Statement der 2. Pekinger Konferenz über
»Traditionelle chinesische Ethik und Weltethos«
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10.–14. Oktober 2001
 

Vorläufige Übersetzung aus dem Chinesischen
 

• Das von verschiedenen akademischen Einrichtungen in China zusammen mit der Stiftung Weltethos organisierte Kolloquium führte die »crème de la crème« der chinesischen Wissenschaftler zu einer sehr konstruktiven Diskussion zusammen. Prof. Küng und Prof. Kuschel konnten zahlreiche Kontakte bestärken oder neu knüpfen.

• Prof. Küngs Vorträge in der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und an den Universitäten Renmin und Xing Hua wurden sowohl von den Lehrenden wie von den zahlreichen Studenten mit Begeisterung aufgenommen. Es ist ein Leichtes, für das Weltethos an die chinesische Tradition anzuknüpfen und zugleich aufzuzeigen, dass es sich hier um einen höchst wichtigen Programmpunkt für das 21. Jahrhundert handelt, der von der jungen Generation realisiert werden muss.

• Das Buch »Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft« war erfreulicherweise noch rechtzeitig vorher auf Chinesisch erschienen und wird seine Wirkung tun. Verschiedene Artikel erschienen in chinesischen Zeitschriften. Es waren auch alle Teilnehmer mächtig stolz, dass der Kongress in der Tagesschau des offiziellen chinesischen Fernsehens volle anderthalb Minuten präsentiert wurde. Die »Frankfurter Rundschau« und die »Stuttgarter Zeitung« berichteten ausführlich über Kolloquium und Vorträge.

• Aus all dem ergibt sich, dass das Weltethos jetzt solide im wissenschaftlichen Bereich in China verwurzelt ist und seine eigene Dynamik entwickeln wird. Ein drittes Symposium, wie ursprünglich vorgesehen, erweist sich deshalb als nicht mehr nötig.

Am Ende der Konferenz wurde ein Statement verabschiedet, das sich ganz und gar positiv stellt zur Chicago-Erklärung und weiteren wissenschaftlichen und publizistischen Einsatz verspricht.
 


Vom 10.–14. Oktober 2001 hielt die Stiftung Weltethos mit Gelehrten verschiedener chinesischer Universitäten und Instituten aus China und Hongkong, die sich mit Philosophie, Theologie, Ethik, Jura u.a. befassen, in Peking eine Konferenz ab über die Umsetzung der Kernpunkte der »Erklärung zum Weltethos« von 1993.Von dem im September 1997 im Pekinger Da-Jue-Tempel abgehaltenen Symposium über »Traditionelle chinesische Ethik und Weltethos« ausgehend haben chinesische Gelehrte begonnen, sich an der Diskussion über Weltethos zu beteiligen und haben im Juni 1998 in Peking erneut eine Konferenz mit Vertretern des Sozialwissenschaftlichen Instituts und Vertretern der einzelnen Staatsreligionen initiiert und organisiert. Seitdem wird Weltethos von der chinesischen Gelehrtenwelt umfassende Aufmerksamkeit zuteil. Verschiedene wissenschaftliche Zeitschriften und später andere Zeitschriften veröffentlichten Fachartikel. Chinesische Gelehrte publizierten die Übersetzung von »Projekt Weltethos«, »Erklärung zum Weltethos«, »Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft« und andere wichtige Dokumente sowie Material der Experten für Weltethos. Die chinesische Wissenschaftswelt schenkte dem Thema Weltethos volle Aufmerksamkeit und hat die Notwendigkeit und Dringlichkeit erkannt.

Die chinesischen Gelehrten sind der Meinung, dass zahlreiche angsteinflößende Tendenzen und Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, wie die Annäherung Chinas an die Welthandelsorganisation, die schwerwiegenden Probleme nach Beginn des neuen Jahrtausends, die Eskalation von gewalttätigen Konflikten und terroristischen Bewegungen sowie die bei der Globalisierung der Weltwirtschaft aufgetretene Polarisierung alle auf den Mangel an einem globalen Ethos zurückzuführen sind.
 


Kernpunkte

Die Teilnehmer diskutierten kontrovers und kamen übereinstimmend zu folgenden wichtigen Punkten:

A.
Die zwei grundlegenden Prinzipien der Humanität sind: »Jeder Mensch soll wahrhaft menschlich behandelt werden« und: »Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu«.

