Daß Sie mich gerade
mit einem Friedenspreis auszeichnen, ich gestehe es Ihnen – ganz offen,
meine Damen und Herren, bereitet mir eine ganz besondere Freude und
Genugtuung. Wenn mich ungefähr mein ganzes Theologenleben nicht
etwa das Attribut »friedlich«, sondern »streitbar« verfolgt
hat und ich dies immer nur als bestenfalls halbwahr angesehen habe,
freut es mich, wenn ich nun als Mann des Friedens gepriesen werde.
Und so habe ich denn Grund, von ganzem Herzen für die Auszeichnung
und die guten Worte zu danken, die ich erhalten habe und die mir auf
dem weiteren Weg Mut geben:
- Frau Carmen Barann von der Stiftung Dr. Roland Röhl,
- der Vizepräsidentin der Universität Göttingen,
Frau Prof. Dr. Hannelore Ehrenreich,
- dem Oberbürgermeister der Stadt Göttingen Jürgen
Danielowski,
- dem Niedersächsischen Staatssekretär für
Wissenschaft und Kultur Dr. Uwe Reinhardt,
- und natürlich vor allem der Frau Landesbischöfin Dr.
Margot Käßmann für ihre Laudatio, von der ich mich
voll verstanden fühle, sowohl in meiner Offenheit für die
anderen Religionen wie in meinem Verwurzeltbleiben im Christentum.
Sehr präzis
und sympathisch hat sie umschrieben, um was es im Projekt Weltethos
geht. Ganz herzlichen Dank!
Gegen das Wort »streitbar« habe
ich übrigens nichts
einzuwenden, solange es nicht gleichgesetzt wird mit »streitlustig« oder
gar »streitsüchtig«. Solange es positiv bedeutet,
daß man den Willen und die Kraft besitzt, für etwas oder
für jemanden zu streiten, sich einzusetzen, zu kämpfen.
Ich habe es immer gehalten mit einem Wort eines amerikanischen Präsidenten,
den ich persönlich kennenlernte und der anders als der jetzige
sagte: »Konflikte nicht suchen, aber wenn sie einem aufgezwungen
werden, sie gründlich besorgen«: John F. Kennedy, der
aus dem von anderen eingebrockten Fehler der Schweinebuchtinvasion
lernte und dann in der Auseinandersetzung um die sowjetischen Raketenstationen
in Kuba nicht zu einem Krieg gegen Terrorismus aufrief und eine Invasion
Kubas anordnete; der sich freilich auch nicht einfach mit der Bedrohung
abfand, sondern durch eine ebenso energische wie maßvolle Politik
den Abzug der sowjetischen Raketen erzwang und sich in der Sowjetunion
Respekt verschaffte. Heute aber sind wir wieder in der Gefahr, eine
abenteuerliche Weltpolitik zu betreiben, die in erster Linie auf
Gewalt und Militär setzt und die über Europa und die Welt
so unendlich viel Elend gebracht hat. Das alles ist nach der Überzeugung
vieler keine Weltpolitik mit Zukunft, sondern eine Weltpolitik mit
Vergangenheit. Sie entstammt einem überholten Paradigma internationaler
Beziehungen, dem ich hier einen ersten Gedankengang widmen möchte.
I. Das überholte Paradigma internationaler
Beziehungen
Drei realsymbolische
Daten, die – bei aller Fragwürdigkeit der Kalenderchronologie – das
langsame und mühselig das Ende des alten und zugleich das sich durchsetzende
neue Paradigma internationaler Beziehungen signalisieren: in Ankündigung
(1918), Realisierung (1945) und schließlich Durchbruch (1989).
1918: Ende des Ersten Weltkriegs mit einer Bilanz von gegen 10 Millionen
Toten. Kollaps des Deutschen Kaiserreiches, des Habsburgerreiches,
des Zarenreiches, des Osmanischen, zuvor schon des chinesischen Kaiserreiches.
Jetzt die amerikanischen Truppen auf europäischem Boden und die
Heraufkunft des Sowjetimperiums. Das ist der Anfang vom Ende des eurozentrisch-imperialistischen
Paradigmas der Moderne und der Beginn eines noch nicht definierten,
aber doch von den Weitsichtigen anvisierten neuen Paradigmas. Es wurde
von den USA vorgeschlagen: Mit seinen »14 Punkten« skizzierte
Präsident Woodrow Wilson (am 8.1.1918) sein Friedensprogramm:
einen »Gerechtigkeitsfrieden« ohne Besiegte und die »Selbst-bestimmung
der Völker« ohne Annexionen und Reparationsforderungen.
