Benedikt XVI. – Ein Papst der Hoffnung?
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 Von Hans Küng
 

Daß Joseph Ratzinger sich als ein Papst des Glaubens verstehen würde, war zu erwarten. War er doch fast 20 Jahre Präfekt der Glaubenskongregation. Als Glaubenswächter hat er zahlreiche Dokumente und einen schwergewichtigen Katechismus zur Regulierung des katholischen Glaubens vorbereitet und hat zahlreiche Theologen, Seelsorger, Bischöfe, die ihm vom wahren Glauben abzuweichen schienen, verwarnt, getadelt, zensuriert, ja abgesetzt. Und noch am Vorabend des Konklaves hielt er eine leidenschaftliche Predigt gegen die »Diktatur des Relativismus«, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, daß viele katholische Gläubige eher eine »Diktatur des Lehramtes« in Glaubens- und Sittenfragen fürchten.

Doch Joseph Ratzinger präsentierte sich zur Überraschung vieler in seinem ersten Auftreten und in seiner ersten Enzyklika als Papst der Liebe. Und dieses Lehrschreiben entpuppte sich nicht als Manifest des Kulturpessimismus oder leibfeindlicher Sexualmoral, sondern als theologisch solide gearbeitetes Dokument über Eros und Agape, Amor und Caritas, das keine falschen Gegensätze aufbaut. Viele aber fragen sich: Wird der theologisch so programmatisch herausgestellte Primat der Liebe Konsequenzen haben für die kirchlichen Strukturen und juristischen Regelungen sowie den liebevollen Umgang mit den in der Kirche marginalisierten Gruppen?

Darf man sich aber diesbezüglich überhaupt Hoffnung machen? Dies scheint mir die zentrale Anfrage an diesen Pontifikat zu sein: Wird sich Joseph Ratzinger auch als Papst der Hoffnung erweisen? Ich habe nie verheimlicht, daß die Wahl des Chefs der Glaubenskongregation, früher Inquisition genannt, zum Papst für mich eine »Riesenenttäuschung« war; doch sollte man ihm eine Chance geben. Trotz aller Kritik hatte ich mich deshalb zunächst in meinem Urteil zurückgehalten und den neuen Papst, wie seit Jahren geplant, um ein persönliches Gespräch gebeten.

27 lange Jahre hatte ich vergebens darauf gewartet, auf meine Briefe an seinen Vorgänger eine Antwort zu erhalten. Verständlich daher, daß es für mich die Erfüllung einer nicht geringen Hoffnung bedeutete: Auf meinen Brief vom 30. Mai 2005 erhielt ich schon am 15. Juni von Benedikt XVI. eine freundliche Antwort: Er sei zu einem »brüderlichen Gespräch« mit mir bereit. Das fand denn auch am 24. September 2005 im päpstlichen Sommerpalast Castel Gandolfo statt und dauerte volle vier Stunden. Für viele in aller Welt ein Hoffnungszeichen, daß trotz unterschiedlicher Wege und Positionen doch das entscheidend Gemeinsame geblieben ist: die Gemeinsamkeit des Christseins, des Dienstes an derselben Kirche und des gegenseitigen Respekts bei allen Kontroversen. Dabei wurden die Differenzen nicht übertüncht. Ich wollte die Anliegen vertreten, die von großen und gewichtigen Teilen unserer katholischen Kirche mitgetragen würden; ich hatte dem Papst meinen vor dem Konklave publizierten Offenen Brief an die Kardinäle beigelegt, der meine Sicht des künftigen Kurses in der Kirche und ein umfassendes Reformprogramm darlegt. Aber es schien mir wenig sinnvoll, beim persönlichen Gespräch im Detail einzelne innerkirchliche Reformen zu diskutieren, von denen wir seit langem eine völlig unterschiedliche Auffassung haben.

