Welturaufführung "Weltethos"

Das Chor- und Orchesterwerk „Weltethos“ wurde im Oktober 2011 unter der Leitung von Sir Simon Rattle von den Berliner Philharmonikern erstmalig aufgeführt.

Weltethos und Musik

Laut Hans Küng ist Musik die „spirituellste aller Künste“ und damit besonders geeignet, die emotionale Dimension der Weltethos-Idee zu vermitteln. Nämlich unmittelbar und intuitiv. 


Die Stiftung Weltethos hat eigens dafür das Chor- und Orchesterwerk „Weltethos“ beim britischen Komponisten Jonathan Harvey (1939-2012) in Auftrag gegeben. Literarische Grundlage der Komposition sind ethische Quellentexte aus den Weltreligionen und Zwischentexte von Prof. Dr. Hans Küng, dem damaligen Präsidenten der Stiftung Weltethos. Hans Küng: „Es ging um Vertonung von Originaltexten aus den großen Traditionen, die Zeugen eines bereits bestehenden Menschheitsethos sind, wie es sich in kulturübergreifenden ethischen Werten, Maßstäben und Haltungen manifestiert. Alles in allem also eine Klangvision von einem globalen Bewusstseinswandel.“ Die Komposition hatte ihre Welturaufführung in deutscher Sprache am 13. Oktober 2011 in der Berliner Philharmonie durch die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle.

Hans Küng hat in einer Einführung zum Werk und einer Rückschau seine Beweggründe für den Auftrag dieser Komposition ausführlich erläutert.


Ein musikalisches Abenteuer  - Einführung zum Werk von Hans Küng 

Es war zum Verzweifeln: Das Konzept für eine große Komposition stand, aber wo finde ich den Komponisten? Die Komposition „Weltethos“ sollte die Grundgedanken und Prinzipien eines gemeinsamen Menschheitsethos durch das Medium Musik vokal und instrumental ausdrücken. Sie sollte aus sechs Teilen bestehen, ein abendfüllendes oratorisches, aber nicht sakrales Werk in sechs Sätzen, entsprechend den sechs großen kulturellen und musikalischen Traditionen: Chinesische Religion, Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Kern der sechs Sätze sollen sechs Schlüsseltexte aus diesen Religionen sein, welche die Grundprinzipien des Weltethos zum Ausdruck bringen

Der weltumspannende, interkulturelle Gehalt der Weltethos-Idee soll dadurch unterstrichen werden, dass die Musik eines jeden Satzes Charakteristika des jeweiligen Kulturkreises trägt, für den dieser Satz steht. Zwischen den einzelnen Sätzen sollen von mir verfasste Rezitative in mehr erzählerischer Form zu jenen klassischen Texten hinführen. Dieses Werk, nicht von sechs Komponisten zu schreiben, die keine Einheit herstellen könnten, sondern von einem einzigen, der die Einheit des Ethos in der Verschiedenheit der Kulturen zum Ausdruck bringen soll: ein musikalisches Abenteuer sondergleichen!

Viele Gespräche habe ich geführt, vor allem mit den Verantwortlichen des Lucerne Festival und mit zwei bedeutenden deutschen Komponisten, die beide von der Aufgabe zunächst begeistert waren, aber nach einiger Zeit den Auftrag als von ihnen nicht realisierbar zurückgaben. Die Aufgabe sei in ihrer interkulturellen Komplexität nicht zu schaffen.

Da riet mir der Rektor der Musikhochschule Luzern, Prof. Alois Koch, ich sollte doch über einen renommierten Dirigenten einen geeigneten Komponisten suchen und nicht umgekehrt. Diesem Rat folgte ich und dachte sofort an die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle. Aber wie an die Berliner Philharmoniker herankommen? Auf Empfehlung meiner Tübinger Freunde Walter und Inge Jens – er war langjähriger Präsident der Berliner Akademie der Künste – fragte ich Martin Löer, den auch mir wohlbekannten Protokollchef des Bundespräsidenten, um Rat. Dieser stellte den Kontakt zum Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker, dem inzwischen leider so früh verstorbenen Jan Diesselhorst, her. Wir trafen uns anlässlich eines Konzerts in Bad Urach, und er vermittelte mir schließlich ein Gespräch mit der Intendantin der Berliner Philharmoniker, Pamela Rosenberg. Ihr fiel der Kontakt mit mir leicht; als Direktorin der Oper von San Francisco verfolgte sie 1979/80 meinen großen Konflikt mit dem Vatikan ganz genau, und ihre Sympathien waren auf meiner Seite. Pamela Rosenberg, die über einen guten Überblick auch über die angelsächsische Musikwelt verfügt, verdanke ich den entscheidenden Namen: Sie schlug mir als Komponisten für das komplexe Riesenwerk den Briten Prof. Jonathan Harvey vor. Ich kann ihr nicht genug dafür dankbar sein.

