Hans Küng:
Sehr geehrter Herr Generalsekretär,
Sie spüren die Dankbarkeit von uns allen, insbesondere der jungen
Generation, die Sie vorhin schon in den drei anderen Sälen getroffen
haben. Sie haben bereits vor Ihrer Rede vier standing ovations bekommen,
das war wirklich sehr außergewöhnlich. Ihre Rede hat uns bestätigt
und uns ermutigt. Sie teilen unsere Vision einer friedlichen und nachhaltigen
Zukunft unseres Planeten auf der Grundlage gemeinsamer menschlicher Werte.
Ihre Rede wird wohl für all jene, die einem Weltethos verpflichtet
sind, zu einem wichtigen Dokument werden.
Es macht natürlich einen gewaltigen Unterschied, lieber Kofi Annan,
ob ich als bescheidener Gelehrter über universelle Werte spreche
oder ob dies der Generalsekretär der Vereinten Nationen tut.
Kofi Annan:
Ja, wir machen das gemeinsam, das ist besser.
Hans Küng:
Also vielen, vielen Dank, und wir haben hier einen sehr fruchtbaren
Boden für unseren Dialog bereitet. Erlauben Sie mir mit einer
eher persönlichen Frage zu beginnen: April 2003 nach dem Beginn
des Irakkriegs, das war eine dramatische Zeit für die UNO und
muss eine sehr bittere Zeit für Sie persönlich gewesen
sein. Für unsere jüngere Generation wäre es wichtig
zu wissen, wie halten Sie das aus, wie halten Sie die Spannungen
aus? Was ist die Quelle, woraus ziehen Sie persönlich Ihre Kraft
und Stärke?
Kofi Annan:
Sie haben recht, Hans, es war natürlich eine besonders schwierige
Zeit vor dem Krieg. Die Debatten im Sicherheitsrat und die Verhandlungen
mit den verschiedenen Staaten, es war sehr schwierig für eine
Organisation, die auf Konsens baut, eine Organisation, die die künftigen
Generationen retten sollte vor den Plagen des Krieges. In dem Sicherheitsrat,
in dem es um Krieg und Frieden geht, ist es besonders wichtig, weil
die Grundlage unserer eigenen Organisation, unserer Charta, deswegen
betroffen ist. Es war eine schwierige Zeit für die Organisation,
es war eine schwierige Zeit für mich. Ich wurde sehr müde,
als ich versucht habe, mich zwischen den beiden Welten zu bewegen.
Es war eine schwierige Zeit. Ich war deprimiert, ich muss zugeben,
ich war deprimiert über den Zustand der Welt, aber man muss weitermachen,
man kann nicht aufgeben. Zum Glück ist meine Frau, die auch dabei
ist, meine Partnerin, und sie war mir eine große Unterstützung.
Ich habe mich mit meiner Familie, mit Freunden, Kollegen unterhalten,
und wir sprachen oft über die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht
zu finden zwischen der größeren äußeren Welt
und der kleineren Welt der Familie, und dieses Gleichgewicht zu behalten,
ist oft eine Hilfe. Ich habe auch gute Kollegen im Büro. Ich habe
auch einen guten inneren Kompass entwickelt, der mir hilft festzustellen,
was richtig und was falsch ist. In Zeiten der Krise muss man tief in
sich hineingehen, um Stärke und Mut zu finden, um weiterzumachen.
Die äußeren Faktoren haben eine Auswirkung, aber wenn sie
einen ganz beherrschen, dann wird man hin und her geschoben und wird
nicht mehr fähig sein weiterzumachen. Jemand, der ein Team leitet,
ist wie der Kapitän eines Schiffes. Man darf nicht die Kontrolle
verlieren, man muss hoffen, man muss richtungweisend bleiben. Ich bin
also dankbar, meiner Frau, meiner Partnerin, meinen persönlichen,
sehr guten Mitarbeitern in New York, und ich bin auch den vielen Freunden
dankbar, die mir geholfen haben. Und natürlich hilft mir auch
mein Glaube.
Hans Küng:
Entgegen manchen Voraussagen war der Irakkrieg nicht bereits im Mai
zu Ende, sondern dauert in anderer schrecklicher Form heute noch
an. Und entgegen anderer Voraussagen ist die UNO nicht tot, sondern
höchst lebendig. Wie beurteilen Sie die Lage der UNO heute im
Vergleich zum April, als Sie zum ersten Mal herkommen wollten? Hat
sie wieder mehr an Einfluss und Autorität gewonnen, ist die
gegenwärtige Krise nicht vielleicht eine große Chance?
