Daß Joseph Ratzinger
sich als ein Papst des Glaubens verstehen würde, war zu erwarten.
War er doch fast 20 Jahre Präfekt der Glaubenskongregation. Als
Glaubenswächter hat er zahlreiche Dokumente und einen schwergewichtigen
Katechismus zur Regulierung des katholischen Glaubens vorbereitet und
hat zahlreiche Theologen, Seelsorger, Bischöfe, die ihm vom wahren
Glauben abzuweichen schienen, verwarnt, getadelt, zensuriert, ja abgesetzt.
Und noch am Vorabend des Konklaves hielt er eine leidenschaftliche
Predigt gegen die »Diktatur des Relativismus«, ohne auch
nur mit einem Wort zu erwähnen, daß viele katholische Gläubige
eher eine »Diktatur des Lehramtes« in Glaubens- und Sittenfragen
fürchten.
Doch Joseph Ratzinger präsentierte sich zur Überraschung
vieler in seinem ersten Auftreten und in seiner ersten Enzyklika als
Papst der Liebe. Und dieses Lehrschreiben entpuppte sich nicht als
Manifest des Kulturpessimismus oder leibfeindlicher Sexualmoral, sondern
als theologisch solide gearbeitetes Dokument über Eros und Agape,
Amor und Caritas, das keine falschen Gegensätze aufbaut. Viele
aber fragen sich: Wird der theologisch so programmatisch herausgestellte
Primat der Liebe Konsequenzen haben für die kirchlichen Strukturen
und juristischen Regelungen sowie den liebevollen Umgang mit den in
der Kirche marginalisierten Gruppen?
Darf man sich aber diesbezüglich überhaupt Hoffnung machen?
Dies scheint mir die zentrale Anfrage an diesen Pontifikat zu sein:
Wird sich Joseph Ratzinger auch als Papst der Hoffnung erweisen? Ich
habe nie verheimlicht, daß die Wahl des Chefs der Glaubenskongregation,
früher Inquisition genannt, zum Papst für mich eine »Riesenenttäuschung« war;
doch sollte man ihm eine Chance geben. Trotz aller Kritik hatte ich
mich deshalb zunächst in meinem Urteil zurückgehalten und
den neuen Papst, wie seit Jahren geplant, um ein persönliches
Gespräch gebeten.
27 lange Jahre hatte ich vergebens darauf
gewartet, auf meine Briefe an seinen Vorgänger eine Antwort zu erhalten. Verständlich
daher, daß es für mich die Erfüllung einer nicht geringen
Hoffnung bedeutete: Auf meinen Brief vom 30. Mai 2005 erhielt ich schon
am 15. Juni von Benedikt XVI. eine freundliche Antwort: Er sei zu einem »brüderlichen
Gespräch« mit mir bereit. Das fand denn auch am 24. September
2005 im päpstlichen Sommerpalast Castel Gandolfo statt und dauerte
volle vier Stunden. Für viele in aller Welt ein Hoffnungszeichen,
daß trotz unterschiedlicher Wege und Positionen doch das entscheidend
Gemeinsame geblieben ist: die Gemeinsamkeit des Christseins, des Dienstes
an derselben Kirche und des gegenseitigen Respekts bei allen Kontroversen.
Dabei wurden die Differenzen nicht übertüncht. Ich wollte
die Anliegen vertreten, die von großen und gewichtigen Teilen
unserer katholischen Kirche mitgetragen würden; ich hatte dem
Papst meinen vor dem Konklave publizierten Offenen Brief an die Kardinäle
beigelegt, der meine Sicht des künftigen Kurses in der Kirche
und ein umfassendes Reformprogramm darlegt. Aber es schien mir wenig
sinnvoll, beim persönlichen Gespräch im Detail einzelne innerkirchliche
Reformen zu diskutieren, von denen wir seit langem eine völlig
unterschiedliche Auffassung haben.
Ich hatte ganz allgemein nicht wieder einen
Medienpapst gewünscht,
sondern einen ökumenisch gesinnten Seelsorgepapst. Und da gibt
es Ansätze zur Hoffnung: Dieser Papst ist ein eher ruhiger, nachdenklicher,
um Reflexion bemühter Gelehrter, der nicht ständig auf große öffentliche
Auftritte aus ist; sowohl die Reisen wie die Minutenaudienzen hat er
reduziert. Ein eher langsamer, in kleinen Schritten vorangehender Oberhirte,
der Zeit braucht und mit kleinen Änderungen versucht, womöglich
größere Veränderungen in Gang zu setzen; kurze Zeiten
freier Diskussion in der jüngsten Bischofssynode und die Einladung
der Kardinäle zu einem freien Meinungsaustausch haben mindestens
einen Anfang von Kollegialität geboten. Ein noch in manchem freier,
jedenfalls nicht ganz und gar festgelegter Konservativer, der (wie
in der Bereitschaft zum Gespräch mit mir) die Welt noch mit eigenen
Entscheidungen überraschen dürfte.
