Hans Küng
»Frieden – verflogene Illusionen, unerschütterliche
Hoffnungen«
Madame la Conseillère fédérale,
sehr verehrte Außenministerin Micheline Calmy-Rey,
lieber Herr Intendant Pleitgen, Frau Oberbürgermeisterin, Herr
Vorstandsvorsitzender Wüerst,
meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde des Kopelew-Forums.
Dieser Lew Kopelew-Preis ist für mich eine ganz und gar außerordentliche
Ehrung und Ermutigung, für die ich dem Lew Kopelew-Forum und
seinem Auswahlkomitee von Herzen danke. Ich bin hocherfreut, daß eine
solche Auszeichnung für mich sogar im Schatten des Kölner
Doms möglich ist. Aber noch größer ist meine Freude,
daß sie mir nicht für meine Kirchen- und Papstkritik verliehen
wird, sondern in Anerkennung meines Einsatzes für Frieden und
Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Und ich bin
froh über alles, wie Fritz Pleitgen in seiner Einleitung sagte,
was Papst Benedikt auf seiner Türkeireise gelungen ist. Aber
der grundsätzlichen Bejahung des Dialogs müßten nun
Konsequenzen folgen, im interreligiösen und im innerchristlichen
Dialog.
Mein ganz besonderer Dank gilt natürlich der Laudatorin, meiner
verehrten Außenministerin Micheline Calmy-Rey. Sie können
sich denken, meine Damen und Herren, daß ich als Schweizer Staatsbürger
mächtig stolz und voll des Dankes bin, daß unsere Außenministerin,
eine Persönlichkeit von Format, die Reise von Bern nach Köln
auf sich genommen hat, um hier in Köln ihren Landsmann zu ehren,
und dies wenige Tage bevor sie am 13. Dezember in Bern von der Vereinigten
Bundesversammlung zur Bundespräsidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft
für das Jahr 2007 gewählt werden wird. Du fond de mon cœur,
Madame la Conseillère fédérale, mon très
sincère merci.
Wir haben alle gehört, meine Damen und Herren, welches die tief
empfundenen politischen, sozialen und ethischen Überzeugungen
der Ministerin sind und können von daher verstehen, daß sie
in einer alten und sehr föderalen Demokratie, wo man ebenso gern über »Bern« lästert
wie im Rheinland über »Berlin«, von Kritik nicht immer
verschont bleibt. Nach ihrem unerschrockenen Eintreten für den
in Widerspruch zu Völkerrecht und Genfer Konventionen angegriffenen
Libanon sagte sie lächelnd, es gebe in der Schweiz Kritiker, die
meinten, die Außenministerin sollte am besten in allen vier Landessprachen
- schweigen. Hier und heute hat sie glücklicherweise geredet,
und zwar deutsch und deutlich.
Ja, Micheline Calmy-Rey hat Recht, wenn sie eine Linie zieht von Henri
Dunant, dem Begründer des Roten Kreuzes, zu Lew Kopelew, der sich
als Sowjetoffizier heroisch für die deutsche Zivilbevölkerung
in Ostpreußen und vor allem für die vielen mißbrauchten
Frauen einsetzte; der sich in einer langen Leidensgeschichte vom gläubigen
Kommunisten zum überzeugten Humanisten und Weltbürger wandelte;
der sich im deutschen Exil hier in Köln als Literaturwissenschaftler,
Historiker und Schriftsteller mit moralischer Kraft und einem imponierenden
wissenschaftlichen Œuvre für die Versöhnung zwischen
Deutschen und Russen einsetzte. Gestalten wie er bedeuten für
uns alle eine Ermutigung in Zeiten enttäuschter Hoffnungen, wo
manche Mächtige wieder einmal meinen, vor allem mit Militärgewalt
Probleme der Weltpolitik lösen zu können.
Sie werden verstehen, meine Damen und Herren, daß ich unter
dem Eindruck dieser Ehrung das Wort jetzt noch mehr schätze, das
Lew Kopelew über sein Buch »Gedanken über Dichter« setzte,
das er mir am 22. September 1988 anläßlich meines Besuchs
in Köln mit der Widmung »In Verehrung und herzlicher Verbundenheit« schenkte: »Der
Wind weht, wo er will«.
Was für große Hoffnungen hatten wir doch allesamt 1989/90,
als der ausgebürgerte Lew Kopelew aufgrund der Perestroika als
freier Mann seine alte russische Heimat besuchen durfte und ich mein
Buch »Projekt Weltethos« schrieb. Gewiß: manche dieser
Hoffnungen wurden durchaus erfüllt. Am wichtigsten: der Eiserne
Vorhang quer durch Europa fiel, Deutschland wurde geeint. Und nach
dem Ersten Golfkrieg verkündete US-Präsident Bush Senior
zur Begeisterung vieler »a New World Order«. Aber er tat
im Nahen Osten kaum etwas zur Verwirklichung dieser neuen Weltordnung.
