Dritte Weltethos-Rede
von UN-Generalsekretär Kofi Annan
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Dialog zwischen UN-Generalsekretär Kofi Annan
und Prof. Hans Küng, Universität Tübingen, 12. 12. 2003

 


Hans Küng:
Sehr geehrter Herr Generalsekretär,
Sie spüren die Dankbarkeit von uns allen, insbesondere der jungen Generation, die Sie vorhin schon in den drei anderen Sälen getroffen haben. Sie haben bereits vor Ihrer Rede vier standing ovations bekommen, das war wirklich sehr außergewöhnlich. Ihre Rede hat uns bestätigt und uns ermutigt. Sie teilen unsere Vision einer friedlichen und nachhaltigen Zukunft unseres Planeten auf der Grundlage gemeinsamer menschlicher Werte. Ihre Rede wird wohl für all jene, die einem Weltethos verpflichtet sind, zu einem wichtigen Dokument werden.
Es macht natürlich einen gewaltigen Unterschied, lieber Kofi Annan, ob ich als bescheidener Gelehrter über universelle Werte spreche oder ob dies der Generalsekretär der Vereinten Nationen tut.

Kofi Annan:
Ja, wir machen das gemeinsam, das ist besser.

Hans Küng:
Also vielen, vielen Dank, und wir haben hier einen sehr fruchtbaren Boden für unseren Dialog bereitet. Erlauben Sie mir mit einer eher persönlichen Frage zu beginnen: April 2003 nach dem Beginn des Irakkriegs, das war eine dramatische Zeit für die UNO und muss eine sehr bittere Zeit für Sie persönlich gewesen sein. Für unsere jüngere Generation wäre es wichtig zu wissen, wie halten Sie das aus, wie halten Sie die Spannungen aus? Was ist die Quelle, woraus ziehen Sie persönlich Ihre Kraft und Stärke?

Kofi Annan:
Sie haben recht, Hans, es war natürlich eine besonders schwierige Zeit vor dem Krieg. Die Debatten im Sicherheitsrat und die Verhandlungen mit den verschiedenen Staaten, es war sehr schwierig für eine Organisation, die auf Konsens baut, eine Organisation, die die künftigen Generationen retten sollte vor den Plagen des Krieges. In dem Sicherheitsrat, in dem es um Krieg und Frieden geht, ist es besonders wichtig, weil die Grundlage unserer eigenen Organisation, unserer Charta, deswegen betroffen ist. Es war eine schwierige Zeit für die Organisation, es war eine schwierige Zeit für mich. Ich wurde sehr müde, als ich versucht habe, mich zwischen den beiden Welten zu bewegen. Es war eine schwierige Zeit. Ich war deprimiert, ich muss zugeben, ich war deprimiert über den Zustand der Welt, aber man muss weitermachen, man kann nicht aufgeben. Zum Glück ist meine Frau, die auch dabei ist, meine Partnerin, und sie war mir eine große Unterstützung. Ich habe mich mit meiner Familie, mit Freunden, Kollegen unterhalten, und wir sprachen oft über die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der größeren äußeren Welt und der kleineren Welt der Familie, und dieses Gleichgewicht zu behalten, ist oft eine Hilfe. Ich habe auch gute Kollegen im Büro. Ich habe auch einen guten inneren Kompass entwickelt, der mir hilft festzustellen, was richtig und was falsch ist. In Zeiten der Krise muss man tief in sich hineingehen, um Stärke und Mut zu finden, um weiterzumachen. Die äußeren Faktoren haben eine Auswirkung, aber wenn sie einen ganz beherrschen, dann wird man hin und her geschoben und wird nicht mehr fähig sein weiterzumachen. Jemand, der ein Team leitet, ist wie der Kapitän eines Schiffes. Man darf nicht die Kontrolle verlieren, man muss hoffen, man muss richtungweisend bleiben. Ich bin also dankbar, meiner Frau, meiner Partnerin, meinen persönlichen, sehr guten Mitarbeitern in New York, und ich bin auch den vielen Freunden dankbar, die mir geholfen haben. Und natürlich hilft mir auch mein Glaube.

Hans Küng:
Entgegen manchen Voraussagen war der Irakkrieg nicht bereits im Mai zu Ende, sondern dauert in anderer schrecklicher Form heute noch an. Und entgegen anderer Voraussagen ist die UNO nicht tot, sondern höchst lebendig. Wie beurteilen Sie die Lage der UNO heute im Vergleich zum April, als Sie zum ersten Mal herkommen wollten? Hat sie wieder mehr an Einfluss und Autorität gewonnen, ist die gegenwärtige Krise nicht vielleicht eine große Chance?

