I.
Nur einen guten Monat nach dem Sturm auf die Bastille – am 26. August 1789 – verabschiedete
die französische National-versammlung die Erklärung der Allgemeinen
Menschen- und Bürgerrechte. Diese Erklärung wurde zum Bezugspunkt für
viele Freiheitsbewegungen seitdem und für das Verlangen nach Durchsetzung
der Menschenrechte in aller Welt. Sie wurde ein Hoffnungssignal – weit über
Frankreich und Europa hinaus.
Bald aber stellte sich derselben Nationalversammlung die Frage, ob diese Rechte
tatsächlich für alle Menschen gelten sollen, also auch für die
schwarzen Sklaven und die sogenannten Mischlinge in den französischen Überseekolonien.
Ein Ende der Sklaverei hätte wohl ein Ende der Pflanzungen bedeutet – und
wirtschaftliche Interessen auch von Mitgliedern der Nationalversammlung betroffen.
Mit verschämten Formulierungen erlaubte es die Versammlung dann, dass in
den Kolonien letztendlich alles so bleiben konnte, wie es war. Sie handelte also
praktisch gegen die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, die sie selber
gerade erst formuliert hatte.
Moralische Inkonsequenzen und Doppelstandards machen uns noch heute zu schaffen.
Auf der einen Seite gibt es die allgemeine moralische Überzeugung, dass
alle Menschen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben, auf Freiheit und
Selbstbestimmung haben. Auf der anderen Seite lassen wir uns oft von politischen
und auch ökonomischen Interessen daran hindern, dieses Ideal zu verwirklichen
oder ihm wenigstens näher zu kommen.
Gerade wir in den westlichen Demokratien ziehen uns oft den Vorwurf der Heuchelei
zu – und manchmal sicher zu Recht. Zwar tragen wir gern die Banner von
Freiheit und Demokratie vor uns her, handeln aber tatsächlich oft nur im
Sinne der eigenen Interessen-wahrung.
Ein ganz anderer Vorwurf wird oft in anderen Kulturkreisen vorgebracht. Man sagt
dort manchmal, die Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte seien in dieser
Form ihren Kulturen fremd. Es gibt in diesem Zusammenhang den Vorwurf des »Kultur«-
oder gar »Menschenrechtsimperialismus«. Da ist von »westlichen
Werten« die Rede, womit deren universale Gültigkeit bestritten werden
soll.
Für mich steht fest: Keine Kultur hat Grund zur Arroganz und zu Hochmut.
Alle müssen Respekt haben vor jeweils anderen Kulturen, vor der Würde
des anderen in seiner Verschiedenheit. Der Respekt vor einer anderen Kultur darf
aber keine pseudo-kulturelle Bemäntelung von Unterdrückung, Diktatur
und Armut hinnehmen.
Manche geben sogar den Rat, dass man sich überhaupt nicht mehr in die Angelegenheiten
anderer einmischen solle. Alle Länder und Kulturen müssten auf ihre
Weise mit den Herausforderungen von Armut und Ungerechtigkeit fertig werden.
Jede noch so gutgemeinte Hilfe bringe meist noch größeres Chaos, noch
größere Ungerechtigkeit, vertiefe die Gräben in der Welt. Kurz:
Jeder müsse selber sehen, wo er bleibt.
Eine solche Haltung ist nach meiner Auffassung nicht nur moralisch fragwürdig,
ich halte sie auch politisch für fatal. Wir können einander in unserer
vernetzten Welt nicht aus dem Weg gehen, und wir können vor dem Schicksal
der anderen nicht die Augen verschließen.
Es gibt, wie ich finde, eine moralische Verpflichtung, sich vor allem um die
zu kümmern, denen es schlechter geht. Das ist ein moralisches Gebot, das
noch über das sogenannte aufgeklärte Eigeninteresse hinausgeht. Über
den ethischen Impuls, der über das eigene Interesse hinausgeht, möchte
ich sprechen.