Kofi Annan:
Ja, ich glaube, es ist ein ziemlicher Unterschied zwischen damals und
jetzt, die Stimmung in den Vereinten Nationen ist jetzt anders als
im April. Im April glaubten manche Menschen, dass die Vereinten Nationen
irrelevant seien. Ich glaubte das nicht. Ich wusste, dass die Situation
schwierig war, dass wir eine Krise durchmachten. Aber wir haben schon
früher Krisen durchgemacht und bewältigt, und wir würden
auch diese bewältigen. Heute, nach dem Krieg, sehen die Mitgliedsstaaten
mehr denn je, wie wichtig die Organisation ist. Es ist die einzige
Organisation, die wir haben, das einzige globale Forum, in dem alle
Nationen zusammenkommen, um gemeinsame Themen zu besprechen. Die
einzige Organisation, die legitim ist, in Krisensituationen, wie
im Irak.
Die Vereinigten Staaten sind ohne Zustimmung des Sicherheitsrates
in den Krieg eingetreten, sind aber zu den Vereinten Nationen zurückgekommen
und hatten um unsere Hilfe gebeten. Sie suchen Alliierte und Freunde,
und viele Länder, die kooperieren werden, sehen zu, dass ihre
Kooperation durch die Vereinten Nationen läuft. Nach der letzten
Generalversammlung haben viele Staaten ihren Glauben an und ihr Vertrauen
die Organisation erneut bestätigt. Das ist, glaube ich, sehr wichtig.
So wie ich das sehe, haben die Vereinten Nationen wieder die Bühne übernommen.
Aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Deshalb
habe ich eine Arbeitsgruppe von hochrangigen Personen eingesetzt, die
schauen soll, welche die neuen Bedrohungen und Herausforderungen sind.
Wir müssen eine gemeinsame Antwort auf diese Herausforderungen
finden, damit wir die Organisation stärken können und damit
wir die Rechtsstaatlichkeit stärken können. Wenn wir die
Zusammensetzung des Sicherheitsrats und der Vollversammlung ansehen,
müssen wir zusehen, dass diese Organe effektiv arbeiten können.
Wir müssen diese Krisensituation ausnutzen, um die Vereinten Nationen
besser und stärker zu machen, und ich hoffe, dass wir konkrete
Empfehlungen bekommen werden, die eine gute Basis für Aktionen
seitens der Mitgliedsstaaten Ende dieses Jahres und im nächsten
Jahr sein werden.
Hans Küng:
Die UNO musste Schreckliches im Irak erleben, als ihr Hauptquartier
in Bagdad im August angegriffen wurde und Ihr persönlicher Vertreter
und Freund, Vieira de Mello, und 20 andere Mitarbeiter getötet
wurden.
Wie sehen Sie heute die Rolle der UNO, um den Weg zu einem demokratischen
System im Irak zu ebnen? Wir wissen, dass die Lage sehr ernst, sehr
schwierig ist. Wir sehen keine Lösung vor uns. Kann die Rolle
der UNO über humanitäre Maßnahmen hinausgehen?
Kofi Annan:
Der 19. August war ein tragischer Tag für alle, die bei den Vereinten
Nationen arbeiten. Nicht nur haben wir gute Freunde und Kollegen verloren,
sondern es war auch das erste Mal, dass die blaue Flagge angegriffen
wurde, auf diese gewalttätige Art und Weise. Die Neutralität
des Roten Kreuzes wurde auch wenig später angegriffen. Wir mussten
unsere Präsenz verringern, aber wir haben den Irak nicht verlassen.
Wir haben immer noch einige hundert irakische Mitarbeiter, die für
uns arbeiten, wir sind auch im Norden Iraks vertreten. Jetzt sehen
wir in die Zukunft. Wir möchten dem irakischen Volk soviel wie
möglich helfen, aber gleichzeitig möchten wir die Risiken
für unser Personal weitestmöglich senken. Ich habe am Mittwoch
einen Bericht für den Sicherheitsrat geschrieben, in dem ich erklärt
habe, wie wir diese Situation verbessern wollen. Wir werden ein Büro
einrichten in Zypern, mit einem kleineren Büro in Amman, und wir
werden von dort aus operieren. Wir werden soviel wie möglich von
außerhalb Iraks machen und grenzüberschreitende Operationen
unternehmen, bei denen einige Mitarbeiter für ein paar Tage, ein
paar Wochen, in das Land reisen, je nach Bedarf. Wir hoffen auch, dass
einige irakische Beamte zu uns kommen können, um mit uns zu reden,
wir werden die Situation an Ort und Stelle beobachten, und wir werden
versuchen, die Situation abzuwarten, wann wir mit größerer
Sicherheit in den Irak zurückkehren können.