Kofi Annan:
Ja, ich glaube, es ist ein ziemlicher Unterschied zwischen damals und jetzt, die Stimmung in den Vereinten Nationen ist jetzt anders als im April. Im April glaubten manche Menschen, dass die Vereinten Nationen irrelevant seien. Ich glaubte das nicht. Ich wusste, dass die Situation schwierig war, dass wir eine Krise durchmachten. Aber wir haben schon früher Krisen durchgemacht und bewältigt, und wir würden auch diese bewältigen. Heute, nach dem Krieg, sehen die Mitgliedsstaaten mehr denn je, wie wichtig die Organisation ist. Es ist die einzige Organisation, die wir haben, das einzige globale Forum, in dem alle Nationen zusammenkommen, um gemeinsame Themen zu besprechen. Die einzige Organisation, die legitim ist, in Krisensituationen, wie im Irak.
Die Vereinigten Staaten sind ohne Zustimmung des Sicherheitsrates in den Krieg eingetreten, sind aber zu den Vereinten Nationen zurückgekommen und hatten um unsere Hilfe gebeten. Sie suchen Alliierte und Freunde, und viele Länder, die kooperieren werden, sehen zu, dass ihre Kooperation durch die Vereinten Nationen läuft. Nach der letzten Generalversammlung haben viele Staaten ihren Glauben an und ihr Vertrauen die Organisation erneut bestätigt. Das ist, glaube ich, sehr wichtig. So wie ich das sehe, haben die Vereinten Nationen wieder die Bühne übernommen. Aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Deshalb habe ich eine Arbeitsgruppe von hochrangigen Personen eingesetzt, die schauen soll, welche die neuen Bedrohungen und Herausforderungen sind. Wir müssen eine gemeinsame Antwort auf diese Herausforderungen finden, damit wir die Organisation stärken können und damit wir die Rechtsstaatlichkeit stärken können. Wenn wir die Zusammensetzung des Sicherheitsrats und der Vollversammlung ansehen, müssen wir zusehen, dass diese Organe effektiv arbeiten können. Wir müssen diese Krisensituation ausnutzen, um die Vereinten Nationen besser und stärker zu machen, und ich hoffe, dass wir konkrete Empfehlungen bekommen werden, die eine gute Basis für Aktionen seitens der Mitgliedsstaaten Ende dieses Jahres und im nächsten Jahr sein werden.

Hans Küng:
Die UNO musste Schreckliches im Irak erleben, als ihr Hauptquartier in Bagdad im August angegriffen wurde und Ihr persönlicher Vertreter und Freund, Vieira de Mello, und 20 andere Mitarbeiter getötet wurden.
Wie sehen Sie heute die Rolle der UNO, um den Weg zu einem demokratischen System im Irak zu ebnen? Wir wissen, dass die Lage sehr ernst, sehr schwierig ist. Wir sehen keine Lösung vor uns. Kann die Rolle der UNO über humanitäre Maßnahmen hinausgehen?

Kofi Annan:
Der 19. August war ein tragischer Tag für alle, die bei den Vereinten Nationen arbeiten. Nicht nur haben wir gute Freunde und Kollegen verloren, sondern es war auch das erste Mal, dass die blaue Flagge angegriffen wurde, auf diese gewalttätige Art und Weise. Die Neutralität des Roten Kreuzes wurde auch wenig später angegriffen. Wir mussten unsere Präsenz verringern, aber wir haben den Irak nicht verlassen. Wir haben immer noch einige hundert irakische Mitarbeiter, die für uns arbeiten, wir sind auch im Norden Iraks vertreten. Jetzt sehen wir in die Zukunft. Wir möchten dem irakischen Volk soviel wie möglich helfen, aber gleichzeitig möchten wir die Risiken für unser Personal weitestmöglich senken. Ich habe am Mittwoch einen Bericht für den Sicherheitsrat geschrieben, in dem ich erklärt habe, wie wir diese Situation verbessern wollen. Wir werden ein Büro einrichten in Zypern, mit einem kleineren Büro in Amman, und wir werden von dort aus operieren. Wir werden soviel wie möglich von außerhalb Iraks machen und grenzüberschreitende Operationen unternehmen, bei denen einige Mitarbeiter für ein paar Tage, ein paar Wochen, in das Land reisen, je nach Bedarf. Wir hoffen auch, dass einige irakische Beamte zu uns kommen können, um mit uns zu reden, wir werden die Situation an Ort und Stelle beobachten, und wir werden versuchen, die Situation abzuwarten, wann wir mit größerer Sicherheit in den Irak zurückkehren können.
Wir unternehmen humanitäre Aktivitäten im Irak, aber vor allem nehmen wir am Wiederaufbau teil. Wir wollen die Institutionen und die Menschenrechte stärken, und vor allem wollen wir die verfassungsrechtlichen und politischen Prozesse verbessern, um Wahlen abhalten zu können, um eine gültige irakische Regierung zu schaffen. Alle Möglichkeiten der Vereinten Nationen stehen den Irakis zur Verfügung, aber die Koalition der Besatzungsmacht, die für den Zustand im Irak verantwortlich ist, muss eine Situation schaffen, in der wir zurückkehren und dort auf normale Art und Weise arbeiten können. Manchmal fragen wir an, und sie sagen »ja, Sie können reinkommen und wir werden Sie schützen«; dann sage ich »ja gut, wir können reinkommen und wir können beschützt werden, aber unsere Arbeit findet mit den Menschen statt. Wir müssen die Irakis erreichen können, und sie müssen zu uns kommen können.« Solange wir diese Mobilität und Flexibilität nicht haben und hinter Barrieren geschützt werden, können wir nicht effektiv sein. Deswegen beobachten wir die Situation, und hoffentlich werden wir in naher Zukunft unsere maximale Unterstützung bieten können.