Ich weiß, daß viele kundige Beobachter dieses Pontifikats
skeptisch sind: »Can a leopard change its spots – Kann ein Leopard
seine Flecken ändern«, fragen sich Engländer, »Hat
der Wolf nicht doch nur Kreide gefressen?«, manche Deutsche.
Ich bleibe Realist, möchte aber die Hoffnung nicht aufgeben. Es
kommt selten so gut, wie man hofft, aber auch nicht immer so schlimm,
wie man fürchtet.
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Die
Frage ist nun einmal von weltpolitischer Bedeutung. Nicht nur Katholiken
und andere Christen, auch Menschen anderer Religionen und säkulare Menschen, Männer
und Frauen der Politik, der Wirtschaft und Wissenschaft fragen dies.
Schließlich ist die katholische Kirche mit über einer Milliarde
(aktiver, passiver oder nominaler) Mitglieder der bedeutendste religiöse »Multi« der
Welt, nach innen straff organisiert, ein trotz aller Schwächen
effizienter Global Player. Gewiß, für die Beisetzungsfeierlichkeiten
von Benedikts Vorgänger fanden sich auf dem Petersplatz nicht
nur aus Frömmigkeit Staats- und Regierungschefs aus der ganzen
Welt ein, auch einige, die man dort lieber nicht gesehen hätte.
Der Papst ist nun einmal – auch unabhängig von der Person – eine
geistige Weltmacht und für viele junge wie alte Menschen eine
glaubwürdige spirituelle und moralische Identifikationsfigur.
Deshalb die oft besorgte Frage: Wohin steuert Benedikt XVI. die katholische
Kirche?
Unser Gespräch in Castel Gandolfo
betraf drei Problemfelder, in denen ich mir Hoffnungen mache auf
gewisse Fortschritte.
Das erste Feld ist das Verhältnis von christlichem
Glauben und Naturwissenschaften, ja, säkularen Wissenschaften überhaupt.
Dem Theologen Ratzinger war schon immer die Vernünftigkeit des
Glaubens wichtig, und Papst Ratzinger bekräftigt im gemeinsamen
Communiqué unseres Treffens seine »Zustimmung zu den Mühen
von Professor Küng, den Dialog zwischen Glaube und Naturwissenschaft
neu zu beleben und die Gottesfrage dem naturwissenschaftlichen Denken
gegenüber in ihrer Vernünftigkeit und Notwendigkeit zur Geltung
zu bringen.« Doch ich frage zurück: Beschränkt sich
diese Zustimmung nur auf die physikalisch-biologisch-theologischen
Fragen nach dem Ursprung des Kosmos, des Lebens, der Menschheit (Gegenstand
meines Buches »Der Anfang aller Dinge«)? Oder ließe
sie sich in einem vernünftigen Gespräch ausdehnen auf weitere
Fragen der Biologie (etwa Embryonenforschung) und Medizin (etwa Geburtenkontrolle,
künstliche Befruchtung)?
Das zweite Feld ist der Dialog
der Religionen.
Papst Benedikt XVI. hat sich verschiedentlich gegen den »Zusammenprall der Zivilisationen« ausgesprochen.
Auch er ist überzeugt, daß es keinen Frieden unter den Nationen
geben wird ohne einen Frieden unter den Religionen, und keinen Frieden
unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. So konnte
ich denn meinerseits im Communiqué meine »Zustimmung zu
den Mühen des Papstes um den Dialog der Religionen wie um die
Begegnung mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen der
modernen Welt« ausdrücken. Benedikt XVI. hat in Köln
die Synagoge besucht und sich auch mit muslimischen Vertretern getroffen.
Doch ich frage auch hier: Wird dieser Papst, angesichts all der Defizite
der Christenheit und der Pluspunkte der anderen Religionen, seine Überzeugung
von der Wahrheit der eigenen Religion mit dem Respekt vor der Wahrheit
der anderen Religionen verbinden können?