Wir unternehmen humanitäre Aktivitäten im Irak, aber vor
allem nehmen wir am Wiederaufbau teil. Wir wollen die Institutionen
und die Menschenrechte stärken, und vor allem wollen wir die verfassungsrechtlichen
und politischen Prozesse verbessern, um Wahlen abhalten zu können,
um eine gültige irakische Regierung zu schaffen. Alle Möglichkeiten
der Vereinten Nationen stehen den Irakis zur Verfügung, aber die
Koalition der Besatzungsmacht, die für den Zustand im Irak verantwortlich
ist, muss eine Situation schaffen, in der wir zurückkehren und
dort auf normale Art und Weise arbeiten können. Manchmal fragen
wir an, und sie sagen »ja, Sie können reinkommen und wir
werden Sie schützen«; dann sage ich »ja gut, wir können
reinkommen und wir können beschützt werden, aber unsere Arbeit
findet mit den Menschen statt. Wir müssen die Irakis erreichen
können, und sie müssen zu uns kommen können.« Solange
wir diese Mobilität und Flexibilität nicht haben und hinter
Barrieren geschützt werden, können wir nicht effektiv sein.
Deswegen beobachten wir die Situation, und hoffentlich werden wir in
naher Zukunft unsere maximale Unterstützung bieten können.
Hans Küng:
Sie kennen die Diskussion, die wir haben, zwischen dem so genannten »alten
Europa« und den Vereinigten Staaten. Hinter dieser Kontroverse
steckt sicherlich mehr als die üblichen Streitereien, die es in
unserer transatlantischen Freundschaft immer wieder gab. Trotzdem,
angesichts unseres Manifests »Brücken in die Zukunft«,
geht es bei dieser Kontroverse um nichts anderes als ein neues Paradigma
für globale Beziehungen, und die Europäer möchten nicht
in das alte europäische Paradigma von militärischer Konfrontation,
Aggression und Rache zurückfallen. Die USA haben uns dabei geholfen,
nach dem zweiten Weltkrieg, die Erfolgsgeschichte eines neuen Paradigmas
zu schreiben. Ein Paradigma des gegenseitigen Verständnisses,
der Versöhnung, der Zusammenarbeit und der Integration. Dieses
neue Paradigma hat in der Zwischenzeit in der gesamten OECD Verbreitung
gefunden. Viele Leute haben Angst, dass die amerikanische Außenpolitik
ein Sprung zurück in das alte Paradigma sein könnte, und
meine Frage ist: Wie können die Vereinten Nationen die Entwicklung
des neuen Paradigmas für globale Beziehungen unterstützen?
Wie können wir vermeiden, dass wir in die alten Paradigmen zurückfallen?
Die EU spricht heute in Brüssel über ein wichtiges Thema,
wie Sie wissen. Das ist eine Erfolgsstory, und es geht nicht nur um
die EU, es geht um die gesamte OECD, von Europa über Nordamerika,
Australien, Neuseeland bis Japan. Wir haben jetzt 50 Jahre Frieden
gehabt, und diesen Frieden würden wir gerne bewahren und ihn auch
in andere Teile der Welt tragen. Was können die Vereinten Nationen
tun, um der Welt zu helfen, um jeden in dieses neue Paradigma der Kooperation
einzubeziehen?
Kofi Annan:
Zuerst möchte ich sagen, dass die Vereinten Nationen selber Teil
des neuen Nachkriegsparadigmas sind. Wir wurden auch errichtet, damit
Regierungen zusammenarbeiten und um sicherzustellen, dass die Kriege
und die Fehler der Vergangenheit der ersten Hälfte des letzten
Jahrhunderts nicht wiederholt werden. 1945, als die Vereinten Nationen
gegründet wurden und alle eine sichere Welt gesucht haben, haben
wir Europa im Blick gehabt. Europa hat große Fortschritte gemacht
bei der Erreichung eines gemeinsamen Marktes, der Europäischen
Union, und die erweitert sich. Nicht nur das - Europa und die Europäer
haben die Tatsache akzeptiert, dass man grenzüberschreitend zusammenarbeiten
muss. Man muss ein bisschen Souveränität abgeben, um in Frieden
mit den Nachbarn leben zu können. Man muss gewisse Normen akzeptieren,
um harmonisch miteinander zusammenleben zu können. Sie haben also
in Europa Fortschritte gemacht, wenn es darum geht, die Souveränität
zu interpretieren und anzuwenden. Die Vereinigten Staaten haben das
noch nicht gemacht, wenn es um nationale Souveränität und
um den Beitritt zu internationalen Normen und Verträgen geht.
Die Vereinigten Staaten sehen die Situation anders als Europa. Sie
können das sehen an der Haltung zum Kyoto-Protokoll, zum Internationalen
Gerichtshof und so weiter. Trotzdem haben Europa und die andere Seite
des Atlantik es geschafft, gut zusammenzuarbeiten. Während des
Kalten Krieges, als es eine gemeinsame Bedrohung gab, wurden die beiden
Seiten des Atlantik viel enger zusammengehalten als jetzt. Jetzt arbeiten
sie in einer neuen Welt, und in dieser Situation ist es schwieriger.