Ich danke Ihnen, Herr Professor Küng, und der Stiftung Weltethos, dass ich
dazu hier und heute die Gelegenheit habe. Sie, Herr Küng, haben sich in
den letzten Jahrzehnten sehr verdient gemacht um den Dialog zwischen den Religionen
und den Kulturen. Wir erleben derzeit schmerzlich, wie wichtig dieser Dialog
ist, um Frieden in der Welt zu sichern.
Ich glaube allerdings auch, dass wir uns – gerade im inter-kulturellen
Dialog – zuallererst über unsere eigenen Grundlagen, über unsere
eigenen Wurzeln klar werden müssen. Wenn wir einen Dialog führen, dann
wollen wir ganz gewiss zuhören, aber wir müssen auch selber etwas zu
sagen haben. Also müssen wir wissen, wer wir sind und woher wir kommen.
II.
Was gehen uns die anderen an? Das ist eine zentrale ethische Frage. Mit den »anderen« sind
diejenigen gemeint, die nicht auf den ersten Blick zu uns gehören, die nicht
Mitglieder unserer Familie, unseres Freundeskreises sind, mit denen uns wenig
verbindet und die uns fremd sind.
Wie kommen wir eigentlich dazu, uns um diese Fremden zu kümmern? Wie kommt
es, dass wir einen ethischen Impuls zu helfen empfinden, auch bei Menschen, die
wir gar nicht kennen, von deren Leben wir nichts wissen, außer dass sie
in Not sind und Hilfe brauchen?
Das alles ist – historisch gesehen – nicht selbstverständlich.
Selbst die hochentwickelten antiken Kulturen Griechenlands oder des Römischen
Reiches kannten zwar ein Bedauern über ein böses Schicksal, aber keine
Pflicht zur Fürsorge für Arme und Notleidende.
Mit dem Eintritt des Christentums in die antike Welt bekam die moralische Pflicht
zur Hilfe und Fürsorge für den anderen eine Dringlichkeit, die es vorher
und anderswo so nicht gegeben hatte. Das Gebot der Nächstenliebe wurde direkt
mit dem Verhältnis zu Gott verknüpft. Und der Nächste, das war
potentiell jeder andere, gerade der Ärmste. Wie es im Neuen Testament heißt: »Was
ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.«
Tatsächlich haben die ersten Christen etwas in die Praxis umgesetzt, was
auch einige antike Philosophen bereits gefordert hatten. Darum konnte das Christentum
eine so gesellschaftsprägende Kraft werden. Die tägliche Praxis der
ersten Christen, sich um die Armen und Kranken, die Witwen und Waisen zu kümmern,
war die sichtbare Seite eines neuen Verhältnisses zum anderen, der einen
angeht. Hier zeigte sich eine historisch neue Solidarität, die sich auch
dem Fremden nicht verschloss. Diese gelebte Solidarität und der Geist, aus
dem sie stammt, haben Europa tief geprägt, zivilisiert und mit zu dem gemacht,
was es ist.
Natürlich hat es lange gedauert, bis ein solcher Zivilisierungs- und Humanisierungsprozess
die Gesellschaften bis in die einzelnen Mentalitäten hinein wirklich durchdrungen
hat. Natürlich hat es von Zeit zu Zeit auch schon so etwas wie einen »Kampf
der Kulturen«
gegeben. Zum Beispiel als die christliche Botschaft der Nächstenliebe,
die auch dem Fremden gilt, auf die germanische Kultur der Fehde und
der Rache traf.
Das Beispiel zeigt: Nicht jeder Aspekt einer Kultur verdient Respekt. Wir finden
es heute selbstverständlich, dass bei uns die Tradition der Sippenhaft und
Blutrache verschwunden ist. Und wir können froh darüber sein. Genauso
werden sich sicher auch die Mädchen und Frauen in Afrika freuen, wenn die
kulturelle Tradition der Beschneidung keinen Respekt mehr findet, sondern endlich
abgeschafft wird.