Jonathan und ich trafen uns im Januar 2007 in Zürich und bewegten uns gleich auf derselben Wellenlänge. Er verstand sofort, was ich wollte, und freute sich, als ich sagte, das Werk dürfe durchaus Mahlersche Dimensionen annehmen: nicht gerade tausend Mitwirkende, aber doch mit großem Orchester, Chor und einem Kinderchor, der den Refrain zu den sechs Sätzen mit jeweils leicht verändertem Inhalt und anderer kultureller Färbung singen soll. Ich sagte Jonathan auch deutlich, dass er zwar an die Texte gebunden sei, aber bezüglich der musikalischen Gestaltung und Instrumentierung vollständige künstlerische Freiheit genieße. Mir sei nur daran gelegen, dass er, ganz und gar moderner Musiker, eine Komposition schaffen würde, welche die Ordnung, das Objektive, Mathematische, Konstruierte auf der Linie Schönbergs zu verbinden wüsste mit ursprünglichem Erleben von Klang und Melodie. Wenn irgend möglich also Gebundenheit, Formenstrenge und Konstruktivität auf der einen Seite und freier Affekt, Subjektivität, Gefühl, Stimmung, Emotionalität auf der anderen Seite … Meine Überzeugung, mit Jonathan Harvey den bestgeeigneten Komponisten für diese anspruchsvolle Aufgabe gewonnen zu haben, festigte sich noch, als er im selben Jahr 2007 vom Südwestrundfunk und vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie mit dem Giga-Hertz-Preis für elektronische Musik ausgezeichnet wurde. Mehr als alles andere aber beeindruckte mich seine große Kenntnis und Sensibilität für die Musik der Hochkulturen.

Und so bin ich von ganzem Herzen dem Komponisten dankbar, dem es trotz großer Schwierigkeiten gelang, sein Opus summum zu vollenden. Als der erste Teil der Partitur bei mir eintraf, war das für mich ein Freudenfest. Jetzt bin ich natürlich unendlich gespannt darauf, wie diese Partitur tönen wird, wenn sie von den Berliner Philharmonikern in sicher perfekter Form zur Aufführung gebracht wird, gleichzeitig über die Digital Concert Hall auf der ganzen Welt zu hören. Sir Simon Rattle wird sich sicher darüber freuen, dass die englischsprachige Uraufführung an seiner früheren Wirkungsstätte Birmingham stattfinden wird: am 21. Juni 2012 zur Eröffnung der „Cultural Olympiad“, welche die Olympischen Spiele in London begleiten wird. Deshalb Dank nun nach der Intendantin und dem Komponisten auch dem Dirigenten Sir Simon, der uns als musikalisch wie sozial und interkulturell hochsensibler Maestro sicher durch dieses musikalische Abenteuer der verschiedenen Kulturen führen wird.

Werkkommentar von Jonathan Harvey

Bei ›Weltethos‹ handelt es sich um ein umfangreiches Werk, das aus sechs Sätzen von je circa 15 Minuten Aufführungsdauer besteht. Die Besetzung umfasst gemischten Chor, Kinderchor und Sprecher sowie großes Orchester und Orgel. Es sind zwei Dirigenten erforderlich, wobei der ›Assistent‹ nur ab und zu tätig wird. Die Musiker folgen – gemäß den Anweisungen in der Partitur – jeweils dem einen oder dem anderen Dirigenten, allerdings wird der Klangkörper auf der Bühne nicht in einzelne Gruppen unterteilt. Häufig werden zwei verschiedene Tempi gleichzeitig gespielt.

Der Text von Hans Küng ist formal wie ein gewaltiges Lied mit sechs ähnlichen Strophen angelegt. Jede bildet einen eigenen Satz der Komposition. Alle Sätze werden in der Regel von einem Orchestervorspiel eingeleitet. Anschließend stellt der Sprecher die jeweilige Kultur und ihre zentrale Leit- und Stifterfigur vor und berichtet von den ethischen Grundideen, die diese formuliert hat. Drittens erforschen Chor und Orchester in einem schattenhaften Geflüster einige der Wortklänge des Sprechers. Viertens folgen ergänzende Kommentare des Chores. Fünftens gibt es einen Hauptgesang des Chores, dem eine der bedeutendsten Schriften der jeweiligen Kultur zugrunde liegt. Sechstens folgt der Refrain des Kinderchores, zu dem – wie zu den anderen Teilen auch – das Orchester spielt.

