auseinandersetzungen stürzt. Die Ereignisse in der Elfenbeinküste und Darfur führen uns vor Augen, wie Aufbau und Hoffnung in kurzer Zeit durch Machtkampf, Gewalt und afrikanische Formen von Rassismus zerstört werden. 
Ich begrüße es daher, dass die Afrikanische Union für ihren Kontinent mit dem Prinzip der Nichteinmischung gebrochen hat, wo es um Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht. Im Rahmen der Vereinten Nationen muss nun die Diskussion beschleunigt werden, wann ein mutiges Eingreifen von außen politisch notwendig und legitim ist und wann nicht. Tatsächlich ist in der konstituierenden Akte der Afrikanischen Union die Frage nach der Zulässigkeit einer humanitären Intervention eindeutig mit »Ja« beantwortet. Damit hat die Afrikanische Union der völkerrechtlichen Diskussion über die Legitimität humanitären Eingreifens einen wichtigen Impuls gegeben. 
Und ich begrüße es sehr, dass hierüber jetzt auch in der Europäischen Union konkret, d.h. hinsichtlich finanzieller und auch militärischer Konsequenzen nachgedacht wird.

 
X.
Weil Handel die beste Hilfe zur Selbsthilfe ist, sind faire Handelsbedingungen unverändert der wichtigste Beitrag, den die internationale Gemeinschaft zur Bekämpfung der Armut in Afrika leisten kann. Die Doha-Runde der Welthandelsorganisation ist angetreten, eine wirkliche Entwicklungsrunde zu werden. Nun muss sie diesem Anspruch aber auch tatsächlich gerecht werden! Dazu gehört unter anderem ein kraftvoller Abbau handelsverzerrender Subventionen. Warum? Nur ein Beispiel: Während meiner Afrikareise werde ich Benin besuchen, wo Baumwolle 70% aller Exporte ausmacht. Benin hat kein Geld, seine Baumwolle zu subventionieren. Die hohen Subventionen für Baumwollproduzenten in den Industrieländern untergraben damit massiv die Entwicklungsmöglichkeiten dieses kleinen Landes. 
Um die Millennium Development Goals zu erreichen, braucht es aber auch mehr finanzielle Unterstützung. Ich lasse darum nicht locker in meinem Appell an die Industrieländer, auch an Deutschland, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe aufzuwenden. Dazu haben sie sich schon vor 30 Jahren verpflichtet. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft weltweit eine Lücke von fast 100 Milliarden US$ pro Jahr. Diese sind nötig, um die Millennium Development Goals zu verwirklichen.
Seit der Entwicklungskonferenz von Monterrey in Mexiko ist in dieses Thema positive Bewegung gekommen. Aber es muss noch mehr geschehen, um dem Ziel jedes Jahr Schritt für Schritt näher zu kommen. Mit Blick auf Deutschland dürfen wir dies nicht allein beim Bundesfinanzminister abladen. Diese Frage richtet sich an jeden Einzelnen von uns.

 
XI.
Engagement für Afrika ist nicht nur eine Sache der großen Politik. Humanitäres Engagement für Afrika hat in Deutschland eine lange Tradition. Dafür steht nicht nur der Name Albert Schweitzer. Zehntausende Entwicklungshelfer haben unter schwierigen Bedingungen Armut und Elend zu lindern versucht. Viele zivile Lehrer, Ärzte und Kirchenleute haben viel Gutes gebracht.
In Deutschland halten heute viele Initiativen und Organisationen das Bewusstsein dafür wach, dass uns Afrika angeht – und sie tun etwas: Sie werben Sympathien und Gelder ein, sie unterstützen konkrete Projekte. Sie verkaufen Produkte aus fairem Handel mit Entwicklungsländern. Vor dreißig Jahren habe ich selber zusammen mit meiner Frau in Herrenberg einen Dritte-Welt-Laden, wie er damals hieß, mitgegründet. Wir werden heute Nachmittag dorthin fahren und uns mit alten und neuen Mitstreitern treffen. Das zivilgesellschaftliche Engagement solcher Gruppen und Initiativen möchte ich heute ausdrücklich anerkennen. Es macht vielen Menschen in Afrika und bei uns Hoffnung.

 
XII.
Hat das, was ich Ihnen vorgetragen habe, etwas mit Weltethos zu tun? Ich wollte mir und Ihnen eine ganz einfache Frage stellen: Was gehen uns andere an? Und ich wollte sie konkret stellen mit Blick auf Afrika, einen Kontinent, den manche vergessen oder abgeschrieben haben.
Ich habe viel über Politik geredet. Aber am Ende geht es immer auch um die Haltung jedes Einzelnen. Keine Politik und keine staatliche Institution werden jemals die spontane Hilfsbereitschaft überflüssig machen. Ein Samariter aber, der des Weges zog, kam vorbei, sah ihn, und hatte Erbarmen mit ihm. Er trat hinzu, verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; dann setzte er ihn auf sein eigenes Lasttier, brachte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn."
In den Townships von Soweto entstand in den siebziger Jahren das Lied der südafrikanischen Freiheits- und Anti-Apartheidbewegung. Inzwischen ist es die südafrikanische Nationalhymne. Sie beginnt mit den Worten, mit denen ich schließen möchte: Nkosi sikilele i Afrika": Gott segne Afrika".


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3. Weltethos-Rede am 12. Dezember 2003
Kofi Annan, UN-Generalsekretär 
Gibt es noch universelle Werte?"

AnnanIm Anschluss an seine Rede führte Kofi Annan einen Dialog mit Professor Küng. 
  
Gibt es noch universelle Werte?"

Exzellenzen, meine Damen und Herren, 

Lassen Sie mich zunächst Herrn Professor Küng danken – nicht nur für seine freundlichen einführenden Worte, sondern auch für seine Einladung, an diesem Ort zu Ihnen zu sprechen. Ich war tief berührt, als er mir vor 18 Monaten in Berlin ein Stück Papier reichte mit der Bitte, nach seinem 75. Geburtstag am 19. März 2003 als Geburtstagsgeschenk für ihn eine Rede zu halten.
 

Wie Sie wissen, lieber Hans, hatte ich nicht vor, Sie so lange auf dieses Geburtstagsgeschenk warten zu lassen. Ich hatte gehofft, schon am 30. April hier sein zu können. Der Druck der Weltereignisse machte es damals unmöglich, aber jetzt stehe ich vor Ihnen. Ich kann diese Rede jedoch nicht wirklich als ein Geschenk von mir an Sie betrachten. Vielmehr sind Sie es, die mir eine große Ehre erweisen, indem Sie mich gebeten haben, hier an Ihrer eigenen Wirkungsstätte zum Thema Weltethos zu sprechen, über das in unserer heutigen Zeit wohl niemand profundere Überlegungen angestellt hat als Sie.

Eigentlich wird mir klar, dass der Titel, den ich für meinen Vortrag gewählt habe, fast etwas anmaßend erscheinen könnte. Wenn jemand so ausführlich und so inspirierend über universelle Werte geschrieben hat wie Sie, scheint es einigermaßen gewagt zu sein, wenn ich hier in Ihrer Stiftung Weltethos ankomme und die Frage in den Raum stelle, ob es solche Werte überhaupt noch gibt!

Ich will Sie nicht auf die Folter spannen und Ihnen vorweg verraten, dass meine Antwort »Ja!« lautet. Die Werte des Friedens, der Freiheit, des sozialen Fortschritts, der Gleichberechtigung und der Menschenwürde, die in der Charta der Vereinten Nationen und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert sind, besitzen heute nicht weniger Gültigkeit als vor mehr als einem halben Jahrhundert, als diese Dokumente von den Vertretern vieler verschiedener Nationen und Kulturen verfasst wurden.

Die Umsetzung dieser Werte in die Realität menschlichen Verhaltens war zur damaligen Zeit keineswegs besser als heute. Diese großen Dokumente waren der Ausdruck einer optimistischen Vision, keine Beschreibung bestehender Realitäten. Wir sollten nicht vergessen, dass unter den Verfasser- und Unterzeichnerstaaten die Sowjetunion zum Höhepunkt des stalinistischen Terrors sowie zahlreiche keineswegs reuige Kolonialmächte waren.

Die Wertvorstellungen unserer Gründer sind auch heute noch nicht vollständig verwirklicht. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Aber sie werden heute viel weitgehender akzeptiert als noch vor wenigen Jahrzehnten. Insbesondere die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat weltweit Eingang in die Rechtsordnungen gefunden, und sie ist heute in jedem Land ein Bezugspunkt für die Menschen, die sich nach den Menschenrechten sehnen. Die Welt ist besser geworden, und die Vereinten Nationen haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Aber in unserem Zeitalter der Globalisierung besteht auch ein dringenderer Bedarf an solchen universellen Werten als je zuvor.

Jede Gesellschaft muss durch gemeinsame Werte verbunden sein, sodass ihre Mitlieder wissen, was sie voneinander erwarten können und dass es bestimmte, von allen getragene Grundsätze gibt, die ihnen eine gewaltlose Beilegung ihrer Differenzen ermöglichen.

Dies gilt für örtliche Gemeinwesen ebenso wie für Staatsgemeinschaften. Heute, da die Globalisierung uns alle einander näher bringt und Dinge, die Menschen am anderen Ende der Welt sagen oder tun, sich nur Augenblicke später auch auf unser Leben auswirken, empfinden wir auch die Notwendigkeit, in einer globalen Gemeinschaft zu leben. Wir können dies nur tun, wenn wir über globale Werte verfügen, die uns verbinden.

Die Ereignisse der jüngsten Zeit haben jedoch gezeigt, dass wir unsere globalen Werte nicht als selbstverständlich betrachten können. Ich spüre auf der ganzen Welt große Angst, dass das Geflecht der internationalen Beziehungen beginnen könnte, sich aufzulösen – und dass möglicherweise die Globalisierung selbst gefährdet ist.

Die Globalisierung hat große Chancen mit sich gebracht, aber auch viele neue Belastungen und Verwerfungen. Sie hat eine Gegenreaktion ausgelöst – und zwar genau deswegen, weil es uns nicht gelungen ist, sie im Einklang mit den universellen Werten zu steuern, an die zu glauben wir Anspruch erheben.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verkünden wir, dass jeder das Recht auf einen Lebensstandard hat, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen".

Vor drei Jahren bekräftigten alle Staaten in der Millenniums-Erklärung, dass die internationalen Beziehungen im 21. Jahrhundert von bestimmten Grundwerten geprägt sein müssen": Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Toleranz, Achtung vor der Natur und gemeinsam getragene Verantwortung. Sie verabschiedeten konkrete, erreichbare Ziele – die Millenniums-Entwicklungsziele – , um den Schandfleck der extremen Armut zu tilgen und Rechte wie das Recht auf Bildung, auf gesundheitliche Grundversorgung und auf sauberes Wasser für alle Realität werden zu lassen.

Viele Millionen Menschen auf der Welt sind heute weit davon entfernt, diese Rechte in der Praxis ausüben zu können. Dies könnte anders werden, wenn die Regierungen in den reichen wie auch in den armen Ländern ihren Verpflichtungen nachkommen würden. Jedoch konzentriert sich heute, drei Jahre nach der Millenniums-Erklärung, unsere Aufmerksamkeit auf Fragen von Krieg und Frieden, und wir laufen Gefahr zu vergessen, was wir damals feierlich versprachen, nämlich die grundlegenden Menschenrechte zu verwirklichen und die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Die Globalisierung hat uns einander näher gebracht in dem Sinn, dass wir alle von den Handlungen anderer betroffen sind, aber nicht in dem Sinn, dass wir alle die Vorteile wie auch die Lasten teilen. Stattdessen haben wir zugelassen, dass sie uns immer weiter auseinander treibt, indem sie das Wohlstandsgefälle und die Machtunterschiede zwischen den Gesellschaften wie auch im Inneren der Gesellschaften verstärkt.

Eine solche Entwicklung spricht universellen Werten Hohn. Es ist nicht überraschend, dass diese Werte in einer Gegenreaktion genau in dem Augenblick, in dem wir sie am meisten brauchen, Angriffen ausgesetzt sind.

Ob man nun den Bereich des Friedens und der Sicherheit, den Handel und die Märkte oder auch die sozialen und kulturellen Einstellungen betrachtet, es steht zu befürchten, dass wir uns in einer Zeit gegenseitigen Misstrauens, der Furcht und des Protektionismus befinden – einer Zeit, in der sich die Menschen sich selbst zuwenden, anstatt sich zu öffnen, sich mit anderen auszutauschen und voneinander zu lernen.

Von der Globalisierung enttäuscht haben sich viele Menschen auf engere Auslegungen des Begriffs der Gemeinschaft zurückgezogen. Dies führt wiederum zu einander widersprechenden Wertsystemen, die die Menschen dazu veranlassen, einige ihrer Mitmenschen von Mitgefühl und Solidarität auszuschließen, weil sie nicht die gleichen religiösen oder politischen Überzeugungen, das gleiche kulturelle Erbe oder nur nicht die gleiche Hautfarbe haben.

Wir haben gesehen, welch verheerende Folgen solche partikularistischen Wertsysteme haben können: ethnische Säuberungen, Völkermord, Terrorismus und die Ausbreitung von Furcht, Hass und Diskriminierung.

Es gilt daher nunmehr, unseren universellen Werten erneut Geltung zu verschaffen.

Wir müssen den kaltblütigen Nihilismus von Attentaten, wie sie am 11. September 2001 gegen die Vereinigten Staaten begangen wurden, entschlossen verurteilen. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass solche Anschläge einen »Zusammenprall der Kulturen« provozieren, in dem Millionen Menschen aus Fleisch und Blut einer Schlacht zwischen zwei Abstraktionen – dem »Islam« und dem Westen" – zum Opfer fallen, als ob islamische und westliche Werte unvereinbar wären.