Der langsame Prozess der Zivilisierung ging nicht ohne fürchterliche Rückfälle
in Gewalt und Grausamkeit ab, gerade auch im Namen des Christentums. Aber das
Gebot der Nächstenliebe, die den Fremden einschließt und besonders
den Ärmsten im Blick hat, das ist nicht mehr verschwunden: Es bleibt das
Gewissen Europas.
Wenn wir heute »unterlassene Hilfeleistung« als einen Straftatbestand
kennen, dann ist auch das noch eine ferne Folge des Gleichnisses vom barmherzigen
Samariter. Diese praktische Nächstenliebe, die nicht danach fragt, wie nah
mir der andere steht, gehört zum festen Wertebestand Europas, trotz aller
Verbrechen, die gegen dieses Gebot verübt worden sind.
Es kommt nicht von ungefähr, und es hat unsere Mentalität tief geprägt,
dass wir von Kindesbeinen an mit solchen Figuren vertraut sind wie Sankt Martin,
der den Mantel mit dem Bettler teilt, oder dem Heiligen Nikolaus, der den Armen
bringt, was sie brauchen. Dass uns der Fremde, der Arme, der Hungernde etwas
angeht, das gehört zur Seele Europas, das ist europäische Tradition.
Noch einmal: All das hat Europa – und Deutschland zumal –
nicht davon abgehalten, immer wieder in grausame Barbarei und Unmenschlichkeit
zurückzufallen, im Dreißigjährigen Krieg sogar aus
konfessionellen Motiven. Es hat uns in Europa nicht davor bewahrt,
andere Völker zu bekriegen und zu unterwerfen. Und in zwei Weltkriegen
hat sich Europa beinahe selbst ausgelöscht. Gerade wir Deutschen
tragen aufgrund unserer Geschichte Verantwortung dafür, dass sich
so etwas nie wiederholt.
Immer wieder aber hat Europa einzelne oder Gruppen hervorgebracht, die die Unterdrückung,
die Gewaltherrschaft, den Krieg kritisiert und der Unmenschlichkeit Widerstand
entgegengesetzt haben. Sie haben unser Gewissen immer wieder aufgerüttelt
und uns an das kostbare Erbe erinnert, aus dem die Zivilität Europas gewachsen
ist. Ob der aus Umbrien stammende Franz von Assisi, der Elsässer Albert
Schweitzer, die Albanierin Mutter Theresa oder der Breslauer Dietrich Bonhoeffer:
Immer wieder hat sich Europa selbst daran erinnert, wo seine guten Wurzeln liegen.
Wird dieser ethische Impuls lebendig bleiben? Werden wir das auch weiterhin einbringen
können in den Dialog der Kulturen? Werden wir glaubwürdig bleiben in
den Augen der Welt?
Ich habe manchmal den Eindruck, als sei Europa müde geworden, als sei es
dabei, seine Identität zu verlieren, seine Wurzeln selber nicht mehr zu
kennen. Zu diesen Wurzeln gehören ganz sicher die Aufklärung, die Menschenrechte,
die verschiedenen Emanzipationsbewegungen. Aber eben auch das Christentum und
die christliche Ethik.
III.
Immer mehr Menschen kommen zu uns, die aus anderen Wurzeln leben und eine andere
kulturelle Herkunft haben. Das Zusammenleben ist nicht leicht und kann zu Auseinandersetzungen
führen.
Aus den Erfahrungen, die wir mit kulturellen und konfessionellen Konflikten in
unserer Geschichte gemacht haben, müssen wir darauf bestehen, dass unter
uns zivilisatorische Standards unbedingt eingehalten werden, wie sie zum Beispiel
unser Grundgesetz formu-liert. Ohne gemeinsame Basis ist kein Zusammenleben möglich.