Ich hatte ganz allgemein nicht wieder einen Medienpapst gewünscht, sondern einen ökumenisch gesinnten Seelsorgepapst. Und da gibt es Ansätze zur Hoffnung: Dieser Papst ist ein eher ruhiger, nachdenklicher, um Reflexion bemühter Gelehrter, der nicht ständig auf große öffentliche Auftritte aus ist; sowohl die Reisen wie die Minutenaudienzen hat er reduziert. Ein eher langsamer, in kleinen Schritten vorangehender Oberhirte, der Zeit braucht und mit kleinen Änderungen versucht, womöglich größere Veränderungen in Gang zu setzen; kurze Zeiten freier Diskussion in der jüngsten Bischofssynode und die Einladung der Kardinäle zu einem freien Meinungsaustausch haben mindestens einen Anfang von Kollegialität geboten. Ein noch in manchem freier, jedenfalls nicht ganz und gar festgelegter Konservativer, der (wie in der Bereitschaft zum Gespräch mit mir) die Welt noch mit eigenen Entscheidungen überraschen dürfte.

Ich weiß, daß viele kundige Beobachter dieses Pontifikats skeptisch sind: »Can a leopard change its spots – Kann ein Leopard seine Flecken ändern«, fragen sich Engländer, »Hat der Wolf nicht doch nur Kreide gefressen?«, manche Deutsche. Ich bleibe Realist, möchte aber die Hoffnung nicht aufgeben. Es kommt selten so gut, wie man hofft, aber auch nicht immer so schlimm, wie man fürchtet.
 

Wohin steuert Benedikt XVI.?

Die Frage ist nun einmal von weltpolitischer Bedeutung. Nicht nur Katholiken und andere Christen, auch Menschen anderer Religionen und säkulare Menschen, Männer und Frauen der Politik, der Wirtschaft und Wissenschaft fragen dies. Schließlich ist die katholische Kirche mit über einer Milliarde (aktiver, passiver oder nominaler) Mitglieder der bedeutendste religiöse »Multi« der Welt, nach innen straff organisiert, ein trotz aller Schwächen effizienter Global Player. Gewiß, für die Beisetzungsfeierlichkeiten von Benedikts Vorgänger fanden sich auf dem Petersplatz nicht nur aus Frömmigkeit Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt ein, auch einige, die man dort lieber nicht gesehen hätte. Der Papst ist nun einmal – auch unabhängig von der Person – eine geistige Weltmacht und für viele junge wie alte Menschen eine glaubwürdige spirituelle und moralische Identifikationsfigur. Deshalb die oft besorgte Frage: Wohin steuert Benedikt XVI. die katholische Kirche?

Unser Gespräch in Castel Gandolfo betraf drei Problemfelder, in denen ich mir Hoffnungen mache auf gewisse Fortschritte.

Das erste Feld ist das Verhältnis von christlichem Glauben und Naturwissenschaften, ja, säkularen Wissenschaften überhaupt. Dem Theologen Ratzinger war schon immer die Vernünftigkeit des Glaubens wichtig, und Papst Ratzinger bekräftigt im gemeinsamen Communiqué unseres Treffens seine »Zustimmung zu den Mühen von Professor Küng, den Dialog zwischen Glaube und Naturwissenschaft neu zu beleben und die Gottesfrage dem naturwissenschaftlichen Denken gegenüber in ihrer Vernünftigkeit und Notwendigkeit zur Geltung zu bringen.« Doch ich frage zurück: Beschränkt sich diese Zustimmung nur auf die physikalisch-biologisch-theologischen Fragen nach dem Ursprung des Kosmos, des Lebens, der Menschheit (Gegenstand meines Buches »Der Anfang aller Dinge«)? Oder ließe sie sich in einem vernünftigen Gespräch ausdehnen auf weitere Fragen der Biologie (etwa Embryonenforschung) und Medizin (etwa Geburtenkontrolle, künstliche Befruchtung)?

Das zweite Feld ist der Dialog der Religionen. Papst Benedikt XVI. hat sich verschiedentlich gegen den »Zusammenprall der Zivilisationen« ausgesprochen. Auch er ist überzeugt, daß es keinen Frieden unter den Nationen geben wird ohne einen Frieden unter den Religionen, und keinen Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. So konnte ich denn meinerseits im Communiqué meine »Zustimmung zu den Mühen des Papstes um den Dialog der Religionen wie um die Begegnung mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen der modernen Welt« ausdrücken. Benedikt XVI. hat in Köln die Synagoge besucht und sich auch mit muslimischen Vertretern getroffen. Doch ich frage auch hier: Wird dieser Papst, angesichts all der Defizite der Christenheit und der Pluspunkte der anderen Religionen, seine Überzeugung von der Wahrheit der eigenen Religion mit dem Respekt vor der Wahrheit der anderen Religionen verbinden können?