Sie sind es nämlich nicht, wie Ihnen die Millionen gläubiger Muslime, die hier in Deutschland und anderswo auf der Welt leben, als erste versichern würden. Dennoch müssen viele dieser Muslime jetzt erleben, dass sie Gegenstand von Verdächtigungen, Schikanen und Diskriminierung werden, während in Teilen der islamischen Welt jeder, der mit dem Westen oder westlichen Werten in Verbindung gebracht wird, Feindseligkeit oder sogar Gewalt ausgesetzt ist.

Angesichts einer derartigen Herausforderung können wir den universellen Werten nur dann erneut Geltung verschaffen, wenn wir bereit sind, gründlich darüber nachzudenken, was wir darunter verstehen und wie wir sie umsetzen können.

Das bedeutet, dass wir uns auch darüber klar sein müssen, was sie nicht sind. So sollte auf jeden Fall klar sein, dass die Gültigkeit universeller Werte nicht davon abhängt, ob sie überall eingehalten oder angewandt werden. Ein Ethikkodex ist immer der Ausdruck eines Ideals oder einer Bestrebung, ein Maßstab, an dem sich moralisches Fehlverhalten messen lässt, nicht so sehr eine Vorschrift, die sicherstellen soll, dass ein solches Fehlverhalten nie vorkommt.

Daraus folgt, dass keine Religion und kein ethisches System je wegen moralischer Entgleisungen einiger ihrer Anhänger verurteilt werden sollten. Wenn ich als Christ beispielsweise nicht will, dass mein Glaube nach den Handlungen der Kreuzritter oder der Inquisition beurteilt wird, muss ich auch selbst sehr vorsichtig sein, um nicht den Glauben eines anderen nach den Handlungen zu beurteilen, die einige wenige Terroristen im Namen seines Glaubens begehen.

Unsere universellen Werte verlangen von uns auch, dass wir die menschlichen Eigenschaften, sowohl die guten als auch die schlechten, die wir mit allen unseren Mitmenschen gemein haben, anerkennen und dass wir die gleiche Achtung vor der Menschenwürde und der Sensibilität der Angehörigen anderer Gemeinschaften zeigen, die wir auch von ihnen erwarten.

Das bedeutet, dass wir stets bereit sein sollten, andere Menschen ihre Identität selbst definieren zu lassen, und dass wir nicht darauf bestehen sollten, sie nach unseren eigenen Kriterien einzuteilen, so wohlgemeint es auch sein mag. Wenn wir aufrichtig an individuelle Rechte glauben, dann müssen wir anerkennen, dass das Identitätsgefühl des Einzelnen nahezu immer mit dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Gruppen verknüpft ist, wobei die Zugehörigkeiten sich manchmal konzentrisch gestalten, andere Male wiederum sich überschneiden.

Daher gehört zu den Rechten des Einzelnen auch das Recht, Empathie und Solidarität mit anderen Menschen zu empfinden, die den einen oder anderen Aspekt seiner Identität mit ihm teilen.

Dies wiederum sollte Auswirkungen darauf haben, wie wir die staatsbürgerschaftlichen Pflichten in unseren nationalen Gemeinwesen definieren. Wir sollten die Menschen nicht zwingen, sich von dem Los ihrer Glaubensbrüder oder ethnischen Verwandten, die Bürger anderer Staaten sind, zu distanzieren.

So sollten zum Beispiel Muslime nicht geschmäht oder verfolgt werden, weil sie sich etwa mit den Palästinensern, den Irakern oder den Tschetschenen identifizieren – egal was man von den nationalen Ansprüchen und Klagen dieser Völker oder von den in ihrem Namen benutzten Methoden denken mag. Und wie heftige Empfindungen die Handlungen des Staates Israel bei manchen von uns auch hervorrufen mögen, wir sollten stets das Recht der israelischen Juden achten, in Sicherheit innerhalb der Grenzen ihres eigenen Staates zu leben, und das Recht aller Juden, diesen Staat als Ausdruck der Identität und des Überlebens ihres Volkes hochzuachten.

Wenn es aber falsch ist, einen bestimmten Glauben oder ein bestimmtes Wertsystem wegen der Handlungen oder Aussagen einiger seiner Anhänger zu verurteilen, dann muss es ebenso falsch sein, den Gedanken, dass gewisse Werte universell sind, aufzugeben, nur weil einige Menschen diese Werte nicht zu akzeptieren scheinen. Ja, ich meine sogar, dass gerade die Existenz derartiger Verirrungen uns verpflichtet, die gemeinsamen Werte zu bekräftigen und zu wahren. Wir müssen imstande sein zu sagen, dass bestimmte Handlungen und Überzeugungen nicht nur unseren eigenen sittlichen Vorstellungen zuwiderlaufen, sondern von allen Menschen verworfen werden sollten.

Der Besitz solcher gemeinsamen Werte löst natürlich nicht alle Probleme, und er ändert auch nichts daran, dass die verschiedenen Gesellschaften einen gewissen Gestaltungsspielraum haben, um Probleme auf unterschiedliche Art zu lösen.

Wir mögen uns alle aufrichtig zur Gewaltlosigkeit und zur Achtung vor dem Leben bekennen und können doch unterschiedlicher Auffassung darüber sein, ob es legitim ist, Menschen zu töten, die selbst getötet haben, oder Gewalt anzuwenden, um Unschuldige zu verteidigen, denen Gewalt angetan wird.

Wir mögen alle aufrichtig für Solidarität mit unseren Mitmenschen und für eine gerechte Wirtschaftsordnung eintreten und doch keine Einigung darüber erzielen können, mit welcher Politik eine solche Wirtschaftsordnung am besten verwirklicht werden kann.

Wir mögen uns alle der Toleranz und der Wahrheitstreue tief verbunden fühlen und uns doch nicht darüber einigen, wie tolerant wir gegenüber Staaten oder Systemen sein sollen, die uns intolerant und verlogen erscheinen.

Und wir mögen alle aufrichtig für Gleichberechtigung und Partnerschaft zwischen Mann und Frau eintreten, ohne uns darüber einig zu sein, wie weit die gesellschaftliche Rollenverteilung von Männern und Frauen gehen soll oder ob es Aufgabe der Gesellschaft ist, die Heiligkeit der Ehe zu gewährleisten.

Bei allen diesen Fragen ist zu erwarten, dass die Meinungsverschiedenheiten noch lange andauern werden – sowohl zwischen den Gesellschaften als auch in ihrem Inneren. Universelle Werte haben nicht den Zweck, alle derartigen Differenzen zu beseitigen, sondern uns vielmehr dabei zu helfen, sie unter gegenseitiger Achtung und ohne gegenseitige Zerstörung zu bewältigen.

Toleranz und Dialog sind unverzichtbar, da es ohne sie keinen friedlichen Austausch von Ideen und keine Möglichkeit gibt, zu einvernehmlichen Lösungen zu gelangen, die es unterschiedlichen Gesellschaften gestatten, sich auf ihre eigene Weise weiterzuentwickeln.

Die Gesellschaften, die sich selbst als modern betrachten, müssen erkennen, dass Modernität nicht automatisch Toleranz erzeugt. Selbst überzeugte Liberale und Demokraten können bisweilen bemerkenswert intolerant gegenüber anderen Ansichten sein. Man sollte vor solchen Versuchungen stets auf der Hut sein.

Andererseits müssen Gesellschaften, die großen Wert auf Tradition legen, erkennen, dass Traditionen am besten überleben, wenn sie nicht starr und unveränderlich sind, sondern lebendig und offen für neue Ideen, sowohl von innen als auch von außen.

Darüber hinaus mag es zutreffen, dass Toleranz und Dialog innerhalb einer Gesellschaft langfristig am besten durch bestimmte institutionelle Regelungen gewährleistet sind, wie etwa durch Mehrparteienwahlen oder die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative.

Derartige Regelungen sind jedoch kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Keine Gesellschaft sollte meinen, sie habe ein absolutes Recht oder eine absolute Pflicht, sie anderen aufzuzwingen, nur weil sie selbst sie für nützlich befunden hat. Jede Gesellschaft sollte über genügend Freiraum verfügen, nicht etwa um die universellen Werte zu verzerren oder zu untergraben, sondern um sie in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, die ihren eigenen Traditionen und ihrer eigenen Kultur Rechnung trägt.

Werte sind nicht dazu da, um Philosophen oder Theologen zu dienen, sondern um den Menschen bei der Gestaltung ihres Lebens und bei der Organisation ihrer Gesellschaften behilflich zu sein. Das heißt, dass wir auf internationaler Ebene Kooperationsmechanismen brauchen, die stark genug sind, um universellen Werten Geltung zu verschaffen, aber gleichzeitig flexibel genug, um den Menschen dabei zu helfen, diese Werte in einer Weise zu verwirklichen, die in ihrem jeweiligen Umfeld auch tatsächlich anwendbar ist.

Letztendlich wird uns die Geschichte nicht nach unseren Worten, sondern nach unseren Taten beurteilen. Diejenigen, die gewisse Werte am lautesten predigen – wie die Werte der Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit und der Gleichheit vor dem Gesetz – , haben eine besondere Verpflichtung, in ihrem eigenen Leben und in ihren eigenen Gesellschaften nach diesen Werten zu leben und sie gleichermaßen auf ihre Feinde wie auf ihre Freunde anzuwenden.

Gegenüber Menschen, deren Meinung man teilt oder deren Verhalten man billigt, ist keine Toleranz gefordert. Es ist wenn wir zornig werden, dass wir es am nötigsten haben, die von uns proklamierten Grundsätze der Bescheidenheit und der gegenseitigen Achtung anzuwenden.

Wir sollten auch nie mit den Dingen zufrieden sein, wie sie sind. Der Zustand der Welt lässt dies nicht zu.

Was uns selbst, die Vereinten Nationen, betrifft, so sind wir manchmal versucht, unseren offensichtlichen Wert und Nutzen für die Welt zu verkündigen und den Mitgliedstaaten die Schuld zu geben, dass sie von einer so wertvollen Institution keinen besseren Gebrauch machen. Das ist jedoch zu wenig.

Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Vereinten Nationen zu verbessern, das heißt, sie für die Völker der Welt, in deren Namen die Organisation gegründet wurde, nutzbringender zu machen und bei der Anwendung der universellen Werte, zu denen sich alle ihre Mitglieder bekennen, mit noch besserem Beispiel voranzugehen.

Das bedeutet, dass wir in vielen Aspekten unserer Tätigkeit wirkungsvoller werden müssen, insbesondere bei unseren Bemühungen zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte.

Menschenrechte und universelle Werte sind nahezu synonyme Begriffe – solange wir verstehen, dass Rechte nicht in einem Vakuum existieren. Sie ziehen entsprechende Pflichten nach sich, und Pflichten sind nur dort sinnvoll, wo sie erfüllt werden können. »Sollen setzt Können voraus.«

Wie lautet also die Antwort auf die provokative Frage, die ich als Titel meiner Rede gewählt habe? Gibt es noch universelle Werte? Ja, es gibt sie, aber wir dürfen sie nicht für selbstverständlich halten.


Sie müssen sorgfältig durchdacht,
sie müssen verteidigt,
und sie müssen gestärkt werden.

Und wir müssen in uns selbst den Willen finden, nach den Werten zu leben, die wir verkünden – in unserem Privatleben, in unseren lokalen und nationalen Gemeinwesen und in der Welt.

Ich danke Ihnen.


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» Rede auf DVD im Online-Shop der Stiftung erhältlich

2. Weltethos-Rede am 21. Januar 2002
Mary Robinson, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte
Ethik, Menschenrechte und Globalisierung"

RobinsonIm Anschluss an ihre Rede führte Mary Robinson einen Dialog mit Professor Küng.
  
Ethik, Menschenrechte und Globalisierung"

Der Einladung, hier in Tübingen die Zweite Weltethos-Rede zu halten, konnte ich nicht widerstehen. Meines Erachtens ist die Zeit reif, die Menschenrechte mit Ethik und Globalisierung zu verknüpfen. Gleichwohl ist es eine einschüchternde Aufgabe. Jeder Tag führt uns aufs Neue vor Augen, dass ein nicht hinnehmbarer Riss durch unsere Welt geht; das belegen die harten Zahlen, wonach Millionen Menschen in extremer Armut und inmitten beständiger Auseinandersetzungen leben. Dass der Unmut und die Enttäuschung über eine vom Markt bestimmte Globalisierung wachsen, zeigen die Proteste bei internationalen Gipfelkonferenzen wie den Treffen der G8, der WTO und der EU. Wir haben es mit einer großen Idee zu tun der Entwicklung der ethischen Globalisierung. Aber wie soll sie vonstatten gehen? Welche Bestandteile, Verbindungen und Energien müssen mobilisiert werden? Und welcher Ort wäre besser dazu geeignet, solche Fragen zu stellen, als Tübingen?
  
