| Sechste
Weltethos-Rede von IOC Präsident Jacques Rogge |
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»Weltsport und Weltethos« |
Am 10. Mai 2006 hielt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Jacques Rogge auf Einladung der Stiftung Weltethos und der Universität Tübingen die 6. Weltethos-Rede. Im Anschluss an seine Rede führte Jacques Rogge einen Dialog mit Professor Küng. Eine Video/DVD-Aufzeichnung der Veranstaltung ist im Internet-Shop erhältlich. |
| pdf der Rede |
an der Universität habe ich mich unter anderem sehr ausführlich
mit dem Thema der medizinischen Ethik beschäftigt. Meine Professoren
haben mir ausgeklügelte Theorien, darüber was ethisch und
was unethisch ist, vorgestellt. Wir haben über den Unterschied
zwischen Moral und Ethik gesprochen, über die Gefahren einer paternalistischen
Ethik und über die Notwendigkeit die Autonomie des einzelnen Menschen
zu respektieren. |
Sport
– eine Erfolgsgeschichte |
Die
grundlegende Frage ist also: Denken und handeln wir in der Welt des
Sports tatsächlich
so? Schauen wir uns einmal den Zustand des heutigen Sports an. Dann
sehen wir, dass der Sport heute eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist.
Der Sport genießt sehr viel Aufmerksamkeit und viele Menschen
nehmen teil an sportlichen Veranstaltungen. Es gibt 400 Millionen Wettkampfsportler
auf der Welt. 450 Millionen Menschen betreiben Freizeitsport. Weltweit
gibt es also 850 Millionen Sportler, die in 5 Millionen Sportvereinen
organisiert sind. In Deutschland allein sind 27 Millionen Menschen
Mitglied eines Sportvereins. In der EU gibt es 750 000 Sportvereine. Diese hohen Teilnehmer- und Zuschauerzahlen
erzeugen selbstverständlich
sehr hohe Einnahmen. Die Wirtschaft hilft uns natürlich auch sehr:
die Industrie, die Unternehmen helfen uns mit Sponsoring und die Medien
mit dem Kauf von Übertragungsrechten. Ein Beispiel: 1,5 Milliarden
US $ werden jedes Mal nach den Olympischen Spielen als Einnahmen verzeichnet.
Aber ich versichere Ihnen, dieses Geld behält natürlich nicht
das Internationale Olympische Komitee, sondern es wird zu 92 % weiterverteilt
zur Unterstützung des Breitensports. Die hohen Teilnehmer- und
Zuschauerzahlen und die dadurch hohen Einnahmen weisen dem Sport den
Status einer gesellschaftlichen Bewegung zu. Die Regierungen haben
das gemerkt und sie unterstützen den Sport: durch entsprechende
Subventionen, durch den Aufbau der jeweiligen Infrastruktur, durch
die Gesetzgebung, aber auch im Bereich der Bildung und Erziehung, z.
B. durch die Ausbildung der entsprechenden Trainer und all derjenigen,
die sich um die Sportler kümmern. Man könnte sagen, und dem
kann ich mich anschließen, dass meine Definition einer Erfolgsgeschichte
eher materialistisch geprägt ist: Ich habe über Menschen
gesprochen, über Geld, über staatliche Unterstützung,
und alles das ist wichtig, aber reicht es tatsächlich aus, um
die Welt des Sports zu beschreiben? Ich sage: Nein, das reicht nicht
aus. Ja, Sport hat materielle Erfolge gezeitigt.
Aber wenn man Erfolg ganzheitlicher definieren will, braucht man
noch eine zusätzliche Dimension.