Ich glaube aber, dass die Situation, die wir heute haben, überwunden
werden kann, wenn die Regierungen bereit sind, mit offenem Geist und
dem rechten politischen Willen zusammenzuarbeiten. Seit Schaffung der
Vereinten Nationen hat die Charta der Vereinten Nationen sehr deutlich
gemacht, dass, wenn es um Kriege geht, Regierungen das Recht auf Selbstverteidigung
haben, wenn sie angegriffen werden. Wo es eine große Bedrohung
für die internationale Sicherheit gibt, können wir Kollektivmaßnahmen
nach der Charta unternehmen. Der Krieg im Irak hat einen neuen Ansatz,
ein neues Phänomen des Präventivkriegs gebracht. In einer
Situation, in der die meisten Menschen nicht gedacht haben, dass die
Bedrohung drängend war, dass man handeln musste, und hier sind
die Unterschiede sehr deutlich geworden. Eine Herausforderung, welche
die von mir eingesetzte Arbeitsgruppe anschauen wird: Welchen neuen
Bedrohungen und Herausforderungen stehen wir gegenüber? Zum Beispiel,
wenn es eine terroristische Organisation gibt, die eine Massenvernichtungswaffe
bekommt und sie gegen eine Nation oder gegen die Welt einsetzt. Dann
muss man vorbeugend tätig werden. Wenn wir davon ausgehen, dass
die Hypothese korrekt ist, und dass so etwas möglich sein könnte,
wie können wir das bewältigen? Wer handelt und wie? Ich hoffe,
dass mein Ausschuss die Situation anschauen wird. Wenn Präventivschläge
erlaubt werden, wer entscheidet darüber, wenn man über die
gegenwärtige Charta hinausgeht? Ich hoffe, dass wir einen weiteren
neuen Konsens finden werden, einen Konsens der Art, wie er nach Ende
des Zweiten Weltkriegs möglich wurde, um den neuen Herausforderungen
gerecht zu werden. Hier glaube ich auch, dass Dialog und Toleranz von
grundlegender Bedeutung sein werden. In dem, was ich zum Irak gesagt
habe, habe ich gesagt, es gab Unterschiede, aber jetzt ist die Zeit
da, dass wir alle wieder einen gemeinsamen, internationalen Konsens
finden sollten, um den Irak zu stabilisieren, weil das im Interesse
von uns allen ist. Deswegen müssen wir gemeinsame Schritte unternehmen.
Hans Küng:
Sie haben auch über die ambivalenten Phänomene der Globalisierung
gesprochen. Ich glaube, viele Leute auf aller Welt sind empört über
die Finanzskandale an der Wall Street, und auch in Europa gibt es solche
Entwicklungen. Das Parlament der Religionen 1993 in Chicago hat einen
ganzen Paragraphen über Wahrhaftigkeit ausgearbeitet, und ich
meine, wenn man irgendetwas dem UN Global Compact hinzufügen müsste,
dann wäre das die Bedeutung von Wahrhaftigkeit. Wenn wir nicht
mehr Wahrhaftigkeit bekommen, mehr Transparenz, dann ist es sehr schwierig
für die Geschäftswelt, und wir haben gesehen, dass das nicht
irrelevant für die Wirtschaft ist. Wenn Bilanzen gefälscht
werden und wenn sogar Topmanager Lügen fabrizieren, dann ist es
sehr schwierig für die Wirtschaft. Glauben Sie nicht, dass es
wichtig wäre, diesen oft vergessenen Wert »Wahrhaftigkeit« zu
stärken?
Kofi Annan:
Ich gebe Ihnen Recht. Am 9. Dezember wurde eine neue UN Konvention
gegen die Korruption in Merida (Mexiko) zur Unterschrift vorgelegt.
Regierungen sollen im Kampf gegen Korruption zusammenarbeiten; man
sollte gestohlene Gelder zurückgeben; wenn Führer von armen
Ländern Gelder gestohlen und anderswo deponiert haben, sollten
diese den Ländern zurückgegeben werden. Das ist eine Herausforderung,
vor der wir heutzutage stehen. Korruption unterminiert die Entwicklung,
das haben wir an der Wall Street gesehen, wo es in den 1990er Jahren
geheißen hat »Gier ist gut«. Die feste Absicht,
immer mehr Geld zu bekommen, hat zu dem Missbrauch geführt,
mit dem wir jetzt fertigwerden müssen, aber wir brauchen ein
neues Ethos, neue Standards. Man muss wirklich schwer daran arbeiten,
die Korruption zu überwinden, weil sie wirklich eine sehr korrosive
und korrumpierende Wirkung auf die Wall Street und auf die ganze
Entwicklungsarbeit hat. Sie haben vom Global Compact gesprochen.