Ich möchte dem Rektor, Herrn Professor Schaich, sehr herzlich für seine freundlichen Begrüßungsworte danken und meinem Freund, Professor Hans Küng, für die Einladung. Er hat mir als Erster das Konzept eines Weltethos vorgestellt. Ich bewundere seinen lebenslangen Einsatz, Menschen aus unterschiedlichen spirituellen Traditionen und mit unterschiedlichem spirituellem Hintergrund um die Werte zu versammeln, die uns als eine menschliche Familie einen.
Vor einem Jahr, als meine Kollegen und ich in der Öffentlichkeit um Unterstützung für die Weltkonferenz gegen Rassismus warben, setzten wir große Hoffnungen auf die religiösen Führer und ihre Möglichkeiten, Toleranz und Respekt zu fördern. Viele religiöse und spirituelle Führer, die am Millenniumsgipfel über Frieden teilgenommen hatten, traten gemeinsam gegen Vorurteile und Intoleranz auf. Ihre Stellungnahmen sind in einem Buch gesammelt, das den Titel trägt Sacred Rights (Geheiligte Rechte). Ich weiß, dass sie bereit sind, sich für die Werte der Weltkonferenz einzusetzen und damit an Hans Küngs Vision eines Weltethos zu arbeiten, das den internationalen Bemühungen zum Schutz der Menschenrechte eines jeden Einzelnen zugrunde liegt.
Eine ähnliche Verpflichtung spiegelt sich auch in den Ergebnissen des UN-Jahres des Dialogs der Kulturen 2001. Hans Küng war eine der bedeutenden Persönlichkeiten, die zu den Beratungen im Laufe des Jahres einen Beitrag geleistet haben, und zusammen mit den anderen Mitgliedern der Gruppe hat er eine Bilanz vorgelegt unter dem Titel: Brücken in die Zukunft. Ein Manifest für den Dialog der Kulturen.
Bei der Vorbereitung meiner heutigen Ausführungen habe ich darüber nachgedacht, dass nun fast zehn Jahre vergangen sind, seit zwei wichtige internationale Erklärungen angenommen wurden, eine Erklärung der Regierungsverantwortlichen der Welt und eine Erklärung der religiösen Führer der Welt. Diese Dokumente waren in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus, denn darin wurde thematisiert, was die Staats- und Regierungschefs auf dem Millenniumsgipfel als die zentrale Herausforderung unserer Tage benannten: dafür zu sorgen, dass die Globalisierung eine positive Kraft für die ganze Weltbevölkerung wird.
Ich meine die beiden Dokumente Erklärung und Aktionsprogramm der Weltkonferenz über Menschenrechte, angenommen im Juni 1993 in Wien, und die Erklärung zum Weltethos, angenommen in Chicago nur fünf Monate danach.
Es ist ein Indiz für das Tempo des gesellschaftlichen Wandels, dass in keinem der beiden Dokumente der Begriff »Globalisierung« auftaucht, der heute bei der Beschreibung unserer Gegenwart eine so große Rolle spielt. Doch beide Dokumente enthalten, wie ich meine, Visionen und Vorschläge, wie wir mit dem wachsenden »Widerstand gegen die Globalisierung« umgehen sollten.
Ich werde drei Anliegen in meinem Vortrag verfolgen. Zuerst möchte ich kurz die Herausforderungen skizzieren, vor denen meine Behörde steht, wenn es darum geht, das Menschenrechtsprogramm der Vereinten Nationen umzusetzen. Die Kenntnis über die Möglichkeiten und Grenzen dieser Behörde ist für meinen Vortrag hilfreich. Zweitens möchte ich die Verbindungen zwischen Ethik und Menschenrechten allgemein erkunden. Welche Beziehung besteht zwischen Ethik und Rechten und in welchem Verhältnis stehen sie wiederum zu Werten, Moral und Recht? Die Analyse dieser Konzepte ist nicht nur eine interessante intellektuelle Übung, sondern sie ist unmittelbar relevant für das Handeln und die politischen Entscheidungen, denen wir uns als Individuen, als Bürger unterschiedlicher Staaten und als Weltbürger gegenübersehen. Und drittens werde ich mich mit den Herausforderungen der Globalisierung befassen. Welche Rolle können Ethik und Menschenrechte in einer Welt wachsender Ungleichheit in und zwischen den Staaten spielen?

Das Hochkommissariat für Menschenrechte
Das Thema Menschenrechte kam mit der Charta der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor über einem halben Jahrhundert auf die Tagesordnung. Seitdem haben die Staaten einen umfangreichen und umfassenden Bestand an internationalem Recht geschaffen, der darauf gerichtet ist, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. In den Prozess waren auch zahlreiche Entwicklungsländer eingebunden, die mit der Unterstützung der Vereinten Nationen ihre Unabhängigkeit erlangten. Ein großer Teil der rechtlichen Regelungen besteht aus internationalen Verträgen, die allgemeine Rechte und Freiheiten definieren und die Staaten darauf verpflichten, diese zu schützen. Ein weiterer Teil betrifft die internationalen Menschenrechtsinstitutionen, die Normen und Standards für Menschenrechte durchsetzen sollen und die auf regionaler und internationaler Ebene geschaffen und weiterentwickelt wurden.
Die Behörde, der ich als Hochkommissarin für Menschenrechte vorstehe, ist ein noch junges Beispiel dieser institutionellen Entwicklungen. Das Amt des UNHCHR wurde vor acht Jahren von der UN-Generalversammlung geschaffen, es hat die Aufgabe, das internationale Menschenrechtssystem und die Menschenrechtspolitik der Vereinten Nationen zu leiten, zu unterstützen und zu koordinieren. Das ist keine geringe Aufgabe. Es ist unser Mandat, die Menschenrechte, die staatsbürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte aller Menschen in allen Ländern auf der Welt zu schützen und zu fördern. Abgesehen davon, dass wir ein anspruchsvolles Mandat mit einem weit weniger anspruchsvollen Budget bewältigen müssen, gelangte ich, als ich im September 1997 mein Amt antrat, zu der Überzeugung, dass noch ein grundlegenderes Problem angegangen werden musste. Immer wieder hatte ich Klagen darüber gehört, dass die Menschenrechtsfrage auf UN-Ebene »politisiert« werde, dass ihr kein eigener, unabhängiger Stellenwert beigemessen werde.
Ich hörte mir diese Klagen aufmerksam an, und dabei fielen mir zwei unterschiedliche Argumentationsrichtungen auf. Die eine behauptete, in der Menschenrechtsfrage würden die westlichen Regierungen mit dem Finger vorwiegend auf die Entwicklungsländer zeigen und ihnen Versagen bei den staatsbürgerlichen Freiheiten vorwerfen, und dies geschehe selektiv.
Die zweite Argumentation besagte, die Kritik konzentriere sich nur auf wenige Punkte. Die Menschenrechtsproblematik werde eingeengt auf die staatsbürgerlichen Freiheiten Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit und das Verbot von Folter , während wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte wie das Recht auf ausreichende Ernährung, auf Bildung und grundlegende Gesundheitsvorsorge keine Rolle spielten.
Meine erste Aufgabe bestand deshalb darin, zusammen mit meinen Mitarbeitern das Vertrauen in die Integrität des Menschenrechtssystems der Vereinten Nationen wiederherzustellen. Unser Ausgangspunkt lautet, dass jedes Land Menschenrechtsprobleme hat und offen sein sollte für konstruktive Überprüfung und Kritik. Wir haben auch klargestellt, was alles auf der Agenda der Menschenrechte steht, wie sie auf der Weltkonferenz für Menschenrechte 1993 in Wien bekräftigt wurde. Dazu gehören gleichgewichtig der Schutz und die Förderung der staatsbürgerlichen und politischen Rechte auf der einen Seite und der sozio-ökonomischen und kulturellen Rechte auf der anderen Seite und die Verpflichtung, in der Förderung des Rechts auf Entwicklung einen Konsens zwischen beiden Seiten zu finden.

Ethik und Menschenrechte
Nun sind wir bereits mittendrin in den drei Bereichen, die im Titel meines Vortrags angesprochen werden. Zwar werde ich um der Wirkung willen etwas vereinfachen, aber ich habe doch eine ethische Verantwortung, Ihnen gegenüber so aufrichtig zu sein wie ich kann, und Sie haben das Recht, meine Standpunkte zu diesem Thema in einer Weise vorgetragen zu hören, die für Sie nachvollziehbar ist. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob ich in Tokio spreche oder in Togo oder in Tübingen wo auch immer auf der Welt und in welchem Rahmen auch immer. Egal, wie die Situation ist, die Vortragende entkommt ihrer moralischen oder ethischen Verpflichtung nicht, das Publikum entkommt nicht dem Recht und der Pflicht, aufmerksam und vorurteilsfrei zuzuhören, und bei einem so wichtigen Thema entgehen wir heutzutage auch nicht den globalen Implikationen der Rede. Ich betone diesen eigentlich selbstverständlichen Punkt, weil uns das hilft, die heutige Veranstaltung in eine konkrete Situation einzubetten und die Mystifizierung zu vermeiden, zu welcher der Titel oder die notwendigen Abstrahierungen im weiteren Verlaufe verlocken könnten. Ethos, Menschenrechte und Globalisierung sind Teil unserer Alltagserfahrung und deshalb müssen wir auch immer wieder auf unsere Alltagserfahrung rekurrieren.

Ethik und Moral
Im allgemeinen und im wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Ethik und Moral manchmal synonym verwendet und manchmal in unterschiedlicher Bedeutung. Für unsere Zwecke dürfte es angebracht sein, den Begriff Ethik im eher konkreten Sinn von »ethische Entscheidung« und ethisches Handeln" zu verwenden, Moral und die damit verwandten Begriffe mehr im grundsätzlichen und abstrakten Sinne.
Neben anderen Definitionen ist auch die Definition allgemein anerkannt, dass der Mensch ein moralisches oder ethisches Wesen ist, ein Wesen, das ethische Entscheidungen trifft und nach ethischen Maßstäben handelt, seien sie gut oder schlecht. Somit ist das Spektrum von Ethik und Moral so unterschiedlich wie die Menschen, wie verschieden auch die Auffassungen sein mögen, was in bestimmten Bereichen des menschlichen Handelns als moralisch annehmbar oder nicht annehmbar, als gut oder schlecht, richtig oder falsch beurteilt wird.
Ethik ist darum oft das Ergebnis bestimmter Traditionen in einer Gemeinschaft, einer bestimmten Gesellschaft, eines Teils der Gesellschaft oder, weiter gefasst, das Ergebnis der historischen Erfahrungen einer großen Zahl von Gesellschaften, so dass wir von der Ethik der menschlichen Gemeinschaft sprechen können. Auf einer ganz grundsätzlichen Ebene sind Ethik, Menschenrechte und der sich entwickelnde globale Austausch des gesamten Menschengeschlechts eng miteinander verknüpft.
Ethik muss mit moralischen Grundsätzen verbunden werden. Ethik ohne Moral ist ein leerer Begriff. Wenn diese Verbindung nicht besteht, verfallen Menschen in bestimmten Gemeinschaften dem Irrglauben, ihre eigenen Verhaltensregeln umfassten alles, was Moral bedeutet. Sie geben ihre eigenen ethischen Vorstellungen als die wahre Moral aus. Ein eindrückliches Beispiel dafür war das südafrikanische Gesetz über Unmoral zur Zeit des Apartheidsregimes. In dem Gesetz war der rassistische ethische Kodex der herrschenden weißen Schicht verankert, der Heiraten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Rassen als unmoralisch deklarierte.
Der Zusammenfall von Ethik und Moral ist auch die Quelle von Klagen darüber, dass sich hinter dem Gebrauch mancher internationaler Instrumente zur Durchsetzung der Menschenrechte eine Form des Kulturimperialismus verberge. Als Beispiel wird angeführt, dass eine Kategorie von Rechten, die bürgerlichen und politischen, wichtiger genommen werde als andere Kategorien wie die sozialen Rechte und die Rechte der Arbeitnehmer. Dasselbe gilt für die entgegensetzte Behauptung, die auch gerne angeführt wird. Dies kann auf den verdeckten Versuch hinauslaufen, eine bestimmte Ethik zur Universalordnung zu erheben und das Ergebnis dann zur universellen Moral zu erklären. Unser Ausgangspunkt muss stattdessen immer die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sein, die verkündet, dass alle Menschen überall auf der Welt einen Anspruch auf alle Rechte haben. Diese Kernposition wurde, wie ich bereits gesagt habe, in der Erklärung von Wien 1993 bekräftigt.

Werte
Auf einer abstrakteren Ebene als Moral und Ethik können wir die Werte einordnen. Werte sind die Bausteine für Moral und Ethik. So war ein wichtiger Erfolg des Millenniumsgipfels der UN-Generalversammlung im September 2000, der größten Versammlung von Staats- und Regierungschefs, die es jemals gegeben hat, die übereinstimmende Bekräftigung einer Reihe von Grundwerten, die für die internationalen Beziehungen im 21. Jahrhundert von zentraler Bedeutung sind (A/RES/55/2). Es sind dies: Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Toleranz, Achtung vor der Natur und gemeinsame Verantwortung. Ich werde später auf diese Werte zurückkommen und auf die in der Millenniumserklärung ausgesprochene Verpflichtung, »dafür zu sorgen, dass die Globalisierung zu einer positiven Kraft für die ganze Weltbevölkerung wird«.

Menschenrechte und Recht
Wenden wir uns nun den Menschenrechten zu: In unserer Systematik scheinen sie eine Zwischenstellung zwischen Werten und moralischen Prinzipien und den unmittelbaren individuellen Entscheidungen in ethischen Fragen einzunehmen. Insofern gleichen sie dem Recht, insbesondere dem internationalen Recht, ohne dass sie einfach mit dem Recht gleichgesetzt werden können. Gleichwohl gehört das Recht untrennbar dazu. Es ist eine notwendige Ergänzung zu Moral und Ethik und zwar nicht nur deshalb, weil es ein bisweilen unverzichtbares Zwangsinstrument für die Durchsetzung bestimmter moralischer und ethischer Werte darstellt. Das Recht ist darüber hinaus ein zentrales Element in der fortwährenden, dynamischen Beziehung zwischen Ethik und Moral.
Das Recht bringt insbesondere durch die Rechtsprechung der Gerichte ein Element von offener, fortgesetzter Nachforschung über die Bedeutung moralischer und ethischer Werte mit ein, denn die Gerichte befassen sich mit neuen Gegebenheiten, die noch nicht abzusehen waren, als bestimmte Vereinbarungen und Regelungen formuliert wurden. Dieser Prozess ermöglicht die Weiterentwicklung von Ethik und Moral im Hinblick auf die Herausforderungen der Gegenwart. Ein aktuelles Beispiel ist die Bioethik. Mein Büro hat für Ende der Woche Bioethik-Experten nach Genf eingeladen, um dort moralische und ethische Fragen im Zusammenhang mit Entwicklungen der Biotechnologie zu erörtern und zu beraten, in welcher Weise das internationale Menschenrechtssystem darauf reagieren könnte. Das Ganze ist keine Einbahnstraße: Gesetze, die Menschenrechte schützen, übersetzen nicht einfach Moral und Ethik in Regeln, es geht vielmehr auch darum, neue moralische und ethische Vorstellungen zu entwickeln.