Wir brauchen diese zusätzliche Dimension der unfassbaren, immateriellen,
humanistischen und ethischen Werte, um die soziale Bedeutung des Sports
zu erkennen. Sport ist ein organisatorischer Erfolg, aber um ein Erfolg
für die ganze Gesellschaft zu sein, müssen andere Werte miteinbezogen
werden, die nicht materiell sind. Ohne diese Werte kann der Sport nicht
die enorm wichtige erzieherische Funktion wahrnehmen, die wir uns von
ihm wünschen. |
| Bedrohungen für den
Sport |
Die
humanistischen und ethischen Werte des Sports sind leider immer wieder
bedroht durch vielerlei Veränderungen. Es gibt vor allem folgende Gefahren: Doping, Gewalt,
Rassismus, Korruption, Gefahren für die Gesundheit der Sportler
und die Kommerzialisierung. Sollten wir wirklich überrascht sein,
dass es diese Gefahren in einer so hehren menschlichen Tätigkeit
wie dem Sport gibt? Ich denke, das sollte uns nicht überraschen.
Sport ist nicht besser als die Gesellschaft. Sport gibt nicht vor besser
zu sein als die Gesellschaft. Sport ist eigentlich der Ausdruck der
Gesellschaft als Ganzer: mit all ihren Schwächen, mit all ihren
Fehlern, aber auch mit all ihren wunderbaren Leistungen und Werten. Lassen Sie uns diese Bedrohungen einmal
zusammen untersuchen: der Kampf gegen das Doping hat oberste Priorität im Sport, weil Doping
die Gesundheit der Sportler angreift und weil Doping die Glaubwürdigkeit
des gesamten Wettkampfes, der eben auf einer gewissen Rangfolge basiert,
in Frage stellt. Ein dritter Faktor ist zudem wichtig: Doping gefährdet
die Rekrutierung zum Sport. Wir laufen Gefahr, keinen weiteren Zulauf
zum Sport zu bekommen, weil die Mütter denken: Sport ist gefährlich
wegen des Dopings. Sie bringen ihre Kinder nicht mehr in die Sportvereine,
und das ist dann das Ende, weil wir überhaupt keinen Nachwuchs
mehr bekommen. Das IOC war in den 60er Jahren ein Pionier
im Kampf gegen das Doping. Schon seit dieser Zeit vertreten wir eine
Null-Toleranz-Politik. Und ich bin froh sagen zu können, dass wir durch die Intensivierung
unserer Bemühungen und durch die Gründung der World-Anti-Doping-Agency
große Fortschritte gemacht haben. Viele sagen: der Kampf gegen
Doping wird ewig währen. Wie ich schon sagte: es gibt 850 Millionen
Sportler hier auf dieser Erde, aber es gibt natürlich nicht 850
Millionen Heilige. Deswegen: Ich glaube nicht an Utopien, ich bin Realist,
ich glaube also nicht, dass das Doping ganz aus dem Sport verbannt
werden kann. Aber es ist unsere heilige Pflicht, Doping so weit wie
möglich einzugrenzen. Schauen Sie sich Doping doch einmal an:
es lässt sich vergleichen mit der Kriminalität in einer Gesellschaft.
Es gibt keine Gesellschaft ohne Richter, ohne Gesetze, ohne Strafverfolgung
und ohne Gerichtsbarkeit. Das brauchen wir auch im Sport und wir müssen
es dann auch umsetzen. Die zweite große Gefahr ist die Gewalt, der Vandalismus, die
Hooligans. Wir haben das bei den Olympischen Spielen noch nicht erleben
müssen und wir sind froh darüber, aber wir müssen natürlich
stets wachsam sein. Wir sollten nie das Drama vergessen, das sich vor über
zwanzig Jahren in meinem eigenen Land, in Belgien, in Brüssel
abgespielt hat, als 39 italienische Fans von Juventus in gewaltsamen
Auseinandersetzungen mit Fans von Liverpool umkamen. Das Phänomen
der Hooligans ist ein sehr schwieriges Phänomen. Es ist im Grunde
Ausdruck eines Teils der Gesellschaft, der unzufrieden ist: meist sind
es arbeitslose junge Menschen, die oft auch in sehr extreme politische
Kreise geraten sind. Sie sehen keine Zukunft, keine Hoffnung für
sich in der Gesellschaft. Sie wollen durch ihre Gewalttätigkeit
hauptsächlich ihrer Frustration, ihrer Wut Luft machen. Sie tun
das im Stadion. Warum? Weil das Fernsehen anwesend ist und die Öffentlichkeit
zuschaut. Sie würden das nie in einem leeren Stadion tun. Das
ist die Tragik von Gewalt im Sport. Sport erzeugt die Gewalt nicht.
