Der
Kontrast war auch Hans Küng wohl bewusst. Im gediegenen Fürstenzimmer
des Schlosses sann eine hochkarätige Wissenschaftlerrunde nach über
ein konstruktives Miteinander in der Weltpolitik – während
dort momentan eher Konfrontationskurs herrscht. Was die Küng’sche
Entschlossenheit aber nicht minderte: »Umso wichtiger ist es,
dass wir das diskutieren.«
Bis heute tagen sie noch in Tübingen, die rund 25 Wissenschaftler,
fast alle im Professorenrang. Die Stiftung Weltethos, deren Präsident
Hans Küng ist, hat sie hier versammelt. Friedensforscher wie der
Frankfurter Ernst-Otto Czempiel, Politologen, Kulturwissenschaftler,
Soziologen, Philosophen, Theologen. Eine interdisziplinäre Runde
also, die besonders eines umtreibt: Lässt sich ein neues Modell
internationaler Beziehungen finden? Und vor allem: ein entsprechendes
ethisches Fundament dafür?
Einfach ist die Antwort angesichts der Kompliziertheit der Welt nicht,
wie der Bremer Politologe Dieter Senghaas in seinem Einleitungsreferat
erläuterte. Nicht nur, weil sich die unterschiedlichsten Gesellschaften
gegenüberstehen, sondern weil sich alle Tendenzen von Traditionalisierung
bis zur Innovation innerhalb der Gesellschaften reiben. Weshalb auch
Senghaas wenig vom Huntington-Modell des »Kampfes der Kulturen« hält: »Es
ist ein Kampf innerhalb der Zivilisationen wie zum Beispiel im Iran.«
»Brauchen wir da nicht«, fragte angesichts dieser widerstreitenden
Interessen der Hamburger Politologe Rainer Tetzlaff, »ethische
Spielregeln?« Selbstverständlich ist so eine Frage noch
nicht. »Die Politikwissenschaftler und Soziologen haben ethische
Fragen nicht in ihren Modellen«, sagte Thomas Bernauer vom Zürcher
Institut für Internationale Beziehungen. »Die meisten trauen
sich doch nur, Handlungsempfehlungen zu geben, wenn sie empirisch abgesichert
sind.«
Ein Manko, das auch Hans Küng in seinem Ko-Referat sah: »Älter,
stärker und konstanter als alle Imperien, Dynastien und Staaten
haben nun einmal die großen Religionssysteme durch die Jahrhunderte
die Kulturlandschaften dieses Globus modelliert.« Deshalb müsse
die Realität der verschiedenen Weltreligionen »in den Weltdiskurs,
wenn er denn wirklich ertragreich sein soll, unbedingt mit einbezogen
werden: Die Religion hat auch für die internationale Wertedebatte
Bedeutung und darf in einer empirisch-zuverlässigen Welt-Beschreibung
nicht ausgeblendet werden.«
Auch das ist nicht einfach. Weil, so der Mainzer Politologe Manfred
Mols, »Religion als Wertegenerator mehr und mehr ausfällt«.
Und weil die Politik oft andere Konzepte hat. Vor dem nichtöffentlichen
Teil der Tagung, in dem sich die Wissenschaftler eingehend mit den
USA beschäftigten, machte Hans Küng schon sein Unbehagen
am gegenwärtigen Kurs der Supermacht deutlich: »Durch die
Bekämpfung des Klima-Abkommens von Kyoto, die Sabotage des Internationalen
Strafgerichtshofs und die völkerrechtswidrige Erstschlags-Attitüde
untergräbt die Bush-Administration eine Politik im Geist neuer
Werte.«
Deshalb möchte Hans Küng ein »Welt-Gewissen« wachrütteln.
Das ist nichts, was jetzt wieder an feste Regeln gebunden werden soll.
Eher schon an bestimmte elementare Normen der Humanität. Welche – auch
darüber nachzudenken ist eine Aufgabe des dreitägigen Wissenschaftlertreffens.
Mit der Goldenen Regel (»Alles, was ihr wollt, das die Leute
euch tun, tut auch ihnen«), merkte der Tübinger Philosoph
Helmut Fahrenbach jedenfalls an, »kommen Sie nicht weit«.
Anmerkung Küng: »Ich bin schon froh, wenn sie mir gegenüber
angewendet wird.«
Schwäbisches Tagblatt, 28. 09. 2002
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