Weltethos und globale Menschenrechte
Fassen wir zusammen: Wir können sagen, dass Werte, Moral, Ethik, Recht und Menschenrechte in einer komplexen normativen Struktur zusammenhängen. Über diese Struktur müssen wir nun weiter nachdenken. Die Ereignisse des 11. September 2001 und ihre Folgen unterstreichen, wie dringlich derartiges Nachdenken ist. Es kann hilfreich sein, diesen Punkt hier näher zu untersuchen, nicht zuletzt deshalb, weil Professor Küng in den letzten Jahrzehnten hier eine Vorreiterrolle gespielt hat. Seine Untersuchungen auf dem höchst schwierigen Gebiet der Weltreligionen und der mit ihnen verbundenen Moralvorstellungen haben einen Weg bereitet für den Dialog und die Verständigung über die geistigen Quellen von Moral und Kultur. Darüber hinaus hat er durch die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Gläubigen aus ganz unterschiedlichen Traditionen, Ungläubigen und Agnostikern auf der Suche nach einem moralischen Konsens über eine Reihe fundamentaler Fragen die Aussichten für ein globales Einvernehmen gefördert, das von zentraler Bedeutung ist für eine globalisierte Ethik so könnte man es vielleicht nennen , für ein Weltethos, das darauf abzielt, die Menschenrechte fassbarer und vollständiger werden zu lassen und ihren Schutz weltweit zu verbessern.
In seiner Arbeit hat Professor Küng immer sehr betont, wie wichtig Frieden zwischen den Religionen und den Staaten ist und wie wichtig es ist, Freiheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft mit gewaltfreien Mitteln anzustreben. Mich erinnert dies an Virginia Woolfs Appell, sich auf ein neues Denken einzulassen:
Wir helfen euch am besten, Krieg zu verhindern, wenn wir nicht eure Worte wiederholen und eure Methoden wiederholen, sondern wenn wir neue Worte finden und neue Methoden entwickeln."
Außerdem hat Hans Küng in seinem Werk immer betont, wie bedeutsam Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind, und damit hat er bereits wichtige Werte zusammengefasst, die Möglichkeiten für die Verankerung eines solchen universalen oder Weltethos eröffnen. Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zusammen mit den anderen Werten, die auf dem Millenniumsgipfel unterstrichen wurden Gleichheit, Solidarität, Toleranz, Achtung vor der Natur und gemeinsame Verantwortung der Völker für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung werden in unterschiedlicher Weise und in ganz verschiedenen Kontexten überall auf der Welt anerkannt und praktiziert oder aber verletzt. In ihrer Weiterentwicklung durch den beständigen Dialog könnte der Rahmen der ethischen Globalisierung, in der die Menschenrechte, die bürgerlichen und politischen, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Rechte ohne Diskriminierung zu selbstverständlichen Spielregeln werden, tatsächlich langsam Gestalt annehmen. Es wäre eine zutiefst menschliche Ethik, einer menschlichen Globalisierung den Weg zu weisen, und es wäre nicht ethisch, einfach nur dem Eigeninteresse und einer verfehlten wirtschaftlichen und militärischen Dynamik zu folgen.
Der Ruf nach Wahrheit beinhaltet auch die Verteidigung der Meinungsfreiheit und die Suche nach Wahrheit, heißt auch, auf die Wahrheit in anderen Traditionen aufmerksam zu werden, offen für sie zu sein und sich von ihnen bereichern zu lassen. Dieser Ruf nach einer immer umfassenderen Wahrheit schließt gleichermaßen Fanatismus und Gleichgültigkeit aus, wie Professor Küng betont. Ein solcher moralischer Ruf und die Antwort darauf kann nur wirklich gehört werden, wenn andere moralische Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit ihren angemessenen Platz haben.
Sie alle zusammen finden ihren konkreten Ausdruck im Diskurs über die Menschenrechte. Denn damit Freiheit und Gerechtigkeit und ihre Verkörperung in den Menschenrechten angemessen umgesetzt werden können, muss der Grundsatz der Solidarität aller Menschen auf der Basis der unverletzlichen, gleichen Würde eines jeden gelten. Die Schaffung einer solchen friedlichen, gerechten und freien Gesellschaft auf der Erde ist die gegenwärtige Herausforderung und ethische Verpflichtung aller Menschen. Dazu haben sich auch die Staats- und Regierungschefs auf dem Millenniumsgipfel bekannt. Die praktische Frage lautet nun, wie wir dafür sorgen können, dass sich die internationale Gemeinschaft an ihre Verpflichtung hält.

Globalisierung
Kofi Annan hat in seiner Rede vor dem UN-Millenniumsgipfel die Welt der Globalisierung beschrieben als einen neuen Kontext für und eine neue Verbundenheit zwischen den wirtschaftlichen Akteuren und Aktivitäten weltweit. Die Globalisierung ist möglich geworden durch den schrittweisen Abbau von Hemmnissen für die Bewegungen von Waren und Kapital zusammen mit grundlegenden technischen Fortschritten und kontinuierlich fallenden Kosten für Transport, Kommunikation und Datenverarbeitung. 
Ihre weltweite Ausdehnung scheint unausweichlich, ihre Dynamik unwiderstehlich."
Aber wir alle wissen, dass trotz der Dynamik die Sorgen über ihre Folgen immer größer werden. In dem Bericht heißt es, dass der wachsende Widerstand gegen die Globalisierung in erster Linie entstanden sei, weil die Vorteile und Chancen, die sie eröffnet, weitgehend auf eine relativ kleine Zahl von Ländern konzentriert und in diesen Ländern ungleich verteilt sind. Ebenfalls ungleich verteilt sind die Kosten der Globalisierung, sie treffen vor allem die Entwicklungsländer und die Länder, deren Volkswirtschaften sich im Übergang befinden. Allgemeiner gesprochen, sind die Staaten durch die Globalisierung stärker verwundbar geworden durch unbekannte und unvorhersehbare Kräfte, die zu ökonomischer Instabilität und sozialer Entwurzelung führen können. In dem Bericht heißt es dazu:
Es wächst die Befürchtung, dass die Eigenständigkeit von Kulturen und die Souveränität von Staaten bedroht sein könnten. Selbst in sehr mächtigen Ländern fragen sich die Menschen, wer eigentlich die Verantwortung hat, haben sie Angst um ihre Arbeitsplätze und fürchten, dass ihre Meinung im Prozess der Globalisierung einfach untergehen könnte."
Wohin bewegen wir uns?
Ganz schlicht gesagt, besteht die Aufgabe darin, eine Dynamik zu erzeugen, die es ermöglicht, die Verpflichtung der Millenniumsdeklaration einzulösen, dass die Globalisierung für die gesamte Weltbevölkerung eine positive Kraft sein soll, dass sie Integration und Gleichheit fördert.
Premierminister Tony Blair, der im letzten Jahr die Erste Weltethos-Rede gehalten hat, hat es ähnlich ausgedrückt. Er sagte, die Zukunft liege darin, Prinzipien für die internationale Gemeinschaft zu formulieren auf der Grundlage wechselseitiger Rechte und Verantwortlichkeiten. Als Schritte auf dem Weg zu einer solchen Gemeinschaft nannte er die Notwendigkeit, dass reiche Länder ihre moralische Verpflichtung gegenüber armen Ländern, wie er es bezeichnete, wahrnehmen, damit langfristig auch in ihrem eigenen Interesse handeln, und die Handelsbeschränkungen bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen abbauen. Er rief weiterhin zu entschlossenerem Vorgehen beim Schuldenerlass und beim Umweltschutz auf, insbesondere zu Anstrengungen, durch die Erfüllung des Kyoto-Protokolls den Treibhauseffekt zu reduzieren.
Eine ähnliche Botschaft findet sich in einem interessanten Buch mit dem Titel An Open Letter on Globalization the Debate (Ein offener Brief über die Globalisierung Die Debatte). Das Buch geht auf eine Initiative des belgischen Ministerpräsidenten und damaligen Präsidenten des Europäischen Rates, Guy Verhofstadt, zurück. Er schrieb nach den Ereignissen von Genua und vom 11. September einen offenen Brief an die Globalisierungsgegner. In dem Brief räumte er ein, dass sie in ihrem Protest viele richtige Fragen gestellt hätten. Aber hatten sie auch die richtigen Antworten? Später lud er eine Reihe von Kritikern der Globalisierung und anderen Personen, darunter auch mich, zu ein Konferenz nach Gent ein. Dabei kristallisierte sich als Konsens heraus, dass ein neuer Ansatz nötig ist, eine ethische Globalisierung", wie Guy Verhofstadt sagte.
 
Menschenrechte und Globalisierung
Eine ethische und nachhaltige Form der Globalisierung ist nicht ausschließlich eine Sache der Menschenrechte, sondern dazu gehört auch die Anerkennung der gemeinsamen Verantwortung für den universellen Schutz der Menschenrechte. An dieser Verantwortung haben wir alle Anteil, jeder Einzelne von uns, die Religionsgemeinschaften, die Verbände, die Staaten, die internationalen Finanzinstitutionen und die Vereinten Nationen. Vor mehr als fünfzig Jahren haben die Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte betont, dass die Achtung der Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden auf der Welt zusammenhängen und haben zu einer gerechten internationalen und gesellschaftlichen Ordnung aufgerufen. In der Erklärung wird auch betont, dass das richtige Verständnis der Menschenrechte Pflichten und Gemeinschaftlichkeit mit einbezieht.
Heute kristallisiert sich die Notwendigkeit heraus, dass die Globalisierung als ökonomischer Prozess mit moralischen und ethischen Maßstäben gemessen wird und internationale rechtliche Standards und Prinzipien respektiert. Ich möchte erläutern, wie eine neue Annäherung zwischen dem Rahmen der internationalen Menschenrechtsgesetzgebung und der Globalisierung gefördert werden kann. Dazu gehe ich auf einige wenige Beispiele ein, die zeigen, wie ein auf die Menschenrechte konzentrierter Ansatz dazu beitragen kann, neues Denken und neues Handeln im Sinne einer ethischen Globalisierung anzuregen.
  
Der Welthandel
Mein erstes Beispiel betrifft die Vereinbarungen über den Welthandel. Alle 144 Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO) haben mindestens ein Instrument der Menschenrechtspolitik ratifiziert. Alle bis auf eines haben die Konvention über die Rechte des Kindes ratifiziert, 112 haben die Internationale Konvention über wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Rechte ratifiziert. Wenn die betreffenden Regierungen internationale Vereinbarungen über Handelsliberalisierungen aushandeln und umsetzen, sollten sie daran denken, dass sie sich verpflichtet haben, die Menschenrechte zu schützen und zu fördern, und dass sie sich in der Wiener Erklärung von 1993 zu dem Grundsatz bekannt haben, die Menschenrechte sind die oberste Verpflichtung von Regierungen".
Die WTO-Vereinbarungen geben den rechtlichen Rahmen für die wirtschaftlichen Aspekte der Liberalisierung des Welthandels ab. Als Gegengewicht dazu stehen auf der anderen Seite die Normen und Standards der Menschenrechte, die den rechtlichen Rahmen für die soziale und die ethische Dimension der Liberalisierung abstecken.
Was bedeutet das nun in der Praxis? Es bedeutet, dass Fragen wie die folgenden beantwortet werden können:
• Sind die Handelsbeziehungen wirklich frei und gerecht? Die Entwicklungsländer haben im Laufe der Jahre viele Versprechungen gehört, aber sie haben nur zu oft erlebt, dass ihnen im konkreten Fall der Zugang zu Märkten verwehrt wurde, auf denen sie als Entwicklungsländer Wettbewerbsvorteile haben.
• Berücksichtigen die Regelungen über das geistige Eigentum die kulturellen Rechte eingeborener Bevölkerungsgruppen und lokaler Gemeinschaften?
• Stellen die Regelungen über das geistige Eigentum und Patente den Zugang zu Wirkstoffen sicher, die auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Medikamente stehen?
 