Im ersten Satz habe ich eine Musik komponiert, in deren Struktur es zu zahlreichen Spiegelungseffekten kommt, die die musikalischen Theorien des alten China repräsentieren. Der Himmel wurde als ein idealisiertes Spiegelbild der Erde verstanden, und die Musik offenbarte die Harmonie, die zwischen ihnen bestehen könnte. Dies ist eine Musik, die philosophische Gedanken zum Ausdruck bringt und keine persönlichen Leidenschaften, was in sich wiederholenden Spielfiguren und aufwärts gerichteten Passagen in unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Tempi zum Ausdruck gebracht wird.

Der zweite Satz über die jüdische Kultur verwendet das klingende Bild der Shofars, der alten Widderhörner, die ihren furchteinflößenden Klang rund um den Berg Sinai erklingen ließen, als Moses in Begriff war, mit den 10 Geboten die bedeutendsten ethischen Grundsätze zu erhalten, die je verfasst wurden. Die Blechbläser erklingen in einer Art Raumklang scheinbar ›hinter‹ der Musik. Dabei kommt es sogar zu einer Art von Fugato, vielleicht wie ein Echo aus einem Händel-Oratorium.

Von fugenartiger Polyphonie ist auch der dritte Satz beeinflusst, welche durch indische Glissandi jedoch schließlich aufgelöst wird. Der tanzende Shiva, der die Welt erschafft und zerstört, weckt wilde und unterschiedlichste Energien. Hier wird das volle Orgelwerk dem Orchester in einem kosmischen Tanz gegenübergestellt. Demgegenüber stehen meditative und Mantra-artige Passagen, Musik von größter Zartheit und Innigkeit.

Im vierten Satz, der dem Islam gewidmet ist, kommt es erstmals zu längeren Passagen, in denen das Orchester pausiert. Der Chor zelebriert die Koranpassagen (natürlich in deutscher Übersetzung) in einfacher und langsamer Art und Weise, aber in volltönenden und sakral anmutenden Harmonien, manchmal in nicht weniger als 14 verschiedenen Stimmen. Dieser A-cappella-Abschnitt bildet ein zartes und ruhiges Zentrum des Werkes.

Im fünften, dem Buddhismus zugeordneten Abschnitt, erklingt überwiegend eine schneller werdende Musik, die auf das Vorspiel des ersten, konfuzianischen Satzes Bezug nimmt. Dann mündet der temporeiche musikalische Verlauf in ausgelassene Freude: Buddhistische Befreiung vom Leiden kann sehr überschwänglich sein.

Der letzte, dem Christentum gewidmete Satz wandelt sich von einer lyrischen, warmen Musik, die sich immer wieder vor dem Vorhang eines kosmischen Kontinuums entfaltet, das durch sehr langsam wechselnde, (›ewig‹) ausgehaltene hohe Töne symbolisiert wird, zu einer Art von Bachschem Choralpräludium (schnelle Klangfiguren im Orchester und ein langsames, kräftiges Glaubensbekenntnis im Chor und Kinderchor). Wie in einer Coda breitet sich ein friedvoller Charakter aus, der von einer langsam atmenden Musik hervorgerufen wird. Ein voller Orchesterklang erhält durch die Abfolge von unbetonten und betonten Taktteilen den Charakter von ruhigen Atemzügen. Dies beinhaltet im Refrain eine ›Freiheit der Harmonie‹, wenn nämlich eine Gruppe von Individuen in eine Art von ekstatischer Glossolalie verfällt. All dies wird von einem tiefen Orgelpunkt grundiert. Dieser alles vereinigende Orgelpunkt hält den musikalischen Verlauf in ruhevoller Stase, während Musik- und Textpassagen aus den vorhergehenden Sätzen in die finale Synthese eines universellen Weltethos’ einfließen.

 Übersetzung: Harald Hodeige

Rückschau auf die Chorsymphonie Weltethos 

Als musikalisches Abenteuer sondergleichen erschien sie mir von Anfang an, und als Küngs Kühnheit (so titelte Barbara Eckle im Tagesspiegel) erschien sie manchen im nachhinein: die großdimensionierte Komposition Weltethos von Jonathan Harvey, uraufgeführt in der Berliner Philharmonie am 13./15. Oktober 2011 von den Berliner Philharmonikern, dem Berliner Rundfunkchor und den Kinderchören des Händel-Gymnasiums. Ein mächtiges chorsymphonisches Werk, aufgeführt in einem der bedeutendsten musikalischen Zentren der Welt, in Auftrag gegeben von der Stiftung Weltethos. Diese einzigartige Vertonung ethisch-religiöser Texte in zeitgenössischer Musik wirft natürlich viele Fragen auf. Im Rückblick auf die Uraufführung will ich daher einige davon zu beantworten versuchen. 