Keine Gruppe darf aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, keine aber darf
sich auch selber ausschließen.
Toleranz ist deshalb nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, auch nicht
mit Ignoranz. Toleranz fordert meinen Respekt vor dem Anderssein des anderen,
aber sie fordert auch den Respekt des anderen vor meiner Haltung und Lebensweise.
Nur so wird sich Toleranz letzten Endes nicht als Schwäche, sondern als
zivilisatorische Stärke erweisen.
Unsere Erfahrung zeigt: Nur im zivilisierten Umgang miteinander können Geltungs-
und Wahrheitsansprüche so gelebt werden, dass sie nicht auf Kosten anderer
durchgesetzt werden. Das gehört zu den kostbaren,
überlebenswichtigen Erfahrungen Europas.
IV.
In fünf Tagen fahre ich zum ersten Mal als Bundespräsident nach Afrika.
Was ich schon in meiner Antrittsrede gesagt habe, das sage ich hier noch einmal:
Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas.
Und ich betone noch einmal, dass es eine Frage der Selbstachtung Europas ist,
gerade mit Blick auf unsere eigenen Fundamente und Werte, dass wir uns in Afrika
ehrlich und großzügig engagieren.
Ich möchte mit meiner Reise vor allem auch hier in Deutschland das Bewusstsein
dafür stärken, dass uns Afrika angeht. Wenn wir »Afrika« hören – denken
wir dann nicht vor allem an den Kontinent der Katastrophen? An den Kontinent
der Hungersnöte, der zusammen-brechenden oder nicht funktionierenden Staaten,
der Bürgerkriege, der Kindersoldaten, an den Kontinent, der an der Entwicklungshilfe
hängt wie am Tropf und doch nie gesund zu werden scheint?
Keine Frage: In Afrika gibt es große Probleme und tiefe Not. Aber das ist
nur die halbe Wahrheit. Ich habe – in allem Elend und aller Not – auch
Lebensfreude, Mut und Stolz erfahren, gegen die manche Haltungen in Europa beschämend
kleinmütig erscheinen. Ich habe so viele Projekte und Initiativen gesehen,
in denen Afrikaner Kreativität beweisen, die ihresgleichen sucht.
Vor allem die vielen Initiativen, die von Frauen ausgehen, haben mich beeindruckt.
Immer wieder gelingt etwas Hoffnungsvolles und Zukunftsweisendes
– auch ohne oder mit wenig fremder Hilfe. Ich werde zum Beispiel
eine Frauenkooperative in Äthiopien besuchen; dort haben von Lepra
geheilte Frauen mit ganzen 3.000 Euro Startkapital ein Landwirtschaftsprojekt
ins Leben gerufen, das Arbeit schafft und Menschen Hoffnung gibt.
Wir müssen endlich begreifen, dass wir in einer Welt leben! Nicht in einer
ersten, zweiten oder dritten Welt. Das liegt auch in unserem eigenen Interesse:
Denn wir in den sogenannten entwickelten Ländern werden weder unseren Wohlstand
noch unsere Sicherheit noch unseren Frieden erhalten, wenn wir uns nicht als
Partner der Armen begreifen. Afrika, dieser oft geradezu vergessene Kontinent,
muss seinen gerechten Platz in dieser einen Welt finden – als Partner unter
Partnern.
V.
Wenn wir jemanden als Partner ernstnehmen, dann empfängt er nicht nur, sondern
er hat auch selber etwas zu geben. Bei Afrika denke ich in diesem Zusammenhang
nicht zuerst an Bodenschätze und auch nicht an landwirtschaftliche Produkte
- ich denke an Afrika als die Wiege menschlicher Kultur und Geschichte, als den
Kontinent, wo der Mensch lernte, aufrecht zu gehen!
Ich denke an die wunderbare afrikanische Musik, deren Rhythmus letztlich der
ganzen modernen Musik, dem Jazz und der Rockmusik vor allem, zugrunde liegt.