AIDS/HIV
Nehmen wir im Zusammenhang mit dieser letzten Frage das Beispiel Aids. Der erste Fall von Aids wurde 1981 in San Francisco diagnostiziert. Aids galt damals als Krankheit homosexueller Männer, doch mittlerweile ist Aids in praktisch allen Ländern der Welt verbreitet und hauptsächlich bei der heterosexuellen Bevölkerung. Da das Virus selbst keinen Unterschied zwischen Nationalität, Schicht und Geschlecht macht, sind hauptsächlich die armen Bevölkerungsschichten und die Entwicklungsländer betroffen und dort zunehmend die besonders verwundbaren Frauen. Die Situation in den südlich der Sahara gelegenen Teilen Afrikas ist katastrophal und viele Länder in Asien, der Karibik, in Osteuropa und sogar in Lateinamerika sind auf dem gleichen verhängnisvollen Weg.
Mangelnde Achtung der Menschenrechte spielt bei fast jedem Aspekt der Aids-Epidemie eine Rolle, angefangen von den Faktoren, die die Anfälligkeit für eine Aids-Infektion erhöhen, über die Diskriminierung der Menschen, die mit Aids/HIV infiziert sind, bis hin zu den Faktoren, die einzelne Menschen und Gesellschaften daran hindern, effektiv auf die Epidemie zu reagieren. Unsere Arbeit und die von anderen hat gezeigt, dass es sehr wirksam sein kann, auf die Menschenrechte der Opfer zu pochen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern.
Menschliche Tragödien dieser Art, wenn auch normalerweise nicht in dieser Größenordnung, wirken oft als erste Appelle an das Gewissen und induzieren eine moralische Reaktion. In Anbetracht der globalen Reichweite der Aids-Epidemie wird nur eine globale Antwort von Nutzen sein. Beim Streben nach einer globalen Ethik kann ein sehr praktischer Ansatz darin bestehen, dass untersucht wird, welche Folgen die Pandemie beispielsweise für Menschen hat, die in Sambia mit HIV oder Aids leben, für diejenigen, die sie pflegen, und für andere Verantwortliche. Dabei werden dann tiefere Wurzeln zutage kommen, die in kulturellen Gepflogenheiten und in vielfältigen Benachteiligungen in ökonomischer und sozialer Hinsicht und bei der Gesundheitsfürsorge liegen. Da all dies nur zum Teil lokal und national verursacht ist und speziell im wirtschaftlichen Bereich internationale Faktoren noch in einem entlegenen Dorf in Sambia spürbar werden, ist man schnell bei den Ungerechtigkeiten des Welthandels und dem Versagen der internationalen Hilfe.
Unzureichende Ernährung und medizinische Grundversorgung, Mangel an sauberem Trinkwasser, fehlende Grundbildung, Arbeitslosigkeit, Missachtung der Frauen und eine Fülle anderer diskriminierender Faktoren erhöhen die Anfälligkeit der armen Menschen für HIV und Aids. Weil sie arm sind, können sie sich wiederum die Medikamente und die Behandlung nicht leisten, die nur für Reiche erschwinglich sind. Und so wie die Armut ihre Anfälligkeit für das HIV-Virus erhöht, vertiefen Infektion und Erkrankung wiederum ihre Armut, weil Kosten für Medikamente und Behandlung anfallen, Einkommen entfällt, die Beerdigung bezahlt werden muss. Wenn wir einmal auf dem Globus aufzeichnen würden, wo nach dem alljährlichen Bericht des UNDP (UN-Entwicklungsprogramm") über Menschliche Entwicklung elementare Bedürfnisse nicht befriedigt werden, würden wir feststellen, dass sich das ziemlich genau mit den Regionen deckt, in denen die HIV-Infektion besonders schlimm wütet.
Wir haben mit HIV/Aids in unserem hypothetischen Dorf in Sambia begonnen und dem direkten Appell an das Gewissen. Davon ausgehend könnten wir einen schmerzlichen Schritt nach dem anderen die Elemente einer globalen Moral herausarbeiten oder zumindest skizzieren, wie eine menschliche moralische Reaktion aussehen müsste, die dann wieder weltweite Implikationen hätte und auf jeder Ebene der individuellen und sozialen Existenz wirksam werden könnte, von der biologischen und physischen Ebene über die Beziehungen bis zur intellektuellen und spirituellen. Vielleicht ist es die Aufgabe der Menschen, die mit Aids leben oder die Menschen mit Aids begleiten und sich um sie kümmern, die globale moralische Reichweite der scheinbar unbedeutenden Aufgaben und unauffälligen Existenzen zu artikulieren, mit denen sie zu tun haben. Die Erfahrungen der Armen, Diskriminierten und Leidenden sind wichtig für unser Bemühen, eine Ethik mit globaler Ausrichtung unter Einbeziehung der Menschenrechte zu entwickeln. Menschen mit HIV/Aids und all jene, die mit ihnen zu tun haben, könnten eine einzigartige Quelle der Erkenntnis sein.
Positiv zu vermerken ist, dass globale Verantwortlichkeiten zunehmend anerkannt werden. In Äußerungen aus jüngster Zeit wurde die Notwendigkeit vermehrter Kooperation in Schlüsselbereichen betont.
Die Kommission der Weltgesundheitsorganisation über Makroökonomie und Gesundheit, die von dem Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs geleitet wird, hat vorgeschlagen, dass die reichen Länder zusätzlich ein Zehntelprozent ihres Haushalts für die Gesundheit der armen Menschen aufwenden. Wenn alle reichen Länder dabei mitmachen, würden bis 2015 jährlich zusätzlich 38 Milliarden Dollar für Gesundheitsausgaben zur Verfügung stehen. Die Kommission argumentiert, wenn dieses Geld an die armen Länder fließt, die ebenfalls immer mehr Geld für ihre Gesundheitssysteme ausgeben, dann stünden diesen Ländern mindestens 360 Milliarden Dollar jährlich zur Verfügung. Damit könnten Millionen Menschen von Armut befreit und schätzungsweise 
8 Millionen Menschenleben jährlich gerettet werden.
Der britische Schatzkanzler Gordon Brown hat vorgeschlagen, einen Investitionsfonds mit 50 Milliarden Dollar jährlich auszustatten und damit Ausgaben für Verbesserungen im Bildungswesen und in den Gesundheitssystemen von armen Ländern zu finanzieren.
Ein praktischer Ausdruck der Kooperation und der gemeinsam wahrgenommenen Verantwortung, die immer wieder gefordert werden, könnte so aussehen, dass die entwickelten Länder die Erosion der staatlichen Entwicklungshilfe stoppen und sich als echte Entwicklungspartner der ärmsten Länder erweisen, indem sie ihre Schuldenlast erleichtern.
 
TRIPS und AIDS
Die Debatte über die Verfügbarkeit von Medikamenten gegen HIV/Aids in den Entwicklungsländern hat gezeigt, dass die Patentrechte der pharmazeutischen Industrie, die unerlässlich sind für die Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe, und die Rechte von Menschen mit lebensbedrohenden Krankheiten auf angemessene Behandlung in Konflikt geraten können. Damit die Globalisierung allen Menschen zugute kommt, müssen Wege gefunden werden, diesen Konflikt zu lösen.
Die im Jahr 2001 in Doha verabschiedete Erklärung der WTO zum Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums" (TRIPS) und Öffentliche Gesundheit war ein wichtiges Signal, dass zwischen dem Schutz des geistigen Eigentums und den Erfordernissen der Gesundheitsfürsorge in den Entwicklungsländern ein Ausgleich gesucht werden muss. In der Erklärung wird hervorgehoben, dass das TRIPS-Abkommen, das Patentregelungen betrifft, in einer Weise interpretiert werden muss, die »das Recht der WTO-Mitglieder auf Gesundheitsfürsorge sichert« und den Zugang zu Medikamenten erleichtert, insbesondere Medikamenten gegen HIV/Aids, Tuberkulose, Malaria und andere Epidemien.
 
Der Global Compact"
Ein wesentliches Merkmal der wirtschaftlichen Globalisierung ist, dass die beteiligten Akteure nicht ausschließlich Staaten sind, sondern auch Private in Gestalt von multinationalen und transnationalen Unternehmen. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der größten Wirtschaftseinheiten der Welt Unternehmen und nicht Staaten, und ein immer größerer Teil der weltweiten Investitionen sind private Investitionen. Daraus ergibt sich die neue Herausforderung, dafür zu sorgen, dass derart mächtige Akteure in der globalisierten Wirtschaft auch die Verantwortung für die Folgen tragen, die ihr Handeln für die Menschenrechte und für Menschenleben hat.
Eine Initiative, an der meine Behörde wesentlichen Anteil hat, besteht darin, ethisches Handeln von Privatunternehmen zu fördern. Der Global Compact, der weltumspannende Pakt der Vereinten Nationen, den der Generalsekretär im Juli 2000 offiziell lanciert hat, gibt den Rahmen für das Engagement der UN im privaten Sektor ab. In diesem Zusammenhang ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass der Pakt beim Schutz von Menschenrechten und Umwelt auf die Selbstverpflichtung und auf ethische Maßstäbe setzt und weniger auf rechtlich bindende Regelungen. Aber wir dürfen auch nicht aus dem Blick verlieren, dass darüber diskutiert wird, ob solche ethischen Maßstäbe hinreichend effektiv sind. Die Tendenz geht dahin, Unternehmen mit rechtlichen Mitteln für die humanitären und ökologischen Auswirkungen ihres Handelns zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Pakt appelliert an die Verantwortlichen in Unternehmen, an Gewerkschaften und nichtstaatliche Organisationen, gemeinsam daran zu arbeiten, dass in den Bereichen Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und Umwelt ein Kernbestand von Werten formuliert wird. Ich möchte kurz auf diese drei Punkten eingehen. Im Bereich Menschenrechte sollen die Unternehmen sicherstellen, dass sie so, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind, auch respektiert werden; Unternehmen dürfen sich nicht zu Komplizen von Menschenrechtsverletzungen machen. Im Bereich Arbeitsbedingungen sollen Unternehmen die Versammlungsfreiheit und Koalitionsfreiheit schützen, darauf achten, dass sie weder direkt noch indirekt an Kinderarbeit und Zwangsarbeit beteiligt sind und bei Einstellungen und Entlassungen nicht nach Rasse, Glauben, Geschlecht oder ethnischer Herkunft entscheiden. In Umweltfragen sollen Unternehmen vorausschauend handeln, das Bewusstsein der Verantwortung für die Umwelt fördern und die Entwicklung und Verbreitung von umweltfreundlichen Technologien vorantreiben.
Ein weiterer wichtiger Bereich, in dem der private Sektor sich mehr engagieren muss, damit mehr Menschen von der Globalisierung profitieren, ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Heute haben weltweit etwa 66 Millionen junge Menschen keine Arbeit, die jungen Menschen machen damit über 40 Prozent aller Arbeitslosen aus. Welche Zukunft erwartet sie ohne eine anständige Arbeit? Die Dringlichkeit des Problems wird noch durch eine Schätzung der ILO (Internationale Arbeits-Organisation) unterstrichen. Demnach wird die globalisierte Wirtschaft in den nächsten zehn Jahren noch für eine halbe Milliarde mehr Menschen in den Entwicklungsländern Arbeitsplätze zur Verfügung stellen müssen.
Die UN hat eine Globale Agenda für Beschäftigung verabschiedet, um die Bemühungen der UN-Organe, der Institutionen von Bretton Woods (Weltbank und Weltwährungsfond), von nationalen Regierungen, Arbeitgebern und Gewerkschaften in der Frage der Beschäftigung zu konzentrieren.
 
Ständiges Forum über die Eingeborenenvölker
Damit die Globalisierung allen Menschen zugute kommt, müssen Schritte unternommen werden, diejenigen einzubeziehen, die bisher am wenigsten Mitsprache bei der Gestaltung ihrer Zukunft hatten. Innerhalb des Systems der Vereinten Nationen bestand ein innovativer Schritt in der Schaffung eines neuen Ständigen Forums zu Eingeborenenfragen, das im Mai in New York zu seiner ersten Sitzung zusammentreten wird.
Zum ersten Mal haben wir damit ein Gremium, in dem die Eingeborenenvölker echte Partner sind. Acht der sechzehn Mitglieder des Forums sind Vertreter von Regierungen, die anderen acht Vertreter von Eingeborenenvölkern. Beide Gruppen werden gemeinsam über die Tagesordnung beraten, die Themen der Diskussionen festlegen, die Inhalte und die Empfehlungen formulieren. Das Forum befasst sich mit allen Problemen, die eingeborene Völker betreffen, von sozialen und wirtschaftlichen Fragen über Umwelt, Entwicklung, Bildung, Gesundheit bis hin zu Menschenrechten. Die Herausforderung für das Forum besteht darin, die spirituellen Werte und die Gemeinschaftsrechte der eingeborenen Völker zu respektieren. In einem sehr konkreten Sinn könnte das Forum ein erster Durchbruch bei der Umsetzung der Prinzipien der ethischen Globalisierung sein.
 
Umwelt
Es ist ein natürlicher Schritt von der Konzentration auf eingeborene Völker zum allgemeinen Schutz der Umwelt. Dieses Thema steht auf der Tagesordnung der Weltkonferenz über Nachhaltige Entwicklung, die im August in Johannesburg stattfinden wird. Vor zehn Jahren hat die Umweltkonferenz in Rio in der Agenda 21 die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung benannt. Die Konferenz in Johannesburg wird überprüfen, welche Fortschritte in Richtung auf die Ziele gemacht wurden. Anzumerken ist, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt sich in ihrer Millenniumserklärung verpflichtet haben, in all unserem ökologischen Handeln einer neuen Ethik der Bewahrung und des Haushaltens zu folgen".
Die Beziehung zwischen Menschenrechten, Verantwortung gegenüber der Umwelt und nachhaltiger Entwicklung war auch das Thema einer Expertenrunde, die kürzlich unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von UNHCHR und der UN-Umweltbehörde stattfand. Dieser Bereich muss noch weiter erforscht werden, aber in ihrer Bilanz stimmten die Experten überein,
... dass der Respekt der Menschenrechte allgemein als eine Vorbedingung der nachhaltigen Entwicklung anerkannt wird, dass Umweltschutz eine Vorbedingung für die Wahrnehmung von Menschenrechten darstellt und dass Menschenrechte und Umwelt wechselseitig voneinander abhängige, miteinander verknüpfte Bereiche sind".
Und weiter konstatierten die Experten
... breite Übereinstimmung, dass die Armut im Zentrum einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen steht und gleichzeitig ein Haupthindernis für nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz darstellt. Ein auf den Respekt der Menschenrechte gegründetes Vorgehen kann die Wirkungen von Programmen und politischen Strategien auf nationaler und internationaler Ebene in diesem Bereich verstärken."
 
Zum Schluss
Wenn ich heute die Millenniumserklärung wieder lese, vor dem Hintergrund der Ereignisse vom 11. September, beeindruckt mich die Tatsache, dass wir keiner neuen Deklarationen und Verpflichtungen benötigen. Es ist alles schon formuliert und verabschiedet.
Was wir brauchen, ist viel prosaischer: Umsetzung, Umsetzung und noch einmal Umsetzung! Ein Merkmal des Menschenrechtssystems ist es, dass es durch die Überprüfung, welche Maßnahmen Staaten ergriffen haben, um ihren Verpflichtungen gerecht zu werden, sein Instrumentarium, Fortschritte zu messen, immer weiter verfeinert. Auch hier kann der Zwang rechtlicher Regelungen die Werte der ethischen Globalisierung untermauern. Die nächste Stufe muss weniger anspruchsvoll, weniger theoretisch und abstrakt sein und sich stärker darauf konzentrieren, die feierlichen Versprechungen Realität werden zu lassen.