Sport liefert nur den Rahmen, die Bühne für die Demonstration
von Gewalt. Es gibt eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit der Führungspersönlichkeiten
im Sport und im Staat, um diese Gewalt durch Prävention und Repression
zu bekämpfen. Aber letztlich wird die endgültige Lösung
sein, das Problem an der Wurzel zu packen. Das Problem ist eben ein
gesellschaftliches. Wenn diese Menschen in Brot und Arbeit gesetzt
werden, wieder Zukunftsperspektiven bekommen, dann wird das Problem
der Hooligans und der Ausschreitungen an Sportstätten ein Ende
haben. Leider gibt es aber noch eine dritte Gefahr: den Rassismus. Auch das ist wieder kein spezielles Problem des Sports an sich, sondern ein Problem des Publikums in der Arena und der Gesellschaft außerhalb der Arena. In den europäischen Fußballteams haben wir immer mehr gute afrikanische Spieler und wir erleben immer mehr Rassismus in den Stadien. Zum Glück sind rassistische Ausschreitungen bei den Olympischen Spielen noch nicht vorgekommen, aber wir müssen auch hier wachsam sein. Ich möchte der FIFA gratulieren, weil sie eine ganz starke Position gegen Rassismus eingenommen hat und weil die Strafen für rassistische Gewalt drakonisch sind. Und auch viele Regierungen – zum Beispiel in Holland, Italien, Frankreich, Großbritannien, um nur einige zu nennen – haben hohe Strafen und Geldstrafen für rassistische Umtriebe verhängt. Das schätzen wir sehr, denn ich bin der Meinung, dass wir »null Toleranz« gegenüber Rassismus zeigen müssen. Aber auch hier, genau wie im Fall der Gewalt und der Hooligans, ist die Lösung des Problems Sache der Gesellschaft. Das gesellschaftliche Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Denn auch hier gilt: der Rassismus im Stadion ist Ausdruck der schwierigen Situation, die in der Gesellschaft gegenüber den Minderheiten herrscht. Korruption, ein weiteres Problem. Und ich
muss zugeben, und Sie wissen das ja auch, dass das IOC selbst vor
zehn Jahren große Probleme
mit Korruption hatte. Aber wir haben, wie ich finde, entschlossen reagiert,
indem wir die Ethik-Kommission gebildet haben. Die Kommission setzt
sich aus angesehenen Persönlichkeiten zusammen, wie zum Beispiel
dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen und weiteren
Persönlichkeiten dieses Kalibers. Wir mussten insgesamt elf Mitglieder
ausschließen. Das war zwar nicht angenehm, aber es ist unsere
Pflicht – wir sind es den Athleten schuldig – , darauf zu achten, dass
alles, was wir tun, auch ethisch und moralisch in Ordnung ist. Wir müssen die Gesundheit
der Sportler schützen. Diese wird
natürlich beeinträchtigt durch Doping, darüber haben
wir ja schon gesprochen. Gesundheitsgefährdend ist aber auch das Übertrainieren,
ein zu starkes Trainieren. Manchmal geschieht das aufgrund von überehrgeizigen
Trainern. Manchmal – und das muss man zugeben - sind es aber
auch die Sportler selbst, die so ehrgeizig sind, dass sie ihre persönlichen
Grenzen überschreiten und zuviel trainieren. Hier liegt es dann
in der Verantwortung der Trainer zu sagen: Stopp, das reicht! Nun kommen wir zum Thema der Kommerzialisierung
des Sports. Ist die Kombination von Sport und Geld gut oder schlecht?