Afrikanische Musiker wie Miriam Makeba oder Youssou N’Dour sind inzwischen
Weltstars. Ich denke an den afrikanischen Tanz und seine vielfältigen Ausdrucksformen,
an die Farben der Tänzerinnen und Tänzer.
Ich denke an die alte und neue afrikanische Kunst. Die traditionelle Kunst Afrikas
ist von Künstlern wie Braque oder Picasso am Anfang des letzten Jahrhunderts
entdeckt worden und hat die europäische Kunst in vieler Hinsicht beeinflusst.
Ich denke auch an die Weisheit und die menschliche Größe, die von
Persönlichkeiten wie Bischof Tutu, wie Leopold Senghor, wie Wole Soyinka
oder Nelson Mandela ausgehen. Für die Freilassung Mandelas ist ja auch hier
in Tübingen mehr als einmal demonstriert worden.
Ich denke schließlich auch an die wunderbare afrikanische Landschaft, die
Küstenregionen am Mittelmeer, die majestätische Sahara, den Schnee
am Kilimandscharo, an die Savannen und an die Berge Südafrikas. Afrikas
Kultur und Landschaft haben Europa immer wieder fasziniert, von Hemingway bis
hin zu Tanja Blixen: »I once had a farm in Africa ...«.
Auch aus der Faszination kann das Bewusstsein der Verantwortung wachsen, die
wir als Deutsche und Europäer haben. Afrika ist missbraucht und ausgebeutet
worden. Seine Menschen wurden als Sklaven verkauft. Der Kolonialismus hat schlimme
Spuren hinterlassen. Die Stellvertreterkriege im Ost-West-Konflikt haben Gesellschaften
und Staaten zusätzlich verwüstet. Afrika leidet vielfach Not – die
Unabhängigkeit allein hat diese Not nicht aufgehoben, ja oft noch vergrößert.
VI.
Oft stoße ich auf tiefen Pessimismus. Die Leute fragen direkt oder indirekt:
Macht es überhaupt noch Sinn, sich für Afrika zu engagieren? Ich habe
diese Frage für mich mit einem eindeutigen »Ja« beantwortet, und ich bin überzeugt, dass wir
gemeinsam etwas erreichen können.
Uns allen muss klar sein: Wenn Afrika eine Zukunft haben soll, braucht es Unterstützung.
Auf internationaler Ebene hat sich tatsächlich auch einiges getan: Alle
Staats- und Regierungschefs der Vereinten Nationen haben sich auf die Millennium
Development Goals geeinigt; vor allem soll bis zum Jahr 2015 die extreme Armut
halbiert werden, und alle Kinder auf der Welt sollen die Möglichkeit erhalten,
eine ausreichende Schulbildung zu bekommen. Das sind gute und wichtige Ziele.
Und es gibt auch eine breite internationale Übereinstimmung, wie diese Ziele
erreicht werden können: Die Eigenverantwortung der Entwicklungsländer
ist gefordert, aber auch die breite, schnelle und stetige Hilfe der entwickelten
Länder. Als ich mit Kofi Annan
über meine bevorstehende Reise sprach, hat er mir bestätigt:
Wir wissen, was zu tun ist. Erfolge bei der Bekämpfung der Armut
sind sichtbar, vor allem in Asien. Aber auch in Afrika ist zum Beispiel
die Lebenserwartung gestiegen, mehr Menschen haben Zugang zu sauberem
Wasser, mehr Kinder gehen zur Schule.
Wahr ist aber auch: Bei der Überwindung der Armut, der zentralen und wichtigsten
Aufgabe überhaupt, kommen viele afrikanische Länder einfach nicht richtig
voran. Dabei ist Afrika reich an Rohstoffen und Bodenschätzen. Das Problem
dabei ist: Zu wenig von diesem Reichtum kommt den Menschen zugute, zu wenig wird
in die Entwicklung der Länder investiert. Zu oft und immer noch werden auch
wegen Diamanten, Öl und anderen Rohstoffen blutige Bürgerkriege geführt,
oft geschürt durch ausländische Geschäftemacher. So wird der Rohstoffreichtum
Afrika oft zum Fluch.