» Rede Robinson deutsch
» Rede Robinson englisch
» Rede auf DVD im Online Shop der Stiftung erhältlich

1. Weltethos-Rede am 30. Juni 2000
Tony Blair, Englischer Premierminister
Werte und die Kraft der Gemeinschaft"

BlairIm Anschluss an seine Rede führte Tony Blair einen Dialog mit Professor Küng. 
  
Werte und die Kraft der Gemeinschaft"

Es ist eine Ehre, an der Universität Tübingen zu sprechen, einer der ältesten und einflussreichsten Stätten des Lernens in Deutschland, einem berühmten Ort der Lehre und Forschung, seit langer Zeit und immer noch ein Zentrum der geistigen Entwicklung in Europa. Tübingen ist auch die Partnerstadt von Sedgefield, meinem Wahlkreis in der Grafschaft Durham, den ich seit über 17 Jahren im britischen Parlament vertrete. 
Tübingen stand im Herzen der Reformation, und das hat auch etwas mit dem Thema zu tun, über das ich heute sprechen möchte. 1534 brachte Herzog Ulrich die Reformation nach Tübingen, und 1536 gründete er das Evangelische Stift, das eine so herausragende Rolle bei der Verbreitung der lutherischen Lehren in Deutschland spielte. 1817 wurde jedoch die katholisch-theologische Fakultät wieder eingerichtet. Seither bestehen sie nebeneinander in einem Klima des gegenseitigen Verständnisses und des kreativen Dialogs. 
Dies ist ein schöner Gedanke für den Anfang.
  
Ich möchte Ihnen heute meine Gedanken über die ethischen Werte vortragen, die uns in der Ära der Globalisierung leiten sollten. Ich werde die These aufstellen, dass uns in einer Welt des Wandels nur der Glaube an die Gemeinschaft und an die Gleichwertigkeit aller Menschen Hoffnung auf eine friedliche und gedeihliche Zukunft gibt, und dass eine auf reinem Eigeninteresse beruhende materialistische Philosophie in den Ruin führt.
 
Ich werde die Rede in vier Teile gliedern:
1. Das Wesen des globalen Wandels
2. Eine Gemeinschaft innerhalb der Nation
3. Die Doktrin der Völkergemeinschaft 
4. Die Rolle des Glaubens und der Verständigung 
 
Nordirland
Zunächst jedoch möchte ich, da ich weiß, dass die Entwicklungen in Nordirland ein Grund für die Einladung hierher sind, ein paar Worte hierzu sagen. Die Geschichte Nordirlands lehrt uns Vieles. Aber vor allen Dingen lehrt sie uns den Wert einer bürgerlichen Gesellschaft, in der es möglich ist, uralte Zwistigkeiten zu heilen. 
Heute bringen Engagement und Dialog den früheren deprimierenden Status quo ins Wanken. "Zusammenarbeit", das Unwort von damals, bildet jetzt die Grundlage für eine neue Zukunft, die Hoffnung statt Krieg verheißt.
Natürlich gibt es immer noch Gegner dieser Veränderung. Die glauben, dass wer sich nicht in ihr Weltbild einfügt, nicht dazugehört. Aber sie sind in der Minderheit. Die Mehrheit hat die alten Weisen abgelehnt. Sie hat für den Wandel gestimmt. Zum allerersten Mal hat Nordirland eine von den Bürgern Nordirlands gewählte Regierung, die alle einbezieht.
Ich bin stolz auf das, was in Nordirland erreicht wurde. Es ehrt mich, dass sich die ganze Welt dafür interessiert. Dank der Unterstützung und der Gebete von Millionen Menschen außerhalb Nordirlands weiß ich, dass wir in Nordirland eine Zukunft in Frieden und Harmonie aufbauen können. 
Aber welches ist nun die zentrale Lehre, die wir alle aus Nordirland ziehen können? Ich denke, folgende: dass es im 21. Jahrhundert keinen Platz für engstirnige und exklusive Traditionen gibt; dass es in der modernen Welt überaus wichtig ist, unsere Abhängigkeit voneinander zu begreifen, damit wir in Zukunft weiterkommen können.
 
Die Herausforderung des Wandels
Wir leben in einem Zeitalter des globalen Wandels, einem der dramatischsten und unvorhersehbarsten in der Geschichte der Welt. Es vergeht kaum ein Monat ohne irgendeine atemberaubende Entwicklung in der Forschung oder Technik. 
1990 veröffentlichten zwei amerikanische Futurologen ein Buch mit dem Titel Megatrends 2000". Sie brauchten gar nicht weit in die Zukunft zu schauen - gerade einmal 10 Jahre. Ein Wort taucht jedoch in dem ganzen Buch nicht auf - das Wort Internet", das Phänomen, das unser Leben heute total verändert.
Unsere Welt bewegt sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit, und ständiger Wechsel gehört zu den Dingen, mit denen der Mensch am schlechtesten zurechtkommt. So verwundert es kaum, dass das unsrige auch das Zeitalter der Angst" oder, wie im Titel des neuesten Buchs von Francis Fukuyama The Great Disruption" genannt wurde.
Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir uns mitten im größten wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Umbruch befinden, den die Welt seit dem Beginn der industriellen Revolution vor über zwei Jahrhunderten gesehen hat.
Die Globalisierung ist nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen, und deshalb kann auch unsere Antwort nicht nur eine wirtschaftliche sein. Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts, das ja die Narben des ideologischen Konflikts und der Teilung trug, wäre die Idee Globalisierung undenkbar gewesen. In diesem Sinne könnte man sagen, dass die Globalisierung hier in Deutschland angefangen hat, mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges. Gestern Abend schlenderte ich mit Bundeskanzler Schröder über die Glienicker Brücke, auf der einst Spione zwischen dem Osten und dem Westen ausgetauscht wurden. Das geschah noch bis vor etwas über einem Jahrzehnt; die Berliner Mauer ist erst vor 11 Jahren gefallen.
Erst als die ideologischen Barrikaden auf der ganzen Welt fielen, lautete die Frage nicht mehr, ob Staat oder Markt, sondern wie wir einen dynamischen Markt, einen intelligenten Staat und eine aktive bürgerliche Gesellschaft entwickeln können.
Anfang dieser Woche nahm ich an einer Veranstaltung teil, mit der der erste Entwurf des Buchs des Lebens vorgestellt wurde: das Humangenom-Projekt. Welche Macht uns dieses Wissen in die Hand gibt, geht fast über unser Vorstellungsvermögen. Erst die künftigen Generationen werden seine wirkliche Bedeutung gänzlich begreifen können. Viele von uns reagierten mit einer Mischung aus Staunen und ungutem Gefühl. Staunen über die neuen Gefilde, die uns die Forschung hiermit öffnet. Ein ungutes Gefühl angesichts dessen, was jenseits davon liegt; was dies für unser Ich-Gefühl, unser Schicksal, unsere Vorstellungen von der natürlichen Ordnung der Dinge bedeutet. 
Die Globalisierung hat uns wirtschaftlichen Fortschritt und materiellen Wohlstand gebracht. Aber sie schürt auch Ängste. Kinder, denen auf dem Schulhof Drogen angeboten werden, die in einem Tempo sexuell erwachsen werden, das ich persönlich beängstigend finde; Eltern, die zerrieben werden im tagtäglichen Kampf, ihr Brot zu verdienen, die Kinder aufzuziehen - häufig sind ja beide Elternteile berufstätig -, sich um ältere Verwandte zu kümmern; eine Welt, in der jede dritte Ehe geschieden wird; in der Arbeitsplätze beseitigt oder geschaffen werden, weil es in einem Vorstandszimmer tausend Meilen entfernt so beschlossen wurde; in der die Bande der Familie, des Ortes und des Landes ständig bedroht zu sein scheinen. 
Dennoch ist es eine Welt, in der unser Lebensstandard steigt, in der wir reisen und miteinander kommunizieren können, wie es unsere Großeltern nicht zu träumen gewagt hätten. 
Es ist eine Welt, die von einem Paradoxon gekennzeichnet ist: einer größeren Freiheit des Einzelnen - aber auch einer größeren Abhängigkeit voneinander. Wir können mehr tun, aber es ist eine Eigenheit dieser Globalisierung, dass unser Tun die Anderen stärker betrifft. Wir entscheiden viel individueller, was wir kaufen oder konsumieren, aber unsere Möglichkeiten und unsere Lebensqualität hängen immer mehr von Entscheidungen ab, die wir gemeinsam treffen: gute Schulen, Umweltschutz, Sicherheit auf der Straße, oder, auf internationaler Ebene, Welthandelsabkommen oder Atomwaffenkontrolle.
Der Wandel ist also rasant und unerbittlich, reich an Chancen und Gefahren. Die Frage lautet: gestalten wir ihn oder er uns? Beherrschen wir ihn, oder lassen wir uns von ihm beherrschen? Der Schlüssel zur Politik in der heutigen Welt liegt darin, was wir mit ihm tun. Sich im widersetzen? Aussichtslos. Ihn geschehen lassen? Gefährlich. Bleibt nur der dritte Weg: ihn organisieren. Aber er kann nicht organisiert werden, solange es keine Regeln dafür gibt, keine Werturteile darüber, wie und warum wir ihn auf bestimmte Weise organisieren. 
Genau hier müssen wir einen offenkundigen Konflikt zwischen Altem und Neuem, dem Modernisierer und dem Traditionalisten überwinden. Der Traditionalist beweint das Verschwinden der lieben Gewohnheiten, verweist auf die größere Stabilität des Familienlebens in der Vergangenheit, zeigt auf die Hässlichkeit und Unordnung eines großen Teils der neuen Welt. Der Modernisierer sieht die Chancen; verwirft die Vorurteile der Vergangenheit, die alten Hierarchien, greift begierig nach den materiellen Vorteilen der Modernität. Und in der Politik ist das Faszinierende, dass es eine Linke und eine Rechte in beiden Lagern gibt. Eine traditionalistische Linke, die die globale Finanzwelt verabscheut; eine traditionelle Rechte, die Angst vor dem Einwanderer hat. Eine modernisierende Linke, die die Bedrohung des Familienlebens manchmal allzu rasch als unwichtig abtut; eine modernisierende Rechte, die an die Oberherrschaft der Marktkräfte glaubt.
Die Lösung dieses Konflikts liegt darin, dass wir die traditionellen Werte auf die moderne Welt anpassen; dass wir veraltete Vorstellungen über Bord werfen, aber den Kern der traditionellen Werte wiederentdecken und uns bei der Organisation des Wandels von ihnen leiten lassen. Die Theologen unter Ihnen werden sagen, das heißt, Glauben und Vernunft zu vereinbaren.
Welches sind die Werte? Für mich kommen sie am besten in einer modernen Vorstellung von Gemeinschaft zum Ausdruck. Im Mittelpunkt steht der Glaube an die Gleichwertigkeit aller Menschen - das ist die grundsätzliche Überzeugung, die meine Politik leitet - und an unsere gegenseitige Verantwortung bei der Gestaltung einer Gesellschaft, die diese Gleichwertigkeit fördert. Beachten Sie: die Rede ist vom gleichen Wert, nicht von gleichen Einkommen oder Ergebnissen oder lediglich von gleichen Chancen. Es geht vielmehr um ein gleiches Recht auf Würde, Freiheit, Nichtdiskriminierung und wirtschaftliche Chancen. Die Idee der Gemeinschaft löst das Paradoxon der modernen Welt: sie erkennt unsere gegenseitige Abhängigkeit an; und sie erkennt den Wert des Einzelnen an.
Sie erlaubt uns, Altes und Neues zu verbinden. Der Traditionalist hat Recht, wenn er sich über den Zusammenbruch des Familienlebens Sorgen macht. Der Modernisierer hat Recht, wenn er fordert, dies dürfe uns nicht gegen Alleinerziehende einnehmen, die in der Mehrheit gar keine sein möchten. Der Modernisierer hat Recht, wenn er sagt, globale Märkte seien nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes. Der Traditionalist hat Recht, wenn er sich Sorgen über die Ungleichheit macht, die daraus entstehen kann. Der Modernisierer braucht Werte. Der Traditionalist braucht eine moderne Realität. Auf diese Weise kann sich die Globalisierung des Geldes, Reisens, der Kommunikation, der Technologie auch auf eine globale Ethik erstrecken.
 