Das dritte Feld ist das gemeinsame Menschheitsethos. Benedikt XVI. versteht, daß es beim »Projekt Weltethos keineswegs um eine abstrakte intellektuelle Konstruktion geht«. Vielmehr werden die »moralischen Werte ins Licht gesetzt, in denen die großen Religionen der Welt in allen Unterschieden konvergieren, und die sich von ihrer überzeugenden Sinnhaftigkeit auch der säkularen Vernunft als gültige Maßstäbe zeigen können«. Es bedeutet für das Projekt Weltethos zweifellos eine gewichtige Unterstützung, daß der Papst mein langjähriges Bemühen positiv würdigt, »im Dialog der Religionen wie in der Begegnung mit der säkularen Vernunft zu einer erneuerten Anerkennung der wesentlichen moralischen Werte der Menschheit beizutragen«. Mehr noch: daß er den » Einsatz für ein erneuertes Bewußtsein der das menschliche Leben tragenden Werte auch ein wesentliches Anliegen seines Pontifikates« nennt. Auch hier nachgefragt: Ob nicht bei einer nächsten Zusammenkunft von Religionsführern in Assisi oder anderswo statt nur gebetet, auch die gemeinsamen ethischen Standards der Religionen herausgehoben werden könnten?

Natürlich machte und mache ich mir keine Illusionen: Wir hatten uns verabredungsgemäß auf Fragen kirchlicher »Außenpolitik« konzentriert und die in der Kirchengemeinschaft heftig umstrittenen Fragen kirchlicher »Innenpolitik« höchstens am Rande gestreift.
 
Glänzende Fassade – bröckelnde Kirche

Papst Benedikt erwartet bestimmt nicht, daß ich in Zukunft meine Reformanliegen – es sind ja wahrhaftig nicht nur die meinen – verschweigen werde. Ja, von diesen muß jetzt nach dem ersten Amtsjahr in einer Art Zwischenbilanz ausdrücklich die Rede sein. Schon in dem erwähnten Offenen Brief an die Kardinäle zur Papstwahl habe ich zur Beantwortung der Frage, was für einen Papst die katholische Kirche brauche, nicht beliebige Kriterien angewandt, sondern solche, die sich am Neuen Testament, an der großen katholischen Tradition und am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) orientieren. Wenn ich sie nun auch jetzt wieder in einer ersten Zwischenbilanz des neuen Pontifikats zur Anwendung bringe, so tue ich dies nicht in einer Situation der Konfrontation und Polarisierung, zu welcher damals der polnische Pontifex die Kirche und auch mich persönlich gezwungen hatte. Ich tue es aus einer Haltung der kritischen Solidarität.

Benedikt XVI. – ein Papst der Hoffnung? Dies ist noch nicht abzusehen. Oder ist eine Lösung zentraler Fragen in Sicht? Genügt ein Appell an das Kardinalskollegium, der Kirche auf allen Ebenen frisches Leben einzuhauchen, ohne gleichzeitig so etwas wie ein Aktionsprogramm vorzulegen? Der Papst hat die Wahl: eine weitere Rückzugsstrategie in die vormoderne, vorreformatische Konstellation (Paradigma) des Mittelalters – oder eine Vorwärtsstrategie in die nachmoderne Konstellation, in welche die Welt schon längst eingetreten ist. Papst Benedikt kann zurückgehen – ich glaube nicht, daß er das will. Er kann auf der Stelle treten – nur das Papstamt zu zelebrieren statt der Kirche in ihrer Not zu helfen, wäre faktisch ein Rückschritt. Und er kann vorwärts gehen – das erhoffe ich von ihm, und mit mir ungezählte Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche.