Und noch schlimmer: Sein Sohn, unter dem Einfluß neokonservativer
Ideologen, meinte nach dem verheerenden 11. September 2001, statt ein
verbrecherisches Netzwerk effizient zu bekämpfen, einen »Krieg« ankündigen,
Afghanistan bombardieren und besetzen, ja sogar, der Klugheit seines
Vaters trotzend, nach Bagdad marschieren zu müssen.
Die Folge: »A New World Order« ins Gegenteil verkehrt: »A
New World Disorder«, eine neue Welt-Unordnung! Statt einer Politik
regionaler Verständigung, Annäherung und Versöhnung,
wie unter amerikanischer Führung nach dem Zweiten Weltkrieg in
Europa und im ganzen OECD-Raum durchgesetzt, wieder eine rücksichtslose,
neo-imperiale Interessen-, Macht- und Prestigepolitik. Diesmal leider
ebenfalls unter amerikanischer Führung, die das die amerikanische
Verfassung tragende Ethos verdrängt zu haben scheint. Statt einer
neuen Weltordnung der wechselseitigen Kooperation, Kompromisse und
Integration, statt des neuen Paradigmas friedlicher internationaler
Beziehungen, das zwar Partner, Konkurrenten, Opponenten, aber keine
Feinde kennt, jetzt erneut jenes alte Paradigma der militärischen
Konfrontation, Aggression und Revanche: »Wer nicht für uns
ist, ist gegen uns!« Statt einer ethisch fundierten Politik der
Menschenrechte, eine Völkerrecht und Genfer Konventionen mißachtende
Machtpolitik unter dem Vorwand der Durchsetzung von Demokratie und
Menschenrechten.
Aber jetzt - ich bin nicht Pessimist - die erfreuliche Entwicklung:
Spätestens seit den von Bush verlorenen US-Kongreßwahlen
vom 8. November 2006 und der längst überfälligen Verabschiedung
eines kriegslüsternen, inkompetenten Verteidigungsministers dämmert
es auch der Mehrheit der Amerikaner, daß sie von einem arroganten,
sich »christlich« präsentierenden Präsidenten
und von neokonservativen Ideologen, von einem passiven Kongreß und
willigen Massenmedien irregeführt wurden. Und ähnlich wie
in den 1950er Jahren nach vier Jahren der McCarthy-Hysterie und Kommunistenjagd,
wachen jetzt immer mehr Amerikaner auf aus einer Kriegs-, Antiterror-
und Sicherheitshysterie und merken, daß unter dieser Präsidentschaft
vieles schief gelaufen ist.
Wäre Lew Kopelew noch unter uns, so würde er sicher bestätigen:
Zum Frieden führen nicht Angriffskriege, unmenschliche Behandlung
von Kriegsgefangenen und Zivilpersonen und massive Verletzung der Menschenrechte.
Zum Frieden führen auch nicht undemokratische Einschränkungen
der Bürgerrechte im eigenen Land, imperiale Präsidentschaft
und willkürliche Auslegung von Gesetzen und Gerichtsentscheiden.
Dies alles führte vielmehr zu einem höchst bedauerlichen,
noch nie dagewesenen Verlust an moralischer Glaubwürdigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika selbst bei Alliierten und Freunden.
So sind denn in allerneuester Zeit - und dies ist positiv zu bewerten
- viele Illusionen verflogen, Illusionen, die selbstverständlich
auch viele Amerikaner von Anfang an durchschaut hatten. Wenn nicht
alles täuscht, stehen wir heute vor einem Kurswechsel im Irak
und vermutlich der gesamten Außenpolitik gegenüber Gegnern
und Alliierten. Die Ergebnisse der vom Präsidenten berufenen Irak-Kommission
dürften nur die ersten Schritte andeuten. Jedenfalls besteht Hoffnung,
daß die dogmatische Ideologie von der »Achse des Bösen« aufgegeben
wird. Hoffnung besteht, daß die USA mit ihren Gegnern im Nahen
Osten, besonders Syrien und Iran, statt einer Konfrontation mit verheerenden
Folgen den direkten Dialog suchen und zusammen mit UN, EU und Rußland
auch den viel zu lange vernachlässigten israelisch-arabischen
Friedensdiskurs vorantreiben. Damit wäre den islamistischen Terroristen
ihr Hauptargument für ihren gewaltsamen Jihad gegenüber dem
Westen genommen und der Einfluß der Extremisten im ganzen Nahen
Osten geschwächt. So würde die Sicherheit Israels, die militärisch
und mit einer Mauer nicht zu garantieren ist, politisch-wirtschaftlich
gestärkt, was freilich auch von Israel um des Friedens willen
erhebliche Konzessionen zugunsten der unterdrückten Palästinenser
erfordert.
Solches Handeln entspräche den Grundsätzen jenes amerikanischen
Präsidenten, den ich am Ende meiner ersten amerikanischen Vorlesungsreise
1963 persönlich im Weißen Haus begrüßen durfte.
