Bildung,
Selbstvertrauen, Freiraum
Wie Menschenrechte gedeihen können / Mary Robinson im Gespräch
TÜBINGEN. Rassismus, Frauenrechte, Religions- und Meinungsfreiheit,
Afghanistan. Die Themen lagen gewissermaßen auf dem Tisch, als
die UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson am Montagnachmittag
im Großen Senat zu einem Gespräch mit ausgewählten
Teilnehmern eintraf. Hans Küng hatte die etwa 40-köpfige
Runde umsichtig zusammengestellt: Professoren, die in ihrer Forschung
mit politischen, religiösen, kulturellen Konflikten zu tun haben,
aber auch Vertreter/innen von Organisationen wie amnesty oder Terre
des femmes.
Die Ereignisse vom 11. September haben es schnell überlagert:
Unmittelbar vorher tagte im südafrikanischen Durban die UN-Weltkonferenz über
Rassismus. Und auch sie wurde überschattet von politischen
Instrumentalisierungsversuchen, vom Nahost-Konflikt, vom Auszug schließlich
der USA und Israels. Mary Robinson war die Generalsekretärin dieser
Konferenz, und sie hat
dort auch ermutigende Dinge erlebt: Das »andere Durban« waren
zum Beispiel Aussagen von Rassismus-Opfern, die ihre Opfer-Rolle überwunden
hatten; eine junge Kurdin, jetzt Anwältin in Straßburg,
ein brasilianischer Gewerkschafter, dessen Eltern noch Arbeitssklaven
waren.
Herausgekommen ist doch etwas. Man hat jetzt einen Aktionsplan gegen
Rassismus, »den werden wir umsetzen, und wir werden rassistische
Benachteiligungen besser beobachten« . Mary Robinson ist eine Hoffnungsträgerin.
Alles andere wäre Defätismus in ihrem Amt, also sieht sie
die kleinen Hoffnungszeichen, die von den Medien häufig gar nicht
wahrgenommen werden. Frauenrechte in Afghanistan? Musste es sie nicht
schockieren, dass Frauen dort unter den streng religiösen Regimen
sämtlicher Freiheits- und Bildungsrechte verlustig gingen? »Wir
haben jetzt ein kleines Fenster aufgestoßen« , sagt Robinson.
Im Februar wird sie sich mit Frauen-Organisationen in Kabul treffen.
Sie sieht etwas keimen, das vielleicht das grelle Licht noch nicht
verträgt, aber beschützt und genährt werden muss.
»Grassroots« ist ein Schlüsselwort für Mary Robinson.
Immer wieder weist sie darauf hin, dass Menschenrechte »am
besten in der unmittelbaren Umgebung geschützt werden« , dass
es die örtlichen Basisorganisationen, die »Graswurzeln« sind,
von denen das Bewusstsein eigener Rechte und der Mut zur Selbstbehauptung
ausgehen. Zu ihnen sollen sie den Kontakt halten, rät sie den
Frauen von Terre des femmes, die manchmal an der scheinbaren Wirkungslosigkeit
ihrer Protestbriefe und Öffentlichkeits-Aktionen verzweifeln.
Noch eine Geschichte, diesmal aus Indien. Robinson hat dort einen Slum
und ein Selbsthilfezentrum besucht, winzig, ohne Dach, neben der offenen
Abwasserrinne. Die Frauen sagten, sie wollten nicht, dass der Slum
saniert wird. Sie wollten aber Unterstützung für ihre Nachbarschaftsarbeit.
Sie hatten einen Helden, der ihnen half, das war ein Polizist. Später,
auf dem offiziellen Empfang, lobte Robinson den Polizisten gegenüber
dem Minister. Nur, (weg-)befördern möge er ihn doch bitte
nicht.
Vielleicht kann man das einen fraulichen Zugang zu einem globalen
Problem nennen: Der Vatikan verbietet Geburtenkontrolle, aber in brasilianischen
Armenvierteln hat Robinson Nonnen getroffen, die selbstverständlich
auf der Seite der Frauen standen. »Wenn der Vatikan sein Ohr mehr
an der Basis hätte.« Die Menschen, darauf vertraut Robinson,
können
ihre Rechte und Bedürfnisse ganz gut selbst erkennen und auch
verfolgen vorausgesetzt, sie haben Zugang zu Bildung und gelegentlich
einen Freiraum, um aus Unbehagen Bewusstsein werden zu lassen. Beweis,
auf die Frage nach Genitalverstümmelungen in Afrika: »Überall,
wo Frauen Schulbildung haben, gehen sie drastisch zurück.«
Unauffällig Freiraum schaffen für das Zulassen von Differenz,
das bringt nach Robinsons Erfahrung hier ganz d’accord mit Küng
auch im Umgang mit religiösen und politischen Hardlinern oft mehr Überzeugungsgewinn
als die direkte Konfrontation. Obwohl sie durchaus für ihr offenes
Wort bekannt ist und bei Besuchen in China selbst schon erstaunt war, »wie
weit man kommt, wenn man die Dinge anspricht« .
Mit dem Uno-Generalsekretär, so lässt sie durchblicken,
praktiziert die Menschenrechtskommissarin manchmal eine Art Arbeitsteilung.
Sie sagt die Dinge gerade heraus und Kofi Annan kann dann etwas diplomatischer
sein.
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