Benedikt XVI. ist sich bewußt, daß die Kirche in einer ernsten Zeit lebt – nicht nur weil in den meisten Ländern der Priesternachwuchs, sondern auch die Identifizierung der jungen Generation und der Frauen mit der Kirche und überhaupt der Einfluß der Kirche in der Öffentlichkeit rapide zurückgehen. Er weiß sehr wohl, daß es seinem Vorgänger trotz aller Reden und Reisen nicht gelungen ist, seine rigiden Auffassungen insbesondere in Sexual- und Ehemoral gegen die überwältigende Mehrheit auch nur der Katholiken und gegen die nationalen Parlamente (etwa in Polen) durchzusetzen. Alle vatikanischen Enzykliken und Katechismen, Dekrete und disziplinarischen Sanktionen und alle offenen und versteckten Einflußnahmen haben in der Tat kaum etwas erreicht. Vielleicht hat Joseph Ratzinger auch vom Vatikan aus wahrnehmen können, daß die Kampagne der »Re-Evangelisierung Europas« die Ängste vor dem geistlichen Imperialismus Roms geschürt und unausgesprochen dazu beigetragen hat, daß beispielsweise die Erwähnung des Namens Gottes und sogar des Christentums als Kulturfaktor in der Präambel der Europäischen Verfassung abgelehnt wurde.

Während sein Vorgänger schon in seinem ersten Jahr neben Polen auch Mexiko, Irland und die Vereinigten Staaten bereist hatte, war der Besuch des Weltjugendtreffens in Köln Benedikts einzige Auslandsreise. Er dürfte sich darüber im klaren sein, daß die in Köln im August 2005 versammelte Jugend repräsentativ war nicht für »die Jugend«, sondern für die konservativen Bewegungen in Italien und Spanien, für Teile der polnischen Jugend und für manche Jugendliche in Deutschland, die sich in einer orientierungsarmen Zeit nach einem geistigen Halt und einer glaubwürdigen Autorität sehnen – von den vielen Schaulustigen und »Schlachtenbummlern« ganz zu schweigen. Daß davon aber nachhaltige Wirkungen für das alltägliche Pfarreileben oder den Priesternachwuchs ausgegangen wären, läßt sich bisher kaum feststellen. In der Tat: kein noch so imposanter kirchlicher Event kann ein lebendiges Gemeindeleben ersetzen, keine noch so glänzend renovierte Fassade das bröckelnde Gebäude retten.

Die Not der Kirche ist groß: Eine tiefe Kluft zwischen dem, was die Hierarchie gebietet, und dem, was die Kirchenmitglieder faktisch glauben und leben. Der Gottesdienstbesuch, aber auch die kirchlichen Trauungen zurückgegangen, die Ohrenbeichte in den meisten westlichen Ländern verschwunden, die Akzeptanz der kirchlichen Dogmen abnehmend. Die Kader sind ausgedünnt, der Nachwuchs fehlt. Schon jetzt hat die Hälfte aller katholischen Gemeinden auf der ganzen Welt, auch in manchen Entwicklungsländern, keine eigenen Priester mehr. In Bälde werden nicht nur im deutschen Sprachraum fast zwei Drittel der Pfarreien ohne ordinierte Seelsorger und ohne regelmäßige Eucharistiefeiern sein. Der zölibatäre Klerus schrumpft weltweit und ist durch die Pädophilie-Skandale von USA und Irland bis Österreich und Polen in seiner Glaubwürdigkeit schwer erschüttert. Er steht in seiner gesellschaftlichen Position geschwächt da und hat das Monopol auf Deutung des Lebensinnes und der moralischen Normen verloren.

Viele Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche fragen sich: Wird dieser Papst in Zukunft sich weiterhin ans mittelalterliche Kirchenrecht klammern, welches das Zölibatsgesetz und den Klerikalismus festgeschrieben hat, oder wird er sich mehr nach dem Kompaß des Evangeliums richten, das für alle anstehenden Probleme in Richtung Freiheit, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit weist? Dazu einige konkrete Fragen, die sich auch der Papst stellen sollte:
 
Kritische Fragen

Ein kollegialer Mit-Bischof? Wird der Papst sich wieder weniger als Alleinherrscher verstehen und präsentieren, sondern als leitender Bischof, eingebunden in das Bischofskollegium, im Dienst der ganzen Ökumene? Wird er die in der Kirche seit den ersten Jahrhunderten gegebene und vom Vatikanum II feierlich bestätigte Kollegialität des römischen Bischofs mit den anderen Bischöfen wieder stärken? Wenn der Papst von den Bischöfen blinden Gehorsam und Linientreue erwartet, können sich diese mit den Menschen ihrer Diözese nicht identifizieren. Nur wenn er als kollegialer Mit-Bischof dem Kollegium der Bischöfe vorsteht, wird er ihre Eigenverantwortung als »gute Hirten« und damit ihre Autorität in den Diözesen stärken.