Worum es in der Komposition WELTETHOS geht 

Was ist mit diesem Auftragswerk bezweckt?

Das gemeinsame ethische Erbe der Menschheit zum Bewusstsein und zur Erfahrung zu bringen, wie es sich auf den Traditionslinien der großen Religionen und Philosophien findet und heutzutage sowohl von glaubenden wie nichtglaubenden Menschen mitgetragen werden kann und soll. Es war also gerade nicht beabsichtigt, wie manche Agenturmeldung titelte, die Theologie Hans Küngs zu vertonen. Es ging um Vertonung von Originaltexten aus den großen Traditionen, die Zeugen eines bereits bestehenden Menschheitsethos sind, wie es sich in kulturübergreifenden ethischen Werten, Maßstäben und Haltungen manifestiert. Aus meiner Feder stammen das Gesamtkonzept der sechs Sätze, die einführenden Rezitative des Sprechers und der jeden Satz abschließende Refrain des Kinderchors. Alles in allem also eine Klangvision von einem globalen Bewusstseinswandel.

Wo war mir die Idee dazu gekommen?

Nein, nicht im Konzertsaal, sondern im konkreten Leben mit seinen Problemen und Konflikten, die nicht nur nach einer rechtlich ordnenden Weltorganisation verlangen, sondern zugleich nach einem moralischen Fundament: einem Weltethos mit dem Ziel einer Kultur der Ehrfurcht vor dem Leben, der Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit und der Partnerschaft von Mann und Frau. Alle individuellen und gesellschaftlichen Lebensbereiche haben eine ethische Dimension. Die 1995 gegründete Stiftung Weltethos konzentrierte sich von Anfang an nicht nur auf den interreligiösen Dialog, sondern auch auf Fragen von Erziehung und Schule, von Politik und Wirtschaft, ja sogar von Weltsport und Weltethos. Bisher aber fehlte die Umsetzung des Themas in den Künsten. Weltethos soll ja nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch das Herz, die Gefühle. Dafür eignet sich die Musik als spirituellste aller Künste in besonderer Weise. Seit sieben Jahren hatte ich mich mit der Frage beschäftigt, wie das Weltethos musikalisch zur Darstellung gebracht werden könnte.

Warum war ein Komponist so schwer zu finden?

Nicht weil Angefragte einfach abgewunken hätten, wie es ein uninformierter Rezensent tatsächlich behauptete, sondern weil das Konzept dieser Komposition eine enorme Herausforderung darstellt: sowohl die interkulturelle wie die weltethische Dimension musikalisch ernstzunehmen und sechs grundverschiedene religiöse und musikalische Traditionen in einer Komposition zu vereinen. Zwei bedeutende deutsche Komponisten hatten den Kompositionsauftrag zunächst mit Begeisterung aufgenommen, mussten ihn dann aber vor allem wegen dieser außergewöhnlichen interkulturellen Herausforderung zurückgeben.

Warum habe ich für die sechs verschiedenen Sätze nicht einfach sechs Komponisten gewählt?

Weil es so nur zur Aneinanderreihung von sechs sehr unterschiedlichen Kompositionsstücken gekommen wäre. Das Weltethos aber will die Religionen nicht äußerlich zu einer einzigen Einheitsreligion zusammenzwingen, wohl aber Frieden zwischen den Religionen und damit auch zwischen den Staaten anstreben. Deshalb sollte ein Potpourri vermieden werden, das aus einer bunten Folge von ursprünglich nicht zusammengehörendem Melos und Stil zusammengesetzt und mit Überleitungspassagen geschmückt wäre. Es sollte vielmehr ein Werk aus einem Guss sein, das allerdings die heutigen Möglichkeiten des Transponierens, Verfremdens und vielstimmigen Übereinanderschichtens nicht ausschließt.

Wie konnte dieser ungewöhnliche Kompositionsauftrag finanziert werden?

Jedenfalls nicht aus meiner privaten Tasche, wie auch fälschlicherweise behauptet. Auch nicht aus dem relativ kleinen Etat der Stiftung Weltethos. Es war die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) der Schweizerischen Eidgenossenschaft, die mit ihrer großzügigen Förderung dieses Musikprojekt möglich machte. Für die DEZA war dieses Projekt ein – durchaus außergewöhnlicher – Beitrag zur Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Kulturen. Die Anwesenheit der dafür zuständigen schweizerischen Außenministerin und Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, zusammen mit dem deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff, bei der Uraufführung hat dies zum Ausdruck gebracht.