Es gibt zur Zeit Diskussionen: Man hat noch nicht entschieden, ob
diese Frage von Korruption und Wahrhaftigkeit vielleicht nicht zum
zehnten Grundsatz des Global Compact werden sollte.
Hans Küng:
Krieg gegen Terrorismus, die Terroristen. Natürlich gibt es viele
Kriminelle, aber nicht alle Terroristen sind Kriminelle. Ich glaube,
es wäre wichtig, Terrorismus zu bekämpfen, kein Zweifel daran,
aber andererseits: was, glauben Sie, sind die Hauptursachen von Terrorismus
heute?
Kofi Annan:
Sie haben auch da Recht. Wir müssen den Terrorismus bekämpfen.
Es kann nie gerechtfertigt werden, wenn Bürger einfach getötet
werden, unschuldige Menschen getötet werden. Gleichzeitig müssen
wir uns den Situationen stellen, die Menschen so zur Verzweiflung treiben,
dass sie solche Handlungen unternehmen, oder Gruppen schaffen, die
Menschen sehr leicht für den Terrorismus rekrutieren können.
Wenn man die Grundursachen der Verzweiflung nicht bekämpft - die
Menschen fühlen sich gedemütigt, ihr Leben ist nicht lebenswert
-, werden wir die Gewaltexzesse, die wir um uns herum sehen, nicht überwinden
können. Manchmal denken wir, dass wir den Fehler machen, Arme
mit Terroristen gleichzusetzen. Aber nicht alle Armen sind Terroristen.
Es geht nicht nur um die soziale Situation, aber die spielt auch eine
Rolle. Manche Menschen sind so verzweifelt, dass sie etwas gegen ihre
Situation unternehmen wollen, und wir müssen deswegen die Grundprobleme
bekämpfen. Aber hier muss ich auch eine Warnung aussprechen. Indem
wir versucht haben, effektiv gegen den Terrorismus vorzugehen, haben
wir in letzter Zeit die Bürgerrechte, die Menschenrechte tendenziell
ausgehöhlt, und manche Leute glauben, man müsse entscheiden
zwischen Menschenrechten und Bekämpfung des Terrorismus. Ich glaube
nicht an diese Wahl. Ich glaube, wenn man aufgefordert wird, die Freiheit
aufzugeben, die Menschenrechte aufzugeben und die Bürgerrechte
aufzugeben wegen der Sicherheit, und wenn man darin einwilligt, muss
man sich fragen, hat man denn schließlich wirklich Sicherheit?
Hans Küng:
In diesem Zusammenhang möchte ich gerne wissen, was Sie von einer
Hauptursache des Terrorismus halten, dem ungelösten Nahostkonflikt,
und ich glaube, wenn wir von verzweifelten Menschen sprechen, dürfen
wir die Palästinenser nicht vergessen. Es liegt jetzt sehr viel
Forschungsarbeit durch die Europäische Kommission vor, und ohne
Zweifel gibt es einen Anstieg des Antisemitismus in allen europäischen
Ländern. Heute spricht der Bundestag darüber. Natürlich
müssen wir gegen Antisemitismus kämpfen. Aber auf der anderen
Seite, glauben Sie nicht, dass wir die jüdischen Stimmen hören
müssen, die uns in Amerika und Israel sagen, dass der beste Kampf
gegen den Terrorismus in der Welt eine geänderte Politik gegenüber
den Palästinensern wäre und man also eine Lösung für
das Problem der beiden Staaten in gesicherten Grenzen finden müsste,
mit einem palästinensischen Staat, der lebensfähig wäre?
Kofi Annan:
Die palästinensische Krise war eine Quelle des Streits und ist
von vielen Gruppen ausgenutzt worden und von vielen Organisationen,
die behaupten, für die Palästinenser zu arbeiten. Es ist
tatsächlich eine verzweifelte Situation. Wir sind in der Region
tätig, wir haben eine Organisation namens UNRWA. Wir sind mit
ungefähr 12.000 Mitarbeitern wahrscheinlich der größte
Arbeitgeber in der Region, wir leiten Krankenhäuser und Schulen,
bieten humanitäre Hilfe und liefern Lebensmittel. Wir sehen die
tagtägliche Situation der Palästinenser, wir sehen die Auswirkungen
der Blockade, dass sie von ihrem Land, von ihrer Arbeit, ferngehalten
werden, und es ist sogar manchmal für uns schwierig, lebensnotwendige
Arbeit und Lebensmittel an die Menschen zu bringen. Als wir diese »Roadmap« für
den Frieden ausgearbeitet haben, haben wir gedacht, dass wir die palästinensischen
und israelischen Führer zusammenbringen könnten um zusammenzuarbeiten,
damit der Prozess funktioniert, weil zum ersten Mal ein Vorschlag auf
dem Tisch lag, der von den Vereinigten Staaten, der Europäischen
Union, der Russischen Föderation und den Vereinten Nationen erarbeitet
worden war. Das war also ein globaler Vorschlag. Ich dachte, sie könnten
damit arbeiten Aber wir befinden uns in einer etwas ungünstigen
Situation inzwischen, haben aber immer noch Hoffnung, dass dieser Plan
ausgeführt werden kann. Doch die Hoffnungszeichen kommen von der
Zivilgesellschaft. Die Genfer Initiative war wichtig. Sie hat eine
Diskussion ins Rollen gebracht. Zeitungen in der Region sprechen von
Frieden. Plötzlich wird die Öffentlichkeit daran erinnert,
dass es eine Alternative gibt, dass man die Probleme auf friedliche
Art und Weise lösen kann, dass das Töten ein Ende haben kann.