Nun, Geld ist eigentlich neutral. Es ist weder gut noch schlecht.
Es ist die Art und Weise wie man das Geld einsetzt, die ausschlaggebend
ist. Und lassen Sie mich ganz klar sagen: Ich bin dafür, dass wir einen wirklich gut gesteuerten
und überwachten Geldfluss haben, der auf ethische Weise eingesetzt
wird. Denn wir brauchen Geld im Sport. Um Kant noch einmal zu zitieren:
Ich möchte damit sagen, dass man Geld immer als Mittel und nicht
als Zweck sehen muss. Vor einigen Jahren sagten manche: Als es
den reinen Amateurstatus gab, da war alles viel besser, da war das
Geld nicht so wichtig. Das ist absolut heuchlerisch! Denn diese Regel
des Amateurstatus – die erst beim Olympischen Kongress in Baden-Baden
1980 aufgegeben wurde – bewirkte, dass es sich nur die Reichen leisten
konnten Sport zu treiben. Damals gab es keine Sponsoren, es gab keine
Fernsehrechte und so waren die Spiele nur etwas für eine elitäre Schicht. Nur die reichen
Industrieländer konnten an den Olympischen Spielen teilnehmen.
Die Entwicklungsländer konnten es sich nicht leisten, auch nur
einen einzigen Sportler zu den Olympischen Spielen zu schicken. Aber ich muss zugeben: Geld birgt auch
Gefahren in sich. Aber so lange unsere Sponsoren, unsere Medien,
das Fernsehen – ich sage Ihnen, das ist wirklich so im IOC – so
lange unsere Sponsoren und Fernsehsender nicht selber die Regeln
diktieren, zum Beispiel die Art und Weise wie die Olympischen Spiele
durchgeführt werden, dann kann eigentlich
gar nichts passieren. Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels verdeutlichen:
Vor ein paar Jahren haben wir mit der EBU, der European Broadcasting
Union in Genf, über die Übertragungsrechte für die Olympischen
Spiele verhandelt. Es gab zwei Angebote: ein Angebot über 600
Millionen US $ von der EBU – Sie wissen ja, das ist der Dachverband
aller öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Europa. Dann hatten
wir noch ein anderes Angebot über 900 Millionen US $ auf dem Tisch
liegen. Immerhin 300 Millionen mehr – das ist eine ganze Menge
Geld. Allerdings wäre das nur fürs Bezahlfernsehen, für
Pay-TV, gewesen, und die Allgemeinheit hätte keine Möglichkeit
gehabt, die Olympischen Spiele zu verfolgen, ohne zu bezahlen. Da haben
wir gesagt: Nein, lieber 300 Millionen Dollar weniger, denn die Spiele
sollen in den öffentlich-rechtlichen Sendern bleiben, so dass
wir freien und kostenlosen Zugang für alle garantieren können. Ich möchte noch folgendes sagen, weil wir
kritisiert werden, dass alles so kommerziell wird: Vergessen Sie nicht,
dass bei den Olympischen Spielen – als einzigem großen Sportereignis – ein werbefreier Rahmen herrscht: Sie sehen also keine Werbetafeln
im Stadion oder davor, Sie sehen keine Logos auf den Trikots und auf
der Ausrüstung der
Sportler. Ich möchte hier jetzt keine Selbstbeweihräucherung
betreiben, aber auch die Mitglieder des Internationalen Olympischen
Komitees sind rein ehrenamtlich tätig, sie bekommen kein Gehalt.