Anmerkungen zur Musik

Was für eine Musik wünschten wir uns? Jedenfalls nicht nur gehobene musikalische Unterhaltung, nicht ein rein ästhetisches Vergnügen, kein amüsantes Musical. Aber auch keine Folklore und keine Verkitschung der Musiktraditionen anderer Kulturkreise. Vielmehr, wie im Werktitel klar angekündigt, eine den ethischen Texten angemessene Musik. Allerdings kein romantisierendes, sondern ein modernes Werk auf heutigem Niveau. Doch auch kein l’art pour l’art, keine bloß intellektuell konstruierte Musik. Vielmehr eine Musik, die Formenstrenge, Konstruktivität mit Emotionalität, Gefühl und Stimmung zu verbinden weiß. Im Magazin der Berliner Philharmoniker (September/Oktober 2011) habe ich den Weg beschrieben, wie ich zu den Philharmonikern, ihrer damaligen Intendantin Pamela Rosenberg und ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle und so zum britischen Komponisten Jonathan Harvey kam. Ich bin im nachhinein überglücklich über diese Wahl. Das Orchester und die beiden Chöre, und insbesondere auch der Sprecher Dale Duesing machten ihrem erstklassigen Ruf alle Ehre. 

Der Komponist, Jonathan Harvey, hat seine eigene Handschrift. Er wollte bei aller Interkulturalität des Werks keine chinesische, indische, arabische Musik schreiben oder sich mit simplen Zitaten bei diesen Kulturen bedienen. Er versteht sich durchaus als europäischer Komponist des 20./21. Jahrhunderts. An Arnold Schönberg geschult, hat er die elektronische Musik am Pariser IRCAM bei Pierre Boulez studiert, sich aber auch von der musikalischen Spiritualität Stockhausens und Messiaens beeinflussen lassen. So fand er seine eigene Tonsprache. Und er erkannte schon bei unserem ersten Gespräch in Zürich 2007 die Größe der Aufgabe: zugleich die multikulturelle Vielfalt und die weltethischen Konstanten in diesem Opus musikalisch zu gestalten.

Harvey kennt die Klangsprachen außereuropäischer Musik, wie er es in verschiedenen früheren Werken überzeugend gezeigt hat. Die Verschiedenheit der Kulturen wird in den einzelnen Sätzen sozusagen mit Farbakzenten und verschiedenen Instrumenten zum Ausdruck gebracht. Assoziationen werden hervorgerufen zum Beispiel durch die traditionell-chinesischen Klänge des Cymbalons, durch die scharf-schneidenden Mahnungen des Widderhorns (Schofar) für Mose am Berg Sinai, durch das Anklingen arabischer Akkordik.

Aber die Hauptbemühungen des Komponisten galten den ethischen Weisungen, sodass seine Komposition weniger eine emotionale als philosophisch-religiöse Musik bietet. Der Komponist bekennt selbst: »Die fordernde Natur des Textes zwang mich, direkt zu sein. Ich fühlte wenig Bedürfnis nach spielerischen Elementen … Die Verantwortung, die Hans Küngs Projekt abverlangt, ist Ehrfurcht gebietend. Die ethischen Texte waren für Harvey etwas völlig anderes, als er bisher in Musik umgesetzt hatte: Mehr als poetisch oder mystisch sind dies pragmatische, noble und ethische Texte; ihr Zweck ist mehr sozial als ästhetisch. Die musikalische Umsetzung der Weltethos-Problematik stellt eine gewaltige künstlerische Leistung dar.

Es war für mich und Dr. Schlensog, den Generalsekretär unserer Stiftung Weltethos, eine Erfahrung ganz besonderer Art, dass wir im Oktober 2011 in der Berliner Philharmonie die ganze intensive Probenwoche miterleben durften. Nach und nach machten wir uns dabei Gedanken über die Musik, die wir da zu hören bekommen würden und die sicher für die Hörer auch Ansprüche aufwerfen dürfte. Nun habe ich also Jonathan Harveys Musik sehr gut kennengelernt und kann sie in vier Gegensatzpaaren charakterisieren:

  1. Seine Musik ist keine harmlose, sondern eine herausfordernde Musik, die zu einer direkten Konfrontation mit dem Weltethos einlädt.
  2. Sie ist keine poetische, sondern eine dramatische Musik. Es geht in der Tat darum, dramatize the universal urgency (Harvey), eines Weltethos.
  3. Sie ist keine mystisch abgehobene, sondern eine realistische Musik; gerade die durchgängige Verwendung des riesigen Schlagzeugapparats erinnert immer wieder an die Widersprüche in unserer Wirklichkeit; die extremen Gegensätze zeigen sich bisweilen in gleichzeitig unterschiedlichen Tempo- und Rhythmuswelten, die einen zweiten Dirigenten (in Berlin der Chorleiter) erfordern.
  4. Sie ist trotzdem keine aggressiv-konfrontative, sondern eine letztlich versöhnende Musik: bei allen Unterschiedlichkeiten ist der durchgängige Cantus firmus die Menschlichkeit des Menschen. 

Ein Werk mit Widerhaken

Ich war mir bewusst, dass es sich bei WELTETHOS um ein Werk mit Widerhaken (Alois Koch) handelt: ethische Normen aus uralten Zeiten im Berlin des säkularen 21. Jahrhundert – und dazu noch in Musik! Eine hoffnungsvolle Perspektive trotz aller Gewalt, Ungerechtigkeit und Elend auf unserem Globus! Von daher kann man die Verschiedenheit der Reaktionen verstehen, wie sie sich in den Medien niedergeschlagen haben. Da gibt es von Seiten der Konzertteilnehmer zahlreiche Äußerungen der Zustimmung, der Begeisterung, ja der persönlichen Betroffenheit. Aber natürlich gibt es auch scharfe Ablehnung, vor allem aus jenem Teil des Abonnementpublikums, das der modernen Musik reserviert gegenübersteht. Und unter den Rezensenten gibt es solche, denen das Ganze nicht passt, aus welchen Gründen auch immer: vielleicht weil sie das Weltethos missverstehen, oder diese Art von Musik nicht schätzen, oder die Person des Ideengebers und Autors nicht mögen.

Doch auch wer sich über das Werk ärgert und sich negativ äußert, fühlt sich herausgefordert. Dies zeigt sich gerade in jenen Rezensionen, die schon in ihrem ersten Satz die Stoßrichtung erkennen lassen: statt Rezension gezielter Verriss; dafür erfreulicherweise nur zwei unerfreuliche Beispiele.

  • In Die Welt fiel ein forscher römisch-katholischer Journalist namens Lucas Wiegelmann, ausgebildet an einer kirchlichen Journalistenschule, mit seiner Eigenprofilierung selber in die mir im Titel zugedachte Eitelkeitsfalle. Seine sachlichen Fehler und sein eklatantes Unverständnis gegenüber dem Projekt Weltethos und dessen Humanitätsprinzip kulminierten in einer persönlichen Verunglimpfung des Autors (eine Richtigstellung wurde von der Welt« nicht veröffentlicht, dafür wurde Wiegelmanns Artikel auch noch über die Katholische Nachrichten-Agentur KNA weiterverbreitet).
  • In der linksliberalen Berliner Zeitung wiederum traktierte Peter Uehling ausgerechnet mich Schweizer Demokraten mit Hinweisen auf »ideologischen Musikmissbrauch deutscher Diktaturen und HJ- oder FDJ-Liedgut. Mit solchen Unterstellungen und einem völligen Unverständnis des Weltethos bereitet er seinem eigenen journalistischen Ethos ein Begräbnis erster Klasse (dies der Titel). So präsentiert etwa der Schlussteil des Werks das Christentum keineswegs als Krone aller Religionen, sondern es endet mit der Schichtung ethischer Schnittpunkte der sechs Religionen (so Georg-Friedrich Kühn in seiner sachlichen Besprechung in der Neuen Zürcher Zeitung).

Überhaupt ist mein Text nicht moralisierend, sondern schlicht feststellend, und wer solches als Moralkeule empfindet, muss wohl das Problem bei sich selber suchen. Dass die Hörer dieses Konzerts mit schlechtem Gewissen nach Hause gehen, ist bestimmt nicht die Absicht des Stücks. Dass man aber bestimmte Imperative der Menschlichkeit wieder einmal für sich selber und für die Gesellschaft überlegt, ist durchaus beabsichtigt. Dass Weltethos letztlich vor allem eine frohe Botschaft ist, kommt gerade im Tutti des Schlussteils zum Ausdruck.

Erfahrungen im Konzert

Natürlich gibt es bedenkenswerte Einwände gegen ein so kühnes musikalisches Unterfangen. Librettist wie Komponist müssen ernstnehmen, dass gerade bei einem hochkomplexen Werk wie diesem die Musik auf dem Papier anders aussieht als sie sich dann in der Realität anhört. Das Geheimnis der Musik eröffnet sich ja erst im Erklingen der Töne. Und erst nach dem Hören lassen sich sinnvoll kritische Rückfragen stellen.