Jetzt gibt es einen neuen palästinensischen Premierminister, und
ich hoffe, dass er in der Lage sein wird, den Sicherheitsapparat zu übernehmen,
damit er mit anderen Palästinensern zusammenarbeiten kann, um
diese »Roadmap« voranzutreiben. In Israel sehen wir Zeichen,
dass es eigene Vorschläge für den Frieden geben könnte,
und das ist ein Hinweis darauf, wie stark der Druck der Zivilgesellschaft
sein kann. Es gibt die Genfer Initiative, es gibt eine weitere Initiative
von einem Palästinenser und einem Israeli, die eine Seite in Umlauf
gebracht haben, auf der sie um Unterschriften für den Frieden
gebeten haben. Zu einer Gedenkfeier für Yitzhak Rabin sind 100.000
Menschen gekommen. Es gibt also Hoffnung, und ich hoffe, dass es ein
Fenster gibt, das wir ausnützen können, damit die internationale
Gemeinschaft zusammenarbeiten kann. Wenn aber Israel als stärkere
Partei einige Gesten machen würde, wäre das eine Hilfe. Zum
Beispiel Rückzug aus Gaza oder einige Siedlungen oder Straßensperren
auflösen. So wie wir im »Quartett« das sehen, müssen
wir Hoffnung bieten, die »Roadmap« muss auch etwas leisten,
und die Menschen müssen etwas haben, worauf sie hoffen und woran
sie glauben können. So schwierig es auch sein mag, habe ich die
Hoffnung nicht verloren. Aber ich gebe Ihnen recht. Wenn das Palästinenserproblem
gelöst werden könnte, würde nicht nur die Besatzung
Palästinas beendet, sondern es wäre die Möglichkeit,
vielen Gruppierungen die Ausrede, die Rechtfertigung für die Gewalt
zu nehmen.
Hans Küng:
Was halten Sie von den Religionen und ihrer Rolle?
Kofi Annan:
Es hat im Jahr 2000 ein Treffen von religiösen Führern in
New York gegeben, wo wir über Frieden und die Aussichten für
das 21. Jahrhundert gesprochen haben. Religiöse Führer können
viel bieten. Schauen Sie die großen Weltreligionen an. Auch für
diejenigen, die behaupten, nicht religiös zu sein, Agnostiker
zu sein, gibt es immer noch eine soziale Moral: es ist falsch zu töten,
man sollte dem Mitmenschen gegenüber gerecht sein. Selbst die
eigene Botschaft verkünden und dafür sorgen, dass die Religionsgemeinschaft
und die Öffentlichkeit nach diesen Werten leben, wäre sehr
wichtig. Aber ich glaube, es wäre eine Hilfe, wenn die religiösen
Führer und die Kirchen weiterhin Mitleid, Solidarität und
Verständnis für die Mitmenschen predigen würden, weil
wir in einer sehr, sehr schwierigen Welt leben. In einer Welt, wo viele
Menschen hungrig ins Bett gehen, wo 130 Millionen Kinder, hauptsächlich
Mädchen, keine Schulbildung bekommen, wo täglich 8000 Menschen
an AIDS sterben - und diese Krankheit breitet sich immer noch wie ein
Lauffeuer in Asien aus, in Russland, in den ehemaligen Sowjetrepubliken,
in der Karibik. Afrika ist natürlich am schwersten betroffen.
Wir müssen also viel Mitleid zeigen und miteinander zusammenarbeiten.
Ich weiß, dass einige Menschen heutzutage sich von der Religion
abwenden, weil sie denken, dass die Religion extremistisch sei und
dass Greueltaten im Namen der Religion passieren. Aber ich glaube,
dass das Problem nicht der Glaube an sich ist, es liegt nicht an der
Bibel, am Koran, an der Thora. Es geht um die Gläubigen, nicht
um den Glauben, um die Gläubigen und wie sie ihren Glauben ausleben.
