Lew-Kopelew-Preis 2006 für Hans Küng
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»Für Frieden und Menschenrechte«


»Der Theologe und Religionswissenschaftler Hans Küng, Initiator der
›Stiftung-Weltethos‹, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine allgemeingültige Grundlage für das Miteinander der verschiedenen Religionen zu schaffen.
Dieses Miteinander kann nur dann erreicht werden, wenn die
Glaubensgemeinschaften das gegenseitige Anderssein akzeptieren und als Chance begreifen.

Mit Lew Kopelew teilt Hans Küng das entschlossene Bestreben, jeglichen Fremdenbildern entgegenzuwirken und für Offenheit und Toleranz einzutreten, um so gemeinsam den Weg für Frieden und Achtung der Menschenrechte zu finden.
Für seinen unermüdlichen Einsatz um ein besseres Verständnis zwischen den großen Religionen der Welt wird Hans Küng mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2006 geehrt.«
 


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Hans Küng

»Frieden – verflogene Illusionen, unerschütterliche Hoffnungen«


Madame la Conseillère fédérale,
sehr verehrte Außenministerin Micheline Calmy-Rey,
lieber Herr Intendant Pleitgen, Frau Oberbürgermeisterin, Herr Vorstandsvorsitzender Wüerst,
meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde des Kopelew-Forums.

Dieser Lew Kopelew-Preis ist für mich eine ganz und gar außerordentliche Ehrung und Ermutigung, für die ich dem Lew Kopelew-Forum und seinem Auswahlkomitee von Herzen danke. Ich bin hocherfreut, daß eine solche Auszeichnung für mich sogar im Schatten des Kölner Doms möglich ist. Aber noch größer ist meine Freude, daß sie mir nicht für meine Kirchen- und Papstkritik verliehen wird, sondern in Anerkennung meines Einsatzes für Frieden und Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Und ich bin froh über alles, wie Fritz Pleitgen in seiner Einleitung sagte, was Papst Benedikt auf seiner Türkeireise gelungen ist. Aber der grundsätzlichen Bejahung des Dialogs müßten nun Konsequenzen folgen, im interreligiösen und im innerchristlichen Dialog.

Mein ganz besonderer Dank gilt natürlich der Laudatorin, meiner verehrten Außenministerin Micheline Calmy-Rey. Sie können sich denken, meine Damen und Herren, daß ich als Schweizer Staatsbürger mächtig stolz und voll des Dankes bin, daß unsere Außenministerin, eine Persönlichkeit von Format, die Reise von Bern nach Köln auf sich genommen hat, um hier in Köln ihren Landsmann zu ehren, und dies wenige Tage bevor sie am 13. Dezember in Bern von der Vereinigten Bundesversammlung zur Bundespräsidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft für das Jahr 2007 gewählt werden wird. Du fond de mon cœur, Madame la Conseillère fédérale, mon très sincère merci.

Wir haben alle gehört, meine Damen und Herren, welches die tief empfundenen politischen, sozialen und ethischen Überzeugungen der Ministerin sind und können von daher verstehen, daß sie in einer alten und sehr föderalen Demokratie, wo man ebenso gern über »Bern« lästert wie im Rheinland über »Berlin«, von Kritik nicht immer verschont bleibt. Nach ihrem unerschrockenen Eintreten für den in Widerspruch zu Völkerrecht und Genfer Konventionen angegriffenen Libanon sagte sie lächelnd, es gebe in der Schweiz Kritiker, die meinten, die Außenministerin sollte am besten in allen vier Landessprachen - schweigen. Hier und heute hat sie glücklicherweise geredet, und zwar deutsch und deutlich.