Wir glauben, dass wir den Geldfluss kontrollieren können, ohne
selbst vom Geld »gesteuert« zu werden. |
Ungerechtigkeiten
im Sport |
Über die angesprochenen
Bedrohungen des Sports hinaus gibt es zudem noch einige Ungerechtigkeiten
im Sport. Die größte Ungerechtigkeit ist das Gefälle
zwischen Nord und Süd, die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.
Es gibt hier einen starken Zusammenhang zwischen dem Bruttosozialprodukt
eines Landes und der Anzahl der Medaillen: Je höher das Bruttosozialprodukt,
desto mehr olympische Medaillen. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Und
hier kommt nun, denke ich, auch wieder das Prinzip der Solidarität
zum Tragen. Das heißt, dass das IOC auch hier Mittel vergibt,
dieses Mal speziell an die nationalen Komitees, die wirklich finanzielle
Unterstützung brauchen. Dadurch ist diese Nord-Süd-Kluft
im Sport etwas schmäler geworden. Darauf sind wir sehr stolz. Bei der zweiten Ungerechtigkeit handelt
es sich um die Rolle der Frauen im Sport. Das IOC hat große Bemühungen unternommen, damit
es mehr Teilnehmerinnen bei den Olympischen Spielen gibt. Bei den Spielen
1980 in Moskau waren nur 18 % der Teilnehmer Frauen und jetzt liegen
wir bei 44 % weiblicher Beteiligung. Ich glaube im nächsten Jahrzehnt
werden wir eine 50 : 50 Verteilung haben. Und dann müssen wir
uns natürlich Gedanken machen über die Rolle der armen Männer,
das ist klar. Wir müssen hier aber ganz ehrlich sein. Das ist nur eine Seite
der Medaille. Denn wenn es um die tägliche Praxis im Sport geht,
haben wir diesen großen Anstieg von 18 auf 44 % nicht. In der
täglichen Praxis gibt es große Hürden, die es zu überwinden
gilt. In manchen Ländern sind sie religiös bedingt, in manchen
wirtschaftlich oder auch kulturell. In vielen Entwicklungsländern
müssen die Mütter zu Hause bleiben und die Familie ernähren.
Sie haben gar keine Möglichkeit in einen Sportverein zu gehen,
wenn es denn überhaupt einen gibt. Wir setzen uns dafür ein,
dass hier Mittel und Wege gefunden werden, diese Hürden zu überwinden.
Und schließlich setzen wir uns dafür ein, dass mehr Frauen
in führenden Positionen in den Sportgremien vertreten sind. Das
ist auch wieder ein Spiegel der Gesellschaft. Ich glaube, die Unterrepräsentation
der Frauen zeigt sich ja auch in der Politik und an den Universitäten. Drittens setzen wir uns im Kampf gegen
die Ungerechtigkeit für
die Universalität der Spiele ein. Wir wollen nicht, dass die Olympischen
Spiele zum Spielplatz lediglich der absoluten Spitzensportler der Welt
werden. Wenn ausschließlich Qualität über die Teilnahme
entscheiden würde, wären beispielsweise bei den Hundertmeterläufen
nur zehn Amerikaner, zehn Jamaikaner oder ein paar Sportler aus der
Karibik vertreten. Es könnten gar keine anderen Länder teilnehmen!
Deswegen: in allen Sportarten sollte es eine Mischung geben zwischen
der Qualität, die wir brauchen und wollen, und der Teilnehmer-Vielfalt.