Hans Küng:
Wenn Sie erlauben, werde ich zwei, drei Fragen aus dem Publikum zulassen.
Professor Rittberger:
Herr Generalsekretär, was halten Sie als Wächter der UN-Charta
davon, dass andere Organe, der Sicherheitsrat zum Beispiel, eine sehr
erweiterte Sicht und Interpretation ihrer Rolle eingenommen haben?
Sehen Sie einen Weg, Ihre Privilegien unter Artikel 99 auszuweiten,
um »Checks and Balances« in diesem Kontext einzuführen?
Und da der deutsche UN-Botschafter hier ist: Für die Reform des
Sicherheitsrates haben wir eine offene Arbeitsgruppe, die manche als
Sackgasse betrachten. Sehen Sie, wie diese Operation beendet werden
kann, mit einer endgültigen Anstrengung, dass man zumindest die
deutschen Aspirationen mit Hoffnung sehen kann, dass eine moderate Änderung
hier eintreten kann? Etwa die Streichung des letzten Satzes in § 2
des Artikels 33, in dem es heißt, dass die nicht ständigen
Mitglieder nicht unmittelbar wiedergewählt werden können?
Wäre das nicht eine Möglichkeit, die Anträge von Japan
und Deutschland zu erfüllen, indem man ihnen die Möglichkeit
gibt, quasi »ständige« nicht-ständige Mitglieder
zu werden?
Kofi Annan:
Zu der ersten Frage: die Vorrechte des Generalsekretärs und die
Rolle des Rats. Als Generalsekretär arbeite ich sehr effektiv
mit dem Rat zusammen. Es gibt Themen, wie Sie angedeutet haben, bei
Artikel 99, wo der Generalsekretär das Recht hat, Themen dem Sicherheitsrat
vorzulegen, von denen er meint, dass sie Auswirkungen auf den internationalen
Frieden und die Sicherheit haben könnten, und der Rat wird gebeten,
diese Themen zu besprechen. Ich habe etliche Themen dem Rat vorgelegt,
ohne mich ausdrücklich auf Artikel 99 zu berufen, aber es war
trotzdem deutlich, dass ich in diesem Geiste gehandelt habe. Zweitens,
im Laufe der Jahre, seitdem ich Generalsekretär wurde - und Günther
Pleuger, der deutsche Botschafter, kann das bestätigen -, habe
ich sehr effektiv mit dem Rat zusammengearbeitet. Manchmal habe ich
Ratschläge angeboten, manchmal habe ich geholfen beim Konsensfinden,
manchmal habe ich Vorschläge unterbreitet, um den Rat handlungsfähig
zu machen. Wenn es Beschwerden gibt über die erweiterte Rolle
des Rates, hat es keine Auswirkungen auf meine Handlungsfreiheit, meine
Handlungsfähigkeit. Die Meinungsverschiedenheiten sind eher zwischen
dem Sicherheitsrat und der Generalversammlung, das sind die zwei Organe,
die meinen, dass der Rat in Bereiche eindringt, die ihnen vorbehalten
werden sollten, aber ich als Generalsekretär konnte frei handeln,
und manche sagen, ich bin zu aktiv, ich versuche mehr General als Sekretär
zu sein. [Gelächter, Applaus] Aber die Arbeit verlangt beides,
manchmal muss man General sein, manchmal Sekretär, aber man muss
beides können.
Professor Kuschel:
Herr Generalsekretär, Sie haben von der Rolle der Weltreligionen
gesprochen. Wir interessieren uns sehr für diesen Dialog auf globaler
Ebene. Könnten Sie etwas sagen zu diesem Thema? Was ist die Rolle
des interreligiösen Dialogs derzeit? Haben Sie persönliche
Beziehungen zu Vertretern der großen Weltreligionen, die auch
viel zum Frieden auf der Welt beitragen könnten?
Kofi Annan:
Ich habe Kontakte zu vielen religiösen Führern. Manchmal
besuchen sie mich, manchmal besuche ich sie, wenn ich in ihrer Region
bin, und wir stehen natürlich in einem regen Briefaustausch. Ich
glaube, dass ist sehr hilfreich und ermutigend. Es gibt auch Zeiten,
wo sie bei den Vereinten Nationen zusammenkommen, um Tagesthemen zu
besprechen, und dann verabschieden sie Resolutionen und Erklärungen,
die sie uns dann überreichen. Es gibt spezielle Bereiche, wo wir
zusammenarbeiten, wo wir Kooperationsmöglichkeiten sehen. Zum
Beispiel, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, die in größter
Armut leben. Beim Kampf gegen HIV versuchen wir mit religiösen
Gruppen zusammenzuarbeiten, in Afrika und in Asien. Wir arbeiten nicht
nur mit protestantischen Gruppen, sondern auch mit katholischen. Also
geht es nicht nur um philosophische Diskussionen, sondern auch um praktische
Erfahrungen, praktische Arbeit, und die Mitglieder werden ermutigt,
mitzumachen bei uns, wenn es um Ethos und Werte geht; da haben sie
auch sehr viel zu bieten.