Hans Küng:
Sie kennen die Diskussion, die wir haben, zwischen dem so genannten »alten Europa« und den Vereinigten Staaten. Hinter dieser Kontroverse steckt sicherlich mehr als die üblichen Streitereien, die es in unserer transatlantischen Freundschaft immer wieder gab. Trotzdem, angesichts unseres Manifests »Brücken in die Zukunft«, geht es bei dieser Kontroverse um nichts anderes als ein neues Paradigma für globale Beziehungen, und die Europäer möchten nicht in das alte europäische Paradigma von militärischer Konfrontation, Aggression und Rache zurückfallen. Die USA haben uns dabei geholfen, nach dem zweiten Weltkrieg, die Erfolgsgeschichte eines neuen Paradigmas zu schreiben. Ein Paradigma des gegenseitigen Verständnisses, der Versöhnung, der Zusammenarbeit und der Integration. Dieses neue Paradigma hat in der Zwischenzeit in der gesamten OECD Verbreitung gefunden. Viele Leute haben Angst, dass die amerikanische Außenpolitik ein Sprung zurück in das alte Paradigma sein könnte, und meine Frage ist: Wie können die Vereinten Nationen die Entwicklung des neuen Paradigmas für globale Beziehungen unterstützen? Wie können wir vermeiden, dass wir in die alten Paradigmen zurückfallen? Die EU spricht heute in Brüssel über ein wichtiges Thema, wie Sie wissen. Das ist eine Erfolgsstory, und es geht nicht nur um die EU, es geht um die gesamte OECD, von Europa über Nordamerika, Australien, Neuseeland bis Japan. Wir haben jetzt 50 Jahre Frieden gehabt, und diesen Frieden würden wir gerne bewahren und ihn auch in andere Teile der Welt tragen. Was können die Vereinten Nationen tun, um der Welt zu helfen, um jeden in dieses neue Paradigma der Kooperation einzubeziehen?