Ja, Micheline Calmy-Rey hat Recht, wenn sie eine Linie zieht von Henri Dunant, dem Begründer des Roten Kreuzes, zu Lew Kopelew, der sich als Sowjetoffizier heroisch für die deutsche Zivilbevölkerung in Ostpreußen und vor allem für die vielen mißbrauchten Frauen einsetzte; der sich in einer langen Leidensgeschichte vom gläubigen Kommunisten zum überzeugten Humanisten und Weltbürger wandelte; der sich im deutschen Exil hier in Köln als Literaturwissenschaftler, Historiker und Schriftsteller mit moralischer Kraft und einem imponierenden wissenschaftlichen Œuvre für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen einsetzte. Gestalten wie er bedeuten für uns alle eine Ermutigung in Zeiten enttäuschter Hoffnungen, wo manche Mächtige wieder einmal meinen, vor allem mit Militärgewalt Probleme der Weltpolitik lösen zu können.

Sie werden verstehen, meine Damen und Herren, daß ich unter dem Eindruck dieser Ehrung das Wort jetzt noch mehr schätze, das Lew Kopelew über sein Buch »Gedanken über Dichter« setzte, das er mir am 22. September 1988 anläßlich meines Besuchs in Köln mit der Widmung »In Verehrung und herzlicher Verbundenheit« schenkte: »Der Wind weht, wo er will«.

Was für große Hoffnungen hatten wir doch allesamt 1989/90, als der ausgebürgerte Lew Kopelew aufgrund der Perestroika als freier Mann seine alte russische Heimat besuchen durfte und ich mein Buch »Projekt Weltethos« schrieb. Gewiß: manche dieser Hoffnungen wurden durchaus erfüllt. Am wichtigsten: der Eiserne Vorhang quer durch Europa fiel, Deutschland wurde geeint. Und nach dem Ersten Golfkrieg verkündete US-Präsident Bush Senior zur Begeisterung vieler »a New World Order«. Aber er tat im Nahen Osten kaum etwas zur Verwirklichung dieser neuen Weltordnung. Und noch schlimmer: Sein Sohn, unter dem Einfluß neokonservativer Ideologen, meinte nach dem verheerenden 11. September 2001, statt ein verbrecherisches Netzwerk effizient zu bekämpfen, einen »Krieg« ankündigen, Afghanistan bombardieren und besetzen, ja sogar, der Klugheit seines Vaters trotzend, nach Bagdad marschieren zu müssen.

Die Folge: »A New World Order« ins Gegenteil verkehrt: »A New World Disorder«, eine neue Welt-Unordnung! Statt einer Politik regionaler Verständigung, Annäherung und Versöhnung, wie unter amerikanischer Führung nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und im ganzen OECD-Raum durchgesetzt, wieder eine rücksichtslose, neo-imperiale Interessen-, Macht- und Prestigepolitik. Diesmal leider ebenfalls unter amerikanischer Führung, die das die amerikanische Verfassung tragende Ethos verdrängt zu haben scheint. Statt einer neuen Weltordnung der wechselseitigen Kooperation, Kompromisse und Integration, statt des neuen Paradigmas friedlicher internationaler Beziehungen, das zwar Partner, Konkurrenten, Opponenten, aber keine Feinde kennt, jetzt erneut jenes alte Paradigma der militärischen Konfrontation, Aggression und Revanche: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!« Statt einer ethisch fundierten Politik der Menschenrechte, eine Völkerrecht und Genfer Konventionen mißachtende Machtpolitik unter dem Vorwand der Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten.

Aber jetzt - ich bin nicht Pessimist - die erfreuliche Entwicklung: Spätestens seit den von Bush verlorenen US-Kongreßwahlen vom 8. November 2006 und der längst überfälligen Verabschiedung eines kriegslüsternen, inkompetenten Verteidigungsministers dämmert es auch der Mehrheit der Amerikaner, daß sie von einem arroganten, sich »christlich« präsentierenden Präsidenten und von neokonservativen Ideologen, von einem passiven Kongreß und willigen Massenmedien irregeführt wurden. Und ähnlich wie in den 1950er Jahren nach vier Jahren der McCarthy-Hysterie und Kommunistenjagd, wachen jetzt immer mehr Amerikaner auf aus einer Kriegs-, Antiterror- und Sicherheitshysterie und merken, daß unter dieser Präsidentschaft vieles schief gelaufen ist.

