| Globales
Ethos angesichts globaler Bedrohung |
 |
Zwölf Reflexionen
© Hans Küng
|
 |
November 2001:
Anlässlich der Terroranschläge in den USA und den daraus
resultierenden Folgen, die ein trauriges Beispiel für die Forderung
Prof. Küngs nach Annäherung der Weltreligionen abgeben, stellt
Küng 12 Thesen zur Friedensethik auf.
Die 12 Reflexionen über »Globales
Ethos angesichts globaler Bedrohung« zum Umgang mit dem Terrorismus
sind im November-Heft der Zeitschrift Chrismon unter dem Titel »So
wird Frieden möglich« veröffentlicht.
|
1. Solidarität?
Den Opfern und ihren Angehörigen, ja, der ganzen amerikanischen
Nation gehört angesichts des monströsen Attentats unser uneingeschränktes
Mitgefühl und unsere aktive Solidarität. Diese Solidarität
hat aber Grenzen an militärischen Abenteuern, die, wie im Fall früherer
Raketenangriffe auf den Sudan, unberechtigt oder, auf Afghanistan, unnütz
waren und im Fall von Landoperationen in Afghanistan ungewiss sind. Ein »Krieg« mit
Flottenverbänden und Flugzeuggeschwadern gegen ein terroristisches
Netzwerk bringt Risiken mit sich: unberechenbare Ausweitung und antiwestliche
Solidarisierung. Diese erhöhen sich, wenn noch mehr Opfer unter
der Zivilbevölkerung und eventuell auch unter den eigenen Soldaten
zu beklagen sind.
|
2. Strafmaßnahmen?
Auch die große Masse der Muslime in Deutschland und
in der Welt ist über die Terrorangriffe bestürzt. Die Schuldigen
sind aufzuspüren und, wenn sie unzweifelhaft feststehen, abzuurteilen.
Gewaltanwendung kann bei ihrer Festnahme nicht ausgeschlossen werden.
Zugleich jedoch sollten die USA (und Israel) ihre Opposition gegen die
Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag aufgeben.
|
3. Racheaktionen?
Reine Racheaktionen sind durch Völkerrecht verboten. Gegen
das
»Aug um Aug, Zahn um Zahn« der Hebräischen Bibel verstößt,
wer dem Gegner
»zwei Augen« nimmt oder »mehrere Zähne« einschlägt
und mit Panzern, Hubschraubern und Raketen gegen Steine werfende Jugendliche
und Unschuldige vorgeht. Gegen das christliche Vergeltungsverbot, demzufolge
Böses nicht mit Bösem vergolten werden soll, vergeht sich,
wer in einem »Kreuzzug« jegliches militärische Mittel
zur Bestrafung einer Nation, in der sich Attentäter aufhalten, als
berechtigt ansieht (»humanitäre Kollateralschäden«).
Glücklicherweise hat man in Washington die Strategie des »einen
großen Schlages« (gegen Afghanistan, Irak und Syrien) zugunsten
einer diplomatischen Anti-Terror-Allianz aufgegeben. Rache, »Revanche«,
die Unrecht durch noch größeres Unrecht beantwortet, hat in
der europäischen Geschichte und in anderen Teilen der Welt unendlich
viel Elend über die Völker gebracht. Willkürliche Bombardements
bewirken nichts, sondern stacheln nur den Hass an. Terror darf nicht
mit Terror beantwortet werden, sondern mit den Mitteln eines Rechtsstaats.
|
4. Infinite Justice?
Die deutsche Übersetzung »grenzenlose Gerechtigkeit« ist
unrichtig (dies wäre im Englischen »boundless, unlimited justice«). »Unendliche
Gerechtigkeit« ist wie »unendliche Barmherzigkeit« ein
Gottesattribut, das den Menschen nicht zusteht. »Fiat iustitia,
pereat mundus« wäre als Prinzip der Weltpolitik mörderisch.
Der alte Satz »Summum ius summa iniuria« (»höchstes
Recht höchste Ungerechtigkeit«) warnt vor der Verabsolutierung
des Rechts à la Michael Kohlhaas, die zu Mord und Totschlag, Unrecht
und Unmenschlichkeit führen kann. Es geht nicht um einen apokalyptischen
Kampf zwischen Gut (»wir«) und Böse (»sie«).