Das dritte Feld ist das gemeinsame
Menschheitsethos.
Benedikt XVI. versteht, daß es beim »Projekt Weltethos keineswegs um
eine abstrakte intellektuelle Konstruktion geht«. Vielmehr werden
die »moralischen Werte ins Licht gesetzt, in denen die großen
Religionen der Welt in allen Unterschieden konvergieren, und die sich
von ihrer überzeugenden Sinnhaftigkeit auch der säkularen
Vernunft als gültige Maßstäbe zeigen können«.
Es bedeutet für das Projekt Weltethos zweifellos eine gewichtige
Unterstützung, daß der Papst mein langjähriges Bemühen
positiv würdigt, »im Dialog der Religionen wie in der Begegnung
mit der säkularen Vernunft zu einer erneuerten Anerkennung der
wesentlichen moralischen Werte der Menschheit beizutragen«. Mehr
noch: daß er den » Einsatz für ein erneuertes Bewußtsein
der das menschliche Leben tragenden Werte auch ein wesentliches Anliegen
seines Pontifikates« nennt. Auch hier nachgefragt: Ob nicht bei
einer nächsten Zusammenkunft von Religionsführern in Assisi
oder anderswo statt nur gebetet, auch die gemeinsamen ethischen Standards
der Religionen herausgehoben werden könnten?
Natürlich machte und mache ich mir keine Illusionen: Wir hatten
uns verabredungsgemäß auf Fragen kirchlicher »Außenpolitik« konzentriert
und die in der Kirchengemeinschaft heftig umstrittenen Fragen kirchlicher »Innenpolitik« höchstens
am Rande gestreift.
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Papst
Benedikt erwartet bestimmt nicht, daß ich in Zukunft meine Reformanliegen – es
sind ja wahrhaftig nicht nur die meinen – verschweigen werde. Ja, von
diesen muß jetzt nach dem ersten Amtsjahr in einer Art Zwischenbilanz
ausdrücklich die Rede sein. Schon in dem erwähnten Offenen
Brief an die Kardinäle zur Papstwahl habe ich zur Beantwortung
der Frage, was für einen Papst die katholische Kirche brauche,
nicht beliebige Kriterien angewandt, sondern solche, die sich am Neuen
Testament, an der großen katholischen Tradition und am Zweiten
Vatikanischen Konzil (1962–65) orientieren. Wenn ich sie nun auch jetzt
wieder in einer ersten Zwischenbilanz des neuen Pontifikats zur Anwendung
bringe, so tue ich dies nicht in einer Situation der Konfrontation
und Polarisierung, zu welcher damals der polnische Pontifex die Kirche
und auch mich persönlich gezwungen hatte. Ich tue es aus einer
Haltung der kritischen Solidarität.
Benedikt XVI. – ein Papst der Hoffnung?
Dies ist noch nicht abzusehen. Oder ist eine Lösung zentraler Fragen in Sicht? Genügt ein
Appell an das Kardinalskollegium, der Kirche auf allen Ebenen frisches
Leben einzuhauchen, ohne gleichzeitig so etwas wie ein Aktionsprogramm
vorzulegen? Der Papst hat die Wahl: eine weitere Rückzugsstrategie in die vormoderne, vorreformatische Konstellation (Paradigma) des Mittelalters
– oder eine Vorwärtsstrategie in die nachmoderne Konstellation,
in welche die Welt schon längst eingetreten ist. Papst Benedikt
kann zurückgehen – ich glaube nicht, daß er das will. Er
kann auf der Stelle treten – nur das Papstamt zu zelebrieren statt
der Kirche in ihrer Not zu helfen, wäre faktisch ein Rückschritt.
Und er kann vorwärts gehen – das erhoffe ich von ihm, und mit
mir ungezählte Menschen in und außerhalb der katholischen
Kirche.
Benedikt XVI. ist sich bewußt, daß die Kirche in einer
ernsten Zeit lebt – nicht nur weil in den meisten Ländern der
Priesternachwuchs, sondern auch die Identifizierung der jungen Generation
und der Frauen mit der Kirche und überhaupt der Einfluß der
Kirche in der Öffentlichkeit rapide zurückgehen. Er weiß sehr
wohl, daß es seinem Vorgänger trotz aller Reden und Reisen
nicht gelungen ist, seine rigiden Auffassungen insbesondere in Sexual-
und Ehemoral gegen die überwältigende Mehrheit auch nur der
Katholiken und gegen die nationalen Parlamente (etwa in Polen) durchzusetzen.