Ein frauenfreundlicher Seelsorger? Ungezählte Frauen und Männer in der katholischen Kirche haben ganz praktische Erwartungen, und schon die baldige Realisierung des einen oder anderen Postulats würde ihrer Resignation und Frustration entgegenwirken. Haben sie doch die Hoffnung nicht aufgegeben, daß der Papst
•  bei komplexen Problemen wie Empfängnisverhütung, Abtreibung und Homosexualität auf vereinfachende moralisierende Verdikte verzichtet;
•  das Recht auf Ehe für Amtsträger, klar im Neuen Testament und in der Kirche des ersten Jahrtausends gewährleistet, respektiert und das erst aus dem 11. Jh. stammende diskriminierende Heiratsverbot für Priester überdenkt;
•  wiederverheiratete Geschiedene nicht auf Dauer unbarmherzig von der Teilnahme an der Mahlgemeinschaft fernhält;
•  das Recht der Ordensfrauen auf eigene Lebensgestaltung und Wahl der Kleidung anerkennt;
•  die Ordination von Frauen, wie sie sich vom Neuen Testament her für die heutige veränderte Situation aufdrängt, gestattet;
•  die unselige Enzyklika »Humanae Vitae« Pauls VI. über die Pille, die zahllose Katholikinnen ihrer Kirche entfremdet hat, korrigiert und die Selbstverantwortung der Partner für Geburtenkontrolle und Kinderzahl ausdrücklich anerkennt.

Solange ein Papst die Kirche faktisch in Mitglieder erster und zweiter Klasse einteilt, wird er die Zustimmung heutiger selbstbewußter Frauen nicht gewinnen. Nur wenn er als frauenfreundlicher Papst den Aufbau einer partnerschaftlichen Gemeinschaft von Frauen und Männern konkret in der Praxis vorantreibt, kann er die unterschiedlichen Fähigkeiten, Berufungen, Charismen in der Kirche ernstnehmen.

Ein ökumenischer Vermittler? Ob Papst Ratzinger, der schon so lange im römischen Milieu lebt, genügend realisiert, daß immer weniger Katholikinnen und Katholiken die konfessionelle Amtsanmaßung verstehen und akzeptieren, die
•  Amtshandlungen von protestantischen oder anglikanischen Pfarrern oder Pfarrerinnen (vor allem beim Abendmahl) für ungültig ansieht,
•  eine konfessionsverbindende Ehe als Vergehen und die aktive Teilnahme an einem evangelischen Abendmahl als religiöses Delikt betrachtet und
•  ökumenische Gottesdienste am Sonntag strikt verbieten will? Sicher hat er davon gehört, daß eine konfessionelle Gemeinschaftsverweigerung von der Großzahl der katholischen wie evangelischen Gläubigen nicht mehr verstanden und hingenommen wird, weil sie ihnen gegen den Geist Jesu verstößt, der bekanntlich alle, auch die von der frommen Gesellschaft Ausgeschlossenen, an seinen Tisch geladen hatte.

Papst Benedikt hat besonders bei seinem Deutschlandbesuch Worte und Gesten guten Willens gegenüber den orthodoxen und evangelischen Kirchen gemacht. Aber würde er nicht viele enttäuschen, wenn keine wirklichen ökumenischen Taten folgten? Er weiß sehr wohl: die Beziehungen zum Weltrat der Kirchen tragen wegen des andauernden römischen Machtanspruchs wenig Frucht und die Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche sind wegen römisch-katholischer Missionierungsbestrebungen belastet. Nicht der jetzt anscheinend abgeschaffte Papsttitel »Patriarch des Westens« ist für die Orthodoxen anstößig, sondern der eines römischen »Stellvertreters Christi«, der eine förmliche Jurisdiktion über die gesamte Kirche (bis nach Sibirien und Ostanatolien) beanspruchen möchte. Auch wäre es höchst bedauerlich, wenn Benedikts Bemühen um Annäherung zur Orthodoxie zu Lasten der ökumenischen Beziehungen zu den Kirchen der Reformation ginge, deren Theologien wie Strukturen ihm vermutlich ferner liegen.