Dies muss sich ändern. Und es gibt Wege dahin: So haben sich mittlerweile
43 Staaten in der sogenannten Kimberley Initiative zusammengetan, um durch ein
Zertifikationssystem illegalen Diamantenhandel zu unterbinden.
Ein anderes Beispiel: Bei der Erdölförderung wandern Milliarden von
Dollar auf ausländische Konten. Hier verspreche ich mir viel von der Initiative »publish
what you pay«, die die Einkünfte aus der Erdölgewinnung transparent
machen will. Die ursprünglich private Initiative wird von der Weltbank und
anderen internationalen Partnern unterstützt. Ich hoffe, dass sich viele
Länder dem anschließen.
VII.
In vielen afrikanischen Ländern ist der Staat zu schwach. Die französische
Erklärung der Menschenrechte, an die ich ganz am Anfang erinnert habe, ist
eine Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers: de l‘ homme
et du citoyen. Darauf kommt es an. Bekommen oder einklagen kann ein Mensch seine
Rechte nur, wo er auch tatsächlich Bürger ist. Von einem Unternehmen
oder von einem warlord kann man sich seine Menschenrechte nicht garantieren lassen,
nur von einem starken, funktionierenden Rechtsstaat.
Auch hier ist Afrika erwacht. In dem von Afrikanern selbst formulierten, gemeinsamen
Entwicklungskonzept NEPAD – Neue Partnerschaft für die Entwicklung
Afrikas - haben sie sich zu der zentralen Aufgabe bekannt, für good governance
zu sorgen, also für verantwortliches staatliches Handeln. Und mehr als 20
afrikanische Staaten haben sich inzwischen dem so genannten »African Peer
Review Process« unterworfen. Sie sind bereit, ihre Politik gegenseitig
kritisch zu überprüfen. Dies ist ein wichtiger Schritt, um eigene Probleme
rechtzeitig zu erkennen und auch von afrikanischen Erfolgsgeschichten zu lernen.
Tatsächlich sind in den meisten afrikanischen Staaten demokratische Prozesse
in Gang gekommen. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt vor allem beim Aufbau
handlungsfähiger staatlicher Institutionen helfen: Um Recht und Ordnung
durchzusetzen, braucht es eine leistungsfähige Verwaltung, ausgebildete
Sicherheitskräfte und unabhängige Gerichte. Nur einigermaßen
funktionierende Staaten können Korruption, Kriminalität und AIDS, die
drei größten
Übel Afrikas, bekämpfen.
Ich sehe Afrikas Perspektiven auch hoffnungsvoll, weil dort inzwischen eine neue
Generation verantwortungsvoller Reformer herangewachsen ist. Im letzten Monat
erst habe ich zum Beispiel Gyode Bryant, den Vorsitzenden der Übergangsregierung
von Liberia, getroffen. In einem vom Bürgerkrieg verwüsteten Land kämpft
er um die Wiederherstellung von Ordnung und um den Wiederaufbau des Staates.
Er fordert seinerseits von den reichen Ländern politischen Mut und bittet
darum, mit der Unterstützung für seine Bemühungen nicht zu warten,
bis Liberia die Ordnungsstandards etwa der Schweiz nachweisen kann.
Dass politisches Engagement und Mut auf fruchtbaren Boden fallen können,
zeigt etwa die Entwicklung in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder
der Welt, das ich als erstes Ziel meiner Afrikareise besuchen werde.