Eine Gemeinschaft innerhalb der Nation
Fangen wir nun also damit an, dieses Prinzip auf die moderne Regierung anzuwenden. Wir machen uns den Wandel zu Eigen. Das tun wir dadurch, dass wir eine Gemeinschaft aufbauen, in der alle Bürger gleich wertvoll sind. Chancen für alle - Verantwortung auf Seiten aller.
Heutzutage ist ziemlich klar, was die Regierungen tun müssen, um Wohlstand zu fördern. Makroökonomische Politik ist nicht mehr links oder rechts. Sie ist richtig oder falsch. Tatsächlich mussten gerade die Mitte-Links-Regierungen häufig die von der Rechten ererbten Defizite wiedergutmachen. In Großbritannien fanden wir im Mai 97 eine staatliche Kreditaufnahme von £28Mrd. pro Jahr und eine verdoppelte Staatsverschuldung vor. In unserem ersten Jahr gaben wir für die Zinsen mehr aus als für das gesamte Schulsystem. Jetzt haben wir einen Überschuss, und das soll so bleiben, obwohl hierfür eine Reihe harter Entscheidungen getroffen werden mussten. Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben liegen
Großbritanniens langfristige Zinssätze unter denen Deutschlands.
Aber das kann nur das Fundament sein. Auf ihr muss eine moderne Wirtschaft aufgebaut werden, deren Rohmaterial Wissen und Fertigkeiten, das Können und die Intelligenz von Menschen sind. Hier scheiden sich sicherlich die politischen Geister. Ich sehe die Herausforderung darin, die Kraft der Gemeinschaft zu nutzen, sich gemeinsam dafür engagieren, dass die Schranken abgebaut werden, die der Chancengleichheit im Wege stehen. Bildung - höchste Standards für alle und eine Kultur des Lernens, die sich auf das ganze Leben, nicht nur auf die Schule erstreckt - wird zur wirtschaftlichen wie auch sozialen Priorität einer modernen Nation im Zeitalter des Wissens. Als die Berliner Mauer noch stand, war es der Rüstungswettlauf, der die führenden
Nationen der Welt beschäftigte. Heute ist es der Wettlauf des Wissens.
In Großbritannien ist heute eine Bildungsrevolution im Gange. 
Die Ausgaben für Bildung werden erhöht, und zwar drastisch. Alle vierjährigen Kinder können jetzt eine Vorschule besuchen; die Dreijährigen sind als nächste dran. In den Grundschulen wird jetzt Lesen, Schreiben und Rechnen wieder in den Mittelpunkt gestellt, dort müssen deutlich bessere Ergebnisse erzielt werden. Wir erweitern das Bildungsangebot für die 11-18-Jährigen; schaffen neue Fachschulen mit besonderen Schwerpunkten; bauen City Academies in unseren Vororten als Leistungsschulen in sozial benachteiligten Gebieten; führen neue vertragliche Regelungen für die leistungsbezogene Besoldung der Lehrer ein; schließen schwache Schulen; entlassen Schulleiter, die besonders geringe Leistungen erbringen, und belohnen andere, die besser sind; bauen den Universitäts- und Fachhochschulbereich massiv aus. Außerdem investieren wir gewaltig in die IT-Ausbildung nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen. In Kürze eröffnen wir die so genannte "University for Industry", die qualifizierte, leicht zugängliche Kurse über das Internet anbietet. Wir tun viel - aber ich mache mir jeden Tag Sorgen, ob es nicht noch mehr sein sollte. Denn ich weiß, dass manche Kinder noch immer ohne die Hoffnung aufwachsen, etwas aus ihrem Leben machen zu können. Und es gibt buchstäblich noch Millionen von Erwachsenen, die nicht richtig lesen und schreiben können. So viel verschwendetes, von der Vergangenheit im Stich gelassenes Potenzial. 
Aber wir brauchen nicht nur Bildung. Wir brauchen Unternehmen, die Förderung kleiner Unternehmen, neue Strukturen für die Unternehmensbesteuerung, damit Wachstum gefördert wird und die Unternehmer belohnt werden.
Und dann gibt es noch einen neuen Begriff in der Politik moderner Regierungen: die "soziale Ausgrenzung". Wir können heute in Europa Vollbeschäftigung erreichen. Aber nicht durch eine nachfrageorientierte Politik allein. Wir brauchen besondere gezielte Maßnahmen für jenen harten Kern von Arbeitslosen, deren Problem nicht nur der Mangel an Arbeit ist, sondern die häufig in einer Kultur von Armut, Drogenmissbrauch, Perspektivenlosigkeit und familiärer Instabilität leben, ausgeschlossen von der breiten Gesellschaft. Unser New Deal in Großbritannien hat 250.000 von ihnen weg von der Sozialhilfe und hinein ins Arbeitsleben gebracht, und weiteren 200.000 zu einer Ausbildung verholfen. Wir werden demnächst bekannt geben, wie wir dieses Programm in der nächsten Legislaturperiode weiterführen und unserem Ziel, der Vollbeschäftigung, näher kommen wollen. 
All das verlangt von uns, dass wir als Gemeinschaft ein Verantwortungsgefühl entwickeln, anderen zu helfen, jedem Menschen eine Chance geben, sein Potenzial auszuschöpfen. Ohne die Werte Gemeinschaft und Solidarität gäbe es keinen Imperativ zum Handeln. Die Verbesserung des Bildungsniveaus ist gewiss eine ökonomische Forderung. Aber sie ist auch eine moralische Pflicht. Einem Kind die Chance auf Bildung nehmen, heißt, es nicht als gleichwertigen Menschen zu betrachten. 
Dieser Teil des Programms - wenn auch vielleicht nicht die politischen Maßnahmen - wären jedem Angehörigen der linken Mitte vertraut, dem Modernisierer ebenso wie dem Traditionalisten. Aber man kann eine Gemeinschaft nicht auf Chancen oder Rechten allein gründen. An ihre Seite müssen Verantwortung und Pflicht treten. Das ist der Tausch oder Vertrag der modernen Zivilgesellschaft. Offen gesagt, ich finde, man kann nicht dafür plädieren, staatliche bzw. Steuergelder für öffentliche Dienstleistungen oder zur Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung - mit anderen Worten, für das Handeln als Gemeinschaft - auszugeben, wenn man nicht diesen Vertrag über die Chancen und Pflichten geschlossen hat.
Wenn wir investieren, um dem Arbeitslosen die Chance auf einen Arbeitsplatz zu geben, dann hat er die Pflicht, ihn anzunehmen, sonst wird ihm die Sozialleistung gestrichen. Und was die Kriminalität anbelangt, bin ich, ohne zu zögern, für ein ganz hartes Vorgehen. Nicht nur, weil es gerade die Schwachen sind, die am meisten unter der Kriminalität zu leiden haben. Sondern auch, weil Kriminalität eine Verletzung des Vertrags zwischen den Bürgern ist. In Großbritannien führen wir jetzt die Regelung ein, dass jeder Einbrecher nach seiner dritten Tat automatisch im Gefängnis landet; außerdem Mindest- und lange Haftstrafen für Vergewaltiger; und wir stellen zusätzliche Gefängnisplätze für Gewaltverbrecher bereit. Gewalttätige Nachbarn können zum Ausziehen gezwungen werden. All das ist umstritten. Die Konservative Opposition weigert sich zum Beispiel, uns zu unterstützen, wenn wir fordern, wer einen als Strafe auferlegten Gemeinschaftsdienst nicht ableiste, solle seine Sozialleistungen gestrichen bekommen. 
Wir helfen den Drogenabhängigen, aber wir testen Straftäter auf Drogen, und wenn der Test positiv ist, verlangen wir, dass sie sich einer Behandlung unterziehen. Gegen Drogenhändler gehen wir hart vor.
Und wir glauben an Recht und Ordnung. Wir haben Maßnahmen verabschiedet, wie man gegen Lärm verursachende Nachbarn und gegen asoziales Verhalten vorgehen kann. Wir haben die Gerichte aufgefordert, mehr Gebrauch von diesen Maßnahmen zu machen.
Sie wissen sicher, dass wir, was traurig und beschämend für uns ist, neben anderen Ländern ein Problem mit den Fußball-Hooligans haben. Bei uns zu Hause haben wir strenge Vorschriften, die auch greifen. Wir müssen aber noch mehr tun, um das Problem in den Griff zu bekommen, wenn die englischen Fans ins Ausland reisen. Das werden wir auch tun.
Aber es geht nicht nur um den Fußball.
Wir prüfen nun, wie wir der Polizei mehr Befugnisse geben können, um mit asozialem Verhalten in betrunkenem Zustand umzugehen, das an zu vielen Freitag- und Samstagabenden in zu vielen Städten Ärger und Leid verursacht.
Bizarrerweise sieht die Rechtslage in Großbritannien im Moment so aus, dass die Polizei auf der Stelle Geldbußen für das Radfahren auf dem Gehweg oder für Verunreinigungen durch Hundekot eintreiben darf. Aber sie hat ja auch mit Betrunkenen zu tun, die ausfallend und rüpelhaft werden, und dann kann sie oft gar nichts tun, ohne den langen, teuren Weg über die Polizeiwachen, Gerichte usw. zu gehen.
Es ist völlig legal, dass ein privates Unternehmen eine Kralle an einem Autorad anbringt und für die Entfernung £100 verlangt. Aber unsere öffentliche Polizei hat kein vergleichbares Recht. Ich denke, das sollte sich ändern.
Am Montag treffe ich hohe Polizeibeamte, und denen möchte ich mitteilen, dass ihre Beamten die Befugnis bekommen sollen, auf der Stelle Geldbußen für betrunkenes, lärmendes, rüpelhaftes und asoziales Verhalten zu verlangen. Wenn es um echte Gewalt und schwerwiegende vorsätzliche Verbrechen geht, muss die Zuständigkeit natürlich bei den Gerichten bleiben. Aber ich spreche eben von Belästigungen durch Betrunkene. 
Ein Rowdy wird es sich vielleicht zweimal überlegen, bevor er Ihre Gartentür eintritt, Verkehrskegel auf Ihrer Straße herumwirft oder unflätige Wörter in den Nachthimmel grölt, wenn er weiß, dass er von der Polizei aufgegriffen, zu einem Geldautomaten gebracht und aufgefordert werden könnte, auf der Stelle zum Beispiel £100 zu bezahlen. 
Wenn die Polizei diese Vollmacht wünscht - und ich glaube, das tut sie, und die Öffentlichkeit unterstützt dies auch - dann sollte sie diese Vollmacht bekommen.
Die freiheitlichen Linken zeigt sich zum Teil schockiert über bestimmte Maßnahmen, während ein Teil der Rechten nicht der Meinung ist, dass die Gemeinschaft dafür verantwortlich sein sollte, den Menschen Arbeitsplätze zu beschaffen. Beide sehen dies falsch.
Was wir heute brauchen, ist eine moderne Zivilgesellschaft mit Regeln und Ordnung, aber ohne Vorurteile oder Diskriminierung. Wir sind tolerant gegenüber der Sexualität der Menschen, verurteilen jede Form von Diskriminierung, aber wir sind intolerant gegen asoziales Verhalten. Wir behalten unsere traditionellen Werte, Achtung für andere und Solidarität, wir erkennen die Notwendigkeit staatlichen Handelns, aber wir formen beide Werte und die Rolle des Staates um, damit wir die Herausforderungen einer sich wandelnden Welt meistern können.
 
Gemeinschaft als internationale Idee
Verlassen wir nun einmal unsere Nationalstaaten und schauen wir uns die Welt an, in der die Nationalstaaten sich heute befinden.
Keine der großen Fragen, die uns alle beschäftigen - Handel, Finanzen, Umwelt, Proliferation von Atomwaffen, organisierte Kriminalität und Drogen - lässt sich heute von einer Nation im Alleingang beantworten.
Die Geschichte der letzten 100 Jahre und mehr zeigt uns, wie wichtig es heute ist, die Institutionen der internationalen Zusammenarbeit zu erneuern und Bündnisse zwischen den Hauptakteuren aufzubauen.
Jahrhundertelang haben Staatsmänner und Philosophen unter dem Eindruck des Schreckens und der Sinnlosigkeit des Krieges immer wieder den Versuch unternommen, das Ideal einer Völkergemeinschaft mit der Realität einer Welt, die auf Staaten und deren Interessen gründet, zu vereinbaren. 1309 schlug der Dichter Dante in seinem Buch über die Monarchie vor, alle Nationen sollten unter einem Gesetz leben, und dieses Weltgesetz würde eines Tages die Nationen davon abhalten, Krieg gegeneinander zu führen. Zweihundert Jahre später appellierte der niederländische Gelehrte Erasmus in seiner Klage des Friedens" an alle weltlichen Könige und Herrscher, einen Rat der Gerechten einzuberufen, der Streitigkeiten beilegen solle, damit nicht, wie er es ausdrückte, Kriege Kriege gebären würden.
Ende des 16. Jahrhunderts schrieb der Herzog von Sully seinen Großen Plan", in dem er vorschlug, die 15 Staaten Europas sollten einen Europarat gründen, der sich mit den Problemen zwischen ihnen befassen solle, wie es ein nationales Parlament tun würde. 1625 legte Hugo Grotius mit seinem "Recht des Krieges und des Friedens" das erste umfassende Kompendium des Völkerrechts vor. William Penn entwarf ein Konzept für ein europäisches Parlament, und der Abbé de Saint-Pierre wollte 1716 mit seinem "Traktat für den ewigen Frieden" die Herrscher der Nationen in einem Senat zusammenführen, wo Abstimmungen an die Stelle von Krieg treten sollten. Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant und viele andere träumten von einer Weltordnung, die, an ihre Zeit angepasst, den Krieg abschaffen und die Nationen zu einem friedlichen Miteinander bringen würde.
Aber erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde wirklich eine Rechtsverfassung für die ganze Welt aufgestellt und bei der Friedenskonferenz 1919 in Paris verabschiedet: die Satzung des Völkerbundes.
Dem Völkerbund traten schließlich 61 Nationen bei, nicht jedoch die Vereinigten Staaten. Obwohl er niemals ein Weltparlament gewesen ist, sehen ihn viele Menschen heute als wahren Vater der jetzigen Vereinten Nationen.
Trotz anfänglicher Erfolge konnte der Völkerbund sein Ziel nicht erreichen, einen weiteren Krieg zu verhindern. Der Völkerbund wurde zum Spiegel einer dissonanten Welt. Sein Rat debattierte über die japanische Invasion in China, die italienische Invasion in Äthiopien und die deutsche Invasion in der Tschechoslowakei und in Österreich; und er war machtlos, irgendeine davon zu verhindern.
Das ausgeklügelte System kollektiver Sicherheit des Völkerbunds funktionierte nie; letzten Endes fehlte die gemeinsame Vertrauens- und Wertebasis, die eine solche kollektive Sicherheit hätten tragen können. Tragischerweise teilten zu viele Staaten die Auffassung Mussolinis, dass die Welt nur die Wahl hatte zwischen Faschismus und Kommunismus.
Glücklicherweise hatte er Unrecht, wenn auch viele Millionen Menschen im Kampf gegen beide starben. Die Charta der Vereinten Nationen dient nun schon seit über einem halben Jahrhundert als politische Verfassung der Menschheit. Aber man braucht nur einen Blick in die Präambel zu werfen, um festzustellen, welche Kluft zwischen Versprochenem und Erreichtem, zwischen den Hoffnungen und Zusagen von 1945 und von 1919 und den Frustrationen von Bosnien, dem Kongo, Angola, Afghanistan besteht.
Wir haben unsere Entschlossenheit, künftige Geschlechter von der Geißel des Krieges zu bewahren, unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben, noch nicht zur Realität gemacht. Und unsere Bemühungen, unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit erneut zu bekräftigen und den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern, waren bisher auch nur von begrenztem Erfolg gekrönt. 
Ob wir jene Kluft zwischen den Ansprüchen und der heutigen Realität überbrücken können, wird in vieler Hinsicht von unserer kollektiven Antwort auf die Globalisierung abhängen.
Meines Erachtens werden wir nur Erfolg haben, wenn wir allmählich eine Doktrin der Völkergemeinschaft entwickeln, die auf dem Prinzip des aufgeklärten Eigeninteresses beruht. Was wir im eigenen Land wollen, wollen wir auch für die Beziehungen zwischen den Ländern. Nämlich eine Gemeinschaft, die auf der Gleichwertigkeit aller Menschen beruht, auf gegenseitigen Rechten und Pflichten.
Ich will damit nicht sagen, dass die Nationen nicht ihr Eigeninteresse verfolgen werden oder dass es nicht gelegentlich zu Interessenkonflikten kommen wird, die den Wunsch nach Verständigung verringern oder überlagern. Wir sind nicht naiv. Aber ich will damit sagen, dass unsere Probleme mehr und mehr gemeinsame Probleme sind, und dass unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften in Gefahr sind, wenn sie sich nicht auf eine Lösung der Probleme verständigen, oder auch sehr davon profitieren, wenn sie sich verständigen.
 