Aber das »Versailles« der Realpolitiker Clémenceau
und Lloyd Georges hat die Realisierung des neuen Paradigmas verhindert:
statt Gerechtigkeitsfrieden ein Diktatfrieden ohne die Beteiligung
der Besiegten. Die Folgen (vom britischen Verhandlungsführer John
Maynard Keynes, der demissionierte und später der führende Ökonom
des Jahrhunderts wurde, hellsichtig prophezeit) sind bekannt: Faschismus
und Nazismus (sekundiert in Fernost vom japanischen Militarismus) sind
die katastrophalen reaktionären Fehlentwicklungen, die zwei Jahrzehnte
später zum Zweiten Weltkrieg führen, der schlimmer ist als
alles bisher in der Weltgeschichte Dagewesene.
1945: Ende des Zweiten Weltkriegs mit einer Bilanz von gegen 50 Millionen
Toten und weiterer Millionen Vertriebener. Nazismus und Faschismus
erledigt, der Sowjetkommunismus nach außen stärker denn
je, aber innerlich aufgrund der stalinistischen Politik politisch-wirtschaftlich-sozial
bereits in der Krise. Wieder geht die Initiative für ein neues
Paradigma von den USA aus: 1945 Gründung der Vereinten Nationen
in San Francisco und das Bretton-Woods Abkommen zur Neuordnung der
Weltwirtschaft, dann die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
1948, weiter die amerikanische Wirtschafts-hilfe für den Aufbau
Europas und dessen Einbezug in ein Freihandelssystem. Aber der Stalinismus
hat dieses neue Paradigma für seinen Einflußbereich blockiert
und zur Teilung der Welt in Ost und West geführt.
1989: Fall der Berliner Mauer – Symbol der Unmenschlichkeit,
des Totalitarismus und Staatsterrorismus. Die erfolgreiche friedliche
Revolution in Osteuropa und der Kollaps des Sowjetkommunismus. Nach
dem Golfkrieg wieder ein amerikanischer Präsident, der ein neues
Paradigma, »a New World Order«, ankündigt und mit
dieser Parole enthusiastische Aufnahme in der Welt findet. Aber im
Gegensatz zu seinem Vorgänger Wilson hatte Präsident George
Bush sen. keine Ahnung, wie dieses »vision thing« aussehen
sollte. Und insofern stellt sich nun die Frage: Haben wir im vergangenen
Jahrzehnt die Chance eines neuen Paradigmas erneut verpaßt?
Nein, das ist meine Überzeugung nicht. Darf man doch im 20. Jahrhundert
trotz der Kriege, Massaker und Flüchtlingsströme, trotz des
Archipel Gulag, des Holocausts und der Atombombe manche Veränderungen
zum Besseren nicht übersehen. Über die zahllosen grandiosen
wissenschaftlich-technologischen -Errungenschaften hinaus können
sich die schon nach 1918 zu einer neuen nachmodernen Gesamtkonstellation
drängenden Bewegungen nach 1945 durchsetzen: Friedensbewegung,
Frauenbewegung, Umweltbewegung, Ökumenebewegung: eine neue Einstellung
zu Krieg und Abrüstung, zur Partnerschaft von Mann und Frau, zum
Verhältnis von Ökonomie und Ökologie, zu den christlichen
Konfessionen und den Weltreligionen. Und nach 1989, nach dem Zusammenbruch
der gewaltsamen Zweiteilung der Welt in West und Ost und der definitiven
Entzauberung wie der evolutionären so jetzt auch der revolutionären
Fortschrittsideologie zeichnen sich nun global konkrete Möglichkeiten
einer befriedeten und kooperierenden Welt ab: anders als die europäische
Moderne nicht mehr eurozentrisch, sondern polyzentrisch, bei allen
ungeheuren Defiziten und Konflikten im Prinzip doch postimperialistisch
und postkolonialistisch, mit den Idealen einer ökosozialen Marktwirtschaft
und wahrhaft vereinter Nationen.