Alle vatikanischen Enzykliken und Katechismen, Dekrete und disziplinarischen
Sanktionen und alle offenen und versteckten Einflußnahmen haben
in der Tat kaum etwas erreicht. Vielleicht hat Joseph Ratzinger auch
vom Vatikan aus wahrnehmen können, daß die Kampagne der »Re-Evangelisierung
Europas« die Ängste vor dem geistlichen Imperialismus Roms
geschürt und unausgesprochen dazu beigetragen hat, daß beispielsweise
die Erwähnung des Namens Gottes und sogar des Christentums als
Kulturfaktor in der Präambel der Europäischen Verfassung
abgelehnt wurde.
Während sein Vorgänger schon in seinem ersten Jahr neben
Polen auch Mexiko, Irland und die Vereinigten Staaten bereist hatte,
war der Besuch des Weltjugendtreffens in Köln Benedikts einzige
Auslandsreise. Er dürfte sich darüber im klaren sein, daß die
in Köln im August 2005 versammelte Jugend repräsentativ war
nicht für »die Jugend«, sondern für die konservativen
Bewegungen in Italien und Spanien, für Teile der polnischen Jugend
und für manche Jugendliche in Deutschland, die sich in einer orientierungsarmen
Zeit nach einem geistigen Halt und einer glaubwürdigen Autorität
sehnen – von den vielen Schaulustigen und »Schlachtenbummlern« ganz
zu schweigen. Daß davon aber nachhaltige Wirkungen für das
alltägliche Pfarreileben oder den Priesternachwuchs ausgegangen
wären, läßt sich bisher kaum feststellen. In der Tat:
kein noch so imposanter kirchlicher Event kann ein lebendiges Gemeindeleben
ersetzen, keine noch so glänzend renovierte Fassade das bröckelnde
Gebäude retten.
Die Not der Kirche ist groß: Eine tiefe Kluft zwischen dem,
was die Hierarchie gebietet, und dem, was die Kirchenmitglieder faktisch
glauben und leben. Der Gottesdienstbesuch, aber auch die kirchlichen
Trauungen zurückgegangen, die Ohrenbeichte in den meisten westlichen
Ländern verschwunden, die Akzeptanz der kirchlichen Dogmen abnehmend.
Die Kader sind ausgedünnt, der Nachwuchs fehlt. Schon jetzt hat
die Hälfte aller katholischen Gemeinden auf der ganzen Welt, auch
in manchen Entwicklungsländern, keine eigenen Priester mehr. In
Bälde werden nicht nur im deutschen Sprachraum fast zwei Drittel
der Pfarreien ohne ordinierte Seelsorger und ohne regelmäßige
Eucharistiefeiern sein. Der zölibatäre Klerus schrumpft weltweit
und ist durch die Pädophilie-Skandale von USA und Irland bis Österreich
und Polen in seiner Glaubwürdigkeit schwer erschüttert. Er
steht in seiner gesellschaftlichen Position geschwächt da und
hat das Monopol auf Deutung des Lebensinnes und der moralischen Normen
verloren.
Viele Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche fragen
sich: Wird dieser Papst in Zukunft sich weiterhin ans mittelalterliche
Kirchenrecht klammern, welches das Zölibatsgesetz und den Klerikalismus
festgeschrieben hat, oder wird er sich mehr nach dem Kompaß des
Evangeliums richten, das für alle anstehenden Probleme in Richtung
Freiheit, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit weist? Dazu einige
konkrete Fragen, die sich auch der Papst stellen sollte:
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Ein
kollegialer Mit-Bischof? Wird der Papst sich wieder weniger als Alleinherrscher
verstehen und präsentieren, sondern als leitender Bischof, eingebunden in das
Bischofskollegium, im Dienst der ganzen Ökumene? Wird er die in
der Kirche seit den ersten Jahrhunderten gegebene und vom Vatikanum
II feierlich bestätigte Kollegialität des römischen
Bischofs mit den anderen Bischöfen wieder stärken? Wenn der
Papst von den Bischöfen blinden Gehorsam und Linientreue erwartet,
können sich diese mit den Menschen ihrer Diözese nicht identifizieren.
Nur wenn er als kollegialer Mit-Bischof dem Kollegium der Bischöfe
vorsteht, wird er ihre Eigenverantwortung als »gute Hirten« und
damit ihre Autorität in den Diözesen stärken.