Von seiner Erfahrung bei der Uraufführung berichtet mit großer Kompetenz Wolfgang Schreiber, jahrzehntelang Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung, Autor von Büchern über Mahler und Celibidache und einer umfassenden Darstellung der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts von Mahler bis Rattle. Anders als andere Rezensenten zeigt er nicht nur Verständnis für den Weltethos-Appell, sondern setzt sich auch ernsthaft mit der Musik Harveys und dem Libretto auseinander: Schlüsseltexte der Religionen – Chinesische Religion, Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam und Christentum – bilden das Gerüst der Komposition, lassen die Prinzipien des Weltethos begreifen. Wie kann das alles in musikalische Ordnung und Klangbewegung verwandelt werden, ohne platt affirmativ zu wirken, fragt man sich zu Beginn fast beklommen. Denn schon der Orchesterapparat, der bei der Uraufführung in der Berliner Philharmonie Stellung bezogen hat, gibt sich massiv: dreifach besetzte Holzbläser, vierfache Hörner, Trompeten, drei Posaunen mit Tuba, große Streichergruppe, zwei Harfen, Orgel, Celesta sowie sechs Perkussionisten, Dutzende Sänger. Aber noch beeindruckender, dass so viele Musiker den ›Weltethos‹-Appell nicht im erwartbar dickfülligen Klang ersticken müssen, sondern die Vision von der ewig darbenden, hoffenden, strebenden Menschheit im Klangaufbau differenzierter gestalten, als befürchtet.

Wolfgang Schreiber resümiert: Dass die Chorsymphonie durch ihre Idee und ihren Verlauf zum Weckruf an alle Menschen angefacht wird, menschlich und friedlich zu sein, wird immer dringlicher akzentuiert in den fünfundsiebzig Minuten der Aufführung.

Doch das Problem des Weltethos liegt dem Kritiker zufolge in seiner inhaltlichen Allgemeinheit: Wer soll wofür gewonnen werden? Nun gebe ich natürlich gerne zu, dass ich mit einer Komposition für einen Kirchentag die– von vornherein kirchlich gestimmten – Menschen konkreter, emotionaler hätte gewinnen können. Aber an solchen – zumeist recht populären – Kompositionen fehlt es ja wahrhaftig nicht. Ich aber wollte gerade ein weltanschaulich völlig gemischtes und zumeist ganz säkulares Publikum ansprechen und zwar mit der hochkünstlerischen Musik unseres Jahrhunderts. Und da häufen sich nun in der Tat die Begriffe des Appells aufgrund der Ähnlichkeit der ethischen Appelle aus den verschiedenen Traditionen; darin zeigt sich die große Übereinstimmung der Weltreligionen in ihrem ethischen Kernbestand.

Tritt deshalb die Botschaft beschwörend auf der Stelle, wie der Kritiker meint? Man braucht nicht die Erklärung zum Weltethos des Parlaments der Weltreligionen von Chicago 1993 zu lesen, welche den konkreten Gehalt der einzelnen ethischen Weisungen für die heutige Zeit bietet, um zu erkennen, dass das Libretto unserer Komposition systematisch voranschreitet: von der Forderung der Gewaltlosigkeit (Schutz des Lebens: nicht morden!) über die der Gerechtigkeit (Schutz des Eigentums: nicht stehlen!) und der Wahrhaftigkeit (Schutz der Wahrheit: nicht falsches Zeugnis geben!) bis zur (in ihrer konkreten Ausgestaltung freilich umstrittenen) Forderung der Partnerschaft von Mann und Frau (Schutz der geschlechtlichen Beziehungen: Sexualität nicht missbrauchen!). Die Komposition WELTETHOS will ja gerade keine kosmische Vision zum Ausdruck bringen wie Mahlers monströse ›Symphonie der Tausend‹, an die der Kritiker erinnert.