Die in den letzten hundert Jahren herrschenden
politischen Orientierungen des Imperialismus, Rassismus und Nationalismus haben
abgewirtschaftet:
Während die afrikanische, asiatische und islamische Welt weiterhin
von traditioneller nationaler Machtpolitik bestimmt ist, läßt
sich in den westeuropäischen Ursprungsländern von
Imperialismus, Nationalismus und Rassismus, welche die Großzahl der Kriege,
besonders die beiden Weltkriege, verursacht haben, ein Paradigmenwechsel feststellen: weg von der mit den beiden Weltkriegen klar gescheiterten
konfrontativen nationalen Macht- und Prestigepolitik, die unter Umständen
mit militärischen Mitteln ausgetragen wird, hin zu einem neuartigen
gemeinsamen Politikmodell regionaler Kooperation und Integration, welche
jahrhundertelange Gegensätze friedlich zu überwinden vermochte.
Das Resultat nicht nur in der EU, sondern im ganzen Bereich der OECD
(Organization for Economic Cooperation and Development, 1948 bzw. 1960
gegründet), also der westlichen Industriestaaten (neben den Europäern
vor allem die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Japan) ist ein
halbes Jahrhundert des Demokratiefriedens. Wahrhaftig: ein gelungener
Paradigmenwechsel!
So lassen Sie mich denn nach dieser notwendig sehr knappen historischen
Tour d'horizon zu einer grundsätzlichen Bestimmung des neuen Paradigmas
der internationalen Beziehungen kommen, die ich in Büchern wie »Projekt
Weltethos« und »Weltethos für Weltpolitik und Welt-wirtschaft« begründet
habe. Viele Ideen, die ich da vertreten habe, sind eingegangen in das
Manifest für die Vereinten Nationen »Brücken in die
Zukunft« (Fischer Verlag, Frankfurt 2001). Mit Altbundespräsident
Richard von Weizsäcker gehörte ich einer zwanzigköpfigen »Group
of Eminent Persons« an, von Generalsekretär Kofi Annan berufen,
um einen Bericht zum Dialog der Kulturen über ein neues Paradigma
internationaler Beziehungen auszuarbeiten. Unser Manifest haben wir
am 9. November 2001 dem Generalsekretär und der UN-Vollversammlung
vorgestellt unter dem Titel »Crossing the Divide«, deutsch
eben »Brücken in die Zukunft«. Mit diesem persönlichen
und sachlichen Hintergrund lassen Sie mich nun, meine Damen und Herren,
im zweiten Teil das neue Paradigma internationaler Beziehungen knapp
skizzieren.
II. Das neue Paradigma internationaler Beziehungen
und seine ethischen Voraussetzungen
Aufgrund der Erfahrungen in EU und OECD
läßt sich die neue politische Gesamtkonstellation wie
folgt in knappen Zügen skizzieren, wobei ethische Kategorien
kaum vermeidbar sind. Das neue Paradigma besagt grundsätzlich:
statt der neuzeitlichen nationalen Interessen, Macht und Prestigepolitik
(wie noch in Versailles) eine Politik regionaler Verständigung,
Annäherung und Versöhnung. Von Frankreich und Deutschland
ist dies exemplarisch vorgemacht worden. Dies erfordert im konkreten
politischen Handeln auch in Nahost, Afghanistan und Kaschmir statt
der früheren Konfrontation, Aggression und Revanche wechselseitige Kooperation,
Kompromiß
und Integration.
Diese neue politische Gesamtkonstellation
setzt offenkundig eine Mentalitätsveränderung voraus,
die weit über die Tagespolitik hinausgeht:
- Neue Organisationen reichen dafür
nicht aus, es braucht eine neue Denkart (»mindset«).
- Nationale, ethnische, religiöse Verschiedenheit darf
nicht mehr grundsätzlich als Bedrohung verstanden werden,
sondern als zumindest mögliche Bereicherung.
- Während das alte Paradigma immer
einen Feind, gar Erbfeind voraussetzte, braucht das neue Paradigma keinen
Feind mehr, wohl aber Partner, Konkurrenten und oft auch
Opponenten. Statt militärischer Konfrontation gilt auf allen
Ebenen wirtschaftlicher Wettbewerb.
- Denn es hat sich gezeigt, daß die
nationale Wohlfahrt auf die Dauer nicht durch Krieg, sondern
nur durch Frieden befördert wird, nicht im Gegen oder Nebeneinander,
sondern im Miteinander.
- Und weil die nun einmal bestehenden verschiedenen
Interessen im Miteinander befriedigt werden, ist eine Politik
möglich, die nicht mehr ein NullSummenSpiel ist, bei welcher
der eine auf Kosten des anderen gewinnt, sondern ein Positiv-Summen-Spiel,
bei dem alle gewinnen.