Kofi Annan:
Zuerst möchte ich sagen, dass die Vereinten Nationen selber Teil des neuen Nachkriegsparadigmas sind. Wir wurden auch errichtet, damit Regierungen zusammenarbeiten und um sicherzustellen, dass die Kriege und die Fehler der Vergangenheit der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht wiederholt werden. 1945, als die Vereinten Nationen gegründet wurden und alle eine sichere Welt gesucht haben, haben wir Europa im Blick gehabt. Europa hat große Fortschritte gemacht bei der Erreichung eines gemeinsamen Marktes, der Europäischen Union, und die erweitert sich. Nicht nur das - Europa und die Europäer haben die Tatsache akzeptiert, dass man grenzüberschreitend zusammenarbeiten muss. Man muss ein bisschen Souveränität abgeben, um in Frieden mit den Nachbarn leben zu können. Man muss gewisse Normen akzeptieren, um harmonisch miteinander zusammenleben zu können. Sie haben also in Europa Fortschritte gemacht, wenn es darum geht, die Souveränität zu interpretieren und anzuwenden. Die Vereinigten Staaten haben das noch nicht gemacht, wenn es um nationale Souveränität und um den Beitritt zu internationalen Normen und Verträgen geht. Die Vereinigten Staaten sehen die Situation anders als Europa. Sie können das sehen an der Haltung zum Kyoto-Protokoll, zum Internationalen Gerichtshof und so weiter. Trotzdem haben Europa und die andere Seite des Atlantik es geschafft, gut zusammenzuarbeiten. Während des Kalten Krieges, als es eine gemeinsame Bedrohung gab, wurden die beiden Seiten des Atlantik viel enger zusammengehalten als jetzt. Jetzt arbeiten sie in einer neuen Welt, und in dieser Situation ist es schwieriger. Ich glaube aber, dass die Situation, die wir heute haben, überwunden werden kann, wenn die Regierungen bereit sind, mit offenem Geist und dem rechten politischen Willen zusammenzuarbeiten. Seit Schaffung der Vereinten Nationen hat die Charta der Vereinten Nationen sehr deutlich gemacht, dass, wenn es um Kriege geht, Regierungen das Recht auf Selbstverteidigung haben, wenn sie angegriffen werden. Wo es eine große Bedrohung für die internationale Sicherheit gibt, können wir Kollektivmaßnahmen nach der Charta unternehmen. Der Krieg im Irak hat einen neuen Ansatz, ein neues Phänomen des Präventivkriegs gebracht. In einer Situation, in der die meisten Menschen nicht gedacht haben, dass die Bedrohung drängend war, dass man handeln musste, und hier sind die Unterschiede sehr deutlich geworden. Eine Herausforderung, welche die von mir eingesetzte Arbeitsgruppe anschauen wird: Welchen neuen Bedrohungen und Herausforderungen stehen wir gegenüber? Zum Beispiel, wenn es eine terroristische Organisation gibt, die eine Massenvernichtungswaffe bekommt und sie gegen eine Nation oder gegen die Welt einsetzt. Dann muss man vorbeugend tätig werden. Wenn wir davon ausgehen, dass die Hypothese korrekt ist, und dass so etwas möglich sein könnte, wie können wir das bewältigen? Wer handelt und wie? Ich hoffe, dass mein Ausschuss die Situation anschauen wird. Wenn Präventivschläge erlaubt werden, wer entscheidet darüber, wenn man über die gegenwärtige Charta hinausgeht? Ich hoffe, dass wir einen weiteren neuen Konsens finden werden, einen Konsens der Art, wie er nach Ende des Zweiten Weltkriegs möglich wurde, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Hier glaube ich auch, dass Dialog und Toleranz von grundlegender Bedeutung sein werden. In dem, was ich zum Irak gesagt habe, habe ich gesagt, es gab Unterschiede, aber jetzt ist die Zeit da, dass wir alle wieder einen gemeinsamen, internationalen Konsens finden sollten, um den Irak zu stabilisieren, weil das im Interesse von uns allen ist. Deswegen müssen wir gemeinsame Schritte unternehmen.

Hans Küng:
Sie haben auch über die ambivalenten Phänomene der Globalisierung gesprochen. Ich glaube, viele Leute auf aller Welt sind empört über die Finanzskandale an der Wall Street, und auch in Europa gibt es solche Entwicklungen. Das Parlament der Religionen 1993 in Chicago hat einen ganzen Paragraphen über Wahrhaftigkeit ausgearbeitet, und ich meine, wenn man irgendetwas dem UN Global Compact hinzufügen müsste, dann wäre das die Bedeutung von Wahrhaftigkeit. Wenn wir nicht mehr Wahrhaftigkeit bekommen, mehr Transparenz, dann ist es sehr schwierig für die Geschäftswelt, und wir haben gesehen, dass das nicht irrelevant für die Wirtschaft ist. Wenn Bilanzen gefälscht werden und wenn sogar Topmanager Lügen fabrizieren, dann ist es sehr schwierig für die Wirtschaft. Glauben Sie nicht, dass es wichtig wäre, diesen oft vergessenen Wert »Wahrhaftigkeit« zu stärken?

Kofi Annan:
Ich gebe Ihnen Recht. Am 9. Dezember wurde eine neue UN Konvention gegen die Korruption in Merida (Mexiko) zur Unterschrift vorgelegt. Regierungen sollen im Kampf gegen Korruption zusammenarbeiten; man sollte gestohlene Gelder zurückgeben; wenn Führer von armen Ländern Gelder gestohlen und anderswo deponiert haben, sollten diese den Ländern zurückgegeben werden. Das ist eine Herausforderung, vor der wir heutzutage stehen. Korruption unterminiert die Entwicklung, das haben wir an der Wall Street gesehen, wo es in den 1990er Jahren geheißen hat »Gier ist gut«. Die feste Absicht, immer mehr Geld zu bekommen, hat zu dem Missbrauch geführt, mit dem wir jetzt fertigwerden müssen, aber wir brauchen ein neues Ethos, neue Standards. Man muss wirklich schwer daran arbeiten, die Korruption zu überwinden, weil sie wirklich eine sehr korrosive und korrumpierende Wirkung auf die Wall Street und auf die ganze Entwicklungsarbeit hat. Sie haben vom Global Compact gesprochen. Es gibt zur Zeit Diskussionen: Man hat noch nicht entschieden, ob diese Frage von Korruption und Wahrhaftigkeit vielleicht nicht zum zehnten Grundsatz des Global Compact werden sollte.