Er erwies sich als Vertreter des neuen Paradigmas, als er angesichts
der realen (und nicht nur erlogenen) Raketengefahr auf Kuba nicht zum
Krieg rief, sondern den Abzug der Raketen erzwang und Verhandlungen
forderte: John F. Kennedy. In seiner Inaugurationsrede sagte er die
noch heute mit dem Blick auf Syrien und Iran, Hamas und Hizbollah zu
bedenkenden Worte:
»Let us never negotiate out of fear,
But let us never fear to negotiate.
Laßt uns nie aus Angst verhandeln,
aber laßt uns auch nie Angst haben zu verhandeln.«
So sind denn in neuester Zeit nicht wenige gefährliche politische
Illusionen von militärischer Allmacht und unilateraler Ergreifung
der Weltherrschaft verflogen. Ja, es haben sich trotz allen Rückfalls
in das alte überholte Paradigma Hoffnungen auf eine neue bessere
Weltordnung als unerschütterlich erwiesen. Von Lew Kopelew sagt
sein langjähriger Freund und Kampfgefährte, Prof. Jakov Drabkin,
daß er trotz seiner tragischen Lagererfahrungen sich stets treu
blieb und bis zum letzten Atemzug im Glauben an eine bessere Zukunft
lebte. Dieser große Humanist, Weltbürger und Versöhner
hat zwei Jahre vor seinem Tod in einer breiten welthistorischen und
weltpolitischen Schau die Weltethos-Erklärung des Parlaments der
Weltreligionen von 1993 bejaht und ein Weltethos als lebensnotwendig
bezeichnet. Er würde uns heute sicher zurufen:
Meine Freunde, gebt dem Frieden eine neue Chance! Stoppt den Machiavellismus
in der Politik, der Verrat, Fälschungen, Vergiftungen, Folterungen,
Kriege erlaubt. Stärkt vielmehr die Demokratie, die Menschenrechte
und deren unabdingbare ethische Grundlagen! Konkret:
Die Regierenden in Deutschland, Europa, Rußland und USA mögen
ihre Völker in Afghanistan und im Nahen Osten nicht tiefer in
die Kriege hinein-, sondern möglichst rasch aus ihnen herausführen.
Unsere Soldaten sollen nicht das Töten lernen, sondern lernen
zu vermitteln und Vertrauen zu bilden; nicht mehr Truppen und noch
mehr Tote, sondern ein gemeinsames Befriedungskonzept für den
zivilen Aufbau, wie von allen Entwicklungsorganisationen gefordert.
Die Regierenden in aller Welt mögen, statt die Spirale der Gewalt
hochzuschrauben, sich klug um De-Eskalation bemühen.
USA und EU mögen, statt noch mehr Milliarden für militärische
und polizeiliche Zwecke auszugeben, mehr Mittel für die Verbesserung
der sozialen Lage der Massen im Nahen Osten und der Globalisierungsverlierer
auf allen Kontinenten aufwenden.
Aber auch die Staaten des Nahen Ostens mögen, statt Symptombekämpfung,
Therapie an den sozialen und politischen Wurzeln des Terrors üben,
damit alle, die heute in täglicher Angst vor Terrorismus sind,
bald wieder ein friedliches, menschenwürdiges Leben führen
können.
Und schließlich soll auch in unseren Ländern die Friedenserziehung
verstärkt und die Gewalt in Schulen bekämpft werden, und
zwar nicht nur durch Verbote und Strafen, neue Gesetze und mehr Polizei,
sondern durch die Entwicklung einer friedensfördernden Schulkultur.
Eine Schulkultur aber bedarf eines grundlegenden Schul-Ethos, bedarf
neuer Bewußtmachung einiger elementarer moralischer Standards,
die in allen Kulturen seit eh und je zu finden sind.
Gestatten Sie mir als Theologen und Christenmenschen, an diesem 1.
Advent noch einmal das Wort zu zitieren, das Lew Kopelew über
sein Buch »Gedanken über Dichter« setzte: »Der
Wind weht, wo er will«. Dieser Titel stammt aus dem Johannes-Evangelium
Kap. 3, und Kopelew hat den ganzen Vers 8 als Motto auf das Titelblatt
gesetzt: »Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen
wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.
Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.«
Meine Damen und Herren, mehr aus dem Geist geborene Männer und
Frauen wie Lew Kopelew könnte unsere friedlose und oft auch geistlose
Zeit gebrauchen. Mir aber bleibt nun zum Schluß nur nochmals
von Herzen zu danken für die mir zugekommene Ehrung und Ermutigung:
dem Kopelew-Forum und seinem Präsidenten Fritz Pleitgen, der Laudatorin
Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, unserer Gastgeberin hier, der
Kreissparkasse Köln in der Person des Vorstandsvorsitzenden Alexander
Wüerst, und schließlich Ihnen allen, die Sie so erfreulich
zahlreich zu diesem Festanlaß gekommen sind. Meinen Dank, meinen
herzlichen Dank!
© Hans Küng
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