Natürlich ist Politik im neuen Paradigma
nicht einfach leichter geworden, sondern bleibt die jetzt
freilich gewaltfreie »Kunst des Möglichen«.
Wenn sie funktionieren soll, kann sie sich nicht gründen auf
einen
»postmodernistischen« Beliebigkeitspluralismus. Vielmehr
setzt sie einen gesellschaftlichen Konsens bezüglich bestimmter
Grundwerte, Grundrechte und Grundpflichten voraus. Dieser gesellschaftliche
Grundkonsens muß von allen gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen
werden, von Glaubenden wie Nichtglaubenden, von den Angehörigen
der verschiedenen Religionen wie Philosophien oder Ideologien.
Mit anderen Worten: Dieser gesellschaftliche
Konsens, den ein demokratisches System nicht erzwingen darf, sondern
voraussetzen muß, meint kein gemeinsames ethisches System
(»Ethik«, »ethics«), wohl einen gemeinsamen
Grundbestand an Werten und Maßstäben, Rechten und Pflichten,
ein gemeinsames Ethos (»ethic«): ein Menschheitsethos
also. Ein Weltethos (»global ethic«), das nicht
eine neue Ideologie oder »Superstruktur« ist, sondern
die gemeinsamen religiösphilosophischen Ressourcen der Menschheit
bündelt, die nicht gesetzlich auferlegt, sondern bewußt
gemacht werden sollen. Weltethos ist gleichzeitig »personenorientiert,
institutionenorientiert und resultatorientiert« (A.
Riklin).
Insofern zielt das Weltethos nicht nur auf
eine das Individuum möglicherweise entlastende Kollektivverantwortung
(als ob an bestimmten Mißständen nur »die Verhältnisse«,
die »Geschichte«, »das System« Schuld seien).
Es zielt in besonderer Weise auf die individuelle Verantwortung eines jeden
einzelnen an seinem Platz in der Gesellschaft und ganz besonders
auf die individuelle Verantwortung der politischen Führer.
Die freie Verpflichtung auf ein gemeinsames Ethos schließt
selbstverständlich nicht aus, sondern ein, daß sie vom
Recht unterstützt wird und unter Umständen juristisch
eingeklagt werden kann, im Fall von Völkermord, Verbrechen
gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und völkerrechtlicher
Aggression allerneuestens sogar vor einem Internationalen Strafgerichtshof
in Den Haag, wenn nämlich ein Vertragsstaat unfähig oder
nicht Willens ist, die auf seinem Boden verübten Verbrechen
juristisch zu ahnden.
Aber nun ist ja notorisch, daß ja
gerade die USA den Internationalen Strafgerichtshof zusammen
mit Israel sabotieren, ebenso auch andere wichtige internationale
Abkommen wie das KlimaAbkommen von Kyoto
Die gegenwärtige
Administration der einzig übrig gebliebenen Supermacht scheint
eine Politik im neuen Paradigma mehr als andere Großmächte
in der asiatischen, islamischen oder afrikanischen Welt zu stören.
Und so komme ich denn nicht darum, das neue Paradigma mit der politischen
Wirklichkeit nach dem 11. September 2001 zu konfrontieren angesichts
der Tatsache, daß der Kampf gegen den Terrorismus zweifellos
aufgenommen werden mußte und die ungeheuren Verbrechen nicht
ungesühnt bleiben dürfen. Zunächst hatte ich die
Absicht, diesem dritten und letzten Teil den Titel »Kritische
Fragen nach dem 11. September« zu geben, habe mich aber
zu einer Umkehr der Perspektive entschlossen mit dem hoffnungsvolleren
(und diesem Festanlaß mehr angepaßten) Titel:
III. Chancen nach dem 11. September.
Nicht aufhalten möchte ich mich mit
der Frage, ob es nach dem 11. September eine Alternative zum erlebten
AfghanistanSzenario gegeben hätte. Auf die Frage des »Göttinger
Tageblatts« habe ich die Frage bejaht und konkretisiert:
Krieg als »ultima ratio« und nicht wie jetzt als »proxima
ratio«. Ein deshalb höchst fragwürdiger Krieg übrigens und
Fragen werden wir uns von niemandem verbieten lassen dürfen:
- ein Krieg, der seine primären Ziele
nach einem halben Jahr noch immer nicht erreicht hat, der nun
länger und verlustreicher wird als zunächst angenommen
und der sehr wohl enden kann mit einem militärischen Sieg
der Amerikaner und einem nicht gewonnenen Frieden, neuen Stammeskonflikten,
Herrschaft der Warlords und Banditentum wie in der Zeit vor der
Talibanherrschaft;
- ein Krieg, in dessen aktive Führung
auch deutsche Soldaten aufgrund einer »uneingeschränkten
Solidarität« immer mehr verwickelt werden und möglicherweise
zu jahrelanger Präsenz und Auseinandersetzungen im Hindukusch
und in der Hauptstadt Kabul verdammt sind;
- ein Krieg, der manche keineswegs pazifistische
Zeitgenossen fragen läßt, was deutsche Soldaten eigentlich
in Afghanistan und im Jemen zu suchen haben und was deutsche
Fregatten in Djibutti und am Horn von Afrika und ob deutsche
Soldaten uneingeschränkt auch Kriege gegen Somalia und Syrien,
den Irak und Iran mitmachen sollen. Deutschland könnte »marginalisiert« werden,
meinen die Verteidiger dieser neuen militärischen Außenpolitik.
Aber nein, meine Damen und Herren, Deutschland ist zu groß und
zu mächtig, als daß es »marginalisiert« werden
könnte.
Die entscheidende Frage ist nach den neuesten
Erfahrungen mehr denn je: Wie sollen wir uns international
engagieren? Und soll es im Kampf mit dem Terrorismus einfach in
diesem Stil weitergehen? Nicht um die Alternativen der Vergangenheit
geht es mir, sondern um die Alternativen der Zukunft. Haben
wir
überhaupt solche, solange Außenpolitik vor allem Militärpolitik
ist und Abermilliarden für sündhaft teure neue Waffensysteme
und Transportflugzeuge statt für Kindergärten und Schulen
im eigenen Land und für die Bekämpfung von Armut, Hunger
und Elend in der Welt ausgegeben werden? Gibt es überhaupt noch
Chancen für das neue Paradigma auch außerhalb der OECDWelt?
Ich meine ja und möchte das vorsichtig andeuten: nicht mit scheinbar
sicheren Voraussagen, sondern im Modus des »Es könnte
ja sein, daß
« Also im vollen Bewußtsein all der realen
Ungewißheiten der Zukunft, die heute oft rascher grundlegende
Wendungen herbeiführen als früher und dies nicht immer
zum Schlimmeren. Also sozusagen nach dem realistischen AntiMurphyPrinciple: »Was
schief gehen kann, muß nicht immer schief gehen
« Und
ich beschränke dabei meine Bemerkungen auf Afghanistan und den
Nahen Osten.
Was den AfghanistanKrieg angeht:
Ich bin ein Freund der Vereinigten Staaten, war dort oft vielgeehrter
Gastprofessor und ein Bewunderer der großen amerikanischen
Tradition der Demokratie und der Einforderung der Menschenrechte.
Und, gerade deshalb plädiere ich für Frieden auch
angesichts der Kampagne gegen den Terrorismus:
Es könnte ja sein, daß auch
die neue amerikanische Administration einsieht, daß wer
den Kampf gegen das Böse in der ganzen Welt meint gewinnen
zu können, sich selbstgerecht zum ewigen Krieg verdammt und
daß auch eine Supermacht erfolgreiche Politik nur dann betreiben
kann, wenn sie nicht selbstherrlich unilateral handelt, sondern
echte Partner und Freunde, nicht Satelliten, hat.
Es
könnte ja sein, daß die
USA, klüger als frühere Imperien, ihre Macht doch nicht überdehnen
und am Größenwahn scheitern werden, sondern daß sie
ihre Vormachtstellung bewahren, indem sie nicht nur ihre Eigeninteressen,
sondern auch die ihrer Partner berücksichtigen.
Es
könnte ja sein, daß der
amerikanische Präsident, dessen Haushaltsüberschuß im
vergangenen Jahr um vier Trillionen Dollar abgenommen hat und der
in Zukunft wieder mit Defiziten rechnen muß, seine BudgetPolitik
doch noch umorientiert und sich statt primär um Militärpolitik
um eine erfolgreichere Wirtschaftspolitik kümmert, die auch
weitere EnronPleiten, Börsendisaster und eine noch immer mögliche
Rezession ins Auge faßt.