Hans Küng:
Krieg gegen Terrorismus, die Terroristen. Natürlich gibt es viele Kriminelle, aber nicht alle Terroristen sind Kriminelle. Ich glaube, es wäre wichtig, Terrorismus zu bekämpfen, kein Zweifel daran, aber andererseits: was, glauben Sie, sind die Hauptursachen von Terrorismus heute?

Kofi Annan:
Sie haben auch da Recht. Wir müssen den Terrorismus bekämpfen. Es kann nie gerechtfertigt werden, wenn Bürger einfach getötet werden, unschuldige Menschen getötet werden. Gleichzeitig müssen wir uns den Situationen stellen, die Menschen so zur Verzweiflung treiben, dass sie solche Handlungen unternehmen, oder Gruppen schaffen, die Menschen sehr leicht für den Terrorismus rekrutieren können. Wenn man die Grundursachen der Verzweiflung nicht bekämpft - die Menschen fühlen sich gedemütigt, ihr Leben ist nicht lebenswert -, werden wir die Gewaltexzesse, die wir um uns herum sehen, nicht überwinden können. Manchmal denken wir, dass wir den Fehler machen, Arme mit Terroristen gleichzusetzen. Aber nicht alle Armen sind Terroristen. Es geht nicht nur um die soziale Situation, aber die spielt auch eine Rolle. Manche Menschen sind so verzweifelt, dass sie etwas gegen ihre Situation unternehmen wollen, und wir müssen deswegen die Grundprobleme bekämpfen. Aber hier muss ich auch eine Warnung aussprechen. Indem wir versucht haben, effektiv gegen den Terrorismus vorzugehen, haben wir in letzter Zeit die Bürgerrechte, die Menschenrechte tendenziell ausgehöhlt, und manche Leute glauben, man müsse entscheiden zwischen Menschenrechten und Bekämpfung des Terrorismus. Ich glaube nicht an diese Wahl. Ich glaube, wenn man aufgefordert wird, die Freiheit aufzugeben, die Menschenrechte aufzugeben und die Bürgerrechte aufzugeben wegen der Sicherheit, und wenn man darin einwilligt, muss man sich fragen, hat man denn schließlich wirklich Sicherheit?

Hans Küng:
In diesem Zusammenhang möchte ich gerne wissen, was Sie von einer Hauptursache des Terrorismus halten, dem ungelösten Nahostkonflikt, und ich glaube, wenn wir von verzweifelten Menschen sprechen, dürfen wir die Palästinenser nicht vergessen. Es liegt jetzt sehr viel Forschungsarbeit durch die Europäische Kommission vor, und ohne Zweifel gibt es einen Anstieg des Antisemitismus in allen europäischen Ländern. Heute spricht der Bundestag darüber. Natürlich müssen wir gegen Antisemitismus kämpfen. Aber auf der anderen Seite, glauben Sie nicht, dass wir die jüdischen Stimmen hören müssen, die uns in Amerika und Israel sagen, dass der beste Kampf gegen den Terrorismus in der Welt eine geänderte Politik gegenüber den Palästinensern wäre und man also eine Lösung für das Problem der beiden Staaten in gesicherten Grenzen finden müsste, mit einem palästinensischen Staat, der lebensfähig wäre?

