Wenn
sie sich als Frau der Kirche für den Frieden einsetze, werde
ihr oft die Kirchengeschichte entgegen gehalten – von den Kreuzzügen über
die Hexenverfolgungen bis zur Inquisition, sagte am Sonntag die Landesbischöfin
der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Margot Käßmann,
zu Beginn ihrer Weimarer Rede im völlig ausverkauften DNT Weimar. Und
sie fuhr fort: »Ich persönlich bin überzeugt, dass die Kirche
in die Irre gegangen ist, wann immer sie Gewalt legitimiert hat. Jesus Christus
war kein Revolutionär mit der Waffe in der Hand. Er hat Frieden gepredigt,
nicht Krieg, Feindesliebe, nicht Hass.«
Käßmann eröffnete den neuen Jahrgang der vom DNT gemeinsam
mit der Stadtkulturdirektion veranstalteten, von E.ON Thüringer Energie
AG finanzierten und von der TLZ präsentierten Reden-Reihe. Im Jahr des
800. Geburtstages der Elisabeth von Thüringen und des 200. Todestages
von Herzogin Anna Amalia wird der Reigen ganz bewusst von Rednerinnen bestritten
– unter dem Motto »Starke Frauen«.
Kirchen gegen den Krieg
Und gleich zum Auftakt war eine in jeder Hinsicht starke und mitreißende
Frau zu erleben. Unter dem vom Weimarer Stadtkulturdirektor Felix Leibrock
vorgeschlagenen Titel »Religion als Faktor der Konfliktentschärfung« forderte
sie von der ökumenischen Bewegung eine klare Stellungnahme gegen Krieg.
Christen in allen Kirchen weltweit müssten erklären, dass es keinen
Weg zum Frieden durch Krieg gibt, »sondern der Frieden der Weg ist«. »Die ökumenische
Bewegung muss Armeen verurteilen, die Krieg führen und dabei Folter, Leiden
und Vergewaltigung im Gepäck haben.«
Nach Gesprächen mit Menschen muslimischen, jüdischen und hinduistischen
Glaubens sei sie überzeugt, dass jede Religion einen Kern in sich trägt,
der zum Frieden ruft. »Wer an einen Gott glaubt, der die Welt trägt,
kann doch nicht legitimieren, dass andere getötet, dass Schöpfung
Gottes damit zerstört wird.«
Aber es müsse die Frage erörtert werden, ob Religion demokratiefähig
sei.
Ein internationaler Strafgerichtshof sei fällig, betonte die Landesbischöfin.
Und wir müssten akzeptieren, dass auch Terrorismus nicht durch Krieg bekämpft
werden kann. Als konkrete Schritte zur Überwindung von Gewalt nannte sie
u. a. den Abbruch der Geldströme, die Rüstung und Terror finanzieren,
die Unterbindung des Drogenhandels, aus dessen Gewinnen Waffen gekauft würden,
ein international verbindliches Abkommen gegen den Waffenhandel – auch des
deutschen Waffen-Exports –, und die politische Lösung von Dauerkonflikten
wie in Israel und Palästina.
Statt wie die USA Hunderte Milliarden Dollar im Militärhaushalt bereit
zu stellen, müssten viel mehr Gelder in Friedensarbeit fließen.
Sie erinnerte an Publikationen des katholischen Theologen Hans Küng, in
denen er das »Projekt Weltethos« vorstellte. Dieser Begriff solle
nicht bindend christlich verstanden werden, sondern in einem neuen interreligiösen
und interkulturellen Sinn. Gläubige aller Religionen und Nichtgläubige
in allen Kulturen sollten hier ihr Gemeinsames finden. Es gehe um ethische
Basisstandards, die von allen bejaht werden können.
Konflikte entschärfen
Käßmann forderte dazu auf, das Projekt Weltethos umzusetzen: »Im
Dialog miteinander, in der Begegnung zwischen Religionen, kann Vertrauen wachsen.
Und im gemeinsamen Willen, zur Entschärfung beizutragen, kann das Projekt
Weltethos große Dienste leisten«, sagte die Rednerin. Besonders
wichtig sei es, dass Religionen sich nicht gegenseitig verteufelten. Und dass
wir aufmerksam sind auf Fundamentalisten in den eigenen Reihen und jede Form
von Gewalt als Gotteslästerung brandmarken.
Peter-Alexander Fiedler in: Thüringische Landeszeitung, 5. 3. 2007
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