Erfreulicherweise hat die USA-Regierung
»Infinite Justice« jetzt ersetzt durch »Enduring Freedom« (»nachhaltige
Freiheit«).
|
5. Clash of Civilizations?
Samuel Huntingtons Erklärungsmodell vom »Kampf der
Kulturen« (so der deutsche Buchtitel) ist ungeeignet und dient
zur Rechtfertigung von Vorurteilen. Die Angriffe islamistischer Terroristen
galten nicht christlichen Symbolstätten, sondern Symbolstätten
des amerikanischen Imperiums, dem wirtschaftlichen und militärischen
Nervenzentrum der USA. Es handelt sich gerade nicht um einen generellen
Zusammenprall zwischen »dem Islam« und
»dem Westen«, sondern um die mörderische Attacke einer
verschwindend kleinen, aber intelligenten, todesmutigen und so höchst
gefährlichen Gruppe von Muslimen, die vor allem politische Ziele
verfolgen, dabei allerdings religiös motiviert sind.
|
6. Ursachen?
Jegliche monokausale Erklärung greift zu kurz. Ernstzunehmen
sind:
a)
die Ressentiments der Araber gegenüber dem Westen: Die Wunden des
europäischen Kolonialismus und Imperialismus, als mehr als ein Jahrhundert
lang fast die gesamte islamische Welt von Marokko bis Indonesien unter der militärischen,
wirtschaftlichen und politischen Herrschaft Englands, Frankreichs, Russlands
und der Niederlande stand, sind noch keineswegs verheilt;
b)
die Ressentiments gegen die Präsenz der USA am Persischen Golf: Der
Angriff auf das islamische Brudervolk Irak und die massive Präsenz amerikanischer
Truppen auf »heiligem arabischem Boden« nahe bei Mekka und Medina
war für Fanatiker wie bin Laden, der ursprünglich von Amerika aufgerüstete
Bundesgenosse, Anlass zum Frontwechsel gegen Amerika. Die Unterstützung
undemokratischer Regime, auch in Kuwait nach dem Golf-Krieg, hat den Anti-Amerikanismus
verstärkt. Die Dauerpräsenz von zehntausenden amerikanischer Soldaten
in der Golfregion seit dem Golfkrieg wird von vielen Muslimen als Demütigung
und Demonstration amerikanischer Hegemonie verstanden;
c)
die Ressentiments gegen Israel als amerikanischen Brückenkopf im
arabischen Raum: über fünfzig Jahre praktisch parteiliche »Vermittlungspolitik«
der USA für Israel (Schimon Peres: »52 Jahre haben die USA
Israel keinen Wunsch abgeschlagen«) haben vor allem die Palästinenser,
deren Situation sich ständig verschlimmert hat, an der ehrlichen
Maklerschaft der Vereinigten Staaten für den Frieden zweifeln lassen.
Der Nahost-Konflikt ist im Kern nicht ein terroristisches Problem, sondern
ein Territorialkonflikt. Wenn es nach 50 Jahren nicht endlich gelingt,
eine friedliche Nachbarschaft zwischen Israel und einem lebensfähigen
Palästinenserstaat zu erreichen, wird man immer wieder mit Terrorangriffen
inner- und außerhalb der Region rechnen müssen. Friede erfordert
ein Nachgeben von beiden Seiten, vor allem aber von Seiten des Stärkeren,
und das ist heute Israel, mit Unterstützung der USA die stärkste
Militärmacht im Nahen Osten.
|
7. Terrorismus islamisch?
Die terroristische Attacke auf die USA ist von der überwältigenden
Mehrheit der Muslime sofort als unislamisch verurteilt worden. Individueller
oder staatlicher Terrorismus gilt unter den Muslimen allgemein als eine
Pervertierung des Islam. Auch im Koran wird dazu aufgefordert, Böses
mit Gutem zu erwidern oder abzuwehren (Sure 13,22). Die Menschen sollen
mit Weisheit ermahnt werden, »auf die beste Weise mit Gegnern zu
streiten«
(16,125), und das meint offensichtlich: nicht mit Gewalt, sondern auf
friedliche Weise. Zentrale Koranaussage ist der von Muslimen immer wieder
zitierte Grundsatz: »Kein Zwang in der Religion« (2, 256).
|
8. »Djihad« im Koran?
Wie die Hebräische Bibel, so enthält auch der Koran
Aufforderungen zu Kampf und Krieg. Aus der Frühgeschichte der muslimischen
Gemeinschaft erklärt sich, dass die Teilnahme am Krieg im Koran
wie in den Rechtstexten zur Pflicht gemacht wird. »Djihad« meint
zwar nicht »heiliger Krieg«, sondern zunächst einmal »Anstrengung« im
moralischen Sinn, ein »Bemühen auf dem Wege Gottes«.