Damit auch die Athleten, die nicht ganz so gut sind wie die Spitzensportler,
mitmachen können. Das IOC macht das so, der internationale Leichtathletikverband
auch, und ich finde das sehr wichtig. Wir wählen zu 85 % nach
Qualität und Leistung aus, die restlichen 15 % sollen eine Teilnahme
der Schwächeren ermöglichen und so die Universalität
der Spiele sichern. |
Soziale Verantwortung |
Nun
schauen wir uns noch einen anderen Aspekt an: die soziale
Verantwortung,
die man auch im Sport braucht. Denn Sport ist ja viel mehr als nur
ein Wettbewerb. Sport ist wahrlich auch eine gesellschaftliche Bewegung
und eine Bewegung, die wichtig ist für die Erziehung. Deswegen kümmern wir uns
besonders um den Behindertensport. Wir haben ja die Paralympics, die
Special Olympics für die geistig Behinderten und dann noch die
speziellen Olympischen Spiele für die Hörbehinderten. Diesen
Ereignissen haben wir ja nicht nur das Wort »olympisch« zugestanden,
wir unterstützen sie auch finanziell und wir verpflichten die
jeweiligen Organisatoren der Spiele dazu, die Paralympics circa drei
Wochen nach den Olympischen Hauptspielen auszurichten. Der zweite Bereich, in dem wir uns im Zuge
von sozialer Verantwortung engagieren, ist die humanitäre
Hilfe. In der Tat: die meisten
Sportler sind jung, sie sind bekannt, sie sind oft auch reich, sie
sind gesund, aber wir alle haben eine soziale Verantwortung. Und wir
haben eben auch eine Verantwortung denen zu helfen, die in Not sind,
die nicht reich, nicht gesund und nicht bekannt sind, und die meistens
von der Gesellschaft vergessen werden. Deswegen bin ich froh, dass
sich die Sportbewegung nach dem Tsunami, der Weihnachten vor zwei Jahren
große Schäden anrichtete, sehr großzügig gezeigt
hat. Außerdem half man in Darfur, mit Geld, mit Nahrungsmittellieferungen,
aber auch mit Sportausrüstung. Denn Sportausrüstung stellen,
Trainer schicken und sportliche Ereignisse in den Flüchtlingslagern
organisieren, ist wirklich etwas Fantastisches. Wir haben auch die
Opfer des Erdbebens in Pakistan unterstützt und die Opfer des
Hurricanes in der Karibik. Wir engagieren uns eigentlich laufend, denn
solche Katastrophen geschehen ja andauernd, und wir führen die
Hilfen in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und dem Roten Kreuz
durch. Eine Sache, auf die ich sehr stolz bin,
sind die Bemühungen,
die wir in den Flüchtlingslagern unternehmen. Die Flüchtlingslager
sind ja voller Menschen, die ohne jede Hoffnung sind, die keine Zukunft
mehr haben, die keine Träume mehr haben. Und Sie glauben nicht,
was Sport diesen Menschen geben kann! Die Tatsache, dass die Menschen
sich plötzlich als Teil eines Teams sehen, dass hier so etwas
Wunderbares wie Sport betrieben werden kann, das ist etwas, das mich
immer wieder im tiefsten Inneren berührt, wenn ich vor Ort bin. In medizinischer Hinsicht bemühen wir uns auch, zum Beispiel
im Bereich der AIDS- Prävention. AIDS ist nicht nur ein großes
Problem in Afrika, sondern auch in Südostasien und wird auch in
Osteuropa immer mehr zum Problem. Wir nutzen vor allem das Prestige,
das Ansehen von Sportidolen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen.
Damit sie den jungen Leuten sagen, dass man vorsichtig sein und die
entsprechenden Maßnahmen ergreifen muss. Dieses Programm, das
wir wiederum zusammen mit der UNO durchführen, ist auch sehr erfolgreich. Gerade wenn es um soziale Verantwortung
geht: wir bemühen uns
um die Wiedereingliederung der Sportler nach ihrer sportlichen Karriere.
Normalerweise werden Talente im Alter von 13, 14 Jahren entdeckt. Wir
geben ihnen die besten Trainer und wir sagen: Ihr müsst sehr hart
arbeiten, um etwas zu erreichen. Wir schicken sie in Trainingslager
und zu Wettkämpfen – auch ins Ausland. Das alles geschieht leider
häufig auf Kosten der Schulausbildung. Wenn die Sportler dann
35, 40 Jahre alt sind und ihre sportliche Karriere beenden, kann man
ihnen nicht nur die Hand schütteln und sagen: Herzlichen Glückwunsch,
Sie haben eine tolle Karriere hingelegt und jetzt machen Sie's gut.