Claudia Kerscher (Studentin):
Herr Generalsekretär, am Ende der Diskussion mit Professor Küng
haben Sie kurz den afrikanischen Kontinent angesprochen. Ich möchte
gerne wissen, wo Sie die Position und die Entwicklung von Afrika im
Globalisierungsprozess sehen?
Kofi Annan:
Es ist ein Kontinent, der nicht so gut abgeschnitten hat bei der Globalisierung.
Es gibt Länder auf dem Kontinent, die eine große Rolle
spielen. Südafrika zum Beispiel, Botswana, andere Länder,
wo es Mineralvorkommen gibt wie Gold oder Erdöl. Afrika hat
auch unter den Konflikten gelitten, aber in diesem Jahr sehen wir
einige sehr positive Entwicklungen, wir machen gute Fortschritte,
zum Beispiel mit dem lang andauernden Konflikt in der Demokratischen
Republik Kongo. Es gibt eine neue Übergangsregierung unter Beteiligung
aller Betroffenen. Es ist auch möglich, dass wir noch vor Ende
dieses Jahres ein Friedensabkommen im Sudan sehen könnten. Das
ist der am längsten dauernde Krieg. Angola ist gelöst worden,
aber Burundi steht noch aus. Wenn wir Burundi lösen können
und Sudan, wird die ganze Region des südlichen Afrika zum ersten
Mal seit Jahrzehnten konfliktfrei sein. Und mit Südafrika als
Motor der Entwicklung, das wirtschaftlich zu einer Menge fähig
ist, kann in der ganzen Region das Los der Bevölkerung verbessert
werden, sie können zusammenarbeiten im Elektrizitätswesen,
beim Tourismus und bei vielen wirtschaftlichen Tätigkeiten,
die es ihnen ermöglichen würden, die Chancen zu bekommen,
die sie verdienen. Die Menschen haben genug vom Krieg, sie wollen
den Frieden. Gleichzeitig ist das Problem von HIV/AIDS einfach verheerend
in vielen Ländern. Die Lebenserwartung in einigen Ländern
ist um 20 Jahre gesunken. Es gibt 12 Millionen AIDS-Waisenkinder.
Die Krankheit rafft Menschen im produktivsten Alter hinweg. Es gibt
10-, 12jährige, viel jünger als Sie hier in diesem Saal,
die bereits die Rolle der verstorbenen Eltern einnehmen müssen.
Auch das wirft den Kontinent zurück. Deswegen ist es sehr, sehr
wichtig, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um diese Krankheit
einzudämmen.
Ich habe kürzlich auf BBC gesprochen und ich sagte, wir machen
uns Sorgen um Massenvernichtungswaffen, aber für die Menschen,
die in diesen Ländern leben, ist die HIV-Epidemie eine Massenvernichtungswaffe,
und ich hoffe auf etwas Unterstützung seitens der internationalen
Gemeinschaft, denn afrikanische Führer sind inzwischen auch bereit,
Verantwortung zu übernehmen. Sie denken an gute Regierungspraktiken,
sie denken an landwirtschaftliche Produktivität, und die Menschen
selber wachen auf. Es ist also nicht hoffnungslos, aber sie können
es nicht alleine machen, sie brauchen Hilfe, und ich hoffe, dass wir
letzten Endes in der Lage sein werden, ein Handelsabkommen zu unterschreiben.
Es ist in Cancun misslungen, aber es soll wieder zum Leben erweckt
werden, und wenn wir eine Vereinbarung über freien Handel haben,
wo die Subventionen für die Landwirtschaft in Europa und in den
USA gesenkt werden, dann werden diese Länder konkurrieren können.
Hans Küng:
Tut mir leid, ich muss mich ans Protokoll halten. Leider ist die Zeit
vorüber. Ich glaube, ich kann nicht besser unsere Dankbarkeit äußern,
als mit dem Applaus für Sie. Ich glaube, alle möchten ihre
Dankbarkeit ausdrücken für Ihre Stärke, für die
Hoffnung, die Sie uns gegeben haben, und Sie können sicher sein,
Herr Generalsekretär, dass Sie unsere Sympathie, unsere Unterstützung
haben, und ich glaube, die junge Generation hier steht für sehr,
sehr viele Menschen in Deutschland, und Sie können sicher sein,
dass Sie auf der ganzen Welt Sympathie und Unterstützung weiterhin
haben werden. Vielen, vielen Dank.
[Langer Applaus]
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