Wäre Lew Kopelew noch unter uns, so würde er sicher bestätigen: Zum Frieden führen nicht Angriffskriege, unmenschliche Behandlung von Kriegsgefangenen und Zivilpersonen und massive Verletzung der Menschenrechte. Zum Frieden führen auch nicht undemokratische Einschränkungen der Bürgerrechte im eigenen Land, imperiale Präsidentschaft und willkürliche Auslegung von Gesetzen und Gerichtsentscheiden. Dies alles führte vielmehr zu einem höchst bedauerlichen, noch nie dagewesenen Verlust an moralischer Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika selbst bei Alliierten und Freunden.

So sind denn in allerneuester Zeit - und dies ist positiv zu bewerten - viele Illusionen verflogen, Illusionen, die selbstverständlich auch viele Amerikaner von Anfang an durchschaut hatten. Wenn nicht alles täuscht, stehen wir heute vor einem Kurswechsel im Irak und vermutlich der gesamten Außenpolitik gegenüber Gegnern und Alliierten. Die Ergebnisse der vom Präsidenten berufenen Irak-Kommission dürften nur die ersten Schritte andeuten. Jedenfalls besteht Hoffnung, daß die dogmatische Ideologie von der »Achse des Bösen« aufgegeben wird. Hoffnung besteht, daß die USA mit ihren Gegnern im Nahen Osten, besonders Syrien und Iran, statt einer Konfrontation mit verheerenden Folgen den direkten Dialog suchen und zusammen mit UN, EU und Rußland auch den viel zu lange vernachlässigten israelisch-arabischen Friedensdiskurs vorantreiben. Damit wäre den islamistischen Terroristen ihr Hauptargument für ihren gewaltsamen Jihad gegenüber dem Westen genommen und der Einfluß der Extremisten im ganzen Nahen Osten geschwächt. So würde die Sicherheit Israels, die militärisch und mit einer Mauer nicht zu garantieren ist, politisch-wirtschaftlich gestärkt, was freilich auch von Israel um des Friedens willen erhebliche Konzessionen zugunsten der unterdrückten Palästinenser erfordert.

Solches Handeln entspräche den Grundsätzen jenes amerikanischen Präsidenten, den ich am Ende meiner ersten amerikanischen Vorlesungsreise 1963 persönlich im Weißen Haus begrüßen durfte. Er erwies sich als Vertreter des neuen Paradigmas, als er angesichts der realen (und nicht nur erlogenen) Raketengefahr auf Kuba nicht zum Krieg rief, sondern den Abzug der Raketen erzwang und Verhandlungen forderte: John F. Kennedy. In seiner Inaugurationsrede sagte er die noch heute mit dem Blick auf Syrien und Iran, Hamas und Hizbollah zu bedenkenden Worte:
»Let us never negotiate out of fear,
But let us never fear to negotiate.
Laßt uns nie aus Angst verhandeln,
aber laßt uns auch nie Angst haben zu verhandeln.«

So sind denn in neuester Zeit nicht wenige gefährliche politische Illusionen von militärischer Allmacht und unilateraler Ergreifung der Weltherrschaft verflogen. Ja, es haben sich trotz allen Rückfalls in das alte überholte Paradigma Hoffnungen auf eine neue bessere Weltordnung als unerschütterlich erwiesen. Von Lew Kopelew sagt sein langjähriger Freund und Kampfgefährte, Prof. Jakov Drabkin, daß er trotz seiner tragischen Lagererfahrungen sich stets treu blieb und bis zum letzten Atemzug im Glauben an eine bessere Zukunft lebte. Dieser große Humanist, Weltbürger und Versöhner hat zwei Jahre vor seinem Tod in einer breiten welthistorischen und weltpolitischen Schau die Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen von 1993 bejaht und ein Weltethos als lebensnotwendig bezeichnet. Er würde uns heute sicher zurufen:

Meine Freunde, gebt dem Frieden eine neue Chance! Stoppt den Machiavellismus in der Politik, der Verrat, Fälschungen, Vergiftungen, Folterungen, Kriege erlaubt. Stärkt vielmehr die Demokratie, die Menschenrechte und deren unabdingbare ethische Grundlagen! Konkret:
Die Regierenden in Deutschland, Europa, Rußland und USA mögen ihre Völker in Afghanistan und im Nahen Osten nicht tiefer in die Kriege hinein-, sondern möglichst rasch aus ihnen herausführen.
Unsere Soldaten sollen nicht das Töten lernen, sondern lernen zu vermitteln und Vertrauen zu bilden; nicht mehr Truppen und noch mehr Tote, sondern ein gemeinsames Befriedungskonzept für den zivilen Aufbau, wie von allen Entwicklungsorganisationen gefordert.
Die Regierenden in aller Welt mögen, statt die Spirale der Gewalt hochzuschrauben, sich klug um De-Eskalation bemühen.
USA und EU mögen, statt noch mehr Milliarden für militärische und polizeiliche Zwecke auszugeben, mehr Mittel für die Verbesserung der sozialen Lage der Massen im Nahen Osten und der Globalisierungsverlierer auf allen Kontinenten aufwenden.
Aber auch die Staaten des Nahen Ostens mögen, statt Symptombekämpfung, Therapie an den sozialen und politischen Wurzeln des Terrors üben, damit alle, die heute in täglicher Angst vor Terrorismus sind, bald wieder ein friedliches, menschenwürdiges Leben führen können.
Und schließlich soll auch in unseren Ländern die Friedenserziehung verstärkt und die Gewalt in Schulen bekämpft werden, und zwar nicht nur durch Verbote und Strafen, neue Gesetze und mehr Polizei, sondern durch die Entwicklung einer friedensfördernden Schulkultur. Eine Schulkultur aber bedarf eines grundlegenden Schul-Ethos, bedarf neuer Bewußtmachung einiger elementarer moralischer Standards, die in allen Kulturen seit eh und je zu finden sind.

Gestatten Sie mir als Theologen und Christenmenschen, an diesem 1. Advent noch einmal das Wort zu zitieren, das Lew Kopelew über sein Buch »Gedanken über Dichter« setzte: »Der Wind weht, wo er will«. Dieser Titel stammt aus dem Johannes-Evangelium Kap. 3, und Kopelew hat den ganzen Vers 8 als Motto auf das Titelblatt gesetzt: »Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.«

Meine Damen und Herren, mehr aus dem Geist geborene Männer und Frauen wie Lew Kopelew könnte unsere friedlose und oft auch geistlose Zeit gebrauchen. Mir aber bleibt nun zum Schluß nur nochmals von Herzen zu danken für die mir zugekommene Ehrung und Ermutigung: dem Kopelew-Forum und seinem Präsidenten Fritz Pleitgen, der Laudatorin Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, unserer Gastgeberin hier, der Kreissparkasse Köln in der Person des Vorstandsvorsitzenden Alexander Wüerst, und schließlich Ihnen allen, die Sie so erfreulich zahlreich zu diesem Festanlaß gekommen sind. Meinen Dank, meinen herzlichen Dank!

© Hans Küng

 

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Am Sonntag, dem 3. Dezember 2006, wurde in Köln der diesjährige Lew-Kopelew-Preis »Für Frieden und Menschenrechte« an den katholischen Tübinger Theologen Professor Hans Küng, Präsident der Stiftung Weltethos, verliehen.

Der Preis ist nach dem großen russischen Literaturwissenschaftler und Humanisten Lew Kopelew (1912–1997) benannt, der sich in einer langen Lebens- und Leidensgeschichte vom gläubigen Kommunisten zum Dissidenten und Weltbürger wandelte. Seit 1981 im Kölner Exil lebend, setzte er sich unermüdlich für die Versöhnung von Deutschen und Russen ein.

Der undotierte Preis wurde bisher u. a. dem israelischen Publizisten Uri Avnery, dem palästinensischen Politologen Sari Nusseibeh sowie der tschetschenischen Menschenrechtlerin Sainap Gaschajewa verliehen.

Die Preisbegründung erfolgt durch den Intendanten des WDR, Fritz Pleitgen, Vorsitzender des Lew-Kopelew-Forums. Die Laudatio hält die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey.

Die Feier wurde live übertragen vom TV-Sender Phoenix sowie in Auszügen vom WDR.
 
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