Nein, wir haben die Verantwortung ihnen zu helfen, sich wieder in das
normale, gesellschaftliche Leben, ins Berufsleben einzugliedern. Das
ist nicht einfach. Wir helfen zum Beispiel, indem wir ihnen eine Ausbildung
anbieten und entsprechende Berufsmöglichkeiten für sie finden.
Auch dieses Programm ist sehr erfolgreich in vielen Nationalen Olympischen
Komitees. Solche Bemühungen gibt es mittlerweile weltweit. Wir haben auch eine soziale Verantwortung
für unsere Umwelt und
einen nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt. Es wird ja immer sehr
viel gebaut im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, aber das IOC
hat hier strenge Regeln. Wir wollen nämlich, dass die Gebäude,
die für die Spiele errichtet werden, dann auch langfristig, nachhaltig
genutzt werden können. Es ist leicht ein Stadion mit 125 000 Plätzen
zu bauen, während der Olympischen Spiele kann man es immer schnell
füllen, aber was macht man hinterher? Deswegen versuchen wir die
Größe dieser Bauten dem Bedarf der Stadt anzupassen, damit
die Sportstätten auch hinterher genutzt werden können. Denken
Sie an Sydney, Athen und Barcelona, da sind wir sehr stolz auf das
Erbe, das wir hinterlassen haben und darauf, dass es jetzt von der
Bevölkerung vor Ort genutzt werden kann. |
Werte im Sport |
Meine
Damen und Herren, ich habe hier über die Bedrohungen für den Sport, über
Ungerechtigkeiten im Sport und über soziale Verantwortung von
Sportlern und gegenüber Sportlern gesprochen. Ich möchte
zum Schluss noch etwas zu den Werten sagen. Werte sind per definitionem
unfassbar. Werte sind schwer zu quantifizieren und zu beschreiben.
Werte sind immateriell, ich würde sagen, sie sind fast etwas Spirituelles.
Und deswegen ist es auch sehr schwierig Werte zu verteidigen. Es ist
vergleichsweise einfach Spiele auszurichten oder Finanzmittel zu verwalten,
man braucht nur etwas Management-Geschick. Werte zu verteidigen ist
wesentlich schwieriger und erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Einer dieser Werte ist zum Beispiel das
Prinzip des Fairplay. Fairplay ist wesentlich mehr als nur die Einhaltung
der Regeln. Es ist klar, die Regeln müssen eingehalten werden. Und es liegt auf der Hand:
wenn sie gebrochen werden, kann man etwas dagegen tun. Fairplay ist
schwer zu definieren. Für mich bedeutet Fairplay, dass man großzügig
ist, dass man eine großzügige Geste zeigt, ohne dazu gezwungen
zu werden. Das ist sehr wichtig im Sport. Wir müssen uns außerdem für eine starke Verbindung
zwischen Kultur und Sport einsetzen. Das ist beispielsweise durch das
schöne Olympische Museum in Lausanne verkörpert, das eine
Idee meines Vorgängers Juan Antonio Samaranch war. Es gibt weltweit
inzwischen ein ganzes Netzwerk solcher olympischen Museen. Wir haben
in diesem Zusammenhang schon viele kulturelle Programme realisiert,