Ungezählte Christen in aller Welt hegen die Hoffnung, daß Benedikt XVI., ein hervorragender Theologe,
•  die Ergebnisse der ökumenischen Dialogkommissionen sich zu eigen macht und energisch in die Tat umsetzt;
•  die durch ökumenische Kommissionen schon längst empfohlene und vielerorts schon praktizierte Anerkennung protestantischer und anglikanischer Ämter endlich vollzieht;
•  die »Verwerfungen« aus der Reformationszeit und die Exkommunikation Martin Luthers aufhebt;
•  die in vielen Gruppen und Gemeinden schon längst ohne großes Aufsehen praktizierte eucharistische Gastfreundschaft und die vielfältige praktische Zusammenarbeit begrüßt und fördert.

Solange Rom über die Christenheit herrschen will, wird es ihre Einheit verhindern. Nur wenn Rom der Christenheit dienen will, wird der Papst als ökumenischer Vermittler und Inspirator wirken können.

Ein Garant für Freiheit und Offenheit in der Kirche? Auch Papst Benedikt sucht die Begegnung mit Vertretern anderer Religionen. Er dürfte die von seinem Vorgänger initiierten Friedensgebete in Assisi 1986 und 2002 als wichtige Zeichen betrachten. Paßt es aber noch dazu, daß in dem von ihm als Kardinal verantworteten Lehrschreiben »Dominus Jesus« behauptet werden konnte, Nichtchristen lebten »objektiv in einer schwer defizitären Situation«? Er weiß doch bestimmt, daß dies viele Menschen anderer Religionen abgestoßen und der Glaubwürdigkeit des Papstes geschadet hat. Es ist zu hoffen, daß er das kritisch-selbstkritische Gespräch mit den Weltreligionen nicht lähmt, sondern wirklich voranbringt.

Benedikt XVI. würde sich als Papst der Hoffnung erweisen, wenn er seine Verantwortung für eine bessere und friedlichere Welt wahrnähme als ein Kirchenführer
•  der bei allem Anspruch auf Wahrheit kein Wahrheitsmonopol beansprucht;
•  der die anderen Religionen nicht nur belehren, sondern auch von ihnen, von ihren ästhetischen, spirituellen, liturgischen, ethischen und theologisch-philosophischen Traditionen, ohne alle synkretistische Vermischung lernen will;
•  der eine angemessene Autonomie der National-, Regional- und Lokalkirchen fördert, damit sie in eigener Verantwortung ihren Lebens- und Organisationsstil gestalten können;
•  der auch unangenehme »Anfragen« (wie die nach Bevölkerungsexplosion, Empfängnisverhütung und päpstlicher Unfehlbarkeit) ernstnimmt und beantwortet.

Solange der Papst einen römisch-absolutistischen Herrschaftsprimat zu realisieren trachtet, hat er einen Großteil von Christenheit und Weltöffentlichkeit gegen sich. Nur wenn er (nach dem Vorbild Johannes' XXIII.) einen vom Evangelium her erneuerten und der Freiheit verpflichteten pastoralen Dienstprimat zu praktizieren versucht, wird er ein Garant für Freiheit und Offenheit in der Kirche sein und der Welt als moralischer Kompaß dienen können.

Anders als zur Zeit Johannes' XXIII. und des Zweiten Vatikanischen Konzils herrscht im kirchlichen Alltag im Blick auf Rom in vielen Ländern Pessimismus und Defätismus. Das erfüllt mich mit tiefer Sorge, habe ich doch ein Theologenleben lang dafür gearbeitet, daß Menschen trotz großer Enttäuschungen in dieser Kirche die Hoffnung bewahren. Es würde die »winterliche Kirche« (Karl Rahner) in einen neuen Frühling führen, wenn Benedikt XVI. die Kirche aus der Vertrauens- und Hoffnungskrise herausführen könnte. Wie kein zweiter kennt er Kurie und Episkopat; anders als sein Vorgänger ist er ein guter Verwalter sowie ein Gelehrter von Format. Er könnte, wenn er wollte, Reformen durchführen, so sagte mir einer seiner Konkurrenten im Konklave, die ein mehr progressiver Kardinal und Papst nicht so  leicht durchführen könnte. So viele Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche erwarten, daß der hier umrissene Reformstau aufgelöst wird und die schon längst anstehenden strukturellen Probleme offen besprochen und einer Lösung zugeführt werden – sei es durch den neuen Papst persönlich oder durch die Bischofssynode oder schließlich durch ein Drittes Vatikanisches Konzil.
 

© Hans Küng 2006
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