B.
Die vier unverrückbaren Weisungen:
1. Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben
2. Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
3. Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
4. Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau

Gemäß dem konfuzianischen Leitsatz »Harmonie in Verschiedenheit« glauben wir, dass das harmonische Zusammenleben aller Kulturen das Fundament der Existenz und Entwicklung der heutigen Menschheit ist. Verschiedene konfuzianische Leitsätze über grundlegende Prinzipien der Humanität haben eine positive Auswirkung; »Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu« zum Beispiel bringt das grundlegende Prinzip der Achtung voreinander zum Ausdruck.

Sowohl Konfuzianer als auch Daoisten sind mit den Weisungen »Du sollst nicht töten« und »Achte das Leben« gegen Gewalt und betonen »Menschen sind zu schützen, Tiere nicht«; Buddhisten aber achten nicht nur das menschliche Leben, sondern haben Respekt vor allen Lebewesen. Diese Glaubensvorstellungen haben nicht nur ihre Bedeutsamkeit, um den gemeinsamen inneren Frieden der Menschheit zu verwirklichen, sondern auch, um die Versöhnung der Menschen mit der Natur anzustreben. Im konfuzianischen Denken drückt »Derjenige, der anführt, muss aufrecht sein« und andere Leitsätze das Streben nach sozialer Gerechtigkeit aus. Konfuzianer betonen, die allgemeine Gerechtigkeit beginnt mit der Bildung des Wesens jedes Einzelnen, und betont das »aufrechte Selbst«. Diese Vorstellungen sind darauf ausgerichtet, einen angemessenen Wohlstand der menschlichen Gesellschaft zu etablieren. Es gibt konfuzianische Lehrsätze, die besagen, dass die Menschheit mit dem Geist der klassischen Werke harmoniert: »Wir sind alle Brüder und Schwestern« verkörpert das Ideal der Einheit der Menschheit. Für Konfuzianer ist das Verstehen und die Aufrichtigkeit der Menschen untereinander die Basis. In der traditionellen chinesischen Gedankenwelt sind »Nachsicht«, »Toleranz macht Größe aus«, »das die Dinge Tragende ist das Ethos« Leitsätze und haben eine positive Bedeutung für den toleranten Geist, den die moderne Gesellschaft dringend braucht.

Die traditionelle chinesische Ethik betont die Familie und sieht Familie als das Fundament der Gesellschaft an. Unter den »fünf klassischen Grundbeziehungen« sind drei, die die Familie betreffen. »Das Dao des Herrschers fängt in der Ehe an und gilt auch als Prinzip für die Welt«, »Menschen zu lieben ist Menschlichkeit«, »Menschlichkeit fängt in der Familie an«, »Pietät« und »Bruderliebe« sind der emotionale und moralische Grundlage des Menschseins. Konfuzianer betonen: »Liebe deine Familienmitglieder, dann kannst du alle Menschen lieben; liebe alle Menschen, dann kannst du alle Dinge lieben«. »Kultiviere erst dich selbst, dann kannst du deine Familie in Ordnung bringen, dann kannst du den Staat regulieren, dann erst kannst du die Welt in Ordnung bringen«. »Wenn man die eigenen Menschen liebt, dann kann man andere Menschen lieben, wenn man die eigenen Kinder liebt, dann kann man andere Kinder lieben«. Alle diese Grundsätze stehen in Übereinstimmung mit dem geistigen Fundament des Weltethos.
  

Ausblick

Diese Konferenz hat die Diskussion über die Beziehung zwischen chinesischer Ethik und Weltethos gefördert. Wir schlagen vor, die Dokumente herauszuarbeiten, die zum traditionellen chinesischen Ethos bereits existieren und die für den Aufbau eines globalen Ethos nützlich sind, zugleich Gelehrte und Spezialisten zu organisieren, um systematische Forschung und Interpretation zu betreiben hinsichtlich der zwei Basisprinzipien und der vier unverrückbaren Weisungen der Erklärung zum Weltethos.

Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Gedanken über das Weltethos mehr und mehr in China beachtet werden. Wir hoffen, dass diese Erklärungen zum Weltethos und zu den menschlichen Verantwortlichkeiten in der UN diskutiert und verabschiedet werden und eine ebenso große Rolle spielen wie die Erklärung der Menschenrechte
  
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