auf die wir sehr stolz sind und über die wir uns sehr freuen. Wichtig ist auch der Kampf, den wir für Respekt und Toleranz führen. Wenn ich hier in Deutschland spreche, denke ich, kann ich kein besseres Beispiel anführen: Erinnern Sie sich an die wunderbaren Bilder in Leni Riefenstahls Film über die Olympiade von 1936 – die Hauptkonkurrenten waren ja Lutz Long und Jesse Owens – die haben sich damals verbrüdert in einer Zeit, in der das nicht selbstverständlich war. Und das ist das Schöne an den olympischen Dörfern, wo Sportler aus verschiedenen Kulturkreisen, Sportler unterschiedlicher ethnischer Herkunft, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Sprache in Harmonie, als Freunde zusammenleben. Und glauben Sie mir: Für die, die das Privileg hatten einmal in einem olympischen Dorf zu leben – ich hatte ja auch das Glück – das ist etwas, das man nie vergisst. Und es setzt sich fort nach den Spielen, da die Sportler miteinander in Kontakt bleiben. Wir setzen uns auch entschieden für die Olympische
Waffenruhe ein. Diese ist ja von den Griechen 773 v. Chr. erfunden worden. Alle
vier Jahre, während der Olympischen Spiele, wurden die Waffen
niedergelegt und die Sportler konnten ungehindert zum Austragungsort
reisen, obwohl ihre Heimatstädte normalerweise im Krieg miteinander
lagen. Das war von 773 v. Chr. bis 394 n. Chr., also länger als
1000 Jahre, das übliche Prozedere. Es ist dann vom Internationalen
Olympischen Komitee wieder aufgenommen worden. Wir werden darin auch
von der UN unterstützt. Wir sind natürlich keine Traumtänzer.
Wir wissen, dass die Sportbewegung nie den Weltfrieden herbeiführen
wird. Die Sportbewegung ist auch nicht in der Lage den Frieden zu erzwingen.
Aber es ist unsere Pflicht, wenigstens für eine Aussetzung der
Konflikte während der Olympischen Spiele einzutreten und den Frieden
auch immer wieder einzufordern. Meine Damen und Herren, ich blicke mit
Optimismus in die Zukunft des Sports. Wir können eine materielle Erfolgsgeschichte vorweisen,
wir sind gute Sportorganisatoren, wir erhalten sehr viel Aufmerksamkeit,
wir verzeichnen hohe Teilnehmerzahlen und wir verteilen die Einnahmen
sinnvoll – an diejenigen, die sie brauchen. Aber am Schwierigsten ist
es, für unsere Werte zu kämpfen. Nur indem wir uns für
unsere Werte einsetzen, werden wir unserer wichtigen Rolle in der Gesellschaft
und bei der Erziehung junger Menschen gerecht. Ich glaube, dass Sport weiterhin eine wichtige
Rolle in der Erziehung einnehmen wird. Denn Sport bedeutet ja nicht
nur ein Stärken des
Körpers, sondern auch des Geistes. Im Sport lernen Kinder soziale
Kompetenz. Gesellschaftliche Werte werden weitergegeben. Sie lernen,
dass man im Team viel mehr erreichen kann als allein. Durch den Sport
werden Minderheiten in die Gesellschaft integriert. Junge Menschen
lernen im Sport Respekt vor der Autorität: zunächst gegenüber
dem Schiedsrichter, dann auch gegenüber der Gesellschaft. Sport
ist gesundheitsfördernd. Sport formt die Persönlichkeit.
Sport lehrt auch zu verlieren; das ist gerade für das spätere
Leben sehr wichtig. Sport lehrt Respekt vor anderen. Schließlich
bringt der Sport auch Träume, Hoffnung und Inspiration mit sich.
Sport und die Olympischen Spiele gehören ja nicht dem IOC, der
FIFA oder anderen Gremien, sondern der ganzen Menschheit. Es ist unsere
Aufgabe als Führungspersönlichkeiten im Sport, dieses Feuer,
diesen Traum und diese erzieherische Botschaft am Leben zu erhalten
und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. |
| (Abschrift
und Redaktion der Simultanübersetzung: Anette Stuber-Rousselle, M.A. und Julia
Willke, M.A., Stiftung Weltethos Tübingen) |