Dort ist nach einem zehnjährigen Bürgerkrieg ein Friedensprozess in
Gang gekommen, nachdem der militärische Einsatz Großbritanniens und
der Vereinten Nationen dafür den Weg bereitet hatte. Zunächst wurden
die Kämpfer dazu gebracht, ihre Waffen abzugeben. Jetzt geht es darum, dass
möglichst alle Kinder wieder Schulunterricht bekommen oder einen handwerklichen
Beruf erlernen können. Wir werden bei meinem Besuch ein Zentrum besuchen,
wo ehemalige Kindersoldaten eine Ausbildung machen und so in ein einigermaßen
normales Leben zurückfinden können.
Mich interessiert auch, wie die in Sierra Leone eingerichtete Versöhnungs-
und Wahrheitskommission arbeitet. Immer wieder treffen wir nämlich in Afrika
auf eine Seite der dortigen Kultur und Humanität, mit der sich andere Kulturen
eher schwer tun – auf die Kunst der Vergebung.
Das Beispiel Sierra Leone zeigt: Man darf kein Land aufgeben oder abschreiben.
Wir sollten es einfach mit Winston Churchills drei zentralen Ratschlägen
halten: Never, never, never give up!
VIII.
Was mich auch ermutigt: In den Ländern Afrikas entstehen Zivilgesellschaften.
Die Menschen finden sich nicht ab. Bauern tun sich zusammen, um Saatgut zu kaufen
und einen Brunnen zu bauen. Bürgergruppen benennen Korruption und schauen
der Regierung auf die Finger. Frauen ergreifen Initiativen zum Bau von Schulen
und AIDS-Stationen, oder sie machen darauf aufmerksam, wie wichtig Kleinstkredite
sind, um vor allem die Armut auf dem Land zu bekämpfen.
Es ist gut, dass die großen internationalen Organisationen wie die Vereinten
Nationen, Weltbank oder IWF die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen mittlerweile
zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht haben: Keine Initiative,
kein Programm ohne Beteiligung der Zivilgesellschaft. Möglichst viele Menschen
daran zu beteiligen, was in ihrem Land geschieht - das wird Stabilität und
Freiheit in den afrikanischen Gesellschaften voranbringen.
IX.
Das beste Engagement droht jedoch im Keim zu ersticken, wenn ein Land in Unruhen
und kriegerische Auseinandersetzungen stürzt. Die Ereignisse in der Elfenbeinküste
und Darfur führen uns vor Augen, wie Aufbau und Hoffnung in kurzer Zeit
durch Machtkampf, Gewalt und afrikanische Formen von Rassismus zerstört
werden.
Ich begrüße es daher, dass die Afrikanische Union für ihren Kontinent
mit dem Prinzip der Nichteinmischung gebrochen hat, wo es um Kriegsverbrechen,
Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht. Im Rahmen der Vereinten
Nationen muss nun die Diskussion beschleunigt werden, wann ein mutiges Eingreifen
von außen politisch notwendig und legitim ist und wann nicht. Tatsächlich
ist in der konstituierenden Akte der Afrikanischen Union die Frage nach der Zulässigkeit
einer humanitären Intervention eindeutig mit »Ja« beantwortet.
Damit hat die Afrikanische Union der völkerrechtlichen Diskussion
über die Legitimität humanitären Eingreifens einen wichtigen
Impuls gegeben.
Und ich begrüße es sehr, dass hierüber jetzt auch in der Europäischen
Union konkret, d.h. hinsichtlich finanzieller und auch militärischer Konsequenzen
nachgedacht wird.
X.
Weil Handel die beste Hilfe zur Selbsthilfe ist, sind faire Handelsbedingungen
unverändert der wichtigste Beitrag, den die internationale Gemeinschaft
zur Bekämpfung der Armut in Afrika leisten kann. Die Doha-Runde der Welthandelsorganisation
ist angetreten, eine wirkliche Entwicklungsrunde zu werden. Nun muss sie diesem
Anspruch aber auch tatsächlich gerecht werden! Dazu gehört unter anderem
ein kraftvoller Abbau handelsverzerrender Subventionen. Warum? Nur ein Beispiel:
Während meiner Afrikareise werde ich Benin besuchen, wo Baumwolle 70% aller
Exporte ausmacht. Benin hat kein Geld, seine Baumwolle zu subventionieren. Die
hohen Subventionen für Baumwollproduzenten in den Industrieländern
untergraben damit massiv die Entwicklungsmöglichkeiten dieses kleinen Landes.