Kofi Annan:
Die palästinensische Krise war eine Quelle des Streits und ist von vielen Gruppen ausgenutzt worden und von vielen Organisationen, die behaupten, für die Palästinenser zu arbeiten. Es ist tatsächlich eine verzweifelte Situation. Wir sind in der Region tätig, wir haben eine Organisation namens UNRWA. Wir sind mit ungefähr 12.000 Mitarbeitern wahrscheinlich der größte Arbeitgeber in der Region, wir leiten Krankenhäuser und Schulen, bieten humanitäre Hilfe und liefern Lebensmittel. Wir sehen die tagtägliche Situation der Palästinenser, wir sehen die Auswirkungen der Blockade, dass sie von ihrem Land, von ihrer Arbeit, ferngehalten werden, und es ist sogar manchmal für uns schwierig, lebensnotwendige Arbeit und Lebensmittel an die Menschen zu bringen. Als wir diese »Roadmap« für den Frieden ausgearbeitet haben, haben wir gedacht, dass wir die palästinensischen und israelischen Führer zusammenbringen könnten um zusammenzuarbeiten, damit der Prozess funktioniert, weil zum ersten Mal ein Vorschlag auf dem Tisch lag, der von den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union, der Russischen Föderation und den Vereinten Nationen erarbeitet worden war. Das war also ein globaler Vorschlag. Ich dachte, sie könnten damit arbeiten Aber wir befinden uns in einer etwas ungünstigen Situation inzwischen, haben aber immer noch Hoffnung, dass dieser Plan ausgeführt werden kann. Doch die Hoffnungszeichen kommen von der Zivilgesellschaft. Die Genfer Initiative war wichtig. Sie hat eine Diskussion ins Rollen gebracht. Zeitungen in der Region sprechen von Frieden. Plötzlich wird die Öffentlichkeit daran erinnert, dass es eine Alternative gibt, dass man die Probleme auf friedliche Art und Weise lösen kann, dass das Töten ein Ende haben kann. Jetzt gibt es einen neuen palästinensischen Premierminister, und ich hoffe, dass er in der Lage sein wird, den Sicherheitsapparat zu übernehmen, damit er mit anderen Palästinensern zusammenarbeiten kann, um diese »Roadmap« voranzutreiben. In Israel sehen wir Zeichen, dass es eigene Vorschläge für den Frieden geben könnte, und das ist ein Hinweis darauf, wie stark der Druck der Zivilgesellschaft sein kann. Es gibt die Genfer Initiative, es gibt eine weitere Initiative von einem Palästinenser und einem Israeli, die eine Seite in Umlauf gebracht haben, auf der sie um Unterschriften für den Frieden gebeten haben. Zu einer Gedenkfeier für Yitzhak Rabin sind 100.000 Menschen gekommen. Es gibt also Hoffnung, und ich hoffe, dass es ein Fenster gibt, das wir ausnützen können, damit die internationale Gemeinschaft zusammenarbeiten kann. Wenn aber Israel als stärkere Partei einige Gesten machen würde, wäre das eine Hilfe. Zum Beispiel Rückzug aus Gaza oder einige Siedlungen oder Straßensperren auflösen. So wie wir im »Quartett« das sehen, müssen wir Hoffnung bieten, die »Roadmap« muss auch etwas leisten, und die Menschen müssen etwas haben, worauf sie hoffen und woran sie glauben können. So schwierig es auch sein mag, habe ich die Hoffnung nicht verloren. Aber ich gebe Ihnen recht. Wenn das Palästinenserproblem gelöst werden könnte, würde nicht nur die Besatzung Palästinas beendet, sondern es wäre die Möglichkeit, vielen Gruppierungen die Ausrede, die Rechtfertigung für die Gewalt zu nehmen.

Hans Küng:
Was halten Sie von den Religionen und ihrer Rolle?

Kofi Annan:
Es hat im Jahr 2000 ein Treffen von religiösen Führern in New York gegeben, wo wir über Frieden und die Aussichten für das 21. Jahrhundert gesprochen haben. Religiöse Führer können viel bieten. Schauen Sie die großen Weltreligionen an. Auch für diejenigen, die behaupten, nicht religiös zu sein, Agnostiker zu sein, gibt es immer noch eine soziale Moral: es ist falsch zu töten, man sollte dem Mitmenschen gegenüber gerecht sein. Selbst die eigene Botschaft verkünden und dafür sorgen, dass die Religionsgemeinschaft und die Öffentlichkeit nach diesen Werten leben, wäre sehr wichtig. Aber ich glaube, es wäre eine Hilfe, wenn die religiösen Führer und die Kirchen weiterhin Mitleid, Solidarität und Verständnis für die Mitmenschen predigen würden, weil wir in einer sehr, sehr schwierigen Welt leben. In einer Welt, wo viele Menschen hungrig ins Bett gehen, wo 130 Millionen Kinder, hauptsächlich Mädchen, keine Schulbildung bekommen, wo täglich 8000 Menschen an AIDS sterben - und diese Krankheit breitet sich immer noch wie ein Lauffeuer in Asien aus, in Russland, in den ehemaligen Sowjetrepubliken, in der Karibik. Afrika ist natürlich am schwersten betroffen. Wir müssen also viel Mitleid zeigen und miteinander zusammenarbeiten. Ich weiß, dass einige Menschen heutzutage sich von der Religion abwenden, weil sie denken, dass die Religion extremistisch sei und dass Greueltaten im Namen der Religion passieren. Aber ich glaube, dass das Problem nicht der Glaube an sich ist, es liegt nicht an der Bibel, am Koran, an der Thora. Es geht um die Gläubigen, nicht um den Glauben, um die Gläubigen und wie sie ihren Glauben ausleben.