Ein frauenfreundlicher Seelsorger? Ungezählte Frauen und Männer
in der katholischen Kirche haben ganz praktische Erwartungen, und schon
die baldige Realisierung des einen oder anderen Postulats würde
ihrer Resignation und Frustration entgegenwirken. Haben sie doch die
Hoffnung nicht aufgegeben, daß der Papst
• bei komplexen Problemen wie Empfängnisverhütung,
Abtreibung und Homosexualität auf vereinfachende moralisierende
Verdikte verzichtet;
• das Recht auf Ehe für Amtsträger,
klar im Neuen Testament und in der Kirche des ersten Jahrtausends gewährleistet,
respektiert und das erst aus dem 11. Jh. stammende diskriminierende
Heiratsverbot für Priester überdenkt;
• wiederverheiratete Geschiedene nicht auf
Dauer unbarmherzig von der Teilnahme an der Mahlgemeinschaft fernhält;
• das Recht der Ordensfrauen auf eigene Lebensgestaltung
und Wahl der Kleidung anerkennt;
• die Ordination von Frauen, wie sie sich vom
Neuen Testament her für die heutige veränderte Situation
aufdrängt, gestattet;
• die unselige Enzyklika »Humanae Vitae« Pauls
VI. über die Pille, die zahllose Katholikinnen ihrer Kirche entfremdet
hat, korrigiert und die Selbstverantwortung der Partner für Geburtenkontrolle
und Kinderzahl ausdrücklich anerkennt.
Solange ein Papst die Kirche faktisch in
Mitglieder erster und zweiter Klasse einteilt, wird er die Zustimmung
heutiger selbstbewußter
Frauen nicht gewinnen. Nur wenn er als frauenfreundlicher
Papst den
Aufbau einer partnerschaftlichen Gemeinschaft von Frauen und Männern
konkret in der Praxis vorantreibt, kann er die unterschiedlichen Fähigkeiten,
Berufungen, Charismen in der Kirche ernstnehmen.
Ein ökumenischer Vermittler? Ob Papst Ratzinger, der schon so
lange im römischen Milieu lebt, genügend realisiert, daß immer
weniger Katholikinnen und Katholiken die konfessionelle Amtsanmaßung verstehen und akzeptieren, die
• Amtshandlungen von protestantischen oder anglikanischen Pfarrern
oder Pfarrerinnen (vor allem beim Abendmahl) für ungültig
ansieht,
• eine konfessionsverbindende Ehe als Vergehen und die aktive Teilnahme
an einem evangelischen Abendmahl als religiöses Delikt betrachtet
und
• ökumenische Gottesdienste am Sonntag strikt verbieten will?
Sicher hat er davon gehört, daß eine konfessionelle Gemeinschaftsverweigerung von der Großzahl der katholischen wie evangelischen Gläubigen
nicht mehr verstanden und hingenommen wird, weil sie ihnen gegen den
Geist Jesu verstößt, der bekanntlich alle, auch die von
der frommen Gesellschaft Ausgeschlossenen, an seinen Tisch geladen
hatte.
Papst Benedikt hat besonders bei seinem
Deutschlandbesuch Worte und Gesten guten Willens gegenüber den orthodoxen und evangelischen
Kirchen gemacht. Aber würde er nicht viele enttäuschen, wenn
keine wirklichen ökumenischen Taten folgten? Er weiß sehr
wohl: die Beziehungen zum Weltrat der Kirchen tragen wegen des andauernden
römischen Machtanspruchs wenig Frucht und die Beziehungen zur
russisch-orthodoxen Kirche sind wegen römisch-katholischer Missionierungsbestrebungen
belastet. Nicht der jetzt anscheinend abgeschaffte Papsttitel »Patriarch
des Westens« ist für die Orthodoxen anstößig,
sondern der eines römischen »Stellvertreters Christi«,
der eine förmliche Jurisdiktion über die gesamte Kirche (bis
nach Sibirien und Ostanatolien) beanspruchen möchte. Auch wäre
es höchst bedauerlich, wenn Benedikts Bemühen um Annäherung
zur Orthodoxie zu Lasten der ökumenischen Beziehungen zu den Kirchen
der Reformation ginge, deren Theologien wie Strukturen ihm vermutlich
ferner liegen.