Kommen wir zum Konkreten
Erstens: Freihandel ist der Schlüssel zum Wohlstand für die ärmeren Nationen und eine wesentliche Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit der reicheren Nationen. Protektionismus hingegen entspringt einer kurzsichtigen Auffassung von nationalem Interesse. Heute haben wir eine Welthandelsorganisation, wo wir bis vor kurzem überhaupt keine formale Organisation hatten, die den Welthandel überwachte. Bemerkenswerter ist noch, dass China demnächst beitreten wird.
Die reichen Länder müssen noch weiter gehen, insbesondere durch Öffnung ihrer Märkte für Agrarerzeugnisse; nicht nur, weil es unsere moralische Pflicht gegenüber den Armen ist, sondern auch, weil es in unserem eigenen langfristigen Interesse liegt. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir die ins Stocken gekommene WTO-Handelsrunde vor dem Ende des Jahres wieder in Gang setzen müssen. 
 
Zweitens: Dass Schuldenerlass auf der G8-Tagesordnung in Okinawa in drei Wochen steht, beweist, wie weit das Konzept der Solidarität gestützt auf aufgeklärtem Eigeninteresse gekommen ist.
Wir in Großbritannien erlassen unseren Teil der Schulden. Aber wir müssen noch mehr tun, und ich hoffe, dass die G8 hier weiterkommt.
Wir werden uns auch überlegen müssen, was wir in Partnerschaft mit anderen tun können, um die Seuchen einzudämmen, die die ärmeren Länder in ihrer Entwicklung behindern: AIDS, Malaria, TB.
 
Drittens: Kriminalität und Drogen sind internationale Probleme. Da die Wirtschaft global geworden ist, ist es auch die Kriminalität, vor allem der Drogenhandel. Wenn man hört, dass Drogenbarone anbieten, die Staatsschulden eines Landes zu bezahlen, wenn sie als Gegenleistung dort freie Hand bekommen, begreift man, welches Ausmaß diese Bedrohung angenommen hat. 
Wie heute in der EU wird der Kampf gegen die Kriminalität auch beim G8-Gipfel ein wichtiges Thema sein. Wir werden Maßnahmen treffen, die die Drogen- und Verbrecherkartelle an ihrer verwundbarsten Stelle treffen: die Gewinne aus ihren kriminellen Aktivitäten ausfindig machen und konfiszieren. Außerdem werden wir gemeinsame Normen für internationale Finanzzentren aufstellen, damit wir Geldwäsche und Finanzkriminalität wirksam bekämpfen können, auf die ja auch die intelligentesten und gefährlichsten internationalen Verbrecherorganisationen angewiesen sind. Ferner werden wir prüfen, wie wir den Handel mit Vorläufersubstanzen unterbinden können, die zur Herstellung vieler synthetischer Drogen verwendet werden, die unsere Städte und Straßen überschwemmen.
 
Viertens: Als einzelne Nation sind wir ohnmächtig gegen die Zerstörung unserer Umwelt, von der wir und die künftigen Generationen kollektiv abhängen. In Kyoto haben wir jedoch bewiesen, dass es einen internationalen Konsens darüber gibt, wie wichtig es ist, gegen die Erderwärmung vorzugehen. Noch vor einer Generation wäre das undenkbar gewesen. Wir müssen uns diese grundsätzliche Einigung nun zu Nutze machen, um zu erreichen, dass unsere Zusagen auch in der Praxis eingehalten werden. Hier arbeiten wir eng mit Deutschland zusammen.
In Okinawa werden wir auch für einen neuen Vorstoß zur erneuerbaren Energie plädieren. Zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zur elementarsten Ressource der modernen Welt, der Elektrizität. Wir müssen einen nachhaltigen Weg finden, ihnen diesen Zugang zu ermöglichen, wenn wir die globale Schere zwischen Arm und Reich überwinden wollen.

 
Fünftens: Auch nach dem Ende des Kalten Krieges existiert noch immer die Gefahr der atomaren Verbreitung. Der Nichtverbreitungs-Vertrag und der Umfassende Teststoppvertrag stehen jedoch für den kollektiven Willen, die Möglichkeit eines Atomkriegs aus der Welt zu verbannen.
Schließlich steht auf der G8-Agenda noch die Technologie. Es wird uns nicht gelingen, die globalen Implikationen der informations- und biotechnologischen Revolutionen zu beherrschen, wenn wir hierfür keine gemeinsame Basis von Werten und Verantwortung füreinander haben.
In Okinawa werden wir Maßnahmen ergreifen, um das Entstehen eines weltweiten digitalen Gefälles zu verhindern, und die Chancen auf Bildung verbessern. Wir werden versuchen, einen größeren internationalen wissenschaftlichen Konsens über genetisch manipulierte Lebensmittel und zu allgemeineren Fragen der Ernährungs- und Pflanzensicherheit zu entwickeln.
 
Gemeinsame Probleme, gemeinsame Interessen haben zu gemeinsamer Verantwortung und zu gemeinsamen Gewinnen geführt.
Die EU ist sichtbarster Ausdruck der Notwendigkeit zur Zusammenarbeit zwischen den Staaten. Dies ist keine Rede über Europa - obwohl ich gerne Fragen dazu beantworte. Es sollte auch - egal, was Sie lesen - nie eine Antwort auf die interessante und bedeutende Rede sein, die Präsident Chirac Anfang in dieser Woche vor dem deutschen Bundestag gehalten hat. Ich werde die Ansicht Großbritanniens zur Zukunft Europas im Herbst in einer Rede darlegen. Für mich steht außer Zweifel, dass es für Großbritannien wichtig ist, als Partner in Europa eine ganze und führende Rolle zu spielen. Und wie ich gestern Abend sagte, ist es an der Zeit, dass wir in Großbritannien das Selbstvertrauen haben zu begreifen, dass wir den Gang der Dinge in Europa mit gestalten können, und das tun wir jetzt auch wirklich. Europa ist keine Verschwörung gegen uns, sondern eine Chance für uns.

 
Verständigung zwischen den Religionen
Es gibt noch etwas, was wir tun können, und ich erwähne das, weil ich hier in Tübingen spreche und Hans Küng neben mir habe. Wir können unser Bestes tun, um die religiösen Spaltungen zu überwinden, die noch immer unseren Frieden bedrohen.
Es wäre widersprüchlich, die Doktrin von der Gemeinschaft politisch erneuern zu wollen und die Dimension der Verständigung zwischen den Religionen dabei außer Acht zu lassen. Glaube und Vernunft sind keine Gegner, sondern Partner. In der Vergangenheit und mehr noch heute schätzen wir die Rolle, die die Religionen bei der Förderung des Friedens spielen. Frieden und Religion sind nicht immer Hand in Hand gegangen, aber angesichts der größeren Verständigung zwischen den Religionen sind wir einer gerechten und friedlichen Weltordnung heute näher.
Wir leben in einer Zeit, die reich ist an Beispielen für den interkonfessionellen Dialog. Hier fällt einem sofort die jüngste Pilgerreise des Papstes nach Jerusalem ein, wo Juden, Muslims und Christen sich in brüderlichem Geist begegneten. Genauso bedeutsam und der kulturellen Erfahrung Tübingens näher war die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre - eines Meilensteins auf dem Weg zur Versöhnung des lutherischen und des katholischen Glaubens. Solche Beispiele geben uns große Hoffnung und senden ein klares Signal an die Welt, dass die Religionen nicht zulassen werden, dass Unterschiede in den Lehrmeinungen einer verstärkten Zusammenarbeit im Wege stehen.
Dialog und Verständigung zwischen den Religionen ist für den Frieden unabdingbar. Ignoranz schürt Ängste, Ängste schüren Konflikte. Der Dialog sollte die Differenzen nicht leugnen oder banalisieren, aber er sollte sich auch mit den gemeinsamen Aspekten des Glaubens befassen.
Unsere Weltgemeinschaft gleicht einer Tapisserie: einzelne Fäden auf der Rückseite, ein zusammenhängendes Bild auf der Vorderseite. Die Gesamtheit der Religionen macht unsere Weltgemeinschaft aus, aber es gibt unterschiedliche Wege, wie man die gleichen Grundfragen, das Wesen des Seins, betrachten kann.
Wenn es so ist, dass wir in einer Welt des Wandels nur durch ein klares Bekenntnis zu gemeinsamen Werten überleben können, dann kann religiöser Glaube sicherlich auch eine Rolle spielen, indem er dieses Bekenntnis vertieft. Was ist religiöser Glaube denn anderes als der Glaube an etwas Größeres als das Ich? Was ist die Idee der Gemeinschaft anderes als die nationale Einsicht in unsere Abhängigkeit voneinander? In Wahrheit ist der Glaube der Verbündete der Vernunft.
Religion hat oft zu Bigotterie geführt. Aber politische Ideologie auch. Meines Erachtens wird jedoch eine Gesellschaft, in der der religiöse Glaube wohnt, immer eher geneigt sein, sich für das Wohl der Menschheit einzusetzen; und je weniger sie die Vernunft als ihren Feind betrachtet, desto schneller gelangt sie zum Ziel. Wie die Religion sich modernisiert, ist jedoch eine Frage für einen anderen Zeitpunkt und einen anderen Redner.
Religionen können dazu beitragen, unsere Gemeinschaften zu Wertegemeinschaften zu machen. Die Unvermeidbarkeit der Globalisierung fordert eine parallel verlaufende Globalisierung unserer höchsten ethischen Werte. Keine Destillierung oder unnötige Vereinheitlichung des reichen Schatzes an Werten, die unsere Glaubensgemeinschaften ausmachen. Aber die Grundlagen unserer Konfessionen, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden und die Würde des Menschen, sind genau das, was wir im Zeitalter der Globalisierung brauchen.

 
Schlussfolgerung
Traditionell waren dies religiöse Werte. Aber wir erfahren jetzt von sehr verschiedenen Disziplinen, dass es universelle Werte sind. Ökonomen nennen sie soziales Kapital". Evolutionsbiologen nennen sie reziproken Altruismus". Politikwissenschaftler sagen dazu Kommunitarismus oder bürgerliche Gesellschaft. Alle diese Formulierungen stehen für eine Idee, die eigentlich ganz einfach ist: was uns die Kraft zum Überleben in einer sich schnell verändernden Umwelt gibt, sind die Gewohnheiten der Zusammenarbeit, die Netze der Unterstützung, unser Vertrauensradius. Und diese Gewohnheiten erlernen wir in der Familie, in der Schule, in der Kirchengemeinde, in der politischen Gemeinde. Dort lernen wir die Grammatik des Miteinanders, das Geben und Nehmen von Rechten und Pflichten; dort geben wir unsere kollektive Geschichte, unsere Ideale von einer Generation an die folgende weiter. Ohne sie wäre unsere Gesellschaft zu abstrakt, um wirklich zu sein. Gemeinschaft ist, wo man Ihren Namen kennt; und wo man Sie vermisst, wenn Sie nicht da sind. Gemeinschaft ist Gesellschaft mit einem menschlichen Gesicht.
Und das ist es, was wir in Zeiten des Wandels brauchen. Es ist eine außergewöhnliche und bewegende Tatsache, dass unsere großen Religionen überlebt haben, während politische, wirtschaftliche und soziale Systeme gekommen und gegangen sind. Wo immer man Gruppen findet, die sich aus den einengenden Banden von Armut und Entbehrung lösen konnten, findet man stets auch starke Familien, Vereinigungen und Glaubensgemeinschaften. In ihnen erkennen wir, dass geteiltes Leid halbes Leid und geteilte Freude doppelte Freude ist.
Was ich Ihnen heute sagen möchte, ist also, dass traditionelle Werte und Wandel keine Feinde, sondern Freunde sind - weil wir nämlich gerade im Epizentrum des Wandels die menschlichen Grundlagen der Stabilität benötigen. Tiefe Wurzeln braucht man, wenn der Wind am stärksten bläst. Wenn wir wissen, dass wir nicht allein sind, können wir angstfrei in die Zukunft schauen. 
Es ist die Gemeinschaft, die uns das ermöglicht. Es sind die Werte, die die Gemeinschaften erhalten. Und in einer neuen Welt sind es die globalen Werte, die über nationale Grenzen und ideologische Horizonte hinausreichen, die uns zu unserem Schicksal geleiten: zu einer friedlicheren, sichereren und wohlhabenderen Welt für alle.


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