»Das Weltgewissen wachrütteln«
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Vom 26. bis 28. September 2002 sprachen im Fürstenzimmer auf Schloß Hohentübingen 27 hochkarätige Wissenschaftler über Möglichkeiten, bei der Gestaltung der Weltpolitik ethische Aspekte einzubeziehen.

Neben den wissenschaftlichen Bewertungen der Lage in den verschiedenen Regionen der Welt trugen in den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen die Erfahrungen aus der Praxis dazu bei, die Notwendigkeit eines neuen Paradigmas internationaler Beziehungen auf ethischer Grundlage aufzuzeigen.
 
Das Weltgewissen wachrütteln
25 Wissenschaftler debattieren über Ethik in der internationalen Politik
Tübingen (alb).
 

Der Kontrast war auch Hans Küng wohl bewusst. Im gediegenen Fürstenzimmer des Schlosses sann eine hochkarätige Wissenschaftlerrunde nach über ein konstruktives Miteinander in der Weltpolitik – während dort momentan eher Konfrontationskurs herrscht. Was die Küng’sche Entschlossenheit aber nicht minderte: »Umso wichtiger ist es, dass wir das diskutieren.«

Bis heute tagen sie noch in Tübingen, die rund 25 Wissenschaftler, fast alle im Professorenrang. Die Stiftung Weltethos, deren Präsident Hans Küng ist, hat sie hier versammelt. Friedensforscher wie der Frankfurter Ernst-Otto Czempiel, Politologen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Philosophen, Theologen. Eine interdisziplinäre Runde also, die besonders eines umtreibt: Lässt sich ein neues Modell internationaler Beziehungen finden? Und vor allem: ein entsprechendes ethisches Fundament dafür?

Einfach ist die Antwort angesichts der Kompliziertheit der Welt nicht, wie der Bremer Politologe Dieter Senghaas in seinem Einleitungsreferat erläuterte. Nicht nur, weil sich die unterschiedlichsten Gesellschaften gegenüberstehen, sondern weil sich alle Tendenzen von Traditionalisierung bis zur Innovation innerhalb der Gesellschaften reiben. Weshalb auch Senghaas wenig vom Huntington-Modell des »Kampfes der Kulturen« hält: »Es ist ein Kampf innerhalb der Zivilisationen wie zum Beispiel im Iran.«

»Brauchen wir da nicht«, fragte angesichts dieser widerstreitenden Interessen der Hamburger Politologe Rainer Tetzlaff, »ethische Spielregeln?« Selbstverständlich ist so eine Frage noch nicht. »Die Politikwissenschaftler und Soziologen haben ethische Fragen nicht in ihren Modellen«, sagte Thomas Bernauer vom Zürcher Institut für Internationale Beziehungen. »Die meisten trauen sich doch nur, Handlungsempfehlungen zu geben, wenn sie empirisch abgesichert sind.«
Ein Manko, das auch Hans Küng in seinem Ko-Referat sah: »Älter, stärker und konstanter als alle Imperien, Dynastien und Staaten haben nun einmal die großen Religionssysteme durch die Jahrhunderte die Kulturlandschaften dieses Globus modelliert.« Deshalb müsse die Realität der verschiedenen Weltreligionen »in den Weltdiskurs, wenn er denn wirklich ertragreich sein soll, unbedingt mit einbezogen werden: Die Religion hat auch für die internationale Wertedebatte Bedeutung und darf in einer empirisch-zuverlässigen Welt-Beschreibung nicht ausgeblendet werden.«

Auch das ist nicht einfach. Weil, so der Mainzer Politologe Manfred Mols, »Religion als Wertegenerator mehr und mehr ausfällt«. Und weil die Politik oft andere Konzepte hat. Vor dem nichtöffentlichen Teil der Tagung, in dem sich die Wissenschaftler eingehend mit den USA beschäftigten, machte Hans Küng schon sein Unbehagen am gegenwärtigen Kurs der Supermacht deutlich: »Durch die Bekämpfung des Klima-Abkommens von Kyoto, die Sabotage des Internationalen Strafgerichtshofs und die völkerrechtswidrige Erstschlags-Attitüde untergräbt die Bush-Administration eine Politik im Geist neuer Werte.«

Deshalb möchte Hans Küng ein »Welt-Gewissen« wachrütteln. Das ist nichts, was jetzt wieder an feste Regeln gebunden werden soll. Eher schon an bestimmte elementare Normen der Humanität. Welche – auch darüber nachzudenken ist eine Aufgabe des dreitägigen Wissenschaftlertreffens. Mit der Goldenen Regel (»Alles, was ihr wollt, das die Leute euch tun, tut auch ihnen«), merkte der Tübinger Philosoph Helmut Fahrenbach jedenfalls an, »kommen Sie nicht weit«. Anmerkung Küng: »Ich bin schon froh, wenn sie mir gegenüber angewendet wird.«

Schwäbisches Tagblatt, 28. 09. 2002
 

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