Ungezählte Christen in aller Welt hegen die Hoffnung, daß Benedikt
XVI., ein hervorragender Theologe,
• die Ergebnisse der ökumenischen Dialogkommissionen
sich zu eigen macht und energisch in die Tat umsetzt;
• die durch ökumenische Kommissionen schon
längst empfohlene und vielerorts schon praktizierte Anerkennung
protestantischer und anglikanischer Ämter endlich vollzieht;
• die »Verwerfungen« aus der Reformationszeit
und die Exkommunikation Martin Luthers aufhebt;
• die in vielen Gruppen und Gemeinden schon
längst ohne großes Aufsehen praktizierte eucharistische
Gastfreundschaft und die vielfältige praktische Zusammenarbeit
begrüßt und fördert.
Solange Rom über die Christenheit herrschen will, wird es ihre
Einheit verhindern. Nur wenn Rom der Christenheit dienen will, wird
der Papst als ökumenischer Vermittler und Inspirator wirken können.
Ein Garant für Freiheit und Offenheit
in der Kirche? Auch Papst
Benedikt sucht die Begegnung mit Vertretern anderer Religionen. Er
dürfte die von seinem Vorgänger initiierten Friedensgebete
in Assisi 1986 und 2002 als wichtige Zeichen betrachten. Paßt
es aber noch dazu, daß in dem von ihm als Kardinal verantworteten
Lehrschreiben »Dominus Jesus« behauptet werden konnte,
Nichtchristen lebten »objektiv in einer schwer defizitären
Situation«? Er weiß doch bestimmt, daß dies viele
Menschen anderer Religionen abgestoßen und der Glaubwürdigkeit
des Papstes geschadet hat. Es ist zu hoffen, daß er das kritisch-selbstkritische
Gespräch mit den Weltreligionen nicht lähmt, sondern wirklich
voranbringt.
Benedikt XVI. würde sich als Papst der Hoffnung erweisen, wenn
er seine Verantwortung für eine bessere und friedlichere Welt
wahrnähme als ein Kirchenführer
• der bei allem Anspruch auf Wahrheit kein
Wahrheitsmonopol beansprucht;
• der die anderen Religionen nicht nur belehren,
sondern auch von ihnen, von ihren ästhetischen, spirituellen,
liturgischen, ethischen und theologisch-philosophischen Traditionen,
ohne alle synkretistische Vermischung lernen will;
• der eine angemessene Autonomie der National-,
Regional- und Lokalkirchen fördert, damit sie in eigener Verantwortung
ihren Lebens- und Organisationsstil gestalten können;
• der auch unangenehme »Anfragen« (wie
die nach Bevölkerungsexplosion, Empfängnisverhütung
und päpstlicher Unfehlbarkeit) ernstnimmt und beantwortet.
Solange der Papst einen römisch-absolutistischen Herrschaftsprimat
zu realisieren trachtet, hat er einen Großteil von Christenheit
und Weltöffentlichkeit gegen sich. Nur wenn er (nach dem Vorbild
Johannes' XXIII.) einen vom Evangelium her erneuerten und der Freiheit
verpflichteten pastoralen Dienstprimat zu praktizieren versucht, wird
er ein Garant für Freiheit und Offenheit in der Kirche sein und
der Welt als moralischer Kompaß dienen können.
Anders als zur Zeit Johannes' XXIII. und
des Zweiten Vatikanischen Konzils herrscht im kirchlichen Alltag
im Blick auf Rom in vielen Ländern
Pessimismus und Defätismus. Das erfüllt mich mit tiefer Sorge,
habe ich doch ein Theologenleben lang dafür gearbeitet, daß Menschen
trotz großer Enttäuschungen in dieser Kirche die Hoffnung
bewahren. Es würde die »winterliche Kirche« (Karl
Rahner) in einen neuen Frühling führen, wenn Benedikt XVI.
die Kirche aus der Vertrauens- und Hoffnungskrise herausführen
könnte. Wie kein zweiter kennt er Kurie und Episkopat; anders
als sein Vorgänger ist er ein guter Verwalter sowie ein Gelehrter
von Format. Er könnte, wenn er wollte, Reformen durchführen,
so sagte mir einer seiner Konkurrenten im Konklave, die ein mehr progressiver
Kardinal und Papst nicht so leicht durchführen könnte.
So viele Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche erwarten,
daß der hier umrissene Reformstau aufgelöst wird und die
schon längst anstehenden strukturellen Probleme offen besprochen
und einer Lösung zugeführt werden – sei es durch den neuen
Papst persönlich oder durch die Bischofssynode oder schließlich
durch ein Drittes Vatikanisches Konzil.
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