Natürlich hätte ich im Libretto die Ambivalenz von Musik und Religion deutlicher ausleuchten können und wohl auch sollen, wie es mir Wolfgang Schreiber unter Verweis auf meine eigenen Texte zu Mozart, Wagner und Bruckner nahelegt. Doch mein Thema hier ist ja nicht die Religion und ihre Ambivalenz, sondern die gemeinsame ethische Botschaft der großen Religionen zur Geltung zu bringen, eine Botschaft, die auf mehr Menschlichkeit zielt. Doch schon die einleitenden Rezitative bei jedem Satz zeigen die großen religiösen Identifikationsgestalten der Menschheit im Widerspruch zu ihrer Umwelt. Und der Komponist sorgt dafür, dass manche einfachen ethischen Aussagen mit sehr harter Musik konfrontiert werden, die auf eine Doppelbödigkeit des Menschlichen hinweist. So werden denn die vom Sprecher, Dale Duesing, ohne falsches Pathos höchst eindrücklich gesprochenen Eingangsrezitative immer wieder vom Schlagzeug begleitet.

Tatsächlich nimmt die Dramatik der Musik im Lauf der Komposition zu und erreicht, obwohl damit keine Bewertung der betreffenden Religion verbunden ist, im sechsten Satz eine musikalische Klimax. Eine Verstärkung dieser Dramatik von Anfang an könnte womöglich durch eine Kürzung der geflüsterten Chorpassagen im ersten und zweiten Satz erreicht werden. 

Auch eine Straffung des Sprechgesanges im Refrain des Jugendchors in den späteren Sätzen wäre vielleicht hilfreich, da dieses Ritornell nicht, wie erwartet, nach verschiedenen musikalischen Traditionen variiert wird. Eine Betonung der von mir selbstverständlich überall vorausgesetzten Ambivalenz ließ sich wohl auch auf dem interpretatorischen Weg erreichen. Die grundlegenden ethischen Affirmationen werden ja konterkariert durch Gegen-Sätze, die, vom Kinderchor in einem Presto unbetont gesungen, leicht überhört werden können. Gegen-Sätze zur Affirmation weisen auf die Ambivalenz des wahrhaft Menschlichen hin, das stets bedroht ist vom Allzu-Menschlichen, ja Unmenschlichen. Die Gegen-Sätze seien kurz herausgehoben:

  • zur Goldenen Regel: Kein Rassismus, Sexismus, Nationalismus;
  • zum Ethos der Gewaltlosigkeit: Nicht Hass und Neid, Gewalt und Kriminalität;
  • zum Ethos der Gerechtigkeit: Gegen Egoismus und Materialismus, für soziale Solidarität;
  • zum Ethos der Wahrhaftigkeit: Nicht lügen und Betrug, Heuchelei und Demagogie;
  • zum Ethos der Partnerschaft: Nicht Diskriminierung und Ausbeutung, nicht sexuellen Missbrauch.

Akzentuierte Kontrastierungen können verdeutlichen, dass das Ritornell der Kinder, der rote Faden der Humanität, die Sätze aus den einzelnen Religionen zusammenhält.

Damit bin ich am Ende meiner positiv-kritischen Rückschau auf das große Werk WELTETHOS angelangt. Nun wird es zunächst auf Englisch vom City of Birmingham Orchestra unter der Leitung von Edward Gardner am 21. Juni 2012 zur Eröffnung der Kulturolympiade aufgeführt. Die Stiftung Weltethos wäre glücklich, wenn die Partitur, hervorragend betreut von Faber Music in London, speziell von Sally Cavender, noch oft zum Leben erweckt würde – alles im Dienst an des Menschen Menschlichkeit.

Das Werk kann auch nach seiner Aufführung in Bild und Ton erlebt werden: gehen Sie dazu auf die Website der Berliner Philharmoniker in der DIGITAL CONCERT HALL.

ChorsymphonieWeltethos auf der Website der Berliner Philharmoniker

Komposition Weltethos: englische Erstaufführung

Am 21. Juni 2012 gelangte in Birmingham die Chorsymphonie Weltethos des britischen Komponisten Jonathan Harvey (1939-2012) zur Erstaufführung in englischer Sprache. Das komplexe 90minütige Werk mit Originaltexten aus sechs Weltkulturen und Texten von Hans Küng zu den Weltreligionen wurde vom City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) unter der Leitung von Edward Gardner sowie vom CBSO Chorus (Leitung Simon Halsey), den Kinder- und Jugendchören des CBSO und Samuel West als Sprecher mit Bravour gemeistert. (Siehe Link) Die Aufführung war gleichzeitig das Eröffnungskonzert des „London 2012 Festival”, eines umfangreichen Kulturprogramms in ganz Großbritannien zur Begleitung der Olympischen Spiele im Sommer 2012.

Am 7. Oktober 2012 fand eine weitere Aufführung von Weltethos durch das CBSO in der Royal Festival Hall in London statt.

Die Komposition hatte ihre Welturaufführung in deutscher Sprache am 13. Oktober 2011 in der Berliner Philharmonie durch die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle.

 

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