Die gemäßigten Muslime verstehen das Wort heute allgemein
so. Aber man darf nicht bagatellisieren, dass »Djihad« auch
schon in den ursprünglichen Quellen als kriegerische Auseinandersetzung
verstanden wird. Und diese Aussagen können heutzutage leicht von
politischen Fanatikern missbraucht werden. Deshalb stellt sich hier grundsätzlich
die Frage nach der Koraninterpretation (»Koranhermeneutik«),
wie wir uns als Juden und Christen ja auch schon seit langem den schwierigen
Fragen der Bibelhermeneutik stellen mussten. Der Islam muss sich der
Auseinandersetzung mit der Moderne ehrlich stellen!
|
9. Weltpolitische Neubesinnung?
Auch in den westlichen Industriestaaten drängt sich angesichts
der Verschlechterung der politischen Atmosphäre seit dem Amtsantritt
von Ministerpräsident Sharon und US-Präsident Bush eine Neubesinnung
auf:
• statt die Spirale der Gewalt hochzudrehen die Bemühung um
De-Eskalation;
• statt Gewöhnung an Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern
die Mitverantwortung für Lösungen;
• statt westlicher Parteilichkeit ehrliche Maklerschaft;
statt Konfrontation neue Vertrauensbildung auf allen Ebenen;
• statt Symptombekämpfung Therapie an den sozialen und politischen
Wurzeln des Terrors. Wenn jetzt plötzlich überall Milliarden für
militärische
und polizeiliche Zwecke lockergemacht werden können, sollten auch entsprechende
Mittel für die Verbesserung der sozialen Lage der Massen zur Verfügung
stehen, welche die Verlierer bei der Globalisierung sind und daher vielfach Zuflucht
bei fundamentalistischen Gruppen suchen.
|
10. Weltethos?
Durch die Tragödie in den USA ist vielen die Dringlichkeit
des Projekts Weltethos überhaupt erst aufgegangen: Kein Frieden unter
den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und kein Frieden unter
den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Wenn dieser Dialog
nicht stattfindet oder abgebrochen wird, so ist die Alternative die Gewalt:
Wenn nicht miteinander geredet wird, so wird aufeinander geschossen. Nicht
nur im Islam, auch im Judentum und Christentum, ja auch in den östlichen
Religionen besteht die Gefahr, dass Religion zu politischen Zwecken instrumentalisiert
wird. Dann entsteht ein hochexplosives Gemisch aus Religion und Politik.
Fanatisierte Religion wird zu einer Gefahr für den Weltfrieden. Wenn
der ungeheure Staub, der in der Folge der Terrorangriffe aufgewirbelt wurde,
sich ein wenig gesetzt hat, muss es zu einem neuen und verstärkten
Dialog kommen. Und allenthalben, stellt man fest, ist das Interesse am
interreligiösen Dialog und am Weltethos auch in den Kreisen gestiegen,
die diesbezüglich zurückhaltend waren.
|
11. Auch Muslime für ein Weltethos?
Schon die Erklärung zum Weltethos des Parlaments der Weltreligionen
in Chicago 1993 ist auch von muslimischen Vertretern unterschrieben
worden. Und gerade in Deutschland hat dieses Projekt unter Muslimen
sehr viel positives Echo ausgelöst. Im internationalen Bereich
haben sich hervorragende Muslime wie Prinz Hassan von Jordanien für
die Gemeinsamkeit in ethischen Standards und gegen den Terrorismus
ausgesprochen. Und es war der iranische Staatspräsident Khatami,
der schon in der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1998 den »Dialog
der Zivilisationen« in Antithese zum »Zusammenprall
der Zivilisationen« auf die Tagesordnung der UNO gesetzt
hat. Mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gehöre
ich einer zwanzigköpfigen »Group of Eminent Persons« an,
die für Generalsekretär Kofi Annan bis November einen Bericht
über ein neues Paradigma internationaler Beziehungen ausarbeiten
soll. Dieser Bericht wird am 8./9. November dem Generalsekretär
und der UN-Vollversammlung vorgestellt, die dann über den Dialog
der Zivilisationen diskutieren und eine Resolution verabschieden wird.
Damit dürften dann die Ideen des Projekts Weltethos die UNO-Ebene
erreicht haben.
|
12.
Ein neues Paradigma internationaler Beziehungen?
Statt der neuzeitlichen nationalen Interessen-, Macht- und Prestigepolitik
brauchen wir eine Politik regionaler Versöhnung, Verständigung
und Annäherung. Was im Rahmen der EU und der OECD sich nach zwei
Weltkriegen als möglich erwiesen hat, muss nach so vielen Kriegen
auch im Nahen Osten und in anderen Konfliktgebieten dieser Erde möglich
sein: statt der früheren Konfrontation, Aggression und Revanche
jetzt Kooperation, Kompromiss und Integration.
Natürlich ist Politik im neuen Paradigma
nicht einfach leichter geworden, sondern bleibt die jetzt
freilich gewaltfreie »Kunst des Möglichen«.
Wenn sie funktionieren soll, kann sie sich nicht gründen auf
einen »postmodernistischen« Beliebigkeitspluralismus.
Vielmehr setzt sie einen gesellschaftlichen Konsens bezüglich
bestimmter Grundwerte, Grundrechte und Grundpflichten voraus. Dieses
elementare Weltethos muss von allen gesellschaftlichen Gruppen
mitgetragen werden, von Glaubenden wie Nichtglaubenden, von den
Angehörigen der verschiedenen Religionen wie Philosophien
oder Ideologien.
|
 |