Um die Millennium Development Goals zu erreichen, braucht es aber auch mehr finanzielle
Unterstützung. Ich lasse darum nicht locker in meinem Appell an die Industrieländer,
auch an Deutschland, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe
aufzuwenden. Dazu haben sie sich schon vor 30 Jahren verpflichtet. Zwischen Anspruch
und Wirklichkeit klafft weltweit eine Lücke von fast 100 Milliarden US$
pro Jahr. Diese sind nötig, um die Millennium Development Goals zu verwirklichen.
Seit der Entwicklungskonferenz von Monterrey in Mexiko ist in dieses Thema positive
Bewegung gekommen. Aber es muss noch mehr geschehen, um dem Ziel jedes Jahr Schritt
für Schritt näher zu kommen. Mit Blick auf Deutschland dürfen
wir dies nicht allein beim Bundesfinanzminister abladen. Diese Frage richtet
sich an jeden Einzelnen von uns.
XI.
Engagement für Afrika ist nicht nur eine Sache der großen Politik.
Humanitäres Engagement für Afrika hat in Deutschland eine lange Tradition.
Dafür steht nicht nur der Name Albert Schweitzer. Zehntausende Entwicklungshelfer
haben unter schwierigen Bedingungen Armut und Elend zu lindern versucht. Viele
zivile Lehrer, Ärzte und Kirchenleute haben viel Gutes gebracht.
In Deutschland halten heute viele Initiativen und Organisationen das Bewusstsein
dafür wach, dass uns Afrika angeht – und sie tun etwas: Sie werben
Sympathien und Gelder ein, sie unterstützen konkrete Projekte. Sie verkaufen
Produkte aus fairem Handel mit Entwicklungsländern. Vor dreißig Jahren
habe ich selber zusammen mit meiner Frau in Herrenberg einen Dritte-Welt-Laden,
wie er damals hieß, mitgegründet. Wir werden heute Nachmittag dorthin
fahren und uns mit alten und neuen Mitstreitern treffen. Das zivilgesellschaftliche
Engagement solcher Gruppen und Initiativen möchte ich heute ausdrücklich
anerkennen. Es macht vielen Menschen in Afrika und bei uns Hoffnung.
XII.
Hat das, was ich Ihnen vorgetragen habe, etwas mit Weltethos zu tun? Ich wollte
mir und Ihnen eine ganz einfache Frage stellen: Was gehen uns andere an? Und
ich wollte sie konkret stellen mit Blick auf Afrika, einen Kontinent, den manche
vergessen oder abgeschrieben haben.
Ich habe viel über Politik geredet. Aber am Ende geht es immer auch um die
Haltung jedes Einzelnen. Keine Politik und keine staatliche Institution werden
jemals die spontane Hilfsbereitschaft überflüssig machen. »Ein
Samariter aber, der des Weges zog, kam vorbei, sah ihn, und hatte Erbarmen mit
ihm. Er trat hinzu, verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; dann
setzte er ihn auf sein eigenes Lasttier, brachte ihn in eine Herberge und trug
Sorge für ihn.«
In den Townships von Soweto entstand in den siebziger Jahren das Lied der südafrikanischen
Freiheits- und Anti-Apartheidbewegung. Inzwischen ist es die südafrikanische
Nationalhymne. Sie beginnt mit den Worten, mit denen ich schließen möchte: »Nkosi
sikilele i Afrika«: »Gott segne Afrika«.
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