Hans Küng:
Wenn Sie erlauben, werde ich zwei, drei Fragen aus dem Publikum zulassen.

Professor Rittberger:
Herr Generalsekretär, was halten Sie als Wächter der UN-Charta davon, dass andere Organe, der Sicherheitsrat zum Beispiel, eine sehr erweiterte Sicht und Interpretation ihrer Rolle eingenommen haben? Sehen Sie einen Weg, Ihre Privilegien unter Artikel 99 auszuweiten, um »Checks and Balances« in diesem Kontext einzuführen? Und da der deutsche UN-Botschafter hier ist: Für die Reform des Sicherheitsrates haben wir eine offene Arbeitsgruppe, die manche als Sackgasse betrachten. Sehen Sie, wie diese Operation beendet werden kann, mit einer endgültigen Anstrengung, dass man zumindest die deutschen Aspirationen mit Hoffnung sehen kann, dass eine moderate Änderung hier eintreten kann? Etwa die Streichung des letzten Satzes in § 2 des Artikels 33, in dem es heißt, dass die nicht ständigen Mitglieder nicht unmittelbar wiedergewählt werden können? Wäre das nicht eine Möglichkeit, die Anträge von Japan und Deutschland zu erfüllen, indem man ihnen die Möglichkeit gibt, quasi »ständige« nicht-ständige Mitglieder zu werden?

Kofi Annan:
Zu der ersten Frage: die Vorrechte des Generalsekretärs und die Rolle des Rats. Als Generalsekretär arbeite ich sehr effektiv mit dem Rat zusammen. Es gibt Themen, wie Sie angedeutet haben, bei Artikel 99, wo der Generalsekretär das Recht hat, Themen dem Sicherheitsrat vorzulegen, von denen er meint, dass sie Auswirkungen auf den internationalen Frieden und die Sicherheit haben könnten, und der Rat wird gebeten, diese Themen zu besprechen. Ich habe etliche Themen dem Rat vorgelegt, ohne mich ausdrücklich auf Artikel 99 zu berufen, aber es war trotzdem deutlich, dass ich in diesem Geiste gehandelt habe. Zweitens, im Laufe der Jahre, seitdem ich Generalsekretär wurde - und Günther Pleuger, der deutsche Botschafter, kann das bestätigen -, habe ich sehr effektiv mit dem Rat zusammengearbeitet. Manchmal habe ich Ratschläge angeboten, manchmal habe ich geholfen beim Konsensfinden, manchmal habe ich Vorschläge unterbreitet, um den Rat handlungsfähig zu machen. Wenn es Beschwerden gibt über die erweiterte Rolle des Rates, hat es keine Auswirkungen auf meine Handlungsfreiheit, meine Handlungsfähigkeit. Die Meinungsverschiedenheiten sind eher zwischen dem Sicherheitsrat und der Generalversammlung, das sind die zwei Organe, die meinen, dass der Rat in Bereiche eindringt, die ihnen vorbehalten werden sollten, aber ich als Generalsekretär konnte frei handeln, und manche sagen, ich bin zu aktiv, ich versuche mehr General als Sekretär zu sein. [Gelächter, Applaus] Aber die Arbeit verlangt beides, manchmal muss man General sein, manchmal Sekretär, aber man muss beides können.

Professor Kuschel:
Herr Generalsekretär, Sie haben von der Rolle der Weltreligionen gesprochen. Wir interessieren uns sehr für diesen Dialog auf globaler Ebene. Könnten Sie etwas sagen zu diesem Thema? Was ist die Rolle des interreligiösen Dialogs derzeit? Haben Sie persönliche Beziehungen zu Vertretern der großen Weltreligionen, die auch viel zum Frieden auf der Welt beitragen könnten?

Kofi Annan:
Ich habe Kontakte zu vielen religiösen Führern. Manchmal besuchen sie mich, manchmal besuche ich sie, wenn ich in ihrer Region bin, und wir stehen natürlich in einem regen Briefaustausch. Ich glaube, dass ist sehr hilfreich und ermutigend. Es gibt auch Zeiten, wo sie bei den Vereinten Nationen zusammenkommen, um Tagesthemen zu besprechen, und dann verabschieden sie Resolutionen und Erklärungen, die sie uns dann überreichen. Es gibt spezielle Bereiche, wo wir zusammenarbeiten, wo wir Kooperationsmöglichkeiten sehen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, die in größter Armut leben. Beim Kampf gegen HIV versuchen wir mit religiösen Gruppen zusammenzuarbeiten, in Afrika und in Asien. Wir arbeiten nicht nur mit protestantischen Gruppen, sondern auch mit katholischen. Also geht es nicht nur um philosophische Diskussionen, sondern auch um praktische Erfahrungen, praktische Arbeit, und die Mitglieder werden ermutigt, mitzumachen bei uns, wenn es um Ethos und Werte geht; da haben sie auch sehr viel zu bieten.

Claudia Kerscher (Studentin):
Herr Generalsekretär, am Ende der Diskussion mit Professor Küng haben Sie kurz den afrikanischen Kontinent angesprochen. Ich möchte gerne wissen, wo Sie die Position und die Entwicklung von Afrika im Globalisierungsprozess sehen?

Kofi Annan:
Es ist ein Kontinent, der nicht so gut abgeschnitten hat bei der Globalisierung. Es gibt Länder auf dem Kontinent, die eine große Rolle spielen. Südafrika zum Beispiel, Botswana, andere Länder, wo es Mineralvorkommen gibt wie Gold oder Erdöl. Afrika hat auch unter den Konflikten gelitten, aber in diesem Jahr sehen wir einige sehr positive Entwicklungen, wir machen gute Fortschritte, zum Beispiel mit dem lang andauernden Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo. Es gibt eine neue Übergangsregierung unter Beteiligung aller Betroffenen. Es ist auch möglich, dass wir noch vor Ende dieses Jahres ein Friedensabkommen im Sudan sehen könnten. Das ist der am längsten dauernde Krieg. Angola ist gelöst worden, aber Burundi steht noch aus. Wenn wir Burundi lösen können und Sudan, wird die ganze Region des südlichen Afrika zum ersten Mal seit Jahrzehnten konfliktfrei sein. Und mit Südafrika als Motor der Entwicklung, das wirtschaftlich zu einer Menge fähig ist, kann in der ganzen Region das Los der Bevölkerung verbessert werden, sie können zusammenarbeiten im Elektrizitätswesen, beim Tourismus und bei vielen wirtschaftlichen Tätigkeiten, die es ihnen ermöglichen würden, die Chancen zu bekommen, die sie verdienen. Die Menschen haben genug vom Krieg, sie wollen den Frieden. Gleichzeitig ist das Problem von HIV/AIDS einfach verheerend in vielen Ländern. Die Lebenserwartung in einigen Ländern ist um 20 Jahre gesunken. Es gibt 12 Millionen AIDS-Waisenkinder. Die Krankheit rafft Menschen im produktivsten Alter hinweg. Es gibt 10-, 12jährige, viel jünger als Sie hier in diesem Saal, die bereits die Rolle der verstorbenen Eltern einnehmen müssen. Auch das wirft den Kontinent zurück. Deswegen ist es sehr, sehr wichtig, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um diese Krankheit einzudämmen.
Ich habe kürzlich auf BBC gesprochen und ich sagte, wir machen uns Sorgen um Massenvernichtungswaffen, aber für die Menschen, die in diesen Ländern leben, ist die HIV-Epidemie eine Massenvernichtungswaffe, und ich hoffe auf etwas Unterstützung seitens der internationalen Gemeinschaft, denn afrikanische Führer sind inzwischen auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sie denken an gute Regierungspraktiken, sie denken an landwirtschaftliche Produktivität, und die Menschen selber wachen auf. Es ist also nicht hoffnungslos, aber sie können es nicht alleine machen, sie brauchen Hilfe, und ich hoffe, dass wir letzten Endes in der Lage sein werden, ein Handelsabkommen zu unterschreiben. Es ist in Cancun misslungen, aber es soll wieder zum Leben erweckt werden, und wenn wir eine Vereinbarung über freien Handel haben, wo die Subventionen für die Landwirtschaft in Europa und in den USA gesenkt werden, dann werden diese Länder konkurrieren können.

Hans Küng:
Tut mir leid, ich muss mich ans Protokoll halten. Leider ist die Zeit vorüber. Ich glaube, ich kann nicht besser unsere Dankbarkeit äußern, als mit dem Applaus für Sie. Ich glaube, alle möchten ihre Dankbarkeit ausdrücken für Ihre Stärke, für die Hoffnung, die Sie uns gegeben haben, und Sie können sicher sein, Herr Generalsekretär, dass Sie unsere Sympathie, unsere Unterstützung haben, und ich glaube, die junge Generation hier steht für sehr, sehr viele Menschen in Deutschland, und Sie können sicher sein, dass Sie auf der ganzen Welt Sympathie und Unterstützung weiterhin haben werden. Vielen, vielen Dank.

[Langer Applaus]
 

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