Es
könnte ja sein, daß auch
die gegenwärtige amerikanische Administration, weil sie sich
nicht die ganze islamische Welt entfremden will, doch etwas mehr
nach den Ursachen der Ressentiments der Araber und Muslime gegenüber
dem Westen und den Vereinigten Staaten im besonderen fragt; daß sie
sich statt nur um Symptombekämpfung mehr um die Therapie an
den sozialen, ökonomischen und politischen Wurzeln des Terrors
kümmert; daß sie statt noch mehr Milliarden für
militärische und polizeiliche Zwecke mehr Mittel für
die Verbesserung der sozialen Lage der Massen im eigenen Land und
der Globalisierungsverlierer in aller Welt aufwendet.
Es
könnte ja sein, daß die
Supermacht USA auch aus Eigeninteresse daran interessiert wäre,
daß das internationale Rechtsbewußtsein nicht erschüttert
wird dadurch, daß die einzige Supermacht andere Standards
setzt als sie allgemein völkerrechtlich gelten, weil sie so
denjenigen Kräften hilft, die sich überhaupt nicht an
die Standards des internationalen Rechts halten wollen, und gerade
so den Terror fördert.
Und was nun die Tragödie im Nahen
Osten betrifft: Ich war ein Freund des Staates Israel von
Anfang an, habe mich im Zweiten Vatikanischen Konzil nachdrücklich
für die Judenerklärung eingesetzt und nach dem Konzil
für die Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan.
Gerade deshalb plädiere ich für Frieden auch
angesichts einer scheinbar ausweglosen Situation:
Es könnte ja sein, daß gerade
angesichts der ständig steigenden Spirale der Gewalt und mehr
als 1100 Toten (davon 3/4 Palästinenser
darunter 200 Kinder) seit dem September 2000 (als Scharon zur
puren Provokation schwerbewaffnet und beschützt den Tempelberg
hinaufstieg und die zweite Intifada auslöste) immer mehr Israelis
realisieren, daß sie diesen Krieg nicht gewinnen können.
Sharons rein militärische Strategie »Frieden durch Repression« ist
gescheitert.
Es könnte
ja sein, daß eine
zunehmende Zahl von Israelis einsieht, daß dieser Scharon,
der bereits für das Verhängnis des Libanonkrieges 1982
und die Kriegsverbrechen in den dortigen Flüchtlingslagern
verantwortlich war und deshalb zum Rücktritt als Verteidigungsminister
gezwungen wurde, sie ein zweites Mal durch seine konzeptionslose
Demagogie irregeführt hat, als er ihnen Frieden durch eine
Politik der starken Hand versprach. Niemand täusche sich:
Die zweite Intifada wird siegen, weil die Leidensfähigkeit
der Unterdrückten größer und anhaltender ist als
die der Unterdrücker.
Es
könnte ja sein, daß jene
mehr als 500 tapfere israelischen Offiziere und Soldaten von
Armee und Bevölkerung immer mehr Unterstützung erhalten,
die einen Militärdienst in einem unmoralischen Krieg verweigern
mit der Begründung: »Wir werden nicht länger kämpfen
jenseits der Grünen Linie, um dort zu besetzen,
zu deportieren, zu zerstören, zu blockieren, zu morden, auszuhungern
und ein ganzes Volk zu demütigen.«
Es
könnte ja sein, daß die
Judenschaft in Amerika und Europa, schon längst herausgefordert
durch die skandalöse Unterdrückung eines Volkes, mithelfen,
damit die wiedererwachte Friedensbewegung in Israel Unterstützung
erhält und die Friedenswilligen in Israel gewinnen, damit
in dieser chaotischen Pattsituation möglichst rasch eine andere
Politik dieser Regierung sich durchsetzt oder dann eben eine andere
Regierung, die wirklich den Frieden will.
Es
könnte ja sein, daß eine israelische
Regierung wie schon im Jahr 2000 im Libanon nach zwei Jahrzehnten
Besatzung (Israels
»Vietnam«) die Truppen zurückzieht und den Friedensvorschlag
des saudiarabischen Kronprinzen Abdullah aufgreift: Rückzug aus
allen besetzten Gebieten und Anerkennung des Staates Israel durch alle
arabischen Staaten mit normalen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen,
um so einen autonomen und lebensfähigen (nicht zerstückelten)
Palästinenserstaat zu ermöglichen, womöglich in einer
Wirtschaftsunion mit Israel und Jordanien, die ein Segen für die
gesamte Region und besonders für Israel sein könnte.
Es
könnte ja sein, daß dann
auch die radikalen Palästinenser, die mit der gleichen Gewaltslogik
reagierten, ihre terroristischen Aktivitäten einstellen und
daß die Palästinenser ihr »Recht auf Rückkehr« realistisch
auf die symbolische Rückkehr für einige besonders harte
Fälle beschränken zu Gunsten von neuen Ansiedlungen
oder von finanziellen Vergütungen, wie sie vielen Juden nach
dem Zweiten Weltkrieg zukamen.
Es
könnte ja sein, daß auch
die Jerusalem-Frage eine Lösung finden könnte,
wie die ebenfalls viele Jahrzehnte verschleppte »römische
Frage«, als der Vatikan und der italienische Staat um Souveränität über
die heilige Stadt Rom stritten, bis man in den Lateranverträgen
die relativ einfache Lösung fand: eine einzige Stadt mit einer
Stadtverwaltung aber zwei Souveränitäten, Italien auf
dem linken Tiberufer und Città e Stato del Vaticano auf
dem rechten. Was für Jerusalem hieße: In der einen Altstadt
(nur sie zählt hier) zwei Fahnen und zwei Souveränitäten,
aber eine einzige Stadtverwaltung und womöglich mit
einem Bürgermeister und einem Premierminister vom Format eines
Teddy Kollek.
Hier wären die Religionen besonders
gefordert:
- »Vergeltet
niemandem Böses
mit Bösem!« (Röm 12,17): Dieses Wort des Neuen
Testaments ist jenen christlichen Kreuzrittern in Amerika und Europa
gesagt, die das Böse nur bei den anderen suchen und die meinen,
ein Kreuzzug heilige jedes militärische Mittel und rechtfertige
alle humanitären
»Kollateralschäden«.
- »Aug um Aug, Zahn um Zahn« (Ex
21,24); Dieses Wort der Hebräischen Bibel zur Schadensbeschränkung
ist jenen israelischen Fanatikern gesagt, die dem Gegner immer
lieber gleich zwei Augen als nur eines nehmen und mehrere Zähne
einschlagen möchten und die vergessen, daß ein fortgesetztes »Aug
um Aug die Welt erblinden läßt« (Gandhi).
- »Und wenn sie sich dem Frieden
zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu« (Sure 8, 61): Dieses
Wort des Koran ist jenen palästinensischen Gotteskriegern
gesagt, die noch heute den Staat Israel am liebsten von der Landkarte
tilgen möchten.
Doch kommen wir rasch zum Schluß,
meine Damen und Herren. Sie haben sicher verstanden, daß streitbar
und friedvoll sich nicht ausschließen. Ich habe versucht,
durch Wahrhaftigkeit nach allen Seiten für den Frieden zu
plädieren, und ich danke Ihnen nochmals von Herzen für
die Auszeichnung und Ermutigung, die Sie mir zukommen ließen.
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Sehr geehrter Herr Professor
Küng,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
als evangelische Bischöfin
eine Laudatio auf Hans Küng halten? Kann ich das wagen oder wird
das vielleicht von einigen als Affront verstanden? Bin ich als jüngere
dazu in der Lage oder sind da nicht echte Weggenossen geeigneter? Ich
habe mich über die Anfrage gefreut und spontan ja gesagt. Und zwar
nicht aus Langeweile, sondern aus Respekt einer Christin gegenüber
der Leistung, der Beharrlichkeit und dem Mut eines anderen Christen.
1977 kam ich 19-jährig nach Tübingen. Eigentlich nicht der
ideale Ort, mit dem Theologie-Studium zu beginnen, aber das wusste
ich nicht, ich hatte weder von Theologie noch vom Studieren eine Ahnung.
Und das waren bewegte Zeiten in Tübingen. Im Juni war die Tochter
von Ernst Käsemann in Argentinien ermordet worden – die Gerechtigkeitsdebatte,
Militärdiktaturen in Südamerika, Rüstungsexporte, das
stand auf der Tagesordnung von ESG, KHG und anderen. Nach dem Selbstmord
von Ulrike Meinhof, nach Schleyerentführung und Mogadischu nahmen
sich in jenem Herbst Gudrun Ensslin, Andreas Bader und Jan-Karl Raspe
in Stammheim das Leben. Die Leichen kamen in die Pathologie, nur einen
Steinwurf vom Theologicum entfernt – unser Land, Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit, das wurde diskutiert. Aus kleinstädtischem
und kleinbürgerlichem Milieu stammend, kam ich aus dem Staunen
nicht heraus. Bewegte Zeiten, in denen Jürgen Moltmann »Theologie
nach Auschwitz« las und Eberhard Jüngel »Schöpfungstheologie«.
Und dann bekam ich einen »heißen Tipp«: du musst mal
bei den Katholiken hören, da ist einer, der rebelliert gegen den
Papst!«. Das hörte sich doch spannend an, und so habe ich
im Sommersemester ’78 dann bei Hans Küng in der Vorlesung
gesessen über »Das apostolische Glaubensbekenntnis.« Ich
gestehe, dass ich mich nicht exakt an den Inhalt erinnere und trotz
allen Stöberns meine Mitschriften nicht mehr gefunden habe.
Aber an diese Stimme mit dem melodischen Schweizer Akzent und an die
Klarheit der Aussagen erinnere ich mich gut. Es war möglich zu
verstehen, mitzudenken – und das ging mir in diesen ersten Semestern
gewiss nicht immer so!
Sehr geehrter Herr Professor Küng, als »kleine Studentin« konnte
ich aus der Ferne verfolgen, was Sie als die vier schlimmsten Monate
Ihres Lebens bezeichnet haben (vom 18. Dezember 1979 bis zum 10. April
1980), die Sie, wie Sie sagen, auch Ihrem erbittertsten Gegner nicht
wünschen würden. Bei der Pressekonferenz am 10. April gemeinsam
mit Universitätspräsident Adolf Theis und Walter Jens führten
Sie aus: »Ungeachtet der inneruniversitären Lösung also
bleiben die grundsätzlichen
Fragen bestehen, und die Auseinandersetzungen werden nicht aufhören:
Es bleibt die von Rom und den Bischöfen nach wie vor unbeantwortete
Frage nach ihrer Unfehlbarkeit. Es bleibt die Frage nach einer heute
glaubwürdigen christlichen Verkündigung in Kirche und Schulde.
Es bleibt die Frage nach der Verständigung zwischen den Konfessionen
und nach der gegenseitigen Anerkennung der Ämter und Abendmahlsfeiern.
Es bleibt die Frage nach den drängenden Reformaufgaben:
von der Geburtenregelung über Mischehen und Ehescheidung bis
hin zur Frauenordination, Zwangszölibat und dem daraus folgenden
katastrophalen Priestermangel.« Besonders die Frage nach der Frauenordination
hat mir verständlicherweise eingeleuchtet. Aber heute als Bischöfin
einer lutherischen Kirche steht es mir nicht zu, Kritik an den Überzeugungen
und Strukturen einer anderen Kirche zu üben. Und die Frage nach
der glaubwürdigen Verkündigung heute beschäftigt zudem
gewiss auch unsere evangelischen Kirchen in Deutschland vehement!
Solche Kritik muss von innen kommen und deshalb ist es gut, dass Sie
trotz aller Verletzungen in Ihrer Kirche geblieben sind. Sie haben
die Gabe, zu formulieren und auf den Punkt zu bringen, was viele römische
Katholikinnen und Katholiken umtreibt. Ja, die Fragen bleiben bis ins
Jahr 2002. Und die Hoffnung auf Veränderung auch mit Blick auf
Abendmahlsgemeinschaft, sie scheint mir manchmal zu verdorren, weil
sie so wenig getränkt werden – aber auch ich will sie keinesfalls
aufgeben.
Lieber Herr Küng, Sie haben offen zu Ihrer Überzeugung gestanden
und, das darf ich als Lutheranerin hier vielleicht sagen, mich doch
auch an Luther in Worms erinnert: »Hier stehe ich, ich kann nicht
anders!« Gewiss habe ich damals auch Stimmen gehört, die
sagten: »Wenn er sich so mit der katholischen Kirche anlegt, muss
er mit diesen Konsequenzen eben rechnen!« Aber das haben Sie ja
mit Luther bei allen Unterschieden ja gemein: auch er wollte keine
neue Kirche gründen, sondern seine eigene, die römisch-katholische
Kirche reformieren. Ihre Erfahrung war: Unerschütterliche Standfestigkeit
im eigenen Glauben und unbeschränkte Dialogfähigkeit gegenüber
Menschen anderen Glaubens